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Der Zeitgeist will schwarze Opfer – Schwule Tote stören nur

Es war 2:00 zur Nacht, als Omar Mateen seinen übrig geblieben Rest an Menschlichkeit ablegte. Mit Gewehr, Pistole und einer finsteren Religion ausgestattet, betrat er den Schwulenclub „Pulse“ in Orlando und tötete 49 Menschen. 53 weitere wurden teils schwer verletzt und leiden bis heute an den Folgen. Im Juni 2016 begann das große Schlachten in Florida, was nach 9/11 als der schlimmste islamische Anschlag in den USA gilt.

Für Homosexuelle ist dieser Tag Zäsur und Schmerz zugleich. Orlando ist bis heute Albtraum für die Szene und in seiner Brutalität und Bildhaftigkeit präzedenzlos. In der Nacht beim Feiern mit Freunden oder dem Partner beschließt ein Mensch, ihre Existenzen zu beenden. Einfach so. Weil sie so waren, wie er es nicht ertrug und sie so lebten, wie er es vielleicht nie konnte.

Deutsche Medien interessiert es nicht

Selbst für mich als emotional eher unmusikalischen Menschen berührt das One – Take  Video von Sia , die in einer unfassbar starken Performance den Anschlag vertont und im Bewegtbild verbildlicht. Und mich bewegt Orlando. Es stimmt, ein Angriff auf „die Seinen“ trifft mehr, emotionalisiert mehr, als ich es für möglich gehalten hatte. Und auch wenn ich nicht der krasseste aller krassen Szenegänger bin, so hätte ich dort sein können. Obwohl ich mich eine Zeit lang gewehrt habe, es nutzt nichts: Ich bin auf irgendeine schiefe Art Teil dieser Community, die heterogener ist, als sich das manche vorstellen können.

Am 20. Juni dieses Jahres schlachtete ein Libyer drei Engländer in Reading, eine Stadt in Großbritannien. Sie hörten auf die Namen James Furlong, Joe Ritchie-Bennett und David Wails. Namen, die außerhalb den britischen Medien kaum jemand gehört haben dürfte. Denn neben dem Szenenportal queer.de berichtete lediglich Tichys Einblick über die Tat. Sie wissen schon, das Medium, dessen Betreiber laut Claudia Roth ein „Stichwortgeber für rechte Hetze ist“, die man „benennen müsse“. Im Gegensatz zu Ihnen, Frau Roth, hat „TE“ James, Joe und David eine Stimme gegeben, wofür ich dem Herausgeber und dem Autor sehr dankbar bin.

Wir leben in einer Zeit, in der Solidarität für eine Randgruppe nur dann durchdringt, wenn sie dem Zeitgeist entspricht. Schwule waren 2017 die nützlichen Idioten, als man die „Ehe für alle“ in einem schmierigen Wahlkampfmanöver in den Vordergrund rückte, während am selben Tag das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verabschiedet wurde, was bis heute der Homoehe einen bitteren Beigeschmack gibt.

Für SPD und Grüne gaben Schwule und Lesben den Steigbügel. Man ließ sich feiern,  heiratete und freute sich einen Ast ab, 15 Minuten goldene Randgruppe zu sein. Traumschön.

„Der momentane Zeitgeist ist gar nicht mal so geistreich“

2020 sind die goldene Randgruppe die Schwarzen. Da geht nix drüber. Die Angehörigen von James, Joe und David haben einfach Pech gehabt, nur ein paar englische Weißbrote als Freunde und Brüder gehabt zu haben und die Pigmentierung der Opfer nicht so weit fortgeschritten ist, dass man sie „People of Color“ nennen dürfte. Was hier statt findet ist eine Verhöhnung von Gewalt, die mich, emotional unmusikalischer Mensch, wütend macht und traurig. Sind die Jungs weniger wert, weil sie weiß sind? Zu dem Schluss muss man kommen. Und das, liebe Freunde vom Linksgrünverein, liebe Claudia Roth: Das ist Rassismus!

Alle Solidaritätsbesoffenen springen auf den Zug der Black Lives Matter Bewegung. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn alle einhellig für eine Sache sind, ist das für mich Grund genug, sich skeptisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und es tut mir leid, aber wenn ein Libyer drei Schwule absticht, weil sie homosexuell sind, dann erwarte ich etwas mehr Aufmerksamkeit für die Gefahren für homosexuelles Leben.

