„I can see my kingdom now“ – ESC, BDS und die Schande von Roger Waters

Was habe ich früher begeistert im TV geschaut, dann belächelnd ignoriert und nun schaue ich es wieder interessiert?

Den Eurovision Song Contest. Ja. Die Weltmeisterschaft des schwulen Mannes. Jaja, geschenkt. Immer im Mai, immer nach dem DFB Pokal Endspiel und dem Champions League Finale. Musikalisch ist das Niveau oft überschaubar, nicht selten unterirdisch. Aber es macht Spaß zuzusehen und alle, die den ESC belächeln und dann beim Profifußball (Herren) mitfiebern: Beim Songcontest dürfen Homosexuelle so gay sein, bis der Papst platzt und müssen sich nicht verklemmt hinter Alibifrauen und Testosterongehabe verstecken.

Im letzten Jahr gewann Netta. Die junge Israeli schaffte es mit Witz, eine gesellschaftliche Botschaft zu setzen. Ohne Zeigefinger, ohne Moralknüppel. Feminismus ohne Kreischen oder Brüste während eines Gottesdienstes zu zeigen. Wegen des Sieges findet der diesjährige ESC in Israel statt, genauer gesagt in Tel Aviv. Folgerichtig wäre die Show freilich in Jerusalem abzuhalten, was den Verantwortlichen wohl zu heiß gewesen sein dürfte. Und es ist löblich, denn Israel tut eben nicht das, was andere Länder immer wieder getan haben: Die Veranstaltung politisch zu missbrauchen. Israel tritt von seinem eigenen Anspruch ein wenig zurück, obwohl es alles Recht der Welt hätte, den ESC in Jerusalem abzuhalten.

Trotzdem bleibt der Songcontest in Israel und das ist vielen ein Dorn im Auge. Die, die Kinder umbringen und ein Volk besetzen, um es in Lagern einzusperren. Ein Satz, der so schnell von den Lippen der sogenannten Israelkritiker huscht. Ein Satz, der in so wenig Worten so viele antisemitische Stereotypen vereint. Es hat seinen Grund, warum ich sonst keine Lust habe, über des Thema zu schreiben. Es trifft mich und macht mich wortlos, wie politisch moderate Menschen simplen, altmodischen Antisemitismus betreiben und es nicht mal merken. „Antisemitismus ohne Antisemiten“ nennt es Bernd Marin. Nichts anderes ist die BDS Kampagne.

BDS steht für Boykott, Divestment und Sanctions. Um die sogenannte Besetzung der wiederum sogenannten palästinensischen Gebiete zu beenden, sollen alle israelische Produkte boykottiert werden. Das würde zu Ende gedacht das finanzielle Aus für viele Palästinenser in Israel bedeuten, die wie selbstverständlich im Judenstaat arbeiten. Firmen wie Delek, IDB, Amdocs würden bei einem konsequenten Boykott verschwinden. Und somit nicht nur die geschaffenen Werte in Form von Produkten, sondern auch die Arbeitsplätze. Die israelische Firma Orcam entwickelte ein revolutionäres Hilfsmittel für Blinde, das den Sehbehinderten vorliest und von deutschen Krankenkassen bezahlt werden kann. All das würde es bei einem Boykottt nicht mehr geben. Von den offensichtlich historischen Parallelen zur Nazizeit möchte ich gar nicht sprechen. Bezeichnend: Gerade von einer politischen Linken, die ansonsten hinter jeder Autobahn den Beleg einer Rechtsradikalisierung sieht, erleben wir bei BDS, zumindest in Teilen, beeindruckende moralische Flexibilität.

Und da der ESC in Israel stattfindet, ruft BDS auf, diesen zu boykottieren. Einer der bekannteste Protagonisten ist Roger Waters, Pink Floyd, der weiland zwar Steine in Wänden beklagte, jedoch es sich heute nicht nehmen lässt, selbst Mauern aufzuzuziehen. So ist die Showeinlage legendär, in dem er mit Maschinengewehren auf ein aufgeblasenes Schwein symbolisch schießen lässt, an dem Symbole wie Hammer und Sichel, das Hackenkreuz und der Judenstern zu sehen sind. Der Judenstern in Verbindung mit zwei todbringenden Systemen? Bei Roger geht das. Und sogar noch viel mehr. Der Brite ließ es sich nicht nehmen, Nick Cave zu kritisieren, weil er die Chuzpe besaß, in in Israel aufzutreten. Amused to death. Natürlich trat Cave trotzdem auf und antwortete den BDS Aktivisten höflich, aber bestimmt, in einem Brief:

