“Kritisierst du den Islam, so beleidigst du alle Muslime“ – Über Mut und Klarheit im Wort

Gestern schickte mir ein lieber Freund ein Interview. Das Gespräch handelte um das Thema „Islamfeindlichkeit“. Unabhängig vom Inhalt, der hier sekundär sei, verfolgte mich seit dem dieses Wort. „Islamfeindlichkeit.“ Und auch wenn der Begriff nicht neu ist, ließ er mich nicht mehr los. Bis jetzt musste ich darüber nachdenken und je länger meine Gedanken routierten, desto klarer wurde es mir: An dem Wort ist etwas faul. Oberfaul, wie Justus Jonas sagen würde.

Ich bin Atheist. Ich lehne jede Religion ab. Sie ist, wie Christopher Hitchens sagt, „Gift für die Welt.“ Möglicherweise ist Feindlichkeit gegenüber den Theismen eine zu starke Vokabel. Sie geht aber in die richtige Richtung, wenn man zwischen Religion und Gläubigen trennt. Eine Unterscheidung, auf die ich noch kommen werde.

Um Missverständnisse vorzubeugen: Religionen sollten weder verboten, noch sollen Gläubige per Gehirnwäsche in Richtung Vernunft gebürstet werden. Das wäre ein sinnloses Unterfangen. Ferner ist es ist nicht auszuschließen, dass nach dem zweiten Brainswash das Stammhirn komplett den Geist aufgibt. Im Ernst: Menschen sind frei, sie sind selbstbewusst und in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Auch wenn sie mir nicht immer passen.

Wie viele Menschen in Deutschland bin auch ich unter vielen Gläubigen aufgewachsen. Ich „empfing“ die Kommunion und freute mich, dass mir fremde Menschen Geld schenkten. Ja. Auch heute sind viele religiöse Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Auch Moslems. Mir ist das einerlei, an wen oder was jemand glaubt, so lange es nicht zur Ideologie wird, die Gesellschaft beeinflusst.

Und genau hier beginnt das Problem. Der Islam ist nicht nur Spiritualität. Er ist auch Ideologie. In vielen Staaten herrscht diese Ideologie; die Sharia bildet hierbei das blutige Pendant zu BGB, HGB und der Gesetze mehr, ab. Ist es denn falsch, dieser Ideologie feindlich gegenüber zu stehen, also „islamfeindlich“ zu sein? Oder verpflichtet es sogar Humanisten zu einer kritischen Haltung gegenüber dem Fundament staatlich organisierter Unterdrückung von Frauen und Tötung Homosexueller? Eine rhetorische Frage, klar, die von einigen nicht so selbstverständlich mit „Ja“ beantwortet wird.

Es ist erstaunlich, wenn man sich andere Religionen ansieht wie diese besprochen werden. So gibt es keine „Judentumfeindlichkeit“, stattdessen sagt man „Judenfeindlichkeit“, was dem Kern auch viel näher kommt. Auch befindet sich das Wort „Christentumfeindlichkeit“ nicht im Wortschatz der Menschen. Und doch hat sich „Islamfeindlichkeit“ etabliert, so weit, dass sogar die Wikipedia diesen Begriff mit einem Artikel würdigt.

Über den Grund dieser sprachlichen Verzerrung kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich glaube, dass es mit dem Verständnis vieler Muslime zu tun hat, wie sie sich und ihre Religion sehen. Bis heute ist es selbst für viele liberale Moslems schwierig, über ihre Religion zu lachen. Es ist auch für Künstler und Satiriker gar nicht lustig, den Propheten durch den viel zitierten Kakao zu ziehen. Selbst eine literarische Abhandlung mit dem Koran in Form eines Romans, kann zu größten Problemen führen. Salman Rushdie weiß, wovon ich spreche. Von harmlosen Karikaturen, die Mohammed zeigen, möchte ich erst gar nicht sprechen.

Der Grund liegt meines Erachtens in einer im Kern humorlosen Religion, die keine Unterscheidung von „privat“ und „öffentlich“, von „Gesellschaft“ und „Staat“ kennt. Wenn jemand wie der Satiriker Andreas Thiel auf der Bühne den Islam satirisch und bitter ernst abhandelt und ihn als blutige Religion bezeichnet, dann erhält er Drohungen. Was dazu führte, dass Thiel seine Bühnenkarriere vor Jahre beenden musste.

