Das Leben des Kurt – Ein Plädoyer für den produktiven Menschen

Ein Freund ist ein Mensch, der dich jederzeit Arschloch nennen darf – außer während der Arbeitszeit.

Ich habe einen Freund. Nennen wir ihn Kurt. Kurt arbeitet heute in seiner Profession in einem für die Branche renommierten Unternehmen. Er verdient angemessen, für das Pensum, das er erfüllt, sicher nicht zu viel. Trotzdem ist er nach seiner ersten Lohnerhöhung bereits so einkommensreich, dass er den Spitzensteuersatz zahlen muss. Jetzt haben Sie so eine Vorstellung von Kurts Gehalt und wenn nicht, verdienen sie weit weniger oder entsetzlich mehr. Weniger, weil sie den Steuersatz nicht kennen oder zu viel, weil es ihnen dieser völlig egal ist.

Und wenn ich Ihnen jetzt noch sage, dass Kurt an einer Erkrankung leidet, dessen Symptome sich durchaus mit einer ausgewachsenen Lernstörung messen lassen können und daher nicht nur sein Studium in einen Kampf verwandelte, sondern manchmal auch sein jetziges Arbeitsleben, nur irgendwie anders, irgendwie weniger Zeit und mehr Geld, dann möchte ich nicht an Ihre Befindlichkeit appellieren. Ich möchte mit Geschichten, vielleicht nicht aus dem Paulanergarten, sicher jedoch aus dem Leben, zeigen, was so da draußen ist. Jenseits der bekannten Kreise, meine ich. Man bewegt sich doch selten außerhalb dieser. Ich doch auch.

Wenn es einen Satz gibt, der die große Chance, den Liberalismus, emotional macht, dann dieser: „Jeder Mensch ist möglich.“ Und auch der Kurt ist möglich, mit seinen gar nicht lieblichen Fehlern, die mich früher oft, heute selten, so dermaßen in Rage versetzt haben, dass ich auflegen musste. Oder den Raum verlassen musste. Hatte alles seine Zeit. Und wenn Sie jetzt denken, ich beschreibe gerade mich selbst, muss ich sagen, nein. Das tu ich eh die meiste Zeit. Wie Sascha Lobo, Jakob Augstein oder Georg Diez. Freilich besser, dafür ganz ohne Hybris, hehe.

Zurück zum Kurt, der bereits in seinem ersten Arbeitsjahr Spitzensteuersatz zahlen darf. Sie haben natürlich recht. Das spricht auch für ihn, dass er „so viel“ verdient. Keine Frage und das kann auch nicht jeder von sich behaupten. Aber noch mal: Nicht jeder hat dieses Pensum zu meistern. Ich möchte auch keinen Zahlenblog schreiben, aber nur mal so: Es ist möglich, neben 50% Steuern und Sozialabgaben, die das Einkommen dezimieren, dass der Staat mit Gebühren und Abgaben zwischen 60% und 80% Ihres Gehalt einheimst. Mit Befehl und Gehorsam. Folgt Kurt nicht, würde die Polizei seine Wohnungstür aufbrechen und den Laptop mitnehmen.Von 4000 Euro Einkommen können 1200 oder gar weniger übrig bleiben. Und das ist weder Essen, noch Miete bezahlt. Das ist fast Grundsicherung.

Ein wahres Argument in dem Kontext habe ich vom Kurt. Der meinte, er kriegt zwar regelmäßig einen Hals, wenn Kühnert, Stegner oder Baerbock, oder wer auch immer höhere Steuern fordert. Das abenteuerliche daran ist, dass das Leute tun, die gar keine Steuern zahlen. Denn wie funktioniert das, bitteschön, wenn man sein Geld vom Staat bekommt und dann dem Staat sein eigenes Geld gibt? Ok, man kann das symbolisch sehen. Oder man sagt, es ist „Rechte Tasche – Linke Tasche“, wenn der Staat bei einem nicht immer, aber immer öfter leistungsfernen Beruf nicht nur willkürlich den Verdienst festlegt, er dann auch noch vom eigenen Geld Steuern und Gebühren einfordert.

Oder anders gesehen: Meinetwegen hat ein Staatsangestellter, die Last, Steuern oder Abgaben abzuführen. Die Last, diese zu tragen, also de facto dafür aufzukommen, hat er nicht, kann er gar nicht haben, weil er kein eigenes Einkommen hat. Er ist auf die Produktivität anderer angewiesen, wie die Produktivität von Kurt, damit sie überhaupt einen einzigen Cent bekommt. Und während der eine oder andere in Bullshit Jobs sitzt und jeden Tag noch mehr davon erschafft und dabei die Chuzpè aufbringt, den Leuten, die gerade sein verdammtes Bier finanzieren, noch mehr zu schröpfen, kommt Kurt um 19:00 Uhr nach Hause. Fertig, ist er. Und die Bullshitter sitzen beim dritten Kaltgetränk.

Wenn vielleicht Sie für den Staat arbeiten, denken Sie einmal an Leute wie Kurt. Er ist deswegen nicht besser und Sie nicht schlechter. Doch machen Sie sich eines klar: Er finanziert Sie. Dafür bekommt er möglicherweise Ihre Obhut, als Lehrer oder garstigen Mitarbeiter bei der KFZ Stelle, als Polizist, der hilft, oder auch mal nicht. Das einzige, was ich möchte, ist, dass Sie das nächste mal an Kurt denken, wenn Sie am Stammtisch der Staatsangestellten Profit verteufeln, einen 12 Euro Mindestlohn fordern, gegen „die Wirtschaft“ wettern und den Spitzensteuersatz auf 53% erhöhen möchten.

Kurt dankt es Ihnen.

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