Chemnitz – Wenn Medien und Politik den Verstand verlieren

Ob Jakob Augstein, der wöchentliche Linkspodcast „die Lage der Nation“, ob, oh wunder, Sascha Lobo. Ob das Grantlprantl Blatt, die SZ. Ob die RP, oder unser Staatsfunk, der offiziell keiner ist. Sie alle blasen in das gleiche Horn: Chemnitz ist die wahr gewordene Welthauptstadt Germania, zumindest geistig, und der Sachse, ach, der Sachse, ein armes, noch nicht nicht entnazifiziertes Wesen am Rande des Menschseins, kurz vor dem Übergang zum Hominidae und mit logopädischen Aussetzern, die er Dialekt nennt. Ok, über letzteres kann man streiten.

Ich habe bereits im letzten Blog dargelegt, wie wenig ich von Demonstrationen halte. Ich war bei einigen und ich fühlte mich unwohl. Bei Demos gibt es einen lauten Anteil, der meist weiter vorne des Zuges skandiert und der Veranstaltung ein Gesicht gibt. Und da es nie mein Gesicht war, Parolen zu krakeelen, die oft radikal und sehr dumm waren, meide ich die Teilnahme an Demos. So ist es es auch kaum überraschend, dass Hooligans und Leute, die in ihrem Leben sonst wenig zu sagen haben, bei solchen „Aufmärschen“ mal so richtig sie Sau raus lassen. Und morgen gehts „auf Schalke“.

Ich will nicht sagen, dass ich Demonstrieren an sich ablehne, im Gegenteil. Die jüngste Bewegung, die auf der Straße begann und zum fast friedlichen Regime-Change führte, war die orangene Revolution in der Ukraine um Wiktor Juschtschenko. Diese hat gezeigt, dass auch Konservative revolutionieren können. Und so war es sicher gewollt, dass ein Jahr später Angela Merkel in ihrem Wahlkampf auf die Farbe Orange setzte.

In Chemnitz wird gerade so viel demonstriert, wie seit 89 nicht mehr. Nachdem am Samstag ein Bürger erstochen wurde, folgten diverse Märsche. Trauermarsch mit Glatze und schwarzen Stiefeln bei weißen Bändeln. Wenn in dem Kontext „Trauer“ dafür steht, wie traurig dieser Anblick für die Angehörigen steht, ja, dann ist der Begriff passend. Unter den Augen des steinernden Karl Marx, der für links- wie Rechtssozialisten Ideologie bot, formierte sich eine unheilige Allianz von Neonazis, Fussballschlägern und Leuten, die man besorgte Bürger nennt.

Keine 24 Stunden, nachdem ein Mensch erstochen wurde, gehen tausende lauthals auf die Straße. Das hat mit Trauerarbeit, Gedenken oder Anteilnahme nichts zu tun. Das ist pietätlos. Bei aller Kritik handelt es sich hier um bloßen Aktionismus und um einen Schlag ins Gesicht der Familie und Freunde des Opfers.

Der einzige Grund, warum eine Demonstration nicht eine Woche später angekündigt wurde, wogegen ich nichts sagen würde, ist, dass man die impulsive Empörung der potentiellen Teilnehmer nutzen wollte, um noch viel zahlreicher zu erscheinen. Damit haben die Veranstalter die Entscheidung getroffen, dass es ihnen weniger um den Inhalt, als um so mehr um die Lautstärke geht. Um Masse und Dezibel. Und das auf den Rücken der Hinterbliebenen. Ich habe dazu nichts mehr zu sagen.

Und trotzdem ist das Sachsen Bashing dumm und führt nur zur Verhärtung der Fronten.

Ein Beispiel ist der inzwischen gelöschte Tweet von der durchaus prominenten Frau Chebli, Beamtin in Berlin und Mitglied der SPD

Davon abgesehen, dass, wie üblich, zwischen „rechts“ uns „rechtsradikal“ nicht unterschieden wird, empfehle ich, falls dem Leser die Brisanz des Tweets nicht auffällt , „Rechte“ einmal mit „Muslime“ auszutauschen. Beides ist per se erst mal eine Ideologie; letzteres noch eine Religion dazu, was aber in dem Kontext keinen Unterschied macht. Dann steht da:

