Lob der sozialen Medien – Als Demokratie neu geboren wurde

Ich gönn‘ dir, wie du mir gönnst. Doch bin ich nur ein wenig von dir entfernt, außerhalb deiner Box, außerhalb deiner emotionalen Komfortzone. Angeeckt, weil die Kanten nicht abgefeilt sind, sondern spitz und wenn man nicht aufpasst, gefährlich werden, stehe ich da. Ich bin hier. Du bist möglich. Frei von Kanten heißt frei von Meinung. Frei von Meinung ist der Beginn der Beliebigkeit und der Anfang von Schwachsinn. Ich bin möglich.

Früher, da war die Welt geklärt. Ja. Die Tagesschau meißelte die wichtigsten Nachrichten des Tages mehr in die Köpfe der Zuschauer, als in Stein. Wer sich als konservativ sah, las die WELT oder die FAZ. Wer es linker mochte, die SZ und wer es noch ein wenig grüner und unangepasst brauchte, der schloss ein Abo mit der taz ab. Die Intellektuellen einigten sich auf die ZEIT. Die BILD war die „Gazette non grata“ – außer im Urlaub. Da war das Springer Blatt erlaubt.

Wobei die oben beschriebene politische Farbenlehre relativ zu sehen ist. Neben der Grundausrichtung des Mediums bestimmen die Mitarbeiter der Zeitung, wo der Wind bläst. Die Präferenz der Journalisten geht klar nach links, wie Umfragen und Studien zeigen. Und wenn selbst zu Lebzeiten Axel Springers das liberal – konservative Flaggschiff, die WELT, bei Sonntagsfragen unter Redakteuren zum Ergebnis kam, dass Rot und Grün eine Mehrheit erlangt hätte, ist klar, wohin die Reise geht.

Zurück zur nicht unbedingt guten, aber zumindest alten Zeit: Die Deutungshoheit über die politische Bewertung hatten etablierte Medien mit ihrem arrivierten Personal. Wer einmal den Gipfel der schreibenden Elite erklimmte, hatte es geschafft. Er war im Wortsinn „Meinungsmacher“. Und diese Meinung hatte Gewicht! Die Bevölkerung sah sich freilich in der Lage, ihre Meinung kund tun, publizieren konnte sie jedoch nur theoretisch. Denn selbst der Leserbrief oblag einer redaktionellen Überprüfung. Und ganz ehrlich: Wer liest Leserbriefe?

Heute kann ein jeder Kommentare schreiben. Ein Klick, ein paar Zeilen und fertig ist der Blog. Redaktion, Druck, Chef vom Dienst, Editor, Lektorat, naja, das nicht immer, sind in einer Hand. Mit vergleichsweise wenig Aufwand ist man Publizist. Es ist ein befriedigendes Gefühl, sein Eigen wie jeder andere unter der Webadresse anzusurfen. Ja. Natürlich ersetzen selbst professionelle Blogs nicht die etablieren Medien. Dazu haben sie nicht die Kapazitäten. Aber gerade im Bereich der politischen Bewertung sind Webblogs mehr als nur Ergänzung. Hier gehen sie heute voran, sind kreativer und sprachlich versierter, direkter und schneller. Sie lassen die Jörges, die Prantls und die Augsteins alt aussehen.

Doch nicht nur Webblogs verändern die mediale Zusammensetzung. Auch sogenannte „soziale Medien“, die Schlauberger schon mal als „asoziale Medien“ bezeichnen, haben ihren Platz. Hier geht es jedoch nicht um einen journalistischen Beitrag und eine Alternative zu den alten Medien. Viel mehr bieten soziale Medien Raum für jedermann, mitzureden. Wer nicht das Glück hat, über einen ausgewogenen Bekanntenkreis zu verfügen, bei dem man trefflich über Politik streiten kann, der findet vielleicht in Facebook eine Diskussionsgruppe. Und sind wir mal ehrlich: Wer ist tatsächlich in einem Freundeskreis integriert, in denen alle politischen Meinungen Platz haben, wo Menschen aus anderen Ländern mit anderen Erfahrungen ihre Sicht schildern? Die Ablehnung von sozialen Medien kommt entweder aus Unwissenheit. Oder aus Angst. Ja.

Angst davor, dass die alten Gewohnheiten in Bedeutungslosigkeit versinken, was heute schon der Fall wird. Die Abozahlen von SZ, Welt und Co gehen nicht deswegen zurück, weil die Zeitungen schlechter, sondern weil Alternativen besser werden. Es kamen neue Player hinzu, die einen Teil der Kundschaft für sich gewann und vereinzelt, aber sehr erfolgreich von „nur Online“ zu „Online und Print“ übergehen, siehe Tichys Einblick. Das erzeugt bei denen, die nicht mit Blogs und sozialen Medien gehen wollen oder können, Angst. Dabei ist Facebook, Twitter, SecondLife, Instagram und Co nichts weniger als die größte Revolution in Demokratie seit der Einführung des Wahlrechts selbst.