„Tötet jemand einen Menschen, so tötet er die ganze Welt“, heißt es im Koran, eine stets zitierte Sure, um die Friedlichkeit der Schrift zu belegen. Passender aber erscheint mir folgende Umformulierung: „Kritisierst du den Islam, so beleidigst du die gesamte Umma„. Das ist gelebte Realität; jeden Tag. So gesehen ist es für Muslime denknotwendig, dass sie „Islamfeindlichkeit“ mit Hass auf Muslime gleichsetzen. Es ist jedoch substanziell ein Unterschied, der notwendig ist, um mit dieser Ideologie kritisch umzugehen.

Denn genau so, wie Menschen, die Muslime hassen, weil sie Muslime sind, keine Unterscheidung zwischen Person und Religion machen, genau so verhalten sich auch viele Moslems. Das macht einen Diskurs praktisch unmöglich. Bei beiden. Es ist ein Denken in schwarz und weiß und als Diskutant kommt man sehr oft an die Grenzen der Vernunft.

Es ist wichtig, im Zuge des Anschlages in Neuseeland über Muslimenhass zu sprechen. Aber man sollte ihn auch so benennen. Den Opfern wird man nicht gerecht, wenn man dem Täter „Islamfeindlichkeit“ vorwirft oder gar „Islamophobie“, als hätte er nur einen an der Klatsche. Nein. Der Attentäter tötete Muslime, weil er Muslime hasste. „Islamfeindlichkeit“ wird zum Wieselwort. Es ist unklar, es verfälscht und es verharmlost.

Zeit meines schreibenden Lebens versuche ich den leserlichen Satz zu bauen. Von diesem geht dann von Absatz zu Absatz. Verwirrende Worte wie Islamfeindlichkeit mögen sich in das Gefüge schmiegen und der Leser denkt nicht nach. Der Text verliert aber an Kraft, weil die Klarheit fehlt. In einem Land, in der man von Angela Merkel in der Manier von Cicero, freilich ohne den philosophischen Anspruch des Römers, mit mit den ihren irren Satzgefügen in eine cerebrale Letargie gepredigt wird, ist es immanent, Widerwort im Sinne leserlicher Sätze einzulegen. Sie merken, mit solchen Blähformulierungen liest kaum wer mit. Aber ich schweife etwas ab.

Ein Appell? Ein Appell.

Liebe Nichtmuslime,

lasst euch nicht von Berufsmoslems bei Anne Will täuschen: So doof sind nicht alle Muslime. Habt keine falsche Toleranz aus Angst und benennt die Dinge, wie ihr sie seht, ohne die Gläubigen dafür zu hassen. Hass ist nicht nur schlechter Ratgeber, er verzerrt auch den Diskurs in eine emotionale Ebene, bei der es am Ende nur Verlierer gibt.

Liebe Moslems.

emanzipiert euch von dem Gedanken, der Islam sei Gesellschaft und Staat. Er ist privat und ihr habt alle Rechte, euren Glauben auszuleben. Was mich sehr enttäuscht ist, wie ihr mit euren Kritikern umgeht. Ob Kelek, Rushdie, ob Hamed Abdel Samad, Ayaan Hirsi Ali, oder die Hunderten und Tausenden, die keiner kennt, aber vor Radikalen Angst haben müssen, weil sie den Islam beleuchten. Selten hat eine Mehrheit so laut geschwiegen. Steht auch für die auf, deren Meinung ihr nicht teilt.

Ein Kommentar zu „“Kritisierst du den Islam, so beleidigst du alle Muslime“ – Über Mut und Klarheit im Wort

  1. Lieber Herr Julian!
    Den Artikel finde ich gut und im Großen und Ganzen die angesprochenen Sachen gehen einher mit meiner Meinung. Allerdings ist der 3. Absatz absolut unnötig, polemisch und abwertend gläubigen Menschen gegenüber und reduziert die Glaubwürdigkeit deiner weiter unten geäußerten Toleranz religiöser Einstellungen. Im übrigen hast du Recht mit den „Blähformulierungen‘. Man liest kurz, fragt sich,“ Was soll das? ‚ und ist geneigt, den Artikel wegzuklicken. Verlängert nur unnötig!!!!

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