Doch der momentane Zeitgeist, so laut dem Rapper Fatoni, sei gar nicht mal so geistreich. Wie recht er doch hat. Denn es hat den Anschein, dass die Diskussion um Gewalt verhindert werden muss, weil es jetzt doch um Schwarze zu gehen hat. Frei nach dem Motto: „Wer diskriminiert wird und wer nicht, bestimme immer noch ich!“ Und in diesen Zeiten scheint „Die Nacht der langen Messer “ mehr zu sein, als ein historischer Begriff, viel mehr eine Alltagsbeschreibung im Plural. Doch dabei gibt es die Gewalterfahrungen. Nicht nur bei mir, von Übergriffen berichten viele, siehe hier, hier, oder hier.

Und auch hier ergeben sich statistische Schwierigkeiten. Zum einen liegt die Dunkelziffer schwulen feindlicher Angriffe höher, als die Statistik. Wenn ich darüber nachdenke, habe auch ich einen kleineren Fall nicht angezeigt. Eine offensichtlich unter Drogen stehende Frau sprang mich im Bahnhof mit spitzen Schuhen an, nachdem sie uns, Hand in Hand gehend, verfolgt und mit „Schwuchtel“ beschimpft hat. Es war zwar nur eine kleine Platzwunde am Oberschenkel, aber eigentlich hätte ich dies, allein um die Statistik richtiger zu machen, anzeigen müssen. Etwas, das ich in Zukunft tun werde.

Eine andere Schwierigkeit besteht in einem alt bekannten Problem. Nämlich dass die Herkunft des Täters in vielen Bundesländern nicht in den Statistiken auftaucht. Doch das wäre für Prävention und Strafverfolgung wichtig. Hier geht es nicht um Schuldzuweisungen. Doch ist es für die Polizei wichtig, worauf sie achten muss. Ferner sollte es für die Politik Anlass für Rückschlüsse geben, falls sie auf den naheliegenden Gedanken kommt, Zuwanderung zu steuern.

Den Opfern fehlte das Timing

Ein weiterer Grund, warum die Ermordung dieser drei Männer in Deutschland keine Rede wert ist, scheint mir auch darin zu liegen, dass es sich hier nicht nur um die falschen Opfer, sondern auch um den falschen Täter handelt. Der ist das Problem, weil er nicht ins Narrativ zu passen scheint. Bei #Blacklivesmatter sind Schwarze Opfer. In Reading war jedoch ein Schwarzer Täter. Auch das passt nicht in den Zeitgeist. Die Geschichte des ewigen schwarzen Opfer darf ja keine Risse bekommen, denn sie sind die Bessermenschen, die unter Generalschutz stehen. Eine so brutale Straftat stört da nur.

Ich gehörte 2015 zu den Kritikern der Flüchtlingspolitik. Während Angela Merkel ein fragwürdiges Experiment mit humanitären Gründen erklärte, die meines Erachtens vorgeschoben waren, erklärte ich meine Haltung dazu eben auch mit humanitären Erwägungen. Wollen wir wirklich so viele Menschen unkontrolliert ins Land lassen, die aus Ländern kommen, in denen Homosexualität aufgrund der Religion als Sünde gesehen wird? Haben wir nicht mit dem ansässigen Schwulenhass genug zu tun? So argumentierten viele Randgruppen, meist unter vorgehaltener Hand, die ihr Dasein als 15 minütige goldene Randgruppe hinter sich hatten, oder nie in das zweifelhafte Vergnügen kamen.

Orlando bleibt für viele Homosexuelle ein emotional schmerzhaftes Erlebnis. Die drei Opfer aus Reading haben das womöglich auch so gesehen. Nun sind sie tot und kaum ein Medium in Deutschland berichtet. Um Namen zu vergessen muss man die Namen kennen. George Floyd war für die Solidaritätsbesoffenen das richtige Opfer zur richtigen Zeit.

