Die Luther Lüge – wie ein Hassprediger Geschichte schrieb

Bin ich blöd, oder sind es die anderen?

Angenommen, ich habe Fieber. Ich halluziniere, schwitze, habe Gliederschmerzen, bin schwach. Eine wahrlich schleppende Angelegenheit. Nun kommt Helene Fischer und singt davon, sie wolle „immer wieder dieses Fieber spüren.“

Gehts eigentlich noch?

Wie ich darauf komme, fragen Sie. Bald ist doch Reformationstag. Es wird gefeiert, dass ein jemand aus einer Sekte, zwei gemacht hat. Und was lese ich? Alle Welt sei im „„Luther Fieber“. Ist das jetzt gut oder schlecht? Helene will es immer wieder spüren. Ich nicht. Heißt das, dass Luther unschöne Symptome mit sich bringt? Dass man wegen ihm halluziniert, schwitzt, Gliederschmerzen bekommt und schwach wird?

Was sich diese Medienlandschaft in den letzten Tagen erlaubt, ist so dermaßen einseitig, dass ich mich frage, wo die anständigen Skeptiker unter den Journalisten geblieben sind. Völlig unkritisch wird das Jahr der Protestanten eingeleitet. Fröhlich erzählen die Reporter,  wo man überall feiern kann. Denn das ist es ja. An jeder Ecke metastasierten sich die Kirche; selbst bis in die kleinsten Kuhdörfer. Die Folge: An jeder Ecke steht eine Filiale Gottes.

Sicher, Luther war für die Deutsche Sprache wichtig, er bot den Katholiken die Stirn. Das ist auch jedem bekannt. Aber es gab noch eine andere Seite. Eine Seite, die für mich nur einen Schluss zulässt: Luther war ein Hassprediger. Und genau das vermisse ich in unserer so vermeintlich pluralen Medienlandschaft.

Seine Geschichte ist so voll von Hetze gegen bestimmte Gruppen, dass ich mir nur einige wenige herausgegriffen habe.

Zu Zeiten des Reformators waren die Bauern in einer bitteren Situation. Einerseits stellten sie die größte Zahl da, andererseits wurde sie von den Obrigkeiten geknechtet.  Als Leibeigene oder Grundgehörige waren sie de facto rechtlos. Ihre Aufgabe war es nicht nur, die anderen Schichten zu ernähren, sie mussten zusätzlich kostenlose Dienstleistungen, wie den Frontdienst, errichten.

Luthers Rolle in diesem Konflikt war zunächst ambivalent. Er unterstützte die Bauern, ohne ihren Rechtsstatus in Frage zu stellen. Doch als die Waffen sprachen, schlug sich Luther auf die Seite der Obrigkeit. Und so wie die Bauern 1525 bei der  Schacht zu Frankenhausen besiegt wurden, so rächten sich die Landesfürsten grausam. Mindestens 70.000 Bauern ließen ihr Leben. Gut im Ohr hatten Fürsten, Befehlshaber und Soldaten Luthers Anleitung zum Massenmord:

Drum soll hier zuschmeißen, würgen und stechen,
heimlich oder öffentlich, wer da kann, und geden-
ken, dass nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teufli-
scheres sein kann, denn ein aufrührerischer
Mensch. Gleich als wenn man einen tollen Hund tot-
schlagen muss; schlägst du nicht, so schlägt er dich,
und ein ganzes Land mit dir. … Solch wunderliche
Zeiten sind jetzt, dass ein Fürst den Himmel mit
Blutvergießen verdienen kann, bass, denn andre mit
Beten. … Drum, liebe Herren, loset hie, rettet hier,
helft hier, erbarmet euch der armen Leute, steche,
schlage, würge hier, wer da kann. Bleibst du drüber
tot, wohl dir, seliglichern Tod kannst du nimmermehr
überkommen. Denn du stirbst in Gehorsam göttli-
chen Wortes und Befehls, Röm. 13,4, und im Dienst der Liebe, deinen Nächsten zu erretten aus der Hölle und Teufelsbanden. (1)

Auch bei Tischreden war Luther, in dem Beispiel an seine Studenten gerichtet, nicht gerade zimperlich, was die Bauern angeht:

Prediger sind die allergrößten Totschläger. Denn sie ermahnen die Obrigkeit, dass sie entschlossen ihres Amtes walte und die Schädlinge bestrafe. Ich habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen; all ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich schiebe es auf unseren Herrgott; der hat mir befohlen, solches zu reden.

Luther war also ein wesentlicher intellektueller und geistlicher Wegbereiter des Blutvergießen der Obrigkeit an den Bauern. Stets war der spätere Junker ein wohlwollender Diener der Fürsten. Die radikal-demokratische Revolution der Bauern war die größte Revolution in Europa, bis 1789. Luther hat sie wissentlich und willentlich zerschlagen und dem Heer das verbale Rüstzeug für große Schlachten mitgegeben. Ein Einheizer, wenn Sie es so wollen.

Der Sündenfall von Adam und Eva, verinnerlichte auch Luther. Sein Hass gegen Frauen war legendär. Heute ist dieser gänzlich unbekannt. Doch er hatte hierzu eine klare Meinung:

Der Tod im Kindbett ist nichts weiter als ein Sterben im edlen Werk und Gehorsam Gottes. Ob die Frauen sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nichts. Lass sie nur tot tragen, sie sind darum da. (2)

Kein Menschenbild, das einen Feiertag verdient. Und kein Mensch, der als Vorbild gelten sollte. Doch es geht noch weiter:

Wer mag alle leichtfertigen und abergläubischen Dinge erzählen, welche die Weiber treiben … es ist ihnen von der Mutter Eva angeboren, dass sie sich äffen und trügen lassen. … Eine Frau hat häuslich zu sein, das zeigt ihre Beschaffenheit an; Frauen haben nämlich einen breiten Arsch und weite Hüften, dass sie sollen stille sitzen.(3)

Ich könnte noch zahllose Zitate zum Thema Frauen abgeben. Zum Beispiel schrieb er mal, dass die größte Ehre einer Frau sei, einen Mann zu gebären.

