Die Opfer, die Schlächter und das Land. Lehren aus dem NSU?

Nichts bleibt mehr, wie es war. Seit dem 9 September 2000, als in Nürnberg das große Schlachten begann.

Ausgerechnet Nürnberg. Die Stadt der Rassengesetzte und die der Naziprozesse. Die Stadt, die so schön ist im Sommer, zwischen Pegnitz und der Wöhrder Wiese. Die mir nach zwei Jahren immer noch Neues zeigt und die mir in zwei Jahren Kreativität, Arbeit, Liebe, und Essen zu jeder und ich meine wirklich jeder, Tageszeit brachte. In dieser liebenswerten Stadt tötete der NSU mehr Menschen, als irgendwo sonst.
Jetzt ist der Prozess vorbei. Doch viele Fragen bleiben offen. In dieser Geschichte soll es nicht um den juristischen Sachverhalt gehen, auch wenn ich finde, dass Terrorismus mit Todesfolge kaum hart genug bestraft werden kann. In dem Fall bin ich froh, dass, zumindest das Urteil über Tschäpe, nicht, wie oft genug, den Eindruck erweckte, in Deutschland herrsche Kuscheljustitz.
Auch wenn es pathetisch klingt: Ich widme diesem Text den Opfern. Die, die nicht mehr atmen und die, die vor Schmerz und Kummer kaum mehr atmen können. Fern ab des Leides geben mir die Jahre der Juristerei Anlass zu Hoffnung, dass sich etwas ändert. Weil sich im Umgang mit Opfern in Deutschland etwas ändern muss.
Enver Simsek übernahm die Urlaubsvertretung eines mobilen Blumenstandes, den er normalerweise nur belieferte. Er stand in Langwasser, ein Stadtteil von Nürnberg. In der Nähe ist eine Außenstelle von Siemens, bei der ich, Jahre später, beruflich zu tun hatte. Mit vier Schüssen in den Kopf wurde Simsek niedergestreckt. Zwei Tage später erlag er im Südklinikum seinen Verletzungen. Die Täter machten ein Foto von ihm, als er noch lebte, was in einem Paulchen-Panther-Video unter der Überschrift „Original“ durch die Szene geisterte. Enver Simsek war das erste Todesopfer des NSU.
Kaum Glaubliches veranstaltete die Nürnberger Polizei. Sie zeigte die ganze gefühlskalte Erbarmungslosigkeit, zu der deutsche Bürokraten fähig sind. Zunächst ließen sie die Ehefrau nicht an das Klinikbett, als ihr Mann noch mit dem Tode rang. Stattdessen, da war das Schlagwort „Döner-Morde“ bereits geboren, musste Adile, so heißt die Frau, auf die Wache und den pietätlosen Fragen Rede und Antwort stehen:
„Dealte Ihr Mann mit Drogen, hatte er eine Geliebte, wurde er erpresst?“