James, Joe und Davids Schlachtung fehlte es am Timing. Der Zeitgeist will schwarze Opfer, für Homos reicht die Empörung nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Für Wahnsinnstaten braucht es mehr als Washnsinnsworte

Als echtes televisives Schmuckstück gilt der Auftritt von Frank Zappa bei Crossfire. Es ist ein Vergnügen zu sehen, wie stoisch der Musiker seine These, „just words“ in die Kamera raunt, während sich die Moralrichter die Zähne an dem widerspenstigen Zottel ausbeißen. Anklagepunkt: Politische Unkorrektheit in Wort und Ton. Zappa wagte es, Texte zu schreiben, die jenseits der evangelikalen Prüderie den geneigten Zuhörer amüsierten und es bis heute noch tun. How dare he!

Zappa bestreitet den von Tom Braden vorgetragenen Einwand, er würde die Macht von Worten klein reden. Worte hätten sehr wohl Konsequenzen auf die Handlungen des Alltags, was Zappa negierte.

Worte, bloß Worte

Im heutigen Sprachcode der political correctness heißt das, man „gieße Öl ins Feuer“, oder man sei „geistiger Brandstifter“, man „gäbe Wasser auf die Mühlen der Rechten“. Henryk Broder und Roland Tichy sind laut Claudia Roth Stichwortgeber für Hass der neuen Rechten, die man „benennen müsse“, was immer das heißen mag. Doch dazu später mehr. „Aus Worten folgen Taten“, sagt Renate Künast im gleichen Interview und zieht damit in wenigen Sätzen eine intellektuell höchst sportive Linie von erhaltenen Hasskommentaren zum Anschlag in Halle.

Nichts mit „Words, just Words“. Aber, wie es so mit den hohen moralischen Standards: Die Fallhöhe wird größer und manchmal trifft es auch die Jungs und Mädels vom eigenen Turnverein; die Tugendwächter, was die Angelegenheit freilich nicht besser macht. Eine taz Journalistin, deren Name klingt wie einer dieser unaussprechbaren Vulkane, misslingt auf ganzer Linie ein Kommentar, Sie werden ihn inzwischen kennen. Polizisten auf den Müllhaufen. Ok, nicht nett, gar nicht nett und vielleicht sogar justiziabel. Aber nach Zappa, bleiben wir fair, sind es Worte. Mir ist diese Kausalität zu simpel, dass das böse Wort zur bösen Tat wird. Zu Wahnsinnsverbrechen gehören viel mehr als Wahnsinnsworte.

Doch wie reagiert das kommentierende Milieu? Ein Beitrag in einem Tagesschaukommentar nennt den Artikel ebenfalls ein Stück „geistiger Brandstiftung“. Horst Seehofer sprach von der „Enthemmung der Worte“, das die Gewalt gegen die Polizei in Stuttgart begünstigte. Wirklich? Ist es so einfach? Frau Dings schreibt einen stilistisch gruseligen Beitrag. Ok. Eine Horde von Gewalttätern liest ihn und denkt sich: „Boah, heute Abend in Stuttgart hauen wir der Polizei die Fresse ein!“ Mit Verlaub, Herr Innenminister, aber des is doch a Schmarrn. Auch hier gilt: Für Wahnsinnstaten bedarf es mehr als Wahnsinnsworte.

Ist die Wahrheit einfach nicht gut genug?

Es hat sich über Jahre eine Debatte festdiskutiert, die sich nicht weiterbewegt. Todernste Journalisten schreiben mit zittriger Feder, dass aus diesem Internet der Hass in die Köpfe der Menschen kriecht, um Politiker zu erschießen, Polizisten angreifen oder sonstige sogenannte Hassverbrechen zu begehen. Das Umfeld des Täters, Kulturraum, Sozialisierung spielt anscheinend keine Rolle. Weshalb ist die eine Gruppe auffälliger, als die andere? Weshalb scheint es zu sein, dass Polen oder Vietnamesen und Griechen seltener in Gewalttaten involviert sind, als andere?

