Der Graf und die Reichsschrifttumskammer

Manche Menschen füllen Räume, bereits kraft ihres Namens, mit Bedeutung. Ja. Wenn diese Leute etwas sagen, dann hat das Gewicht. Das ist dann wichtig. Wichtig eben wie ihr Name.

Alexander Sebastian Léonce Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff ist so einer. Und obwohl keiner so recht weiß, was er so alles gemacht hat, schwingt mit seinem Namen Relevanz mit. Ich vermute ja, dass es an dem Adelstitel liegt. Und obwohl das „von“ vom Alexander so viel Aussagekraft hat, wie der „Dr.“ vom Oetker, lässt es das gemeine Volk in einen Zustand der verhaltenen Ehrfurcht, mindestens aber in eine kopfnickende Anerkennung verfallen. Ich nehme mich da gar nicht heraus. Kennen sie das, wenn Sie einmal vor einem Arzt saßen, der keinen Doktortitel vor seinem Namen trug und Sie, wenigstens für eine Sekunde sich fragten: „Ist er deswegen weniger kompetent?“

Um es vorweg zu nehmen: Besondere Kompetenz verbreitet der Graf nicht. Er ist einer der typischen Dampfplauderer in der Politik, der wenig Neues weiß, aber viel Bekanntes sagt. Was nicht wundert: Lambsdorff war 13 Jahre im Spaßparlament, auch europäisches Parlament genannt. Sie wissen schon, das ist dieses Unterhaus, welches ohne dem Königsrecht einer jedes Parlaments ausgestattet ist – nämlich eigene Gesetze einzubringen. Gerne wird das EP auch dazu genutzt, abgehalfterte Landespolitiker mit Alimenten und properen Einkommen abzuschieben. Oder, wie sagte es Lothar Bisky in der Sendung „Entweder Broder“. Der Wechsel ins EP sei für ihn ein „vernünftigen Abgang ohne Krach und ohne Blessuren für alle Beteiligten, auch für mich.“ Und auf Nachfrage bestätigte er seine Ernsthaftigkeit:“ Ein bisschen interessiert mich die Arbeit ja auch.“

Ein Glück hatte Bisky ein „bisschen“ Interesse. Sonst wären die mehr als 8000 Euro monatliche Vergütung, 4200 Euro monatliche pauschale Spesenvergütung, 300 Euro Tagesgeld ja umsonst gewesen.

Zurück zum Grafen. In Twitter gab er folgendes zu Protokoll:

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Ich fasse das Geschehen zusammen:

Alles begann mit einer Verkündung des ehemaligen CDU Fraktionschefs, Friedrich Merz, der vor vielen Jahren erfolgreich – wie so viele andere – von Angela Merkel in die Bedeutungslosigkeit verbannt wurde. Merz sollte von der Ludwig-Erhard-Stiftung ausgezeichnet werden. Dies lehnte Friedrich Merz ab. Als Begründung nannte er, neben der Aussage, er tue sich mit Preisen generell schwer, was auch immer das bedeuten mag, vor allem einen Namen: Den Vorsitzende der Stiftung Roland Tichy. Er wolle nicht gemeinsam mit dem Herausgeber von Tichys Einblick auf einer Bühne stehen. Dazu später mehr.

Tichys Einblick ist ein Weblog, der inzwischen als monatliche Printausgabe erscheint, was angesichts allgemein sinkender Abozahlen bemerkenswert ist. TE selbst bezeichnet sich als liberal und konservativ. Um ein besseres Bild zu schaffen, für diejenigen, die den Blog nicht kennen, möchte ich eine kleine Auswahl an Autoren vorstellen.

