Nach „Konterbunt“ ein Konterbier. Mein Briefwechsel mit den Machern der App

Es ist die Zeit der Aktivistenapps. Reconquista Internet hat eine tip top Anwendung, wo man Hassreden, oder das, was man dafür hält, überprüfen lassen kann. Erfüllt es die Kriterien dafür, wird Anzeige erstattet. Auf zivilgesellschaftliches Engagement bauten schon Adolfs Schergen und konnten sich ganz auf den deutschen Denunzianten verlassen. Bei diesem ganzen Hasss in jeder Kajüte kann man schon mal den Überblick verlieren. Also melde ich täglich mehrere Internetseiten, unter anderem neomarius.blog, die mir spanisch vorkommen. Die Antwort ist nach der Prüfung immer die selbe. Die Betreiber bedauern, dass keine Strafanzeige erfolgen kann. Da ging es in den Dreißigern konsequenter zu.

Die Landeszentrale politischer Bildung Niedersachsen so wie die von Sachsen und Anhalt haben Konterbunt ins Leben rufen lassen, mit freundlicher Unterstützung der Amadeo Antonio Stiftung, die den Nazometer bekanntermaßen auf extrem sensibel gestellt hat. Wo es bei mir allenfalls für ein Konterbier reicht, gehen die Jungs und Mädels in die Vollen, um den Jugendlichen den richtigen Umgang mit Stammtischparolen zu indoktrinieren. Betreutes Diskutieren eben, eine neue Ebene des Nannystaates, der seinen Schützlingen mal so gar nix zutraut. Ich habe gefühlt mehrere Stunden für das erste Level gebraucht, was nichts heißen muss. Ich bin ja ein (bald) alter, weißer, doofer Nazimann. Doch probieren Sie selber aus und lassen Sie sich nicht von den negativen Bewertungen im App Store abschrecken! Sharknado bekam bei IMDb auch lediglich 3,3 von 10 Punkten und ist zweifelsohne cineastisch absolut Champions League.

Da mir die App dann doch zu blöd vorkam, schrieb ich den Betreibern eine Mail. Herausgekommen ist ein netter Briefwechsel, der nach einer Fortsetzung schreit:

Sehr geehrte Damen, 
sehr geehrte Herren,

mit großem Interesse habe ich die App „Konterbunt“ heruntergeladen und nach einigen Anfangsschwierigkeiten mir auch schon den ersten Stern beim Level „Spielplatz“ erspielt.