Leider sind solche Frage höchst problematisch und statistisch nicht immer zu belegen, was daran liegt, dass viele Bundesländer solche Zahlen gar nicht führen. Allein die Erhebung sei schon rassistisch, sagen die Wächter der politischen Korrektheit. Doch Moment mal, eine Zahl ausgeschrieben ist doch ein Wort und somit entweder „nur ein Wort“, oder eben etwas, aus dem Taten folgen. Sollten wir dann genau die Wahrheiten verbieten, die zu negativen Konsequenzen führen könnte? Wie in Batmans „Dark Knight“ es am Ende heißt: „Manchmal ist die Wahrheit nicht gut genug.“ ist es das, was sie wollen? Was wäre das für eine sterile Wohlfühldiktatur, fern ab von Erwachsenensprache und eingesperrt im Korsett des neuen Puritanismus.

Ein Wort noch zu Claudia Roth. Ist es schon einmal vorgekommen, dass der Vizepräsident eines Verfassungsorgans, dem Volk oder der Polizei oder wen auch immer beauftragt, „die Stichwortgeber zu nennen“ die für „Hetze und Falschaussagen“ sorgen? Was für eine unglaubliche Vermessenheit, die gefährlich ist, denn bringt sie doch die viel zitierten Social Justice Warriors in Stellung.

Frank Zappas größtes Verdienst ist jedoch etwas ganz anderes. Er hat dieses wunderbare Lied He‘s so gay geschrieben. Ein Titel, den ich gerne etwas lauter als nötig aufdrehe, wenn mein Partner mal wieder entsprechende Attitüden an den Tag legt, die mich an eben dieses Lied erinnern lassen. Sorry, Aleks.

Ich glaube, wir sollten uns einmal mehr an Zappas Credo halten. Halten Sie den Satz in Ehren:“ Für Wahnsinnstaten braucht es mehr als Wahnsinnsworte.“

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Der Martin Sellner der Grünbürgerlichen

Wenn Richard David Precht für die Philosophie das ist, was André Rieu für die Klassik ist (laut Sloterdijk), was mag wohl Rezo für die Medienlandschaft sein? Die ungarische Mädchentraube für Sommeliers? Der Boxter für Porschefans? Der Klopfer vor dem Herren, Jörg Heinrich für Fußball-Feingeister? Oder doch die Apotheken-Umschau für Journalisten? Denken Sie mal darüber nach.
Ich weiß, was Sie jetzt denken, low hanging fruits und so, ja. Geschenkt, Sie haben ja recht. Es ist simpel, den schnuckeligen Youtuber zu widerlegen. Echte Journalisten wie der von mir sehr geschätzte Constantin van Lijnden tat das bereits in seinem Video. Das Ende vom Lied: Rezo ist nicht nur selektiv, er ist auch manipulativ und intellektuell unterkomplex.

Damit wäre zu ihm alles gesagt. Fast alles.

Denn mir ist da was aufgefallen, an den Rezo Fans. Wer feiert ihn denn? Wenn man mal die paar irren Journalisten vom Spiegel und dem sogenannten Öffentlichen Rundfunk abzieht, die alles gut finden, was gegen den bösen Springer Konzern ist, bleibt ein ganz bestimmtes Milieu übrig. Sie würden sich womöglich „linksliberal“ bezeichnen. Da jedoch der Begriff ein Oxymoron ist, schlage ich „grünbürgerlich“ vor, was wesentlich besser passt, spiegelt er doch die Einkommensverhältnisse, aber auch ihr Selbstverständnis, zur Mitte zu gehören, wider.

Sie pflegen ein postchristliches, geklärtes Weltbild

Sie hören gerne Podcasts wie „Die Lage der Nation“ oder „Stimmenfang“, sind natürlich Akademiker, verdienen also nicht schlecht. Daher wohnen sie wie selbstverständlich in den ehemaligen Scherbenvierteln, die heute zu den besten Gegenden gehören. Sie sind urban und dialektlos, sprechen dafür eine Abart an über- bis falschbetonten Hochdeutsch, was mir bereits in der Hochschule tierisch auf den Senkel ging und an die Musik von „Wir sind Helden“ erinnert. Der kleine Sören wird auch erst mal mit der „sanften“, also wirkungslosen Medizin behandelt, wenn er krank ist. Der ÖPNV ist gut, die SUVs sind böse. Geflogen wird nicht, außer es muss sein. Dann aber mit einem ordentlich schlechten Gewissen,  in der Hoffnung, der Klimagott berücksichtigt die Buße, wenn der Gevatter Tod einmal vor der Türe steht.

