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“Kritisierst du den Islam, so beleidigst du alle Muslime“ – Über Mut und Klarheit im Wort

Gestern schickte mir ein lieber Freund ein Interview. Das Gespräch handelte um das Thema „Islamfeindlichkeit“. Unabhängig vom Inhalt, der hier sekundär sei, verfolgte mich seit dem dieses Wort. „Islamfeindlichkeit.“ Und auch wenn der Begriff nicht neu ist, ließ er mich nicht mehr los. Bis jetzt musste ich darüber nachdenken und je länger meine Gedanken routierten, desto klarer wurde es mir: An dem Wort ist etwas faul. Oberfaul, wie Justus Jonas sagen würde.

Ich bin Atheist. Ich lehne jede Religion ab. Sie ist, wie Christopher Hitchens sagt, „Gift für die Welt.“ Möglicherweise ist Feindlichkeit gegenüber den Theismen eine zu starke Vokabel. Sie geht aber in die richtige Richtung, wenn man zwischen Religion und Gläubigen trennt. Eine Unterscheidung, auf die ich noch kommen werde.

Um Missverständnisse vorzubeugen: Religionen sollten weder verboten, noch sollen Gläubige per Gehirnwäsche in Richtung Vernunft gebürstet werden. Das wäre ein sinnloses Unterfangen. Ferner ist es ist nicht auszuschließen, dass nach dem zweiten Brainswash das Stammhirn komplett den Geist aufgibt. Im Ernst: Menschen sind frei, sie sind selbstbewusst und in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Auch wenn sie mir nicht immer passen.

Wie viele Menschen in Deutschland bin auch ich unter vielen Gläubigen aufgewachsen. Ich „empfing“ die Kommunion und freute mich, dass mir fremde Menschen Geld schenkten. Ja. Auch heute sind viele religiöse Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Auch Moslems. Mir ist das einerlei, an wen oder was jemand glaubt, so lange es nicht zur Ideologie wird, die Gesellschaft beeinflusst.

Und genau hier beginnt das Problem. Der Islam ist nicht nur Spiritualität. Er ist auch Ideologie. In vielen Staaten herrscht diese Ideologie; die Sharia bildet hierbei das blutige Pendant zu BGB, HGB und der Gesetze mehr, ab. Ist es denn falsch, dieser Ideologie feindlich gegenüber zu stehen, also „islamfeindlich“ zu sein? Oder verpflichtet es sogar Humanisten zu einer kritischen Haltung gegenüber dem Fundament staatlich organisierter Unterdrückung von Frauen und Tötung Homosexueller? Eine rhetorische Frage, klar, die von einigen nicht so selbstverständlich mit „Ja“ beantwortet wird.

Es ist erstaunlich, wenn man sich andere Religionen ansieht wie diese besprochen werden. So gibt es keine „Judentumfeindlichkeit“, stattdessen sagt man „Judenfeindlichkeit“, was dem Kern auch viel näher kommt. Auch befindet sich das Wort „Christentumfeindlichkeit“ nicht im Wortschatz der Menschen. Und doch hat sich „Islamfeindlichkeit“ etabliert, so weit, dass sogar die Wikipedia diesen Begriff mit einem Artikel würdigt.

Über den Grund dieser sprachlichen Verzerrung kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich glaube, dass es mit dem Verständnis vieler Muslime zu tun hat, wie sie sich und ihre Religion sehen. Bis heute ist es selbst für viele liberale Moslems schwierig, über ihre Religion zu lachen. Es ist auch für Künstler und Satiriker gar nicht lustig, den Propheten durch den viel zitierten Kakao zu ziehen. Selbst eine literarische Abhandlung mit dem Koran in Form eines Romans, kann zu größten Problemen führen. Salman Rushdie weiß, wovon ich spreche. Von harmlosen Karikaturen, die Mohammed zeigen, möchte ich erst gar nicht sprechen.

Der Grund liegt meines Erachtens in einer im Kern humorlosen Religion, die keine Unterscheidung von „privat“ und „öffentlich“, von „Gesellschaft“ und „Staat“ kennt. Wenn jemand wie der Satiriker Andreas Thiel auf der Bühne den Islam satirisch und bitter ernst abhandelt und ihn als blutige Religion bezeichnet, dann erhält er Drohungen. Was dazu führte, dass Thiel seine Bühnenkarriere vor Jahre beenden musste.

