Mein Coronatagebuch – Teil 6 – Ich bin Grundversorgung

Im Auge des Sturms ist es so wie im Tunnel. Man sieht rechts und links recht wenig und nach vorne wird es länger und länger und scheint nicht mehr aufzuhören. Und jenseits des Orkans bzw. des Tunnels bekommt man wenig mit. So bin ich Grundversorgung, also nicht ich persönlich, sondern meine Arbeit. Ja, klingt erhebend und maximal bedeutend und während Sie diese Sätze lesen, ist es durchaus angebracht, aufgrund der Epik den Wallkürenritt zu hören.

Der Hintergrund ist ernst. Wir stellen Personal für Unternehmen, die Lebensmittel herstellen. Eben Grundversorgung. Während weite Teile der Wirtschaft gerade den Bach runtergehen und einer Krise bevorstehen, von der viele gar nichts ahnen, boomen die Lebensmittelhersteller, zumindest im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Wer arbeiten kann und will, der wird Arbeit finden und tut der Gesellschaft etwas wirklich gutes. Sie, die Produktionsmitarbeiter, die Kassierer, die Kommissionierer, die Disponenten, die Personaler, aber auch die Krankenschwestern und Pfleger, die Laboranten, die Ärzte, Apotheker, die Fahrer, die die Laborproben abholen und zur Untersuchung fahren und sich damit echten Risiken aussetzen, sie alle und noch viel mehr, sind die Helden dieser Tage.

Das Chaos ist an jeder Ecke meines Alltags zu spüren. So müssen Mitarbeiter, die mit Lebensmitteln arbeiten, eine Gesundheitsbelehrung nach dem Infektionsschutzgesetzes vorweisen. Diese Belehrung ist schwer sinnlos. Man bekommt ein Blatt in die Hand, muss es durchlesen (oder auch nicht) und unterschreiben. Für das Gesundheitsamt ist es prima, denn es verdient pro Nase 20€. Wehe dem, der mehr als einen Riechkolben hat.

Die Gesundheitsämter haben jedoch geschlossen, weil Corona – klar. Und die wenigen niedergelassenen Ärzte, die die Belehrung anbieten, kümmern sich verständlicherweise um aktue Fälle. So sind wir aber Grundversorgung, also auch nicht ganz unwichtig, denn Brot und Wurst braucht ja fast ein jeder. Ergo sind Einstellungen zum gegenwärtigen Zeitpunkt sehr schwierig, da wir lediglich einen Arzt aufgetan haben, der die Belehrungen noch ausstellt. Und der ist – oh Wunder – überlastet. Immerhin, auch mal ein Lob an die Behörde, läuft das Verlängern der Aufenthaltstitel, was am Anfang zu Kündigungen geführt hat, inzwischen Online reibungslos.

Und so bin ich froh, wenn ich am Abend zur Ruhe komme und „in aller Freundschaft“ oder eine Doku schaue. Mein heutiger Tipp ist Der „Schwulen-Paragraf“, in der gezeigt wird, wie es eben war, als Homosexualität unter Strafe stand. 1994 wurden in Deutschland noch 44 Homos verurteilt, weil sie so waren wie sie waren. Ein Wahnsinn, diese Zahl allein. In dem Film kommen neben Betroffene auch Richter vor, die die Urteile fällten. Nicht empfehlen kann ich dagegen die inzwischen routinierten und ideenlosen Talkrunden, die nur ein Thema kennen. So etwas unkreatives, so ein fader Journalismus ist eigentlich kaum zu fassen.

Die öffentlichen Verkehrsmittel fahren nun noch weniger, als ohnehin schon, teilte die VGN heute morgen mit. Schön kurzfristig, damit auch die meisten Mitarbeiter ja zu spät kommen. Es ist eine Prüfung, sagt Oberprotestant Betford-Dings. Na gut, dann hoffe ich mal, dass es sich um keine Matheklausur handelt.

 

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