Du sollst nicht gleichsetzen – warum man rechte Gewalt höher bewerten sollte

Es folgt eine Antwort auf meinem Beitrag Das linke Problem – Die Mär von der Gewalt von Gut und Böse von Tobias Sammer

Haben Sie schon mal einen Blogautor auf einem sozialen Netzwerk so genervt, dass er ihnen einen Gastbeitrag gegeben hat? Nein? Ich schon, deshalb müssen Sie, obwohl ich lange gezögert habe, hier jetzt durch. 

Am 12. November erhob sich Julian zu Sherlock Holmes und degradierte mich zu Lestrade. Es hätte ja wenigstens Watson sein können, aber nein, es wurde der Inspektor. Worum geht es? Ausgelöst durch die Ereignisse in Leipzig, oder nennen wir das Kind beim Namen, den Straftaten in Leipzig, empörte sich Julian über das, seiner Ansicht nach, donnernde Schweigen der Berichterstattung und derjenigen die er als sonst so laut- und meinungsstark empfindet, wenn es um rechte Gewalt geht. „How dare you?“, fragte er und ließ die Chance verstreichen zu fragen: „Was erlaube Strunz?“ Dabei sollte man diese Frage viel öfter stellen, denn die legendäre Pressekonferenz von Giovanni Trapattoni hebt fast immer jede noch so angespannte Stimmung. Wieso man nicht vergleichen darf zwischen linkem und rechtem Extremismus, denn beide sind des Teufels, will er wissen. Er postuliert das 11. Gebot „Du sollst nicht vergleichen“ und verstößt sogleich dagegen, als selbstermächtigter „geistiger Brandstifter“. 

Liest man den Artikel, so hat man den Eindruck, dass der schwarze Block Leipzig überrollt, und alle bis auf Julian in die andere Richtung schauen. Und genau hier liegt mein Problem. Nicht darin, dass man nicht berichten darf, sich nicht empören darf. Die Forderung, dass man linke Gewalt in der Berichterstattung und in der gesellschaftlichen Diskussion mit gleicher Intensität behandeln sollte wie rechte Gewalt, halte ich für falsch. Nochmal: ich sage nicht, dass man nicht über linke Gewalt berichten soll! Über gesellschaftlich relevante Straftaten muss berichtet werden. Ich sage, dass die Forderung nach einer gleichwertigen gesellschaftlichen Diskussion über Extremismus im allgemeinen, und linken im speziellen, verglichen mit rechtem Extremismus ein verzerrtes Weltbild erzeugt. Eine sogenannte „False Balance“, holprig übersetzt eine „falsches Gleichgewicht“. 

Dazu hole ich etwas aus. Ist Ihnen bewusst, dass es Menschen gibt, die glauben, dass die Erde eine Scheibe ist? Laden Sie doch einen davon ein, holen noch einen Geologen dazu und lassen die beiden diskutieren, denn beide Seiten sollten gehört werden. Das machen Sie natürlich nicht. Sie wissen ja, dass die Menschheit schon lange wissenschaftlich belegt hat, dass die Erde (in einer guten Approximation) eine Kugel ist. Wir haben sogar Fotos davon.  Genauso sollte niemand auf die Idee kommen einen Homöopathen und einen Pharmazeuten regelmäßig ausfechten zu lassen, ob Zuckerkügelchen Medizin sind, einen Impfgegner und einen Arzt ständig über eine widerlegte Autismus Studie debattieren zu lassen, oder einen Leugner des anthropogenen Klimawandels und einen Klimawissenschaftler darüber streiten zu lassen, ob und warum die globale Durchschnittstemperatur steigt. Wann immer das geschieht, läuft man Gefahr beim Publikum der Diskussion den Eindruck zu erwecken, es handle sich um gleichwertige Standpunkte. Man erzeugt also ein falsches Gleichgewicht. 