  • Gerd Buurmann. Der Mann aus Köln ist Künstler, Blogger und Kämpfer an vorderster Front, wenn es um Antisemitismus geht.
  • Wolfgang Herles. Langjähriger ZDF Moderator (Aspekte) und Kritiker des Umgangs von Politik mit den öffentlich-rechtlichen Medien.
  • Alexander Wallasch. Schriftsteller. Journalist. Schrieb Beiträge für die sz, der taz, der Zeit u.v.m.
  • Tamara Wernli. Youtuberin und Moderatorin, die regelmäßig Textrefür die Baseler Zeitung verfasste und den Feminismus der dritten Welle kritisiert.
  • Frank Schäffler. FDP Bundestagsabgeordneter, bekannt als Eurorebell. Schäffler kritisiert die Währungspolitik, Zölle und marktwirtschaftliche Hindernisse

Viele, wie Ismail Tipi, der sich für Frauenrechte einsetzt, könnten noch genannt werden. Roland Tichy selbst war lange Jahre Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Aufgrund seiner ökonomische Haltung ist er Vorsitzender der Ludwig-Erhard Stiftung geworden. Denn der Verein will „der Fortentwicklung der sozialen Marktwirtschaft dienen“, sowie die „freiheitlichen Grundsätze in Politik und Wirtschaft“ fördern. Dafür hätte Merz ausgezeichnet werden sollen.
Preise abzulehnen ist das gute Recht eines Jeden. Auch, dass man mit gewissen Menschen nicht auf einer Bühne stehen will, ist nachvollziehbar, auch wenn die Frage erlaubt sei, inwiefern ein politischer Blog, der grundsätzlich die Haltung der Stiftung wiedergibt, ein Problem darstelle. Das allein weiß nur Friedrich Merz.

Zurück zu des Grafen Tweet. Er beglückwünscht Merz für seine Entscheidung mit der Begründung, auf den Pulten der AfD, er meint wohl die des Bundestags, würde auch mal „Tichys Einblick“ liegen. Das mag sein. Bestimmt stehen da auch Coca-Cola Flaschen, iPhones, MacBooks und Fineliner von Stabilo. Auch „nicht zufällig“, wie Lambsdorff schreibt, sondern aus einem einfachen Grund: Weil die Dinge einfach gut sind. So what? Ob er Friedrich Merz auch gratulieren würde, wenn er Coca-Cola Flaschen, iPhones, MacBooks und Stabilo boykottieren würde?

Das Phänomen „Beifall von der falschen Seite“ habe ich bereits in meinem letzten Blogpost behandelt. Hier gestaltet es sich im Prinzip nicht anders. Würde der Graf seinem Parteikollegen, Frank Schäffler, raten, nicht mehr für TE zu schreiben, weil AfD Abgeordnete dies lesen? Das wäre nur folgerichtig. Und wohlfeil. Wie so oft geht es nicht um die Sache, sondern den Anschein. Allein der Anschein, „AfD-nah“ zu sein, löst bei vielen Menschen massive Abwehrreaktionen an, so dass man sich fragt, ob diese Leute, in dem Fall der Graf, in ihrem Job noch richtig sind. Denn Politikern sollte es um den Inhalt gehen und nicht um Befindlichkeiten.

Was man bei dem Tweet nicht vergessen darf, den einzelne Parteikollegen, bereits verurteilt haben, ist die Tragweite, wenn Politiker Journalisten bewerten. Es hat durchaus das Geschmäckle der Reichsschrifttumskammer. Der Graf ist also in guter Tradition. Als Angela Merkel 2010 kundtat, , Sarrazin Buch „Deutschland schafft sich ab“ sei „diffamierend“ und „nicht hilfreich“, hatte sie das Werk noch nicht einmal gelesen. Es darf angenommen werden, dass dies bei Lambsdorff und Tichys Einblick ähnlich ist.

Ein Politiker hat Journalisten nicht zu bewerten, was Lambsdorff offensichtlich tat. Die Rollenverteilung ist umgedreht: Journalisten bewerten Politiker.  Das ist ihr Job. Politiker machen Politik. Das ist ihr Job. Und bitte, bitte, kommt mir keiner mit „Aber der Graf hat das als Privatperson gesagt.“ Bla, bla. Als Politiker ist man keine Privatperson. Man hat kein Privatleben. Außer zwei Wochen Sylt im Jahr.

Lieber Alexander, muss sich nun Nicola Beer entschuldigen, distanzieren, oder wie man das bei euch sagt, weil sie im Februar dieses Jahres folgendes twitterte?

 

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Ja, Manche Menschen füllen Räume bereits kraft ihres Namens mit Bedeutung. Aber bei Manchen bleibt darüber hinaus recht wenig übrig. Außer ein stiefmütterliches Verhältnis zur Meinungsfreiheit.

Alexander Sebastian Léonce Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff ist so einer.

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