„Tötet jemand einen Menschen, so tötet er die ganze Welt“, heißt es im Koran, eine stets zitierte Sure, um die Friedlichkeit der Schrift zu belegen. Passender aber erscheint mir folgende Umformulierung: „Kritisierst du den Islam, so beleidigst du die gesamte Umma„. Das ist gelebte Realität; jeden Tag. So gesehen ist es für Muslime denknotwendig, dass sie „Islamfeindlichkeit“ mit Hass auf Muslime gleichsetzen. Es ist jedoch substanziell ein Unterschied, der notwendig ist, um mit dieser Ideologie kritisch umzugehen.

Denn genau so, wie Menschen, die Muslime hassen, weil sie Muslime sind, keine Unterscheidung zwischen Person und Religion machen, genau so verhalten sich auch viele Moslems. Das macht einen Diskurs praktisch unmöglich. Bei beiden. Es ist ein Denken in schwarz und weiß und als Diskutant kommt man sehr oft an die Grenzen der Vernunft.

Es ist wichtig, im Zuge des Anschlages in Neuseeland über Muslimenhass zu sprechen. Aber man sollte ihn auch so benennen. Den Opfern wird man nicht gerecht, wenn man dem Täter „Islamfeindlichkeit“ vorwirft oder gar „Islamophobie“, als hätte er nur einen an der Klatsche. Nein. Der Attentäter tötete Muslime, weil er Muslime hasste. „Islamfeindlichkeit“ wird zum Wieselwort. Es ist unklar, es verfälscht und es verharmlost.

Zeit meines schreibenden Lebens versuche ich den leserlichen Satz zu bauen. Von diesem geht dann von Absatz zu Absatz. Verwirrende Worte wie Islamfeindlichkeit mögen sich in das Gefüge schmiegen und der Leser denkt nicht nach. Der Text verliert aber an Kraft, weil die Klarheit fehlt. In einem Land, in der man von Angela Merkel in der Manier von Cicero, freilich ohne den philosophischen Anspruch des Römers, mit mit den ihren irren Satzgefügen in eine cerebrale Letargie gepredigt wird, ist es immanent, Widerwort im Sinne leserlicher Sätze einzulegen. Sie merken, mit solchen Blähformulierungen liest kaum wer mit. Aber ich schweife etwas ab.

Ein Appell? Ein Appell.

Liebe Nichtmuslime,

lasst euch nicht von Berufsmoslems bei Anne Will täuschen: So doof sind nicht alle Muslime. Habt keine falsche Toleranz aus Angst und benennt die Dinge, wie ihr sie seht, ohne die Gläubigen dafür zu hassen. Hass ist nicht nur schlechter Ratgeber, er verzerrt auch den Diskurs in eine emotionale Ebene, bei der es am Ende nur Verlierer gibt.

Liebe Moslems.

emanzipiert euch von dem Gedanken, der Islam sei Gesellschaft und Staat. Er ist privat und ihr habt alle Rechte, euren Glauben auszuleben. Was mich sehr enttäuscht ist, wie ihr mit euren Kritikern umgeht. Ob Kelek, Rushdie, ob Hamed Abdel Samad, Ayaan Hirsi Ali, oder die Hunderten und Tausenden, die keiner kennt, aber vor Radikalen Angst haben müssen, weil sie den Islam beleuchten. Selten hat eine Mehrheit so laut geschwiegen. Steht auch für die auf, deren Meinung ihr nicht teilt.

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Lob der sozialen Medien – Als Demokratie neu geboren wurde

Ich gönn‘ dir, wie du mir gönnst. Doch bin ich nur ein wenig von dir entfernt, außerhalb deiner Box, außerhalb deiner emotionalen Komfortzone. Angeeckt, weil die Kanten nicht abgefeilt sind, sondern spitz und wenn man nicht aufpasst, gefährlich werden, stehe ich da. Ich bin hier. Du bist möglich. Frei von Kanten heißt frei von Meinung. Frei von Meinung ist der Beginn der Beliebigkeit und der Anfang von Schwachsinn. Ich bin möglich.

Früher, da war die Welt geklärt. Ja. Die Tagesschau meißelte die wichtigsten Nachrichten des Tages mehr in die Köpfe der Zuschauer, als in Stein. Wer sich als konservativ sah, las die WELT oder die FAZ. Wer es linker mochte, die SZ und wer es noch ein wenig grüner und unangepasst brauchte, der schloss ein Abo mit der taz ab. Die Intellektuellen einigten sich auf die ZEIT. Die BILD war die „Gazette non grata“ – außer im Urlaub. Da war das Springer Blatt erlaubt.