Doch das war nicht die erste Tat des NSU. Ein Jahr zuvor detonierte eine Bombe in einer Nürnberger Pilsbar, die von Türken betrieben wurde. Immer wieder bin ich durch die Scheurlstraße gelaufen, in der die Kneipe „Sonnenschein“ zu finden war. Sie gibt es heute nicht mehr.
Damals wurde ein 18 Jährige leicht verletzt. Einen Zusammenhang zwischen den Morden und der Explosion sahen die Ermittler lange nicht. Viel zu lange nicht.
Noch immer geisterte die Theorie der Drogen- und Mafiageschäfte umher. Bestärkt durch türkischen Behörden, sowie der türkischen Presse verfolgten die Ermittler diese Theorie, was sich auch am zweiten Opfer, kaum ein Jahr später, nicht ändern sollte.
Abdurrahim Özüdoğru kam in den 70zigern nach Deutschland und zog, wie so viele, in die Südstadt Nürnbergs. Parallel zu seiner Arbeit in der Industrie, baute er mit seiner Frau eine Änderungsschneiderei auf, die er nach der Trennung übernahm. Hier, unweit vom Maffaiplatz, passierte es. Ein Schuss traf ihn unterhalb des rechten Nasenlochs. Der Zweite, der Täter wollte sicher gehen, drang aus nächster Nähe in die rechte Schläfe ein. Abdurrahim war sofort tot. 
Die SOKO hieß nun „Bosporus.“
Es folgten die Morde von Suleyman Tasköpru, Habil Kilic und Mehmet Turgut, bis die Schlächter, nach vier Jahren und drei Morden, zurück nach Nürnberg kamen.
Scharrerstraße, Stadtteil St. Peter. Ich bin regelmäßig im EDEKA Markt um die Ecke, sowie in der Norma, 500 Meter weiter. Doch nicht, noch lange nicht, am 9. Juni 2005, wo ich vermutlich in Marktbreit die angestauten familiären Geburtstage gefeiert habe. Manchmal wünscht man sich eine Zeitmaschine, oder eine magische Kugel, in die man blickt und sieht, was man zu der Zeit gemacht hat. Ich hatte gerade meinen Führerschein, machte im Kinder-und Jugendhort Ochsenfurt Praktikum, als Ismail Yasar in seinem Imbiss erschossen wurde. Heute erinnert nichts mehr an eine Döner Bude. Ein Lager scheint es zu sein, vermutlich vom Einkaufsmarkt um die Ecke. Am Zaun davor, das zu den Zeiten des Imbisses die Parkplätze abtrennte, sind selbst gestaltete, kleine Fließen angebracht, die an die Tat erinnern sollen.
Gegenüber ist eine Mittelschule, die heute in einem bedauernswerten Zustand weilt. Für Yasar war es weiland perfekt. Laut Zeugen lief das Geschäft gut, die Schüler mochten ihn. Er hatte sich etwas aufgebaut, nachdem er drei mal geschieden war und häufig die Arbeit wechselte. Und während die Polizei ermittelte, fragt die heimische Presse sich und seine Leser: “War dies erneut eine Hinrichtung eines türkischen Geschäftsmannes, weil er möglicherweise im Drogengeschäft nicht mitspielte?“
Es folgten die Morde von Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat und Michele Kiesewetter, eher die Schlächter 2011 gestoppt wurden.
Was bleibt, neben der Erkenntnis, dass Behörden versagt haben und der Verfassungsschutz höchstens nutzlos, im Zweifel schädlich sein kann? Kann man Lehren aus solchen historischen Grausamkeiten ziehen? 
Nein. Der NSU hat keine großartige Werke verfasst, aus denen man lernen könnte. Sie haben gemordet. Und dass man nicht tötet, mag für Moses eine Überraschung gewesen sein, nachdem er die 10 Gebote in Empfang genommen hatte, heute ist das 5. Gebot zivilisatorischer Standard. Es ist eines der unveräußerbaren Rechte des Menschen. Und doch hat es für mich Bemerkenswertes gezeigt, was bei anderen Terrorakten, wie der Anschlag am Breitscheidtplatz gefehlt hat. Nämlich der Blick – und zwar der primäre – auf die Opfer.
In Deutschland herrscht ein sehr hoher Fokus auf die Täterpsychologie. Richter befassen sich damit und mildern gegebenenfalls das Urteil. Politiker twittern nach einem Terroranschlag, ob der Täter wirklich erschossen werden musste, nur weil er mit einer Axt auf Beamten losging. Kulturelle Hintergründe werden in den Fordergrund gerückt und damit die Taten gerechtfertigt. Und Opfer müssen, wie beim Terror in Berlin, einen offenen Brief verfassen, damit ihr Leid von Angela Merkel gewürdigt wird. Erst nach dem öffentlichen Druck gab es eine Trauerfeier, von finanzieller Kleinkariertheit, was Entschädigung für die Opfer anging, einmal abgesehen.
In den Jahren des NSU-Prozesses war das anders. Opferanwälte, so wie die Opfer selbst, kamen in den Medien ausführlich zu Wort. Ich finde das wichtig. Denn die Sicht derer, die ihre Lieben verloren haben, machen das Ausmaß, so grausam es auch ist, greifbar, und somit begreifbarer. Ein Mord kann sich niemand vorstellen. Den Tod eines nahen Angehörigen dagegen schon. Es ist wichtig für das Verständnis von Recht. Prozesse, gerade wenn sie ein solch episches Ausmaß, eine so hohe gesellschaftliche Relevanz haben, müssen sie für die Bürger verstehbar sein. Dann erst wird das Rechtssystem akzeptiert.
Den Angehörigen hilft dies. Denn sie sind die Stimmen der Opfer. Ihre Trauer ist das Gedenken an Ismail Yasar, Abdurrahim Özüdoğru und Enver Simsek.

Unser Mitgefühl kann das auch sein.

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