Schauen wir also auf die Daten zu politisch motivierter Kriminalität in Deutschland. Da ich kein Verschwörungstheoretiker bin, halte ich das Bundesinnenministerium für eine vertrauenswürdige Quelle. Noch dazu handelt es sich um eine Institution, der man – denke ich – nicht vorwerfen kann „auf dem linken Auge“ blind zu sein. Der im Mai 2019 veröffentlichte Bericht und die ergänzenden Aufschlüsselungen bilden den Datensatz meiner Analyse Eine Schwachstelle der Daten ist, dass es sich um eine „Eingangsstatistik“ handelt, die Kategorie also bereits am Beginn des Verfahrens zugeordnet wird. Die Unterschiede, die ich gleich zeigen werde, sind meiner Meinung nach aber so gravierend, dass eine Analyse durchaus möglich ist. Im Jahr 2018 wurden 36 062 Straftaten aus dem Bereich der politisch motivierten Kriminalität (PMK) registriert. Dabei sind 20 431 Taten der Kategorie PMK -rechts- zugeordnet während auf PMK -links- 7 961 entfallen. Schaue ich mir die Themenfelder an, die für meine Bewertung ausschlaggebend sind, so ergibt sich folgendes Bild: Bei Körperverletzung zeigen sich 1000 Straftaten von rechts gegenüber 507 von links. Bei Nötigung und Bedrohung sind es 404 rechte Taten gegenüber 139 linken. Bei Sachbeschädigung verhält es sich genau andersherum. Hier stehen 3 761 Taten aus dem linken Spektrum 1 070 Taten von rechts gegenüber. Beim Tatbestand der Volksverhetzung sind es dann wieder 2 794 in der Kategorie PMK -rechts- gegenüber 15 Fällen in PMK -links-. 

Nun komme ich zu meiner persönlichen Bewertung, denn die bleibt nie aus. Für mich sind Taten gegen Personen durch körperliche und psychische Gewalt viel schwerwiegender als Gewalt gegen Dinge. Und hier ist der politische rechte Extremismus im Feld der Körperverletzung (doppelt so viele), der Nötigung und Bedrohung (knapp dreimal so viele) und im Tatbestand der Volksverhetzung (186-mal so viele) einfach die viel größere Gefahr. Ich finde also, durch eine Gleichsetzung von links und rechts Extremismus suggeriert man ein Gleichgewicht im Ausmaß der Taten, die sich nicht in den Daten finden lassen. 

Verstehen Sie mich nicht falsch. Während ich Ihnen mit extrem hoher Gewissheit sagen kann, dass die Erde rund und nicht flach ist und die Wirkung von homöopathischen Präparten nicht über den Placeboeffekt hinaus existiert, so existiert natürlich linksextremistische Gewalt. Genauso gebietet es die Menschlichkeit Gewalttaten zu verabscheuen und zu verurteilen. Etwas das man nicht häufig und nicht laut genug sagen kann! Tritt man jedoch von den einzelnen Fällen zurück und strebt eine Betrachtung von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen an, so muss man, so schwer es manchmal fällt, eben auch die Ausmaße berücksichtigen. Du darfst also sehr wohl vergleichen lieber Julian, aber: Du sollst nicht Gleichsetzen. 

Wenn Sie bis hierher gelesen haben, ohne dass Ihnen alle Adern geplatzt sind, dann möchte ich Ihnen noch etwas empfehlen. Reden Sie mal wieder mit Leuten, die anderer Meinung sind als Sie selbst und zwar länger als 280 Zeichen. Besser noch hören Sie zu und versuchen Sie ihren Gegenüber unvoreingenommen nachzuvollziehen. Vielleicht lernen Sie etwas. Etwas über sich, über ihren Standpunkt, über die Welt, über ihren Gegenüber. Vielleicht finden Sie Gemeinsamkeiten, neue Freunde oder alte wieder. Bei mir ist das regelmäßig so, und ich habe sogar meistens auch noch Spaß dabei! 

 

Die Einladung als Gastautor mit meiner persönlichen Meinung einen weiteren Blickwinkel zur Diskussion beizutragen, habe ich nach einigem Zögern gerne angenommen. Ich möchte aber betonen, dass ich für andere Inhalte der Seite nicht verantwortlich bin und die Meinungen nicht notwendigerweise teile.

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