Alice Weidel und die innere Hygiene

Es gibt Dinge, über die denkt es nach und dann schreibt man diese auf. Ja.

Das geht dann schnell. Und es gibt Tage, da geht das alles ganz zäh. Weil zu viel passiert und sich ständig ändert, noch bevor man zu Bett gegangen ist. Und dann am nächsten Morgen? Tabula Rasa! Alles wieder auf Anfang, oder Ende. Oder irgendwas.

Deshalb werde ich nicht über die SPD schreiben.

Manchmal erfinde ich dann dadaistische Alliterationen wie

– Radiologen rasieren redliche Rettiche rasend ruhig! Oder

– Indische illmenauer Internisten inserieren immanent in isländischen Ikterus-Magazinen.

Nicht besonders lustig, ja. Aber ich hab‘ Spaß.

Und manchmal gibt es Themen, da streubt es sich, darüber zu schreiben. Dass sich drittklassige Fußballmoderatoren und wenigstens viertklassige Staatsfunk-Satiriker über stotterende Politiker lustig machen. Oder das mit der irren Veganersekte „PETA“. „Your Daily Holocaust“ hieß eine Kampagne und Ausstellung, bei denen die Aktivisten die Shoah mit der modernen Massentierhaltung verglichen. Das Ganze wurde  schließlich per Gericht untersagt, das erklärt warum ich darüber nichts verlinke.

Mir geht es da um innere Hygiene. Um Anstand. Manches „tut man einfach nicht“. Und einiges davon möchte ich auch nicht kommentieren. Ab und zu ist Schweigen dann doch Gold. Wenn auch in Maßen, denn laut Paracelsus macht die Dosis das Gift. Dann wird die güldene Stille zum gemeinen Goldregen.

So wie im Falle von Alice Weidel. Die Frau hat Rückrat. Sie ist schlau und schön. Wie sie sich am Höhepunkt des Bundestagswahlkampf vor versammelter Mannschaft outete, bewies Haltung und Mut. Jeder Homosexuelle weiß, wie schwierig das ist. Im Umfeld einer rechten, in Teilen reaktionären und radikalen Partei einmal mehr. Man kann nur wachsen, wenn die sexuelle Präferenz immer Gegenstand von Erklärung ist und man sich immer wieder genötigt fühlt, etwas zu sagen.

Aber es ist auch ganz schön anstrengend.

Um so mehr sehe ich mich enttäuscht, ja sauer, wenn eine Person mit einer enormen Schläue, sowie feinem Empfinden, so daneben tritt. Platt, dumm und hetzerisch und ich benutze das Wort eigentlich nicht.

Was ist passiert? Zum Jahrestag der Inhaftierung von Deniz Yücel schreibt Frau Weidel im Facebook

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Nun muss man Yücel nicht mögen. Das wenige, was ich von ihm kannte, gefiel mir nicht. Seine Kolumne war unfair und einseitig, sein Stil einfältig und seine Wortwahl leer. Deniz Reportagen wurden dagegen geschätzt, unabhängig politischer Kategorien. Deswegen fand er auch den Weg von der  linken „taz“ zur gediegenen, partiell konservativen   „Welt“.

Das alles ist aber auch egal.

Auch sein Satz über Sarrazin, eine Person, die ich durchaus schätze. Es ist egal.

Es gibt guten Grund, Yücel zu kritisieren. Doch es gibt keinen Grund, das jetzt zu tun. Zum Einjährigen seiner grundlosen Inhaftierung. Gerne kann Frau Weidel ihm seinen 4 Jahre alten Text vorwerfen, wenn er wieder in Deutschland ist und sich wehren kann. Nebenbei musste er wegen der genannten Aussage schon 20.000 Euro blechen. Das Gericht wollte es so.

Weidels „Talking Point“, also die Aussage hinter dem Geschriebenen, das „zwischen den Zeilen“ Stehende ist ein ganz anderer: „ Schaut mal. Der Yücel ist nicht ohne Grund im Gefängnis, wenn man liest, was er über Sarrazin schrieb.“

Das ist das Problem der AfD. Deshalb ist sie nicht bürgerlich,  nicht konservativ im besten Sinn. Kein Konservativer würde seinen gesunden Menschenverstand vergessen, seinen Anstand, der ihm so wichtig ist. Deniz Yücel ist ein Symbol. Für Pressefreiheit, für Meinungsfreiheit, für free speech.  Es ist nicht mehr als die verdammte Pflicht der Anständigen, auf seiner Seite zu stehen.

Ich habe Mitgefühl mit ihm. Ein Jahr in Haft ist schrecklich.

Alice Weidel hat das alles nicht. Damit verabschiedet sie sich vom Bürgertum in eine radikale, haltlose, braune Soße, die alles mir ihrer falschen Moral befleckt, was ihr im Weg steht. Nichts ist mehr heilig, außer die Partei selbst.

Darüber will man echt nicht schreiben.

Ein Kommentar zu „Alice Weidel und die innere Hygiene

  1. Der war gut: „Kein Konservativer würde seinen gesunden Menschenverstand vergessen, seinen Anstand, der ihm so wichtig ist.“
    Ich stelle eine provokative Frage: Wer mit funktionierendem gesunden Menschenverstand hat denn immer noch die Unionsparteien gewählt, weil Merkel angeblich das kleinere Übel ist?
    So genügsam, ängstlich und uninspiriert sind die „Konservativen“, dass sie freiwillig ein Übel wählen. Ich fasse es nicht.

    Sie haben Recht: Man muss die verfassten Texte von Deniz Yücel nicht mögen. Vermutlich ist er ein Angeber aus einem linken Milieu (taz). Und ein Jahr Haft in der Türkei würde ich niemand wünschen.

    Dass aber die Mainstream-Medien nun die Kanzlerin und Sigmar Gabriel feiern, weil Erdogan „das Verfahren stark beschleunigt“ hat und Gabriel sich genötigt fühlt, zu erklären, dass es keinen „Deal“ als Gegenleistung gegeben habe…

    Ich denke mal, Erdogans Kalkül könnte gewesen sein, dass er Merkel pushen muss, denn er dürfte erkannt haben: Ein durch ihn so leicht manipulierbares deutsches Regierungsoberhaupt wird es wohl nicht so schnell wieder geben.

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