Aus einem mir rätselhaften Grund haben sie ein schizophrenes Verhältnis zu den USA. Serien oder Late Night Shows werden, natürlich in der Orginalsprache, aus den Staaten geschaut, bis der Doktor kommt. Man ist auch sehr informiert und liest und hört die linken US-Medien. Aber so richtig für voll nehmen sie den Ami nicht. Denn die haben nicht nur Trump, sondern auch keine Ahnung, dass Hannover die Hauptstadt von Niedersachsen ist.

Jan Böhmermann ist lustig, „Neues aus der Anstalt“ macht intellektuellen Humor. Henryk Broder ist einer, der mal ganz ulkig war, aber heute ein greiser Rechtsextremist ist. Und Greta ist einfach toll.

Sie pflegen ein minutiös geklärtes, postchristliches Weltbild, das genau zwei Pole kennt. Gut und Böse.

Wenn Journalisten zu Aktivisten werden

Nun, Sie haben wieder Recht. Nicht alles im Holzschnitt, ist auch korrekt. Was aber stimmt ist, dass die Grünbürgerlichen ein ähnliches Konsumverhältnis teilen, was Medien angeht. Die etablierten Häuser werden kritisch beäugt, vorausgesetzt sie sind nicht links oder GEZ finanziert. So drückt man bei der Süddeutschen schon mal ein paar Augen zu und es wird verziehen, wenn das moralinverbrämte Heribert Grantl-Prantl mal wieder ein Interview erfindet. Und auch dem Spiegel sei vergeben, das Blatt, das Relotius erst möglich machte,  haben sie doch die viel und auch von Rezo zitierte Dokumentation. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dagegen wird hingegen hinter jedem Fehler Bösartigkeit unterstellt. Von der WELT brauche ich gar nicht reden, denn die ist ja in Springer kontaminiert.

Diesen Journalismus von Gut und Böse befeuern Tendenzbetriebe wie Übermedien. Sie verdienen damit ihr Geld, wogegen gar nichts einzuwenden wäre, würden sie sich allen Medien gleichermaßen widmen und nicht nur vornehmlich denen, denen sie nicht gewogen sind.

Eine ganz besondere und lebenlange Liaison unterhalten die Grünbürgerlichen mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Denn ihrer Meinung nach ist dieser  marktwirtschaftlich befreit und politisch unverdächtig. Sie gehören zu den Guten. Die ganz Guten hören auf die Namen Georg Restle, Anja Reschke oder Dunya Halali, ihnen wird geglaubt. Nicht, weil sie einen so guten Journalismus betreiben, investigativ ist zum Beispiel keiner von denen, sondern weil sie den richtigen Journalismus machen. So zeigen sie „Haltung“ und kämpfen mit Herzblut für eine bessere Zukunft.  In dem Moment, in denen Redakteure und Moderatoren den deskriptiven Raum verlassen und die Welt normativ betrachten, in dem Moment verlassen sie den Journalisten und werden zu Aktivisten.

„Lügenpresse“ von der anderen Seite

Und da sind so bockbeinige Medien wie die WELT oder auch achgut.com den Grünbürgerlichen ein Dorn im Auge. Ich weiß nicht, wie oft ich gehört habe, dass die Achse „rechts“ sein soll, in aller Regel von Leuten, die den Webblog gar nicht lesen.

Die Denkfäule der Grünbürgerlichen beginnt spätestens an dem Punkt zu miefen, wenn es um Themen geht, von denen sie nichts wissen, aber unbedingt eine Meinung haben müssen. So ist der Kapitalismus vom Teufel, der Sozialismus zumindest eine interessante Idee. Wenn man dann fragt, können sie weder das eine, noch das andere definieren. Die Faustregel, nur über Dinge zu reden, wovon man etwas weiß,  ist für den Grünbürgerlichen keine Option. Die Haltung muss stimmen, wozu dann noch sich um die Details kümmern? Daher können sie auch mit Jungle.World oder den salonkolumnisten nichts anfangen, weil die irgendwie gar nicht kategorisiert werden können. Das gilt zwar auch für achgut.com, aber egal. Die sind bereits rechts gelabelt.

