Julians Coronatagebuch Teil 2

In Zeiten der Krise ändert sich auch das Konsumverhalten. Klar. Nachdem alles andere geschlossen hatte, entdeckten gewisse, ich sag’ es wertfrei, Individuen Baumärkte und Gartencenter als den neuen heißen Scheiß und rannten wie die Bekloppten zu Obi und Co. Ich bin zwar auch bisweilen nicht so schlau, aber so doof dann doch nicht. Wobei ich mich ertappte zu überlegen, zur Bahnhofsbuchhandlung zu pilgern. Keine Sorge, habe ich nicht gemacht.

Mein verändertes Konsumieren drückt sich aus im Visuellen. So entdeckte ich auf einem Streamingdienst eine Dokuserie über R. Kelly. Nicht, dass ich Fan wäre, aber selbst eine schlechte Musikerdokus über schlechte Musiker ist immer noch sehenswert. Dachte ich zumindest. Die war aber so grottenschlecht gemacht, dramaturgisch etwa zu vergleichen mit einem Porno, bei dem verschiedene Filme zusammengeschnitten sind – allerdings nur die letzen drei Minuten.

Will sagen (einer der zahllosen grässlichen Floskeln von Sascha Lobo. „Will sagen“. -„Ja sag halt, verdammtnochma!“), dass alle paar Minuten irgendein unfassbarer Skandal wartete, der unsagbar tragisch war und in meinem Bild zu bleiben, als vorläufigen Höhepunkt stilisiert wurde. Das ganze wiederholte sich im fünf Minuten Takt. Gut, nach der dritten 14 Jährigen, mit der der Sänger Sex hatte, weiß man ungefär, wie der sechste oder neunte Skandal ausgeht. Richtig, er hatte Sex mit 14 Jährigen! Wie auch immer, ich schaute das mit abwechselnder Be- und Entgeisterung, garniert mit einer ausgewachsenen Müdigkeit, ausgewachsener zumindest als die meisten Sexpartner von R.Kelly. Vor allem zwei Dinge sind mir dabei aufgefallen.

Erstens: Was für ein greisliche Musik ist RnB? Sorry, für alle Fans und ja, bestimmt war das für die Emanzipation der Schwarzen wichtig. Aber bitte, die Musik geht gar nicht! Irgendwelche ranzigen Gospels werden massentauglich in eine von Schmieröl nur so triefenden Beat gezwängt. Dazu singt jemand, in dem Fall Robert Kelly sowas von schmalzig, dass Frank Sinatra dagegen wie eine Hard Rock Legende daherkommt. Das ganze in einem Video, wo jedesmal die halbe Familie mitspielt, die wiederum vor einem Auto im Nebel steht und wohl eine Panne hat. Wobei sich die Frage stellt, wie sieben Leute in einen Fünfsitzer passen. Aber ok. Die Familie im Nebel vor dem Auto mit der Panne, in das sie gar nicht alle Platz finden, glotzen in die Kamera, singen oder schnippen oder klatschen zum Beat: „Halleluja, wir haben eine Panne! Only god can judge me. When does the ADAC arrive?“

Zweitens: Dass der R. Kelly eine Drecksau ist, ein Straftäter, da sind wir uns einig. Aber wie bekloppt waren denn die Eltern? Es wurden mehrere Mütter und Väter gezeigt, die ihre teilweise 13 Jährige Tochter über Tage bei ihm parkten, obwohl sie ihn gar nicht kannten. Sie waren einfach Fans. Und dann kommt die Produktionsfirma und wedelt mit den Dollarscheinen, damit sie tränenreich in die Kamera ihren zauberhaften Satz sagen können: „I had no idea!“

Ich habe aber auch ganz gute Dokus gesehen. Über Colonia Dignidad, eine Sekte, die thematisch gar nicht so weit weg ist von R.Kelly. Oder über diesen Kronprinz von Saudi-Arabien. Die Tage gehen schon rum und morgen bin ich wieder, Achtung epische Aussage, Teil der Grundversorgung.

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