„Muslime werden immer stärker, immer lauter, aggressiver, immer radikaler, immer selbstbewusster, sie werden immer mehr. Wir sind mehr (noch), aber zu still, zu bequem, zu gespalten, zu unorganisiert, zu zaghaft. Wir sind zu wenig radikal.“

Diese Aussage ist, da brauchen wir nicht reden, eine absolutes No-Go. Die Originalaussage dagegen würde der Durchschnittslinke abnicken. Man könnte sich noch behelfen, dass bei der Ablehnung von „Muslimen“ Rassismus vorliegt, was insofern stimmen würde, wenn man Anhänger einer Glaubensrichtung als „Rasse“ definierte, was unsinnig ist. Pierre Vogel ist so deutsch wie Sauerbraten und trotzdem ein Anhänger des Islams. Der elaborierte Linke käme womöglich mit dem Begriff des „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ um die Ecke, dem ich gar nicht widersprechen möchte. Aber dann zählt er für den Tweet von Chebli und „den Rechten“ ebenso. Freilich ohne einen Funken Empörung bei den Linksbesaiteten.

Aber auch auf der politischen Rechten gab es Unanständiges zu lesen. Markus Frohnmaier, Sprecher von Alice Weidel, lies diesen Tweet ins Netz, den er offenbar so toll fand, dass er ihn an sein Twitter-Profil geheftet hat:

Ein klarer Aufruf zur Gewalt. Empörung aus der eigenen Partei gab es freilich nicht. Auch hier empfiehlt sich das Austauschen von „Bürger“ in „Muslime“. Völlig zu Recht würden wir dann über radikale Muslime reden, die ihre Gesetze über die herrschenden deutschen Gesetze stellten.

Ja. Das Sachsen-Bashing bleibt dumm und geht am Thema vorbei.

Eine gesamte Medienlandschaft spricht von „Hetzjagden“ (Plural), „Zusammenrottungen“ (ein Begriff aus dem DDR Recht) und „braune Invasoren“. Eine gesamte Medienlandschaft hat den Verstand verloren. Eine gesamte Medienlandschaft bezieht sich auf ein Handyvideo., bei dem keiner verletzt wurde und das sich außerhalb der Demo abspielte.

Eine ganze Medienlandschaft vergisst, was der Auslöser war und worum es vordergründig gehen sollte: Um den Tod durch Messerstiche. Straftaten, die in Deutschland zunehmen und ja, vor allem von Migranten. Stattdessen radikalisieren sich beide Seiten, unfähig, das Problem sachgerecht zu beleuchten. Lieber kramt man, wie im Deutschlandfunk, aber auch in der benannten „Lage der Nation“ ein 18 Jahre altes Zitat von Sachsen Ex-Ministerpräsident heraus und lässt den Kontext weg. Kurt Biedenkopf sagte 2000: „Die Sachsen sind immun gegen Rechtsextremismus“. Wissen Sie, warum er das ausgerechnet im Jahr 2000 sagte? Da ertrank der kleine deutsch-irakische Joseph in einem sächsischen Freibad. BILD Zeitung, aber auch die SZ und viele stützten sich auf die Aussage des Vaters, sein Sohn sei von zwei Neonazis ertränkt worden, während die anderen Besucher zusahen.

Ende vom Lied: Niemand hatte zugesehen, niemand hatte ertränkt.Joseph litt an einem Herzleiden, der Vater hatte gelogen. Auf die unfassbare Berichterstattung, Grantlprantl berichtete über „die braunen Hintergründe der Tat“, die BILD schrieb von „50 Neonazis“ und „ein Dorf schaute zu“, reagierte Kurt Biedenkopf. Kontext, und so. Er stellte sich schützend vor sein Volk, was heute leider kaum ein Politiker mehr hinbekommt.

Deutschland hat ein Radikalismus Problem. In Sachsen ist der Rechtsradikalismus sicher größer, als in Berlin, wo islamische Clans herrschen und linksextreme Splittergruppen für Chaos sorgen. Schlimm ist, wenn Politiker, oder Medienleute diesen Radikalismus unterstützen. Denn Journalisten beeinflussen. Sie können sehr stark und einseitig berichten, wie gerade über Sachsen, oder verhalten und zu spät, wie weiland in der Kölner Silvesternacht 2015.

Eigentlich haben Medien die Wahl, nicht zu schreiben, wonach Ihnen ist, sondern zu berichten, was ist.

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