Jetzt werden die Revisionisten unter Ihnen vielleicht einfügen: „Naja, aber das war eben die Zeit damals.“ Und das stimmt. Die Zeit war damals gewalttätiger und sexistischer. Um so weniger passt eine solche historische Figur als Rollenvorbild in eine aufgeklärte und emanzipierte Gegenwart.

Auch Behinderte fanden in Luthers Ausführungen keine Gnade. Im Gegenteil:

Wenn man aber von den teufelsähnlichen Kindern erzählt, von denen ich einige gesehen habe, so halte ich dafür, dass sie entweder vom Teufel entstellt, aber nicht von ihm gezeugt sind, oder dass es wahre Teufel sind. (4)

Eh schon eingeschränkt belastete er die Kinder noch mit dem Laster des „Satanischem.“ Doch dabei blieb es nicht. Er empfahl,

man solle die Wechselbälge und Kielkröpfe ersäufen, denn solche Wechselkinder sind lediglich ein vom Satan in die Wiege gelegtes Stück seelenloses Fleisch, das denn nicht gedeiht, sondern nur frisst und säugt. (5)

Der kritische Theologe Dieter Polzelt hat hier eine klare Meinung. „Neugeborene, die dem damaligen Standard nicht entsprachen“, so der Skeptiker, „sind ein Kind von Satan.“ Sie müssten mit den gängigen Methoden, also Exorzismus, „behandelt“ werden. Der Aufruf zum Mord dieser Kinder gab Luther eine theologische Begründung.

Am ehesten bekannt ist, dass Luther Antisemit sei. Auch hier ist es besser, den Hassprediger selbst sprechen zu lassen:

Erstens, dass man ihre Synagogen oder Schulen anzünde und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und überschütte, so dass kein Mensch für alle Zeiten weder Stein noch Schlacke davon sehe. (6)

Luther, der immer wieder einen guten Draht zur Obrigkeit hatte,  erreichte, dass einige protestantische Fürsten noch im 16. Jahrhundert die Verbrennung von Synagogen befahlen.

Funfact: Die Reichspogromnacht, der Startschuss des Holocausts, fand in der Nacht vom 9. auf den 10 November statt, was Luthers Geburtstag ist. Er hätte sich sicher gefreut, dass die Nazis sein geistiges Erbe fortgeführt hatten. Denn er machte keinen Hehl daraus, was er von Juden hielt und wie man mit ihnen umzugehen hat:

Zweitens sollte man auch ihre Häuser abbrechen und zerstören, denn sie treiben darin genau das gleiche, wie in ihren Synagogen. Stattdessen mag man sie etwa unter ein Dach oder in einen Stall tun, wie die Zigeuner. (7)

Auch das hat in meinen Augen eine klare Assoziation zu den deutschen Konzentrationslagern. Denn da waren auch Zigeuner, wie Sozialdemokraten und Schwule, gemeinsam mit den Juden „unter einem Dach“.

Klingt netter, als es ist.

Auch hier kann ich zitieren, bis ich buckelig werde. Luther wollte die Schriften verbrennen, Rabbis verfolgen. Er forderte, dass starke Juden arbeiten sollten in entsprechenden Lagern. Er schrieb, man solle Juden ihren Besitz wegnehmen. Ferner wünschte sich Luther, dass sie nicht mehr auf die Straße gehen dürften.

All diese seine feuchten Träume machte Hitler möglich.

Weggelassen habe ich Luthers Hass gegenüber „Hexen“, Philosophen oder Freiheitsliebende. Luther war ein Kind seiner Zeit. Er war nicht besser oder schlechter, als andere. Aber er war einflussreicher.
Aus heutiger Sicht ist er ein Hassprediger und damit untauglich, eine moralische Instanz zu sein. Der Reformationstag sollte keine intellektuell unwürdige Onanie auf die guten Seiten Luthers sein. Viel mehr ist es Zeit für eine kritische Würdigung und kein Popanz über ein „Luther Fieber.“

 

 

 

 

(1) Martin Luther, Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern, Mai 1525 o.O., zitiert nach Hans-Heinrich Borcherdt (Hrsg.), Martin Luther, Ausgewählte Werke, Bd.4, München 1923, S. 294 ff; ebenso WA 18, S. 357-361

(2) Martin Luther, Werke. Weimarer Ausgabe Bd. 102, Weimar 1907, S. 296

(3)lit. nach Arnold Zitelmann, 1997, „Widerrufen kann ich nicht.“ Die Lebensge- schichte des Martin Luther. Beltz und Gelberg, S. 111

(4)Luther, Opera exegetica, Erlanger Ausgabe, II, S. 127.

(5)Martin Luther, Tischreden, Hermann Böhlaus, Weimar 1919, Bd.5, S. 9

6) Karl-Heinz Büchner/Bernd P. Kammermeier/Reinhold Schlotz/Robert Zwilling (Hrsg.), Martin Luther: Von den Juden und ihren Lügen. Aschaffenburg 2016, S. 247-249

(7) gleiches Buch wie in (6), Seite 249 

 

 

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