Argumentieren mit Algorithmen -oder das Ende des Intellekts

Es gibt Menschen wie Seyran Ates. Eine starke Frau vom Schlage einer Ayan Hirsi Ali oder Necla Kelek. Frauen, die dem islamischen Patriach entkamen, um es seit jeher zu bekämpfen. Frauen, die Teile ihrer Freiheit aufgaben, um eben diese Freiheit weiten Teilen von Mädchen und Erwachsenen zu ermöglichen. Ich habe nur höchste Anerkennung für diese Menschen.

Und dann gibt es junge, alerte Damen, wie Laura Lucas, die für Übermedien schreiben.

In ihrem letzten Artikel „Emma und der Beifall von rechts“  geht sie eben genau dieses Thema an, mit dem sich Henryk M. Broder oder Hamed Abdel-Samad seit Jahren herumschlagen müssen: Die Zustimmung von der vermeintlich falschen Seite. Es ist die stete, redundante Geschichte von Menschen, die sich rechtfertigen müssen, weil ihnen andere Menschen, die als moralische persona non grata erklärt wurden, zustimmen. Dadurch geht es, oh wunder, nicht um die Sache. Es ist eine zutiefst deutsche Haltung. Wichtig ist nicht nur, was jemand sagt, sprich der Inhalt. Eben so wichtig ist, wer etwas sagt und wo es gesagt wird und, wer zuhört und zustimmt. Immer auf die Gefahr, dass man als böser rechter Bube, oder in dem Fall als böses rechtes Mädel enttarnt wird, weil der vermeintlich Falsche zustimmt.

So ist auch Frau Ateş im Dunstkreis der Gesinnungswächter unterwegs. Laut einer algorhimischen Auswertung folgen ihr auf Twitter vermehrt „rechte“ Nutzer. Für Frau Lucas ist der Fall klar:

Dies erklärt auch, warum Accounts wie der der Frauenrechtlerin Seyran Ateş oder des Islamismus-Experten Ahmad Mansour im rechten Spektrum eingeordnet wurden. Die kritische Haltung Seyran Ateş’ zum Kopftuch passt in Teilen zur Agenda der Rechten. Folgen ihr viele rechte Accounts, wird ihr eigener Account ebenfalls der rechten Blase zugeordnet.

Klarer Fall von intellektuellen Defiziten. Wenn ein Twitter-Account eine gewisse Zahl von „rechten“ Nutzern übersteigt, wobei die Definition davon Frau Lucas schuldig bleibt, ist dieser „rechts“. Und wenn dieser „rechts“ ist, ist es der Nutzer auch. Da in Deutschland dies die Vorstufe zum Höllenmenschen, also Nazi, ist, können Sie sich vorstellen, wohin der Hase läuft. Wieder einmal sind wir Zeuge einer Schubladendiffamierung. Schublade auf, Naziaufkleber drübergepappt und Schublade wieder zugemacht.

Frau Lucas nimmt sich nicht einen Absatz Zeit, um zu klären, was Seyran Ates oder Ahmad Mansour aussagen wollen. Ja. Alle drei sind Kritiker des Kopftuchs und ja, viele Extremisten sind das auch. Es wäre hilfreich, wenn man Protagonisten qualitativ befragt, das heißt, nach dem „warum“ hinter der These zu forschen. Aber die Wertigkeit einer Meinung kann sich doch nicht allen ernstes deswegen ändern, nur weil vermeintlich unanständige Menschen diese teilen, wenn die Meinung selbst zwar diskutabel ist, nicht aber extrem ist? Es kann und muss sich doch nur um den Inhalt drehen! Was will Frau Lucas uns damit sagen?

Ist der Applaus von der falschen Seite wirklich ein Argument gegen eine Person? Sollte es nicht um den Sache gehen? Es sollte. übermedien hat das nicht verstanden. Herausgeber Stefan Niggermeier schreibt nach meiner Kritik auf Twitter:

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Ich verstehe, Niggi. Seyran Ates und Ahmad Mansour haben keine rechten Twitteraccounts, sie werden lediglich „rechten Netzwerken zugeordnet“. Aber klar. Eichmann war auch kein Nazi, er wurde nur Nazinetzwerken zugeordnet. Und übrigens: Ich bin auch nicht schwul, ich habe nur ein Profil bei  Planetromeo. Wobei das der eine oder andere verkappte Familienvater unterschreiben würde. Wie auch immer: Es gibt Leute, die sind doof. Und es gibt Stefan Niggermeier.

