„Nie wieder Auschwitz 2019“ – Den Judenhass von heute bekämpfen

You never really get the smell of burning flesh out of your nose entirely, no matter how long you live

In Landsberg angekommen, wurde für die Easy Company das Unbefreifbare sichtbar. Durch Zufall entdeckten die wackeren und teils blutjungen GI’s in einem Waldstücks das KZ Kaufering IV. Es war 1945. Die uniformierten Nazis sind längst ausgeflogen und die in zivil, die Helmuts, Walters, die Waltrauds und Irmas, sie schwiegen und drückten ihre Augen ganz fest zu. So beschreibt es das Serien- Meisterwerk „Band of Brothers“ in der Folge „why we fight“. Die Helmuts hätten den Rauch sehen können, denn die SS steckte das Nebenlager von Dachau in Brand, während die Gefangenen eingesperrt waren. Stunden später erreichte die Easy Company den Ort des Grauens. Nur wenige überlebten.

Vier Monate zuvor befreite die Rote Armee Auschwitz. Das war vor 74 Jahren. Und vier Monate länger mussten die Gefangenen in und um Dachau noch ausharren. Am 27. Januar gedenken wir. Ich gehöre nicht zu denen, die meinen, es sei jetzt mal gut mit dem Erinnern. Nein. Auschwitz wird nie gut sein. Es ist das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte und jeder von uns ist verdammt, in Demut und Trauer an diese Zeit zu erinnern.

Ich glaube nicht, dass Frau Knobloch sich und der jüdischen Community einen Gefallen getan hat, als sie im Maximilianeum sprach und die AfD heftig anging. Ich glaube aber vor allem, dass es den Juden überlassen ist, wie sie dem präzedenzlosen Schicksal ihres Volkes und deren Befreiung gedenken. Eine Partei, die es kaum hinkriegt, sich von den Extremisten in den eigenen Reihen zu distanzieren, ist der denkbar schlechteste Ratgeber hierfür. Was folgte war der übliche inszenierte Opferkult, der schäbiger nicht sein könnte. Ein Abgang beleidigter Fratzen, während eine Jüdin spricht, die nur durch Zufall und dem dazutun der Heldin Kreszentia Hummel nicht ins KZ Theresienstadt deportiert wurde, also genau aus dem Grund, warum sie heute spricht. Hätten die Funktionäre noch einen Funken innerer Hygiene und moralischen Kompass, sie hätten sich auf die Lippen gebissen und wären ausgeharrt. Wahrlich ekelig wurde es dann auf Twitter. Nicht wenige sprachen Frau Knobloch ihr Jüdischsein ab. Frei nach Hermann Göring, zu dem ich zum Ende noch kommen werde: „Wer Jude ist und wer nicht, das bestimme immer noch ich.“

Dennoch hat das Erinnern der Deutschen, ein Volk, dass ihr Holocaust-Mahnmal feiert („Die Welt beneidet uns um dieses Denkmal!) etwas erschreckend eindimensionales. Man wird nicht müde, „Nie wieder Auschwitz“ zu proklamieren; wer es sportlich nimmt, der fügt noch ein „Nazis raus“ hinzu. Meint man mit „nie wieder Auschwitz“ lediglich den physischen Zustand der Nazikammern, so darf aufgeatmet werden. Auschwitz wird nicht wieder eröffnet und Juden, wie Zigeuner, Homosexuelle und Dissidenten werden nicht mehr vernichtet. Doch heute, 2019, sehen Juden anderen Herausforderungen entgegen. Ihr Staat, einst eben wegen Auschwitz gegründet, steht unter Dauerbeschuss. Aus Frankreich verschwindet Stück für Stück jüdisches Leben. In Malmö, Schweden, das Land, das einst den Willkommenskult pflegte, wie wir, werden Juden vertrieben. Antisemitismus nimmt in Europa zu.