Über den Begriff „Stammtisch“ bin ich dann doch etwas verwundert. Ich weiß nicht, welche Stammtische Sie so kennen, aber in den meinen habe ich noch keine Parole wie „Die Juden sind am Übel der Welt schuld“ gehört. Dazu später mehr. 
Es ist für mich ein Rätsel, inwieweit die Aussage „Flüchtlinge und Migranten haben eine ganz andere Kultur, die nicht hierher passt“ rassistisch sein soll. Sie ist verallgemeinernd, ja, und einseitig, jedoch trifft sie einen wahren Kern von kulturellen Konflikten, die Sie schon heute in vielen Großstädten beobachten können. Ihre Antwort darauf überrascht mich: „Kultur wird keinesfalls allein von der Herkunft bestimmt, sondern ist wie eine mentale Software: Sie ist wandelbar und hat viele Facetten. Jeder Mensch trägt viele Kulturen in sich;…“Das stimmt maximal zur Hälfte. Zum einen empfehle ich die Ausführungen von Dawkins in seinem Meilenstein „das egoistische Gen“, wonach er sehr wohl der Meinung ist, dass Weltanschaungen, kulturelle Überzeugungen, religiöse Einstellungen über „Meme“ vererbt werden können. Zum anderen ist die Aussage, der Mensch tröge viele Kulturen in sich, vielleicht „konterbunt“, jedoch bedeutungslos. Denn einem Migranten z.B. aus Afghanisten wird im Durchschnitt ein anderes Verständnis zu all diesen Ihren gut gemeinten Themen haben. Und ja, der eine oder andere wird hierbei seine Meinung ändern und sicher haben Sie und ich jemanden im Bekanntenkreis, auf den dies zutrifft. Für die Mehrheit jedoch ist die ebenso verallgemeinerte Aussage wie kulturelle Prägung sei wandelbar unzutreffend. Das ist schon sehr naiv. 
Wie erwähnt ist für mich Ihr Begriff der Stammtischparole fremd. Sie schreiben, diese sind 
„aggressiv, dogmatisch, verkürzt, pauschal, herabsetzend, diskriminierend, voller Vorurteile, selbstgerecht, Halbwahrheiten, Schwarz-Weiß-Malerei, ausgrenzend, kompromisslos, verallgemeinernd, vereinfachend, rigoros, diffamierend, generalisierend, negierend, emotional, menschenverachtend, „Wir-Gefühl“ erzeugend, einfach strukturiert, mit einem Schein-Wissen versehen“
Da die Macher der App einen gewissen wissenschaftlichen Anspruch erheben, interessiert mich, wie viele Stammtische haben Sie ausgewählt, um auf dieses Ergebnis zu kommen und welche Kriterien wandten Sie an, die Teilnehmer auszuwählen? Und im nächsten Schritt stellt sich mir die Frage, wie Sie auf diese ganzen Adjektive gekommen sind, wie viele qualitative und später quantitativer Fragen Sie wie vielen Probanden stellten uns wie diese lauteten. 
Ferner wundert mich, warum die von mir genannte letzte Aussage über Kulturen Rassismus sein soll, nicht aber, und das kommt in Ihrem Quiz dann auch vor, wenn Deutsche „Kartoffel“ genannt werden. Die Antwort kommt von Ihnen stande pete:“ Es ist nicht rassistisch, da eine strukturelle diskriminierende Komponente fehlt. Rassismus hat immer auch mit Macht zu tun.“ Ok. Und wo ist die Macht bei der Aussage, die Sie als rassistisch eingestuft haben „Geflüchtete kommen nur nach Europa, um Ihre wirtschaftliche Lage zu verbessern“?
Das ganze erscheint mir doch wenig durchdacht und allenfalls gut gemeint zu sein. Vergessen werden Punkte wie den linken Antisemitismus und den muslimischen Antisemitismus, den Hass auf Marktwirtschaft, Großkonzerne, „der Wirtschaft“, kurz: Unser Gesellschaftssystem. Ist dies der Fall, da die Amadeo Antonio Stiftung ebenfalls als Partner der Applikation mitgewirkt hat und per se Kapitalismus-kritisch ist?

Ich freue mich auf eine konstruktive Antwort. 

Viele Grüße aus Nürnberg!

Julian Marius Plutz

Sehr geehrter Herr Plutz,

vielen Dank für Ihr Interesse an unserer App KonterBUNT. Gerne möchten wir kurz auf Ihre Anmerkungen und Fragen eingehen. 

Da es sich bei dem Begriff „Stammtischparole“ um ein geflügeltes Wort handelt, das zwar bei einer Google-Suche enorm viele Ergebnisse liefert, gleichzeitig aber nicht allen Menschen geläufig ist, haben wir den Politikwissenschaftler Prof. Klaus-Peter Hufer um eine Definition gebeten. Aus dieser zitieren Sie die aneinandergereihten Adjektive, die Teilnehmer_innen seiner Seminare mit dem Begriff „Stammtischparole“ assoziieren. Darauf weist Herr Hufer explizit hin. Wir stellen diese Definition voran, damit alle Menschen nachvollziehen können, was in der App unter dem Sammelbegriff „Stammtischparole“ verstanden wird. 

Bei der Entwicklung der App haben wir das Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) von Wilhelm Heitmeyer als Bezugsrahmen gewählt und exemplarische Stammtischparolen aus den dort identifizierten Vorurteilskategorien gesammelt. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit richtet sich nach Heitmeyer vor allem gegen Bevölkerungsgruppen, die als Minderheiten bezeichnet werden und/oder sich in einer weniger machtvollen gesellschaftlichen Position befinden. Aus dieser Perspektive ist in Deutschland das Schimpfwort „Kartoffel“ zwar beleidigend – und allein deshalb schon abzulehnen -, aber nicht rassistisch im Sinne der hier zugrunde gelegten Definition. Sie führen auch die Parole „Flüchtlinge und Migranten haben eine ganz andere Kultur, die nicht hierher passt.“ als weiteres Beispiel an. Wie auch bei dem zuvor genannten Beispiel liegt ein Machtgefälle zu Grunde, da eine Pauschlaussage mit Absolutheitsanspruch über eine gesellschaftlich sehr schwache Minderheit, hier Geflüchtete und Migrant_innen, getroffen wird. In der Absolutheit der Aussage wird der betroffenen Gruppe eine mögliche gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft abgesprochen. Betroffene nehmen das als diskriminierend wahr. 

