Mein Anfang vom Ende – Über die Bayern, Dietmar Hopp und diese Tradition

Ich bin Bayernfan.

Damit habe ich schon wenigstens 50% der Leserschaft gegen mich. Und ich versteh‘s. Ne, ehrlich, der FCB tut wirklich viel, unfassbar unsympathisch zu wirken. Da wäre der cholerische Langzeitchef mit höchster Geber-, und geringster Nehmerqualität. Hoeneß, eine beleidigte Leberwurst vor dem Herren hat sicher auch seine guten, humanistischen Seiten. Sympathie gehört jedoch nicht zu seinen Softskills. Und wenn dann zwei ausgewachsene Geschäftsleute bei etwas Kritik mit dem dem Grundgesetz wedeln, genauer gesagt Artikel 1 und die Würde des Menschen, dann ist das für mich als einigermaßen vernunftbegabten Bayernfan nur noch peinlich.

Gut, der Stöhneß , äh Hoeneß ist nun weg. Aber auch das übrige Führungsensemble strotzt vor Antipathien und Bad Vibrations. Doch am meisten stört mich ihr Sponsoring mit Qatar, ein frauen- wie schwulenfeindliches Gottesregime, das gegen alles steht, was eine liberale Gesellschaft ausmacht. Seit bestimmt zwei Jahren denke ich daran, mich von meinem Verein loszusagen. Aber am End‘ da überwiegte die Emotion für das tolle Spiel. Aber ja, es macht mir immer weniger Spaß.

Und wenn dann noch Bayernfans Dietmar Hopp, Hoffenheims Gönner, aufs übelste schmähen, ein Mann, der in einem Monat mehr gesellschaftliches Engagement an den Tag legt, wie der gesamte Bayernblock nebst Verwandtschaft im ganzen Leben, dann regt mich das nur noch auf. Was für eine Schande ist das denn bitte, jemanden Tod sehen zu wollen, der einem nichts, aber gar nichts getan hat? Wo ist da Artikel 1 des Grundgesetzes? Immerhin haben die Chefes gut reagiert.

Das Phänomen ist nicht neu. Laut Hoffenheims Präsident wird Hopp seit 2008 so geschmäht. Was sich geändert hat, ist der Umgang des Schiedsrichter mit solchen Plakaten. Nach dreimaliger Aufforderung, das Plakat zu entfernen, wird das Spiel abgebrochen. Und das hätte nicht nur, aber eben auch in Sinsheim passieren müssen. Was für randlose Arschlöcher müssen das sein, wie maximal wollen sie Hopp, Hoffenheim, aber auch ihren eigenen Verein schaden?

Für die medial hochgelobten Geste beider Teams, dass sie sich in den letzten Minuten den Ball gegenseitig zupassten, gibt es ein Wort: Gratismut. Hoffenheim hatte beim Stand 0:6 gegen sich nix zu verlieren, Bayern dagegen nix mehr zu gewinnen. Wäre das Spiel zu dem Zeitpunkt auf der Kippe gestanden, sähen wir sicherlich ganz andere Szenen. So konnte ich mit der Geste nach anfänglichen Verständnis inzwischen wenig anfangen.

Der Hass und Neid auf Hoffenheim und Leipzig hat Tradition. Denn genau darum geht es den Schmähern: Um Tradition. Da beide Vereine nicht auf eine lange Geschichte blicken können, sind sie für manche per se weniger wert. Vor einiger Zeit diskutierte ich mit zwei Nürnberg Fans, ein Verein, dessen Tradition in den letzen Jahren vor allem im Fahrstuhlgewerbe angesiedelt war. Aber immerhin Tradition. Die sahen das genauso. Keine Tradition ist irgendwie schlecht.

Verstehen Sie mich richtig. Ich habe „ale ale ale ale eh BVB, Hurensöööööhne“ zwar nie mitgegröhlt und finde das im Fanchor zwar recht daneben, aber es ist noch im Rahmen, weil es nicht gegen eine Person geht, sondern gegen ein Fankollektiv. Dietmar Hopp ist kein Verein, er vielleicht der Geldgeber. Vor allem aber ist er Mensch und für Individuen gelten sensiblere Rechte.

Ich versuchte sodann, den Begriff Tradition als keinen grundsätzlich positiv konnotierten Begriff zu erklären. Denn die erwähnte Auf-und Absstiegkultur des FCN ist zwar irgendwie traditionell, aber wenigstens für die Fans nicht erfreulich. Europa hat eine felsenfeste antisemitische Tradtition, trotzdem war die Zeit eher nicht so cool. Für die Juden. Tradition ist kein Wert, es ist eine Zustandsbeschreibung über einen gewissen, wenigstens längeren Zeitraum. Der kann ganz toll sein, mittelmäßig oder schrecklich.

Vor allem aber ist er kein Grund, einen Verein herabzusetzen, bloß weil er etwas jünger ist, als der ehrenrührige FCN oder B oder K oder welcher auch immer. Und wenn Hopp oder der Mateschitz bei RB Leipzig investiert, übrigens mit extrem langem Atem über Jahrzehnte, dann ist das eine gute Idee, mindestens für den Nichtbayernfan. Denn RB hat es geschafft, dass die Bundesliga wieder spannender wird, was sogenannte Traditionsvereine seit Jahren nicht mehr hinkriegen. Ich prophezeie: Der nächste Bundesligsmeister heißt, wenn nicht Bayern, RB Leipzig.

Ob ich in einem Jahr noch Anhänger bin dieses Vereins, ich weiß es nicht. Die Lust singt, wegen Führung, wegen Qatar und solcher ekelhaften Fanaktionen. Die Leichtigkeit geht verloren, für die doch schönste Nebensache der Welt stehen sollte. Und wenn ich beim nächsten mal bei HoWe, Hoeneßs Wurstfabrik, zufällig den Uli treffe, möchte ich ihm genau das gerne sagen.

Doch dazu wird es nicht kommen, hat er doch das Geschäft längst an seinen Sohn abgegeben.

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