Deutschlands Zuneigung verstorbener Juden hat etwas zutiefst unmoralisches und gratismutiges. Unmoralisch, weil man toter als tot nicht sein kann und als Verstorbener sich wenig von Solidaritätsbekundungen kaufen kann. Gratismutig, weil es simpel ist, „Nazis raus“ zu krakeelen, während es kompliziert wird, andere Formen, wie linken Antisemitismus oder muslimischen Antisemitismus anzusprechen. Und ja, beide gibt es. Der eine impliziter, der andere ganz offen. Und so hart es klingt: Juden müssen in Deutschland weniger Furcht vor der AfD haben, die im Zweifel Juden für eine sogenannte und freilich fragwürdige Solidarität mit Israel einspannen. Laut einer Befragung von Opfern gehen 80% aller Gewalttaten von Muslimen aus, was wenig wundert, wenn man die Zahlen betrachtet, welche Menschen aus welchen Ländern Antisemiten sind. Die Statistik, die gebetsmühlenhaft vorgetragen wird, dass mehr als 90% der Straftaten rechts kämen, ist nachweislich falsch. Sie verschleiert das Problem. Sie ist die beruhigende Nebelkerze von Gutmenschen für Gutmenschen. Antisemitismus kommt aus allen Poren und Ritzen. Je ideologischer und je kollektivistischer die Ideologie ist, desto stärker wird der Hass auf Juden. So ist die Mutter des Antisemitismus der christliche Antijudaismus. Der linke Antisemitismus entsprang aus dem Marxismus, der rechte Antisemitismus beruft sich auf den Rassismus und der muslimische Antisemitismus auf ihren Propheten selbst.

Während bekanntermaßen der Widerstand gegen das dritte Reich um so mehr zunimmt, je länger die Kapitulation zurückliegt, kämpfen lebende Juden um Aufmerksamkeit und für Schutz. Doch was sie vorfinden ist eine deutsche Bevölkerung, die im Kern skeptisch gegenüber sie und ihr Land ist. Und während die deutsche Scham ob des Holocausts in ein „nie wieder Täter“ mündete, entwickelte sich unter den Juden das exakte Gegenteil: „Nie wieder Opfer.“ Beide Credos haben ihre Berechtigung und beide kollidieren in ihrer Haltung. So sehen Deutsche den hoch militarisierten Staat Israel als höchst skeptisch an. Viele Juden können indes nur den Kopf schütteln, aufgrund der aus ihrer Sicht wenig wehrhaften Justiz und Polizei. Und manch einer fragt sich, warum gerade Deutschland nun so viele Antisemiten ins Land lässt. Nun ist Skepsis gegenüber Israel noch lange kein Antisemitismus. Es darf jedoch hinterfragt werden, warum ein Land der Größe von Hessen immer wieder im Fokus steht, warum sich das Wort „Israelkritik“ etabliert hat, nicht aber „Chinakritik“, „Irankritik“, oder Saudi-Arabienkritik“, drei zweifellos undemokratische, diktatorische Länder.

Und so ist mein Erinnern an die Befreiung mehr ein Blick nach vorne. „Nie wieder Auschwitz“ heißt „Nie wieder Hisbollah“, „nie wieder RAF“, „nie wieder Hamas“, „keine iranischen Aggressionen“ und „kein importierter Antisemitismus“. Wir haben schon genug ansässigen Judenhass, Ein Ideologie, wie der Islam, der nicht nur Frauen und Schwule verachtet, sondern auch Judenmord legitimiert, ist abzulehnen und zu entmachten.

Nachdem die Easy Company die Überlebenden aus Landsberg versorgt hatten, wurden sie nach Berchtesgaden versetzt, wo sie leerstehende Villa von Hermann Göring vorfanden. Kurze Zeit später wurde er gefasst. Ein Jahr später starb er in seiner Zelle in Nürnberg. Suizid.

Es ist Zeit, dem Gedenken Taten folgen zu lassen und die Judenhasser von heute zu bekämpfen. Göring ist tot.

Es kann nur ein „nie wieder Auschwitz“ geben, welches Kern projüdisch und proisraelisch ist. Das sollte der kleinste gemeinsame Nenner für liberale Demokraten sein.

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