Ins Bullseye des Schwachsinns – Über Juden, Homos und Selling Points

Ich hab‘ da so ein Faible und das ist die Zwiebelkirchweih in Würzburg. Ja.

Immer zum September treffen sich die ankommenden Wallfahrer und genießen die Gastronomie in der ehrwürdigen Semmelstraße. Auch die ansässige SPD ist in ihrem Innenhof zugegen. Bei Musik, Bier und Steak bespricht man die großen und kleinen Themen des Lebens.

Vor einigen Jahren saß ich mit einem regionalpolitisch engagierten Freund ebenda. Und als er sich aufmachte, wisperte eine, mir von Plakaten bekannte, SPD Politikerin zu einem anderen. „Das ist der X, die Schwuchtel“.

Der Hass auf Menschen, die so sind, wie sie sind, ist alltäglich und Betroffene reagieren auf drei Arten darauf: Manche ignorieren es, andere werden wehrhaft und andere wiederum schüchtert es ein. Ich gehörte lange zur ersten Gruppe, mittlerweile tendiere ich stark zur zweiten. Einschüchtern lassen ist dagegen keine Option. Was wäre das für ein armseliges Zeichen gegenüber den Jugendlichen, die sich heute outen, vielleicht in Ländern, in denen sie verfolgt würden? Wenn ich es nicht schaffe, wer dann?

Und es stimmt, ich hatte mit meinem Umfeld, meiner Familie, mehr Glück, als andere. Doch auch in meinem Leben haben sich Freunde abgewandt, was freilich schlimmer war, als ein „Schwuchtel“ zu hören. Manche haben sich entschuldigt, andere nicht. Ich bin niemanden mehr böse. Jeder Mensch hat seine dunklen Seiten, jede Zeit macht seine Wunden, die dann auch mal heilen.

Vielleicht ist das eine Erklärung, warum ich den Kampf gegen Antisemitismus ernster nehme, als andere. Damit möchte ich Schwulenhass weder vergleichen, noch aufwerten. Es sind unterschiedliche Dinge, die ähnlich wirken. Der Grund, warum Judenhass auf ewig präzedenzlos sein wird, ist, neben der historischen Singularität, die Komponente der Verschwörungstheorie. Adorno hatte völlig recht, als er schrieb, Antisemitismus sei „das Gerücht über den Juden“. Der soziologische Neusprech, „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, trifft da nicht ansatzweise den Kern.

Ins Bullseye gezielt hat offenbar Oliver Polak, von dem ich erst eine nette Kolumne auf Welt+ gelesen habe. Weder wusste ich, dass er Comedian, noch, dass er Jude ist. Wozu auch. Deutsche Comedian sind fast allesamt furchtbar und seine Angehörigkeit zu was auch immer tut erst mal nix zur Sache.

Antisemitismus als Selling Point

Nun hat er mit einem Büchlein, das „Gegen Judenhass“ heißt, seine Erfahrungen als Jude aufgeschrieben. Ich möchte nicht dem gelungenen Artikel von Stefan Niggermeier vorgreifen -bitte lesen- nur so viel: Ohne Namen zu nennen beschreibt Polak diverse mehr oder weniger antisemitische Situationen. Immer wieder dabei: Jan Böhmermann.

Ob er während eines privaten Gesprächs Polak immer wieder diabolisch „Jude“ ins Ohr wisperte oder er dem Komödianten in einem Gespräch sein Judentum als „unique selling point“ erklärt hatte, nachdem er mit diesem Satz anmoderiert worden war : „Das nächste mal kommt Oliver Polak, weil der Mossad das will“, (weiter Böhmi unter Vier Augen: „Da musst du jetzt durch“) oder andere Geschmacklosigkeiten.

Jan war dabei. Und er reagierte auf die Enthüllung, die eigentlich keine war:

Davon abgesehen, dass er in seiner Show so ziemlich jede Scheiße promotet: Nicht souverän. Nicht witzig. Aber ein Lacher für seine Zielgruppe. Deutsche Juden dürfen offenbar nicht über ihr jüdisch-sein schreiben, wohl aber dürfen Nichtjuden auf Kosten ihres Judentums lachen. Shakan Shapiras Yolocaust: Ja. Oliver Polak: Nur, wenn er sich über sich lustig macht. Und seit dem Buch ist er eine persona non grata. Zumindest für Böhmermanns geklärte Welt am Lerchenberg.

Statt dass sich Böhmi entschuldigt, antwortet er nach der medialen Aufdeckung mit dieser perfiden Täter-Opfer Verdrehung. Von einem Talkmaster, der nicht selten als moralisches Gewissen auftritt, von einem Gebührenalimenrierten, ist das freilich zu wenig. Es ist gar nichts. So unreflektiert wie der Yolocaust, so unreflektiert antwortet der „Chefsatiriker“.