Wobei die oben beschriebene politische Farbenlehre relativ zu sehen ist. Neben der Grundausrichtung des Mediums bestimmen die Mitarbeiter der Zeitung, wo der Wind bläst. Die Präferenz der Journalisten geht klar nach links, wie Umfragen und Studien zeigen. Und wenn selbst zu Lebzeiten Axel Springers das liberal – konservative Flaggschiff, die WELT, bei Sonntagsfragen unter Redakteuren zum Ergebnis kam, dass Rot und Grün eine Mehrheit erlangt hätte, ist klar, wohin die Reise geht.

Zurück zur nicht unbedingt guten, aber zumindest alten Zeit: Die Deutungshoheit über die politische Bewertung hatten etablierte Medien mit ihrem arrivierten Personal. Wer einmal den Gipfel der schreibenden Elite erklimmte, hatte es geschafft. Er war im Wortsinn „Meinungsmacher“. Und diese Meinung hatte Gewicht! Die Bevölkerung sah sich freilich in der Lage, ihre Meinung kund tun, publizieren konnte sie jedoch nur theoretisch. Denn selbst der Leserbrief oblag einer redaktionellen Überprüfung. Und ganz ehrlich: Wer liest Leserbriefe?

Heute kann ein jeder Kommentare schreiben. Ein Klick, ein paar Zeilen und fertig ist der Blog. Redaktion, Druck, Chef vom Dienst, Editor, Lektorat, naja, das nicht immer, sind in einer Hand. Mit vergleichsweise wenig Aufwand ist man Publizist. Es ist ein befriedigendes Gefühl, sein Eigen wie jeder andere unter der Webadresse anzusurfen. Ja. Natürlich ersetzen selbst professionelle Blogs nicht die etablieren Medien. Dazu haben sie nicht die Kapazitäten. Aber gerade im Bereich der politischen Bewertung sind Webblogs mehr als nur Ergänzung. Hier gehen sie heute voran, sind kreativer und sprachlich versierter, direkter und schneller. Sie lassen die Jörges, die Prantls und die Augsteins alt aussehen.

Doch nicht nur Webblogs verändern die mediale Zusammensetzung. Auch sogenannte „soziale Medien“, die Schlauberger schon mal als „asoziale Medien“ bezeichnen, haben ihren Platz. Hier geht es jedoch nicht um einen journalistischen Beitrag und eine Alternative zu den alten Medien. Viel mehr bieten soziale Medien Raum für jedermann, mitzureden. Wer nicht das Glück hat, über einen ausgewogenen Bekanntenkreis zu verfügen, bei dem man trefflich über Politik streiten kann, der findet vielleicht in Facebook eine Diskussionsgruppe. Und sind wir mal ehrlich: Wer ist tatsächlich in einem Freundeskreis integriert, in denen alle politischen Meinungen Platz haben, wo Menschen aus anderen Ländern mit anderen Erfahrungen ihre Sicht schildern? Die Ablehnung von sozialen Medien kommt entweder aus Unwissenheit. Oder aus Angst. Ja.

Angst davor, dass die alten Gewohnheiten in Bedeutungslosigkeit versinken, was heute schon der Fall wird. Die Abozahlen von SZ, Welt und Co gehen nicht deswegen zurück, weil die Zeitungen schlechter, sondern weil Alternativen besser werden. Es kamen neue Player hinzu, die einen Teil der Kundschaft für sich gewann und vereinzelt, aber sehr erfolgreich von „nur Online“ zu „Online und Print“ übergehen, siehe Tichys Einblick. Das erzeugt bei denen, die nicht mit Blogs und sozialen Medien gehen wollen oder können, Angst. Dabei ist Facebook, Twitter, SecondLife, Instagram und Co nichts weniger als die größte Revolution in Demokratie seit der Einführung des Wahlrechts selbst.

Denn plötzlich hat nicht nur jeder eine Stimme zur Wahl, sondern auch eine Stimme zum Protest, die der Nutzer ganz direkt an den Politiker senden kann. Keine Redaktion. Keine Mitarbeiter, keine Intendanten. Und wenn die Anfrage von entsprechend vielen Usern geteilt wird, so setzt dies den Politiker unter Druck und die Chance steigt, dass er antwortet. So geschehen jeden Tag auf http://www.twitter.com.

