Der Standard will doppelt sein – Sonneborns Schwulenfeindlichkeit

Ich bin wütend. Ja. Das wird man jawohl noch sein dürfen! in einer Zeit, in der „Wutbürger“ als Synonym für Rechtsradikale gesehen wird, gilt diese Emotion als zutiefst anrüchig. Wer wütend ist, ist erst mal schwer verdächtig. Eine grässliche Perversion deutscher Worte, denn ist oft genug Wut mittel der Wahl. Eine Mutter schlägt ihr Kind? Was bin ich: Wütend! Mein Partner geht fremd ? Alter Falter, was schwillt mir der Kamm! EU Parlamentarier stimmen gegen das Verbot der Konversionstherapie für Homosexuelle? Geht mal gar nicht!

Geht wohl.

Geht, wenn man es Satire nennt. So geschehen im Mai. Martin Sonneborn, Abgeordneter eben dieses Parlamentes tat das. Das is jener, der unabhängig des Inhalts eines Antrages immer abwechselnd mit „Ja“ und „nein“ abstimmt. Ob es um den Iran geht, Gurken, oder um Homos. Der Turnus must go on. Und der Gehalt geht flöten. Nicht Aber das Gehalt von Sonneborn, das mit allen Zuschlägen rund 30.000 Euro beträgt. Pro Monat versteht sich. Wofür andere bei Bolta oder Porsche am Band stehen und die „Sarire“, was ein irres Wieselwort, bezahlen dürfen. Andererseits mussten die auch diverse Jahrzehnte Elmar Brok finanzieren. Und des is jetz koa‘ Satire!

Mir kommt das so vor, wie die Leute, die auf Twitter in ihrem Profil stehen haben, likes und retweets würden nicht ihre Meinung widerspiegeln. Oder AfD Politiker, die sagen, es sei Satire, nachdem sie Türken als „Kümmeltürken“ bezeichnet haben. Man hat Angst vor der eigenen Meinung und äußert sie „satirisch“.

Um eines gleich klarzustellen: Sonneborn darf das. Er darf nichts tun im Parlament. Er darf die Demokratie mit seinem Abstimmungsverhalten verhöhnen. Er darf sogar Witze machen auf Kosten Menschen, die umerzogen wurden, weil sie so sind, wie sie sind. Und er darf diesen ganzen Mist sogar Satire nennen. Jedoch muss Kritik erlaubt sein.

Seine Fanboys sehen Kritik jedoch als Majestätsbeleidigung. Man habe die „Satire“ nicht verstanden. Man sei zu emotional. Man habe überhaupt Martin’s Kunstform nicht überrissen. Welche Kunstform soll das sein? Progressiver Debilitätsexpressionismus? Die Neue Verblödung? Eine Generation, die Satire mit Humor verwechselt und alles politisch satirisch bezeichnet, was sie irgendwie lustig findet, macht sich gerade kollektiv zum Affen. Es ginge ja nicht um das Verbot. Es geht ja nicht um Homos. Stimmt, und das ist wahrscheinlich der bitterste Punkt.

Es geht weder Sonneborn, noch seinen Fans um Schwule. Es geht um maximale Aufmerksamkeit, weil man irgendwie was lustiges gemacht hat. Es ist aber nicht lustig, für eine Umpolung von Schwulen zu stimmen. Es ist sogar verdammt schade. Bei einem Milieu, das sonst bei jeder Kritik an Ausländern Rassismus krakeelt, hinter jedem Kompliment Frauenfeindlichkeit sieht, bin ich bisher von anderen Ansprüchen ausgegangen. Der Standard will doppelt sein und Sonneborn muss sein Buch promoten. Das darf er gerne tun, auch auf Kosten anderer. Intellektuell durchgehen lassen sollten wir es ihm nicht.

Seine Fanboys, es sind ja meistens Herren der Schöpfung, meinen, dass Sonneborn durch sein Votum irgendwie Aufmerksamkeit erregen wollte und erregt hat. Das ist ihm nicht gelungen. Queer.de , ein Szenenportal, kommentierte das Votum Anfang Mai. Vice und Jetzt.de, letzteres kenne ich seit gestern, bezogen sich auf queer.de. Das wars. Wenn das die beschworene Aufmerksamkeit sei, dann lief das wohl schief. Denn es gäbe dieses Lüftchen an Berichterstattung überhaupt nicht, hätte Sonneborn entsprechend seines Turnusses für das Verbot gestimmt. Wie man es wendet und dreht, es bleibt ein schlechter Witz auf Kosten einer Miniminderheit, die davon betroffen war und teilweise noch heute ist.

Ich selbst habe Sonneborns grässliches Votum erst vor wenigen Tagen, also 5 Wochen nach der Abstimmung erfahren. Wissen Sie warum? Weil echte Politiker, in dem Fall Jens Spahn, das Verbot auf Bundesebene fordert und für dieses Jahr ein Gesetz angekündigt hat. Hier wurde „Öffentlichkeit geschaffen“, eine grausame Phrase im übrigen, hier berichteten alle relevanten Medien. Von Sonneborn war keine Spur. Dazu müsste er sich einmal ernsthaft mit dem Thema, oder überhaupt mit einem Thema befassen.

Ein weiter Teil einer Generation scheint hohl zu drehen. Einerseits sind sie, wie fast alle Politiker für „mehr Europa“, ohne zu wissen, was das genau bedeutet, andererseits wählen Sie eine Partei, DIE PARTEI, die mit der AfD wenigstens eines gemeinsam hat: Protest. Während man der AfD wenigstens einen politischen Anspruch unterstellen darf, ist der Anspruch der sogenannten „Satirepartei“ explizit apolitisch. Beides geht, beides darf man. Doch beides hilft bei keinem einzigen Problem.

Ich bleibe wütend, wenn es um die Rechte Homosexueller geht und ein sogenannter Satiriker einen Dreck darauf gibt. Ich bleibe wütend, wenn die gleichen Scherzkekse die Demokratie im EU Parlament, welche ohnehin insuffizient ist, verhöhnen. Ich kann und möchte niemanden verbieten, was er wählt und wie er denkt. Doch gerade Linke, die nicht selten einen hohen moralischen Anspruch an Politik wie Gesellschaft haben, sollten diese auch bei sich und ihrem Wahlverhalten an den Tag legen. Manches „tut man einfach nicht“. Man schlägt nicht seine Kinder, man betrügt nicht seinen Partner.

Und man stimmt nicht gegen den Verbot der Konversionstherapie von Homosexuellen.

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