Vor diesem Hintergrund möchte ich nochmal auf die Genese der Parolen und Gegenargumente hinweisen. Ausgehend von den oben genannten Vorurteilskategorien, die im Konzept der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit identifiziert wurden, hat die Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung des Landes Sachsen-Anhalt verschiedene Kooperationspartner_innen aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gewinnen können, die praxisorientiert im jeweiligen Themenfeld oder direkt mit Betroffenen von Abwertung und Diskriminierung aufgrund einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit zusammenarbeiten.
Die Kooperationspartner_innen haben eine Auswahl von gruppenbezogenen Vorurteilen und Stammtischparolen getroffen und gemeinsam mit Betroffenen inhaltliche Antwortmöglichkeiten entwickelt. Dabei wurden Vorurteile und Parolen gewählt, die von den Kooperationspartner_innen als typische Beispiele für die jeweiligen Kategorien Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wahrgenommen werden. Die zugehörigen Argumentationsvorschläge sind Antwortmöglichkeiten, die aus Sicht der Betroffenen wünschenswert erscheinen.

Da wir uns durchaus bewusst sind, dass auch Menschen mit vermutetem Migrationshintergrund Vorurteile haben und diese in Form von Stammtischparolen äußern können, wird dies im Spiel der App aufgegriffen. 

Abschließend möchte ich noch kurz auf die von Ihnen angesprochenen vermeintlichen Leerstellen eingehen. Dass wir keine Parolen zur Wirtschaftsform oder zu Großkonzernen aufgenommen haben, hängt mit dem oben erwähnten Bezugsrahmen GMF zusammen. Der Bezugsrahmen „unser Gesellschaftssystem“ ist etwas zu schwammig. Würde etwa auch die Ablehnung der EU „unserem Gesellschaftssystem“ widersprechen? Weiter gehen wir davon aus, dass die von uns gesammelten Parolen in allen gesellschaftlichen Bereichen und Strömungen vorkommen können. Die Vorurteilskategorie Antisemitismus ist ein gutes Beispiel. In den von der Amadeu Antonio Stiftung beigetragenen Parolen zu Antisemitismus wird in zwei von fünf Parolen israelbezogener Antisemitismus thematisiert. Gerade diese Form des Antisemitismus wird auch von Menschen, die sich selbst als Links verorten, vertreten. Eine Unterscheidung in „linken“, „rechten“ oder „muslimischen“ Antisemitismus erscheint hier hinfällig, wenn doch das Ziel darin besteht immer einzuschreiten, wenn Stammtischparolen – egal von wem – geäußert werden.

Mit freundlichen Grüßen

Rieb

Niedersächsische Landeszentrale 
für politische Bildung
Georgsplatz 18/19
30159 Hannover
Tel: 0511 120-7505
E-Mail: konterbunt@lpb.niedersachsen.de
Web: www.demokratie.niedersachsen.de 

Guten Tag, 

vielen Dank für die ausführliche Antwort, die meine Fragen leider kaum beantwortet. Im Nachgang möchte ich auf die wichtigsten Themen eingehen.

Sie schreiben zwar viele Silben zum Thema „Stammtischparole“, beantworten aber nicht meine Frage, woher die Adjektive stammen. Sie schildern lediglich, dass Sie diese von Herrn Hufer, wer immer das ist, herhaben. Woher hat er die Adjektive? Gab es hierbei quantitative Erhebungen, wie lauteten seine Fragestellungen, wie traf er die Auswahl der Probanden? Sie merken, ich wiederhole mich.

Weiter schreiben Sie, das „Kartoffel“ nicht rassistisch sei. In vielen Schulhöfen ist die „Kartoffel“, sprich das deutsche Kind, bereits Minderheit und das Machtgefälle hierbei, was Sie ja als Voraussetzung sehen, ist ganz klar vorhanden. Eben aus diesem Kontext ist der Begriff zu sehen und entsprechend passt dieser sehr gut in das Konzept der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Hier ist nicht immer alles schwarz/weiß. Hierbei empfehle ich die Ausführungen des Psychologen Ahmad Mansour, ein herausragender Kenner dieser Materie; einer der weniger im Elfenbeintunnel die Welt beschreibt, sondern die Situation vor Ort erlebt.