Ich war überhaupt nicht einverstanden, als Pegidas „Lügenpresse“ krakeelten. Bei aller Kritik ist der Begriff in seiner Allgemeinheit unfair. Und ich bin überhaupt nicht einverstanden, was Rezo in seinem Video „Die Zerstörung der Medien“ machte. Hochwertige Zeitungen mit einem Netz an Korrespondenten mal eben in den Schredder zu werfen, weil sie über seine Friseur nicht so geschrieben haben, wie es ihm gepasst hat. Rezo ist nicht weniger auf dem „Lügenpresse“ Trip, nur impliziter und geschickter, als die Rechten. Besser macht ihn das noch lange nicht.

Rezo ist für die Grünbürgerlichen das, was Martin Sellner für die Identitäre Bewegung ist. Posterboy, Dorfschreier, „Der, der den Finger in die Wunde legt“. Damit manifestiert sich der intellektuelle Ausverkauf eines Milleus, das von sich behauptet,  die Krone der deutschen Schöpfung zu sein, also moralisch persilrein.

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Wann schlachten wir endlich die heilige Kuh Christian Lindner?

Es ist leicht, Christian Lindner unsympathisch zu finden. Das Auftreten adrett inszeniert, der Anzug perfekt gegossen und die Statements von einer penetranten Selbstkontrolle, dass ich an die Hubots denken muss. Human Bots, die in einer schwedischen Serie maschinell und halbmenschlich den Haushalt schmeißen, bis sie dann irgendwann zum Problem werden. Wie Christian Lindner zum Problem geworden ist.

Gut, ein anderer würden sein Auftreten als professionell beschreiben. Und für sein Aussehen kann er nix. Ad hominem hin oder her, er verkörpert die Art Politiker, die ich nicht mehr sehen mag. Ja. Jedes Wort ausgeklügelt und im Politikerhirn abgewogen, längst auf Widerwort und Wider-Widerwort abgeklopft und zurecht geschliffen. Keiner Randgruppe auf die Füße getreten? Die weibliche Form genannt? Nicht zu konkret geworden? Schafft es der Satz in die BILD? Oder reicht es nur für die Wuppertaler Allgemeine?

Ab ins nonverbale Geschäft mit CL!

Politische Korrektheit kann auch zum Vorwand für Bequemlichkeit werden. Stets anzuecken, weil die sprachliche Inquisition ob des falschen Wortes an die Randgruppe droht, kann anstrengend sein. Mir hat letztens jemand gesagt, „Homo“ sei despektierlich. „Ach was!“, dachte ich, „das ist mir ja neu“. Ob er seinen Namen mit dem von ihm gewählten Pronomen tanzen, oder ihn in den Schnee pinkeln kann, konnten wir nicht klären. Also ja, ich verstehe bei Politikern, dass sie mehr als ich auf die Sprache achten müssen. Aber wenn am Ende ein seelenloser Sätzehaufen übrig bleibt, ohne Charakter, ohne Aussage und ohne Haltung, dann sollte derjenige, dann darf Christian Lindner ins nonverbale Geschäft wechseln. Oder Pressesprecher von Helge Braun werden.

Was bei ihm erschwerend hinzukommt: Er ist so sehr Politiker, dass er es nicht mal mehr merkt. Fast jeden sprachlichen Krampf macht der Wuppertaler mit. Das „Wir“ zum Beispiel. „Wir müssen“, „Wir wollen“. In der Regierungszeit kommt dann noch ein „wir werden“ hinzu. Waren Sie schon mal im Krankenhaus und die Pflegekraft kommt ins Zimmer mit dem Satz, wie es „uns“ denn heute geht? „Für den Satz auf’s Maul!“ zuckt mein Es für eine Millisekunde, bevor meine Moralvorstellung Es einfängt. Ich weiß nicht, welcher Politiker mit dieser Kindersprache anfing, aber er muss ein wahnsinns geiler Hecht gewesen sein, dass ihm fast jeder Kollege bis heute folgt.