Beispiel: In den Tagesthemen wird ein zwei minütiges Statement eines Politikers gesendet. Der gemeine Bürger ist damit gar nicht einverstanden und möchte seine Meinung dazu abgeben. Also schreibt er den Tagesthemen. Glauben Sie, dass seine Mail in der nächsten Ausgabe vorgelesen wird? Würde der selbe Politiker das gleiche Statement in Twitter veröffentlichen, kann jeder User darauf reagieren. Und der Politiker kann darauf wiederum Stellen nehmen. Keine Redaktion dazwischen. Nichts. Was für ein herrliches Beispiel gelebten Pluralismus.

Es ist ein fatales Zeichen des Grünen Chefs, aus diesem Vehikel zu mehr Meinungsvielfalt auszusteigen. Es ist falsch und kann nur damit erklärt werden, dass Habeck alternierende Ansichten scheut. Denn wo sonst kommt ein Berufspolitiker, der aus Sicherheitsgründen nicht selten abgeschirmt ist, noch an das normale Volk, als über soziale Medien. Ja. Twitter und Co können ungerecht, verfälschend sein und fies. Doch damit müssen Politiker umgehen. Wenn Habeck es fair haben will, hätte er Hockey-Schiedsrichter werden sollen. Aber ein Mann seiner Stellung im Krokodilbecken von Graben- und Flügelkämpfen, Hahnen- und Hennenkämpfen hat das auszuhalten. Dafür wird er gewählt.

Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt und es gibt auch Schattenseiten in sozialen Medien. Vieles wird auch dank des NetzDGs unnötigerweise gelöscht, anderes bleibt, trotz NetzDGs, unnötigerweise stehen. Doch die Idee hinter Facebook oder Twitter ist zutiefst demokratisch. Sie zerschlagen die elitäre Diskurshoheit zwischen Politiker und Journalismus. Der Stammtisch wird viral. Das gefällt nicht jedem, repräsentiert jedoch des Volkes Haltung mehr als die 250. Anne Will Sendung oder der 240.000 Emo-Kommentar von Heribert Prantl.

Mein Rat an die medial Digallosen: Holt euch Facebook. Oder Twitter, Instagram, Snapchat und der Dinge mehr. Vernetzt euch. Streitet. Schreibt Politiker, „Prominente“ oder interessante Menschen an, wenn euch etwas nicht passt. Ihr werdet überrascht sein, was alles zurück kommt. Ich bin heute noch begeistert, welche Bekanntheiten es sich nicht nehmen lassen, auf Fragen persönlich zu antworten. Es ist möglich. Meinungsfreiheit war seit es Meinungsfreiheit in Deutschland gibt noch nie so bedroht. Digitale Medien sind in ihrem basisdemokratischen Habitus in der Lage, freie Rede zu gewährleisten. Das geht.

Die neue Zeit mag unübersichtlicher sein, als die Alte. Als die FAZ noch konservativ war und die SZ nicht. Doch aus diesem vermeintlichen Chaos entstehen neue Blickwinkel, die jeden Tag das Land ein ganz kleines bisschen demokratischer machen.

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Kraft durch Bedeutungslosigkeit – Merkels Populismus

Wissen Sie noch, was Sie am 1. Dezember 2003 gemacht haben? Zugegeben, keine besonders sinnige Frage. Wer weiß das schon. Es sei denn, an diesem Tag ereignete sich wirklich bedeutendes von so großer Wichtigkeit, dass es sich in das Gedächtnis einbrannte.

Ich weiß nicht, ob der 1.12.2003 so ein Tag für Angela Merkel war. Für viele in der CDU war er das. Denn an diesem Tag veranstaltete die Partei ihren Parteitag. Das Ergebnis war eine kleine Revolution: Drastische Steuersenkungen, das Einführen der Gesundheitsprämie sowie eine gezielte qualifizierte Einwanderung und eine Begrenzung der Migration in die Sozialsysteme. Die Partei, die noch 50 Jahre zuvor sich zerstritt, ob sie einem christlichen Sozialismus verfolgte, hatte sich scheinbar im liberalen Milieu etabliert. Als größter Kritiker innerhalb der Union übrigens galt ein gewisser Horst Seehofer.