Ich unterstütze (…) nicht die BDS Bewegung. Ich denke, der kulturelle Boykott Israels ist feige und beschämend. In der Tat ist dies zum Teil der Grund, warum ich in Israel spiele – nicht als Unterstützung für eine bestimmte politische Einheit, sondern als grundsätzliche Haltung gegen diejenigen, die Musiker schikanieren, beschämen und zum Schweigen bringen wollen. Ich habe nicht die Absicht, detailliert darüber zu diskutieren, wie der Boykott Israels im Kern als antisemitisch angesehen werden kann und außerdem nicht funktioniert, aber selbst der schätzbare Noam Chomsky betrachtet den BDS als nicht legitimiert und von Natur aus scheinheilig. Was wir hier tatsächlich haben, ist eine grundsätzliche Meinungsverschiedenheit darüber, was der Zweck von Musik ist.

Künstler unter Druck zu setzen, die in Israel auftreten, hat System. Neben dem Primat der künstlerischen Freiheit, das kaum höher zu halten ist, kommt der emanzipatorische Beitrag von Bilal Hassani hinzu, nebenbei für mich einer der Favoriten. Der 19 Jährige ist schwul, Muslim mit marokkanischen Wurzeln und tritt mit dem Titel „Roi“ für Frankreich an. Schon im Vorfeld wurde er von der muslimischen Community massiv bedroht. Bilal sagt hierzu:

Es gibt gelegentlich Leute, die versuchen, den Eurovision zu einem politischen Ereignis zu machen, aber mich interessiert das nicht. Die Bühne ist ein heiliger Ort. Ich habe gehört, dass das Leben in Tel Aviv wirklich aufregend ist. Ich kann es kaum erwarten, die Sonne zu sehen. Und ich kann es kaum erwarten, das Land zu besuchen. Ich verfolge den Eurovision seit meiner Kindheit. Ich habe immer gesagt: „Eines Tages werde ich Frankreich beim Eurovision vertreten.“

Bis zum heutigen Tage weigert sich Marokko am Wettbewerb teilzunehmen, obwohl es teilnahmeberechtigt ist. Der Grund ist so einfach wie grausam: Marokko will nicht mit Israel singen. Die Leute von BDS, die Roger Waters, die, die im Kern den Boykott befürworten, sollen eines wissen: Sie stehen inhaltlich auf einer Seite von Islamisten. Das ist kein Applaus von der falschen Seite, der sich nicht verhindern ließe, das ist das bewusste Alliieren mit Leuten von der „richtigen“ Seite. Waters und Co lassen ihre Masken fallen. Sie billigen nicht nur Antisemiten, sie werden selbst zu Antisemiten.

Israel ist das Land der Juden. Es ist untrennbar mit dem jüdischen Volk und untrennbar mit Auschwitz. Selbst säkulare Juden sehen Israel als Heimat an, als Stätte des Friedens, an dem sie eines Tages leben werden. Ein so substanzieller Angriff wie ein Boykott mit dem Ziel der ökonomischen und damit substanziellen Vernichtung des Landes, ist plumper Antisemitismus und wiegt nicht leichter, als eine Synagoge anzuzünden. Denn das Schicksal der Juden hängt am Schicksal Israels, das einzige Land, in dem sie vor Verfolgung sicher sind. Dies mit einem Mittel zu versuchen, das im Dritten Reich etabliert wurde, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Israel ist das einzige Land im Nahen Osten, in denen Homosexualität nicht unter Strafe steht. Die 20% Moslems, die im Land leben, genießen Religionsfreiheit, haben Gebetsräume in ihren Arbeitsstätten und bauen Moscheen. In Israel ist die Frau gleichberechtigt. Israel ist das einzige demokratische Land in der Region. Am 18. Mai feiert die Welt in Tel Aviv und in vielen Städten und Dörfern der Welt die Vielfalt. Egal ob Bilal gewinnt oder Mahmood mit Soldi, der für Italien antritt und ebenfalls Moslem ist oder Deutschland (Scherz). Die offene Gesellschaft hat schon jetzt gesiegt. Das kann auch die BDS Kampagne nicht verhindern.

2 Kommentare zu „„I can see my kingdom now“ – ESC, BDS und die Schande von Roger Waters

  1. Folgerichtig my arse – Millstreet ’93 Irland – Birmingham ’98 – Vereinigtes Königreich – Deutschland ’11 Düsseldorf – Malmö ’13 Schweden.

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