Denn plötzlich hat nicht nur jeder eine Stimme zur Wahl, sondern auch eine Stimme zum Protest, die der Nutzer ganz direkt an den Politiker senden kann. Keine Redaktion. Keine Mitarbeiter, keine Intendanten. Und wenn die Anfrage von entsprechend vielen Usern geteilt wird, so setzt dies den Politiker unter Druck und die Chance steigt, dass er antwortet. So geschehen jeden Tag auf http://www.twitter.com.

Beispiel: In den Tagesthemen wird ein zwei minütiges Statement eines Politikers gesendet. Der gemeine Bürger ist damit gar nicht einverstanden und möchte seine Meinung dazu abgeben. Also schreibt er den Tagesthemen. Glauben Sie, dass seine Mail in der nächsten Ausgabe vorgelesen wird? Würde der selbe Politiker das gleiche Statement in Twitter veröffentlichen, kann jeder User darauf reagieren. Und der Politiker kann darauf wiederum Stellen nehmen. Keine Redaktion dazwischen. Nichts. Was für ein herrliches Beispiel gelebten Pluralismus.

Es ist ein fatales Zeichen des Grünen Chefs, aus diesem Vehikel zu mehr Meinungsvielfalt auszusteigen. Es ist falsch und kann nur damit erklärt werden, dass Habeck alternierende Ansichten scheut. Denn wo sonst kommt ein Berufspolitiker, der aus Sicherheitsgründen nicht selten abgeschirmt ist, noch an das normale Volk, als über soziale Medien. Ja. Twitter und Co können ungerecht, verfälschend sein und fies. Doch damit müssen Politiker umgehen. Wenn Habeck es fair haben will, hätte er Hockey-Schiedsrichter werden sollen. Aber ein Mann seiner Stellung im Krokodilbecken von Graben- und Flügelkämpfen, Hahnen- und Hennenkämpfen hat das auszuhalten. Dafür wird er gewählt.

Natürlich ist nicht alles Gold, was glänzt und es gibt auch Schattenseiten in sozialen Medien. Vieles wird auch dank des NetzDGs unnötigerweise gelöscht, anderes bleibt, trotz NetzDGs, unnötigerweise stehen. Doch die Idee hinter Facebook oder Twitter ist zutiefst demokratisch. Sie zerschlagen die elitäre Diskurshoheit zwischen Politiker und Journalismus. Der Stammtisch wird viral. Das gefällt nicht jedem, repräsentiert jedoch des Volkes Haltung mehr als die 250. Anne Will Sendung oder der 240.000 Emo-Kommentar von Heribert Prantl.

Mein Rat an die medial Digallosen: Holt euch Facebook. Oder Twitter, Instagram, Snapchat und der Dinge mehr. Vernetzt euch. Streitet. Schreibt Politiker, „Prominente“ oder interessante Menschen an, wenn euch etwas nicht passt. Ihr werdet überrascht sein, was alles zurück kommt. Ich bin heute noch begeistert, welche Bekanntheiten es sich nicht nehmen lassen, auf Fragen persönlich zu antworten. Es ist möglich. Meinungsfreiheit war seit es Meinungsfreiheit in Deutschland gibt noch nie so bedroht. Digitale Medien sind in ihrem basisdemokratischen Habitus in der Lage, freie Rede zu gewährleisten. Das geht.

Die neue Zeit mag unübersichtlicher sein, als die Alte. Als die FAZ noch konservativ war und die SZ nicht. Doch aus diesem vermeintlichen Chaos entstehen neue Blickwinkel, die jeden Tag das Land ein ganz kleines bisschen demokratischer machen.

2 Kommentare zu „Lob der sozialen Medien – Als Demokratie neu geboren wurde

  1. Lieber Marius
    Neben ein paar Orthographie Fehler ein literarisch tendenziell wertiger Text. Inhaltlich bin ich wenig bei Ihnen, weil ich glaube, dass der gemeine Bürger nicht in Gänze in der Lage ist, die Flut an Informationen einzuordnen. Ergo bin ich für eine potente redaktionelle Auswertung und das können keine Blogs. Das können nicht Sie sein. Das muss ein Leitmedium und ja, da reden wir auch über ARD und Co die ihren Informationsauftrag ernst nehmen.
    Grüße aus Mainz

    Liken

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