Julians Coronatagebuch. Teil 1

Ich schreibe diesen Blog und überhaupt schreibe ich während klassische Musik läuft. Nicht, weil ich so unfassbar intellektuell und kultiviert bin, sicher nicht, sondern weil es mich konzentrierter denken lässt. Und so beginne ich mich gerade unglaublich aufzuregen, ohne eine einzige Zeile geschrieben zu haben. Ja! Denn auf verdammtnochma’ jedem Klassik Radiosender hört man gerade alles, wirklich alles und jedem Kram. Außer Musik. Da redet eine Frau, da lacht ein Kind, da sinniert ein Mann. Beim neunten Sender dann, oh Wunder, endlich Streichmusik. Ich freue mich und fange an, zu schreiben. Doch der Elan endete jäh, denn das Stück dauert genau 28 Sekunden, bis eine wahnsinnig intensiv klingende Herrensrimme raunt: „Sie waren Romantiker! Waren Rebellen und sie waren Zauberer der Musik.“ – Und die Redaktion hatte und hat den Arsch offen. Mein Druck steigt.

Eigentlich wollte ich gut gelaunt über die Vorzüge der quasi Quarantäne in Zeiten Coronas schreiben. Doch die Laune ist im Keller, nachdem ich während des ersten Absatz noch drei mal den Sender wechseln musste, weil immer irgendein Vollidiot dazwischenquatschen musste, wie die Navi-Tante im Auto ins Lieblingshörspiel an der spannendsten Stelle „demnächst links halten und auf die A3 Richtung Frankfurt dann rechts halten“ hineinblöckt. Da ist Laune im Keller, die Aggression auf dem Weg zum Dachstuhl und aufgrund der Rage habe ich mich längst verfahren in Richtung A-Leckmichfett, Ausfahrt „Kackhausen“.

Vorzüge, Corona. Steile Überleitung, ja, doch sie geht. Zumindest bei einigen Leitmedien. Wenn ich so in den hiesigen Zeitungen lese, was die Kommentatoren so schreiben, welche Vorzüge dieses Corona und Trallala so haben, so denke ich mir einen Satz, den Satz des Tages, der Wochen, ach, der Jahre: „Gehts eigentlich noch?“ Ja, im Ernst! Gehts eigentlich noch? Da schreibt einer bei beim SPIEGEL, genauso das gleiche, wie eine bei SZ oder einer oder eine oder eines bei WELT. Alle sind sich einig. Sogar der Steingart schließt sich im Morning Briefing in seiner „hach wie bin ich heute positiv“ Stimme an: Der Shutdown ist auch eine Chance, zu entschleunigen und in sich zu kehren und mal so richtig zu sich zu kommen. Wie erwähnt: Gehts eigentlich noch?! I‘ hab Kammerflattern.

Zum ersten: Wenn ich entschleunigen will, dann mache ich das, wann ich es will. Dann schaue ich „in aller Freundschaft“, umarme Bäume im Wald oder besorge mir Valium. Dazu brauch‘ ich niemanden und am wenigsten einen Virus. Was ist das denn für eine Logik? Das ist wie bei diesen Granatendenkern, die bei Funklöchern sowas von sich geben: „Aja, ma‘ muss ja a net immer uffs Handy gugge‘, kamma ja a‘ mal sei lass‘“. Ja, Herr Dings, der das grad gesagt hat, man kann vieles. Denken, zum Beispiel. Oder einfach selber entscheiden, wann man auf das Handy glotzt, oder nicht? Vielleicht brauchen Sie, lieber Herr Dings, eine lückenhafte Netzabdeckung, weil sie zu doof sind, normal mit ihrem Smartphone umzugehen. Ich krieg‘ das noch selber hin.

Zum zweiten ist dieses „hach, dank Corona entschleunigen wir jetzt“ natürlich eine geile Aussage für 34 Jährige, alerte Journalisten, die nun mal zwei Wochen noch mehr sinnlose Netflix Serien bingen (Anm. Redaktion (hehe, ich halt): Bingen heißt, wenn man hemmungslos Serien o.ä. im Internet schaut und gar nicht mehr aufhört) und die sowieso fast nur von zu Hause aus arbeiten. Läuft bei euch. Aber für den Rentner, der jetzt seine Enkel oder für die Eltern, die ihre Kinder nicht mehr sehen können und nicht mit Skype, Discort, WhatsApp, Snapchat, FaceTime und Pornohub, halt ne, das nicht, aufgewachsen sind, ist das nicht so super entschleunigt. Und für die Kinder, die wenigstens die nächsten Wochen keine Freunde treffen können, auch nicht. Und, mit Verlaub: Ich selbst fühl‘ mich auch nicht tiefenentspannt, weil entschleunigt, eher angespannt, weil eingeschränkt.

Ich wollt‘ doch etwas positives schreiben. Hm. Ach ja, ich habe meine Ablage abgearbeitet im Büro. Und ich habe vor einigen Tagen einen wildfremden Typen etwa in meinem Alter zufällig auf Nürnbergs Straßen getroffen, der mich fragte, wie es mir geht und das wir jetzt alle zusammenhalten sollen. Einfach so sprach der mich an und sagte echt kluge, schöne Sachen. Das gab mir mehr Zuversicht, als der siebte „lasst uns entschleunigen“ Artikel.

Inzwischen bin ich auf YouTube umgestiegen, da kommen ganze Konzerte ohne Unterbrechung. Hätten wir das auch geklärt.

Ein Kommentar zu „Julians Coronatagebuch. Teil 1

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