Initiator war die jetzige Kanzlerin. Eine Politikerin, die sich für den zweiten Irak Krieg aussprach. Die Frau, die die Agenda 2010 als „einen Schritt in die richtige Richtung“ bezeichnete, aber betonte, dass die Reform „nicht der große Wurf“ sei. Und die gleiche Person, die dem Volk in den 14 Jahren Kanzlerschaft eben diesen großen Wurf vorenthielt. Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig von 2003 übrig geblieben ist. Nichts, um genau zu sein. Und dass, obwohl Merkel immer noch in der gleichen Partei ist und nicht etwa bei den Grünen.

Die Merkel von 2003 war unangepasster. Die Haare waren nicht selten ungelenk geschnitten, auf Kosmetik verzichtete sie meist. Und ihre Forderungen, sie waren umstritten. Ja. Angela Merkel war unbeliebt. Sie redete Klartext. Die Solidarität mit Bushs Intervention im Irak ist bis heute eine sehr mutige Entscheidung gewesen, zumal im Wahlkampf, was Gerd Schröder genüsslich und gratismutig ausnutzte. Auch beim Thema Integration ließ sie keine Zweifel an ihrer restriktiven Haltung. Jedoch schrieb sie 2015 die größte Einladung der Menschengeschichte aus, die zu einer präzedenzlose Völkerwanderung nach Deutschland führte.

Sie merkte schnell, dass sie mit einem harten Kurs nicht in weit kommt. Und zwar spätestens bei der Wahl 2005. Aus dem Leipziger Parteitag 2003 speiste sich das Wahlprogramm. In einer beispiellos missglückten Kampagne schaffte es Merkel tatsächlich, die de facto klinisch tote SPD wieder ins Reich der Lebenden zu transferieren und es fehlte nicht viel, da hieß der neuer Kanzler, wie der Alte: Schröder. Von da an war ihr klar. Liberale Werte mit konservativen Elementen kommen nicht an. Lieber auf das Volkes Maul schauen. Manche sagen dazu Populismus.

Um am besten zu wissen, was das Stimmvieh will, genauer, was es nicht will, holte sich Merkel einen CDU nahen Demoskopen, mit dem Namen Matthias Jung, an Board. Jede Entscheidung wird seit her mit dem Wahlforscher abgestimmt, der hierzu mit Umfragen die Stimmung im Land misst. War die Stimmung noch weniger aufgeheizt, als Schwarz-Gelb den Ausstieg aus dem Atomausstieg beschloss, wendete sich das Blatt mit Fukoshima. Jung riet zu einer Rückabwicklung des Ausstieges, da er das Potential der Grünen erkannte. Und er hatte recht: Winnie Kretschmann wurde erster grüner Ministerpräsident und Günther Oettinger ging in die Edelverschrottung nach Brüssel. Doch Merkel überlebte.

Ähnlich verhielt es sich mit der Energiewende, ein Wort, das ein ziemlich unverschämter Euphemismus ist, angesichts der höchsten Stromkosten weltweit. Ähnlich verhielt es sich mit der Aussetzung der Wehrpflicht und der Eurorettung, die die Deutschen angesichts ökonomischer Ahnungslosigkeit zu Beginn sogar tendenziell befürworteten. Immer war Herr Jung am Start, der Merkel die Zahlen zuflüsterte. Und die analytisch begabte Physikerin, die Agiation und Propaganda in der DDR von der Pike auf gelernt hatte, handelte.

Wie auch im schwarzen September 2015. Die Situation in Ungarn drohte zu eskalieren. Jung riet zur sogenannten Grenzöffnung, denn er vermutete, dass eine restriktive Grenzpolitik, besser formuliert eine Politik nach dem Dublin Abkommen, Bilder produzierte, die Merkel mehr schaden als nutzen könnte. Merkel handelte. Und verkaufte ihre Politik als Akt des Humanismus. Menschen, die noch nie CDU gewählt hatten, linke Menschen, waren von dem Akt so sehr begeistert, dass sie zu Fans von „Mutti“ wurden. Doch die Entscheidung von 2015 war nichts weiter als kühle Machtpolitik. Bis auf eine kurze Zeit Österreich und Schweden wurde die deutsche Politik im Ausland mit Ratlosigkeit bestaunt. Endlich auf der richtigen Seite der Geschichte stehen zu wollen, evozierte im Deutschen eine Willkommenstrunkenheit, die seines gleichen suchte. Menschen verteilten am Bahnhof Teddys und Spüli, TV Moderatoren weinten vor laufender Kamera, Politiker verdienten sich mit Flüchtlingsunterkünften krumm und buckelig und Andersdenkenden wurde die Menschlichkeit abgesprochen.