Ich kenne deutsch-russische Juden, die ihr Judentum im Freundeskreis verheimlichen, weil ihr Freundeskreis, islamisch geprägt, sich aggressiv antisemitisch geäußert hat. Als „Russe“empfängt er noch etwas Restanstand. Als „Jude“ würde er gefährlich leben.

‚Ist ein bisschen wie bei uns Homos. Wieviel unterdrücktes schwules Leben gibt es, weil das Umfeld feindlich ist, wie viele junge Queers sich heute noch verstecken müssen, weil sie so sind, wie sie sind, ist kaum aushaltbar. Ein Bekannter Schwulenrechtler sagte einmal: „Nicht jeder Homosexuelle wurde angegriffen. Aber so gut wie jeder Homosexuelle kennt jemanden, der angegriffen wurde.“ Als ich diesen Satz einem befreundeten Juden mitteilte, nickte er. „So geht es uns auch.“

Leute wie Jan Böhmermann tun niemanden einen Gefallen. Sie sind, wie Angela Merkel sagen würde, „nicht hilfreich“. Wissend, dass die Mehrheit seines Klientels nicht reflektieren will, oder kann, hat er die Klickzahlen auf seiner Seite. Ob Ostdeutsche, ob Juden, ob Nichtlinke. Die Angriffsfläche kann kaum größer sein, die Pointen kaum erwartbarer. Im intellektuellen Niemandsland ist man stets in guter Gesellschaft. Jan Böhmermann will den Spagat zwischen Satire und moralische Instanz schaffen und scheitert letzten Endes an beidem. Der Zielgruppe, das linksbürgerliches Bildungstum, dürfte das nicht auffallen.

Ein schiefer Vergleich

Mir sagte einmal jemand, ihm verwundert mein Engagement für Juden und er vermisse gleiches beim Kampf gegen „Islamophobie“. Da ist etwas dran. Eine ganze Menge sogar. Wundern braucht man sich allerdings nicht.

Zunächst einmal hat jeder so seine Themen. Eine Abwägung, wenn man Dinge mit Ernsthaftigkeit verfolgen will, ist absolut notwendig. Ferner sehe ich eine Armada von Verbänden und Parteien, die sich um das Wohl der Muslimen kümmern. Was auch okay ist, mir ist alles Recht. Während Juden, sowie Homos in Deutschland ganz natürlich Minderheiten sind und bleiben, kann man das von muslimisch geprägten Menschen in westdeutschen Metropolen nicht behaupten. In vielen Stadtteilen dürfte der Anteil über 30% liegen, Tendenz, und da muss man nun kein Orakel sein, steigend.

Natürlich gibt es Hass gegen Muslime. Aber es ist eben ein umstrittener Vergleich, dies mit Antisemitismus zu vergleichen. Denn Antisemitismus entstand aus dem christlichen Antijudaismus, eine über 2000 Jahre gültige Verschwörungstheorie, die seit je her faszinierend ähnlich argumentiert. Sei es im Mantel des Antizionismus, oder im Janker des islamischen Antisemitismus. Antisemitismus braucht kein Ereignis, noch nicht einmal Juden. Er funktioniert fern ab von Raum und Zeit.

Ein weiteres Hinken am Vergleich ist die Tatsache, dass das Judentum wenigstens Volkszugehörigkeit und/oder Religion ist, während der Islam mindestens Religion, kulturelle Herkunft, aber auch Ideologie darstellt. Ein Volk zu hassen ist Rassismus. Eine Religion, oder eine Ideologie abzulehnen ist oft genug Gebot der Stunde. All das rechtfertigt keinen Hass auf Menschen. Aber es lässt verstehen, warum für viele der Islam ein rotes Tuch.

Muslime, die längst den Cadillac der Minderheiten bestiegen haben, erfreuen sich gesteigertem Artenschutz. Dass ihre Ideologie im gleichen Atemzug Handwerkszeug für Diskrimierung von Frauen, Homos, Juden und alles Ungläubige gibt und nicht wenige dies auch nutzen, wird nicht gesehen. Diese Tatsache kommt auch nicht bei Böhmermanns Schenkelklopf-Parade vor.

Vielleicht schaffe ich es nächstes Jahr wieder zur Zwiebelkirchweih. Vielleicht können immer mehr Menschen so leben, wie sie sind. Vielleicht bricht der russische Jude aus seinem Umfeld aus. Wir müssen aufpassen, dass unsere Errungenschaften gegenüber dem einen Patriarchat nicht von einem anderen Patriarchat rückabgewickelt wird.

2 Kommentare zu „Ins Bullseye des Schwachsinns – Über Juden, Homos und Selling Points

  1. Treffende Analyse. Vor allem Shapiras Yolocaust, über den sich meine gesamte jüdische Gemeinde schämt.
    Es ist schön zu lesen, wie Nichtjuden so einfühlsam gegenüber dem lebenden Judentum schreiben. Das ist toll und dabei den richtigen Ton zu treffen, cool!
    Schöne Woche aus Schöneberg

    Gefällt mir

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