Ein Algorithmus ist eine eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems, sagt die Wikipedia. Ein Algorithmus kann aber zum intellektuellen Desaster führen. Denn was für einen Mehrwert hat es, wenn Seyran Ateş viele „rechte“ Follower hat? Ist die Frage nicht viel spannender, was sie zu sagen hat und was sie so alles macht? Ein bisschen Nachhilfe für die Autorin und ihrem Herausgeber:

Man kann so vieles über Seyran Ates sagen. Ich habe sie als Autorin kennengelernt. „Der Islam braucht eine sexuelle Aufklärung“ habe ich gelesen und ihre Haltung schätzen gelernt. Seyran ist gläubige Muslima. Sie träumt von einem liberalen Islam in Deutschland, wo andere längst die Hoffnung aufgegeben haben. Deshalb plante sie eine Moschee, die sie dann auch gründet. In Berlin. Ein Gotteshaus, in dem Frauen und Männer gemeinsam beten. Ob mit, oder ohne Kopftuch, was im Islam ein Novum ist. Bei den allermeisten muslimischen Geistlichen stößt ihre Moschee auf Ablehnung. Morddrohungen, die zu Ates Leben dazugehören, spätestens seit sie Opfer eine Attentats  wurde, häufen sich.  Ihre Moschee hat nun etwas mit Synagogen gemein: Man erkennt sie am Polizeiauto davor.

All das wird von Lucas ausgelassen. Es geht ihr gar nicht darum. Wozu auch? Rechte Follower=Rechter Account=Nazigedöns. Das ist, was die Debatte um Kopftücher, Burkini und Co angeht, wenig hilfreich. Hätte übermedien nicht diese Reichweite und wäre die Haltung von Autorin, wie Herausgeber nicht so offensichtlich, könnte ich den Artikel in die Bedeutungslosigkeit entlassen. Aber das ist nicht der Fall.

Seyran Ates war wenig begeistert. Und auch Ahmad Mansour, der auch in dem Artikel angesprochen wurde, hatte zu Frau Lucas und Co eine klare Meinung, wenn auch nicht in Gänze korrektem Deutsch:

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Weiß Frau Lucas, was Ahmad Mansour beruflich tut? Der Psychologe ist seit 2007 Gruppenleiter des HEREOS- Projekts in Neukölln. Das Projekt ist an Jugendliche gerichtet, die aus muslimischen Millieus stammen. Ziel ist es, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung zu fördern. 2017 gründete er eine eigene Initiative, die vom Freistaat Bayern unterstützt wird.

Es gibt keinen Grund, warum die Tatsache, dass Ates und Mansours Accounts,  „rechte“ Menschen folgen, irgendeine Aussagekraft hätte, was ihre Botschaft angeht. Es ist schlimm, dass linke Aktivistenblogs mit dieser Dialektik agieren. Denn was bleibt denn übrig am Ende des Tages?|

Der Mansour und die Ates sind Rechte. Und rechts ist böse. Und Nazi. Und mit den Schmuddelkindern redet man nicht.

Vielleicht sollten sich das Niggi, Frau Lucas und Konsorten eines klar werden. Es gibt keine Meinung von „gut“ und „böse“. Wir sind nicht in der Kirche. Eine algorithmische Auswertung mag an manchen Stellen berechtigt sein, sie geht in dem Fall, wie auch bei Böhmermann, am Thema vorbei. Kein Algorithmus kann klar machen, was ein Kopftuch für Frauen und der Gesellschaft ausmacht. Kein Algorithmus  kann darstellen, wie sich Zana Ramadani und viele junge Frsuen gefühlt haben, als sie vor ihrer Familie ins Frauenhaus flohen. Dafür braucht es keine Schreibtischtäter im Elfenbeintunnel und keinen Comedy-Clown.

Dafür braucht es Menschen wie Seyran Ates.

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