Weiter führen Sie die Aussage „Flüchtlinge und Migranten haben eine ganz andere Kultur, die nicht hierher passt.“ als Beispiel, so interpretiere ich Ihre Worte, für Rassismus bzw. gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, wie Sie es nennen. Da muss ich mich doch wundern.  Die Aussage ist pauschal und ungefähr so wahr, wie das Gegenteil davon. Natürlich haben die meisten Migranten eine andere kulturelle Prägung. Der eine hat größere Probleme, der andere weniger. Dass es Anpassungsschwierigkeiten gibt, darüber herrscht eigentlich Einigkeit. Zur Wahrheit gehört auch, dass es Gruppen von Migranten gibt, die größere Probleme haben, als andere. In den 70zigern kamen einige Boatpople aus dem Vietnam nach Europa, die praktisch „lautlos“ in Deutschland leben. Während sich die Eltern nach der Decke streckten, damit das Leben funktioniert, sprechen die Kinder akzentfreies Deutsch und übertreffen die Einheimischen in der Schule. Die Enkel der Einwanderer bezeichnen sich in aller Regel bereits als Deutsche. Ein Umstand, dem die allermeisten Araber und Türken fremd ist.
Diese Aussage ist mitnichten rassistisch. Sie ist allenfalls ungenau und pauschal. Wo das Machtgefälle in diesem Satz steckt, wissen vielleicht Sie oder die Hasen, ich aber nicht. Die Aussage hat de facto keinen Machtanspruch und ist daher laut ihrer Definition nicht rassistisch. 
Gestatten Sie mir eine Anmerkung. Sie tun echten Flüchtlingen, die vor Krieg und Verfolgung keinen Gefallen, wenn Sie diese mit Migranten, die aus wirtschaftlichen Gründen ihr Land verlassen, in einen Topf werfen. Im Zuge dessen ist die Vokabel „sehr schwache Minderheit“ recht deplatziert. Denn erstens kenne ich keine Gruppe, die so unterstützt wird, wie die seit 2015 Kommenden und zweitens ist die Gruppe zahlenmäßig so groß, dass man kaum von „sehr schwach“ reden kann. Und drittens findet kaum eine Randgruppe eine solche Aufmerksamkeit medialer und politischer Seite. Ich als Mitglied einer etwas anderen Minderheit muss über solche Aussagen eher schmunzeln. Ich glaube, hier wird ein Opfermythos erzählt, um die eigene politische Existenz zu rechtfertigen. 
Unbeantwortet bleiben meine Anmerkungen, wo sich linker oder muslimischer Antisemitismus in der App widerspiegeln. Auch klar arabisch/islamisch geprägte Schwulenfeindlichkeit sparen Sie aus, obwohl Sie wissen, dass Vorurteile gegenüber Homos, aber auch Juden in diesen Ländern besonders hoch sind. Warum nur sparen Sie das aus? 
Sie schreiben, dass die Unterscheidung zwischen den verschiedenen Antisemitismen oder Rassismen unerheblich sei, da alle Arten gleichermaßen zu verurteilen sind. Das ist eine Binsenweisheit, die am Kern vorbeigeht. Denn es gibt klare Unterschiede, aufgrund der kulturellen Prägung Differenzen in der Art und Weise der „Parolen“. Ist zb. Der Antisemitismus aus islamischen Ländern in aller Regel religiös begründet, erstreckt sich der Antisemitismus Deutscher eher in einer cruden Israelfixierung, die bis in die Verschwörungstheorien reicht. Hier und bei den oben genannten Punkten liefert die App keine Lösungen. 
Aufgrund der Punkte und Ihrer Antworten halte ich diese App für sinnlos. Sie spart die heißen Eisen aus, wie der Rassismus, Antisemitismus oder die Schwulenfeindlichkeit von Migranten. Sie macht, das haben Sie eindrücklich beschrieben, alle Migranten zu Opfer. Durch diesen Mythos legitimieren Sie Ihre Arbeit, der nichts weiter als politisches Aktivismus ist. Bezahlt, das sei am Ende nicht vergessen, direkt oder indirekt aus Steuermitteln, also
von uns allen. Schade, dass Sie die Scheuklappen aufhaben und lediglich ein Teil der Probleme angehen. 

Es grüßt Sie herzlich 

Julian Marius Plutz

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