All das ist Merkels Verdienst. In einer im Nachgang extrem risikoreichen Entscheidung, das hätte für sie ins Auge gehen können, hat sie heute, bald vier Jahre später, ihre Macht wieder manifestiert. Auf Kosten des Landes nahm sie die Spaltung eben dieses in Kauf. Mehr noch: Angela Merkel profitierte von ihr. Sie schaffte es, dass jedes „Merkel muss weg “ einen rechtsextremen Beigeschmack hat. Verrückt. Bei „Stoppt Strauß!“ war das anders. Gegen den CSU Kanzlerkandidaten von damals zu sein war linke Bürgerpflicht! Heute marschiert die Antifa gegen „Merkel muss weg!“ Demonstranten. Es ist schon ein Kunststück, dass sie die Antifanten bewegen konnte, für eine vermeintlich konservative Kanzlerin zu auf die Straße zu gehen. Respekt dafür. Sie sind und bleiben, was sie verdienen: Nützliche Idioten und nicht selten irre Terroristen, die von Claudia Roth und vielen mehr, in Schutz genommen werden. Ja.

Ich bin heute davon überzeugt, dass Angela Merkel gar keine besondere Haltung repräsentiert. Ihre Meinung wird von Herrn Jung kreiert. Sie dient dem Zweck des Machterhalts. Von der FDJ Sekretärin, zur vermeintlich liberalen Kandidatin, zur besseren Sozialdemokratin, die Mindestlohn und Höchstmieten einführte. Nicht falsch verstehen: Es gibt keinen Grund an einer Meinung auf ewig festzuhalten, nur weil es schon ewig eine Meinung war. Ich selbst habe mich in einem Prozess ab 2007 langsam aus der linken Dogmatik emanzipiert. Ich hinterfragte Selbstverständlichkeiten und wurde wiederum von den Genossen mit Unverständnis begegnet. Und auch heute kann es passieren, dass mich ein besseres Argument überzeugt.

Der größte Vorteil einer liberalen Marktwirtschaft ist, dass sie, im Gegensatz zum Rechts- und Linkssozialismus keine Ideologie ist, sondern sie physiologisch aus dem Kernantrieb des Menschen, dem Streben nach Eigennutz, hervorgeht. Im Dezember 2003 war dies die Erkenntnis der CDU. Sicherlich nicht der der Altkonservativen und Herz-Jesu-Sozialisten. Doch die Mehrheit stimmte für das Programm. Ein Programm, von dem 16 Jahre später nichts mehr übrig geblieben ist.

Angela Merkel verlässt die Partei in einem inhaltlich ausgehöhlten Zustand und das Land, dem sie einst „dienen“ wollte, in einer Zweiteilung. Zwischen „Gutmensch“ und „Rechtspopulist“ sind Gräben des Unverständnis, der Zwietracht und des Hasses entstanden. Wenn die Floskel des „Zusammenführens“, das laut Politikermund die stete Aufgabe von Regierenden ist, der Maßstab Merkels Regentschaft sei, kann man sie getrost als gescheitert bezeichnen. Angela Merkel hat durch ihre Beliebigkeit das Land, ihre Debatten, die Streitlust, abgestumpft. Man redet nicht mehr über Inhalte, sondern über Emotionen oder Moral. Was würde Siegmund Freud sagen, dass seine Psychoanalyse heute, in Deutschland, so sehr mit Leben erfüllt ist? Das Ich, eingesperrt zwischen Über ich, also Moral und das Es, sprich Gefühl, hat in der bedeutungslosen Welt von Merkel keine Chance, auf rationale Schlussfolgerungen zu kommen. Es scheint in der Banalität der Schlichtheit gefangen zu sein.

Diese Bedeutungslosigkeit hat Merkel kreiert. In ihrer binären Welt von Macht und die Abwesenheit von Macht braucht sie stumpfe Menschen, die über Strohmänner stolpern. Was das Land benötigt ist nicht weniger als eine Revolution in Klarheit, ein Sieg der Kantigkeit und ein Ende der politischen Korrektheit.

Und ein bisschen etwas vom Geist des CDU Parteitages von 2003.