Die Union des Nichts ist keine Alternative

Jetzt liegt die FDP laut einer Umfrage bei 4%. Vier Prozent. Das ist gefühlt so viel, wie das honorige Monopol Magazin Abonnenten hat. Sie kennen das Monopol Magazin nicht? So geht es bald der FDP, wenn CL („CL“? Ist der Christian Fußballstar, oder was!?) weiter an der Macht bleibt. Daher erinnere ich als FDP Mitglied an den Titel dieses Textes: „Wann schlachten wir endlich die heilige Kuh Christian Lindner?“ Wenn sich die 4% in den Umfragen stabilisiert haben, oder erst dann, wenn sie sich zum Wahltag in bittere Realität verwandelt hat?

Die Performance der Lindner FDP ist wirklich erstaunlich. Erstaunlich schlecht, wenn man sich die politischen Konkurrenten ansieht. Die Union ist inhaltlich in Mitten von Nichts, von Merkel und Konsortien ausgehöhlt wie Ameisen einen Baumstamm. Die Partei ist froh, wenn das nächste Angela-Abziehbild den Kanzler stellt. Ich bin mir sicher, wenn der genannte Baumstamm sich zur Wahl stellte, er würde die Abstimmung auch gewinnen. Noch nie wie in den Merkel Jahren ist der Begriff Kanzkerwahlverein so wahr.

Von der SPD brauche ich eigentlich gar nicht reden. Das Führungsduo wurde gewählt, um aus der GroKo auszutreten, um nach einem halben Jahr noch in der Koalition zu sein. Wow, so schafft man Vertrauen. Ferner haben Nowabo und Esken nichts originelleres zu tun, als die Partei zu einer dritten Linkspartei zu machen. Doch im Zweifel wählt das Grünbürgertum eben nicht die Sozialdemokraten, sondern das Original, Die Grünen. Und für die, die es vulgärer haben wollen, gibt es die Ex-SED. Wozu dann die SPD? Gerd Schröder gewann die Wahl auch nicht mit der Kampagne „Die neue Linke“, sondern „Die neue Mitte“. Lang ist’s her.

Lindner fehlt es am rhetorischen Schneid

Die Zeit ist ideal für eine freiheitliche Partei, in der die Etatisten und Kollektivisten am Ruder sind und alle Probleme mit dem Geld anderer zu lösen glauben. Aber was macht die LindnerFDP? Kritisiert eine Mehrwertsteuersenkung, für die sie eben noch war. So geht Politikverdrossenheit.

Wo ich bei der AfD als Konkurrenz zur FDP angekommen bin. Ist sie wirklich eine Alternative zu den Liberalen? Aus vielen Gründen nein. Was Lindner an rhetorischem Schneid fehlt, die geistigen Mauern der politischen Korrektheit einzureißen, lassen vielen AfD Politikern an innere Hygiene vermissen. Stattdessen etablieren sich Provokation und Anstandslosigkeit zum politischen Geschäftsmodell. Das ist der eigentliche Sündenfall der AfD. Und auch wenn es vernünftige Leute in der Partei gibt, so müssen sie sich die Frage stellen, warum sie mit eben den anstandslosen Provokateuren gemeinsame Sache machen. Sie sind noch schlimmer als die Extremen, denn eigentlich könnten sie es anders.

Zum Beispiel in die FDP wechseln. Doch ich verstehe gut, dass die Lindnerpartei abstoßend wirken kann. Für mich tut sie es zunehmend. Lindner hat fertig, er ist durch mit der Partei. Er kann nicht nur weg, er muss weg, bevor es zu spät ist.

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„Nie wieder Opfer“ – Über das Entsetzliche von Gewalt

Was waren wir stolz, denn es war unser erster Live Auftritt vor Publikum. Am Bass stand der Fabi, der zwar nicht Bass spielen konnte, aber sich redlich mühte und vom Stef, der gar nicht so untalentiert die Gitarre bediente und sang, den grobschlächtigen Fabi in das Saiteninstrument eingelernt wurde. Und ich, Hobo, an den Drums. Ja. Hobo war mein Spitzname, in einer Zeit, in der der Nickname von Counter-Strike noch eine Bedeutung im echten Leben hatte.

Und so spielten wir „Californication“ von den roten und scharfen Chilischoten und „Holiday“ von Greenday. Wir hatten sogar eine echt schreckliche Punkversion von „Yesterday“. Ja. Aber auch eigene Songs („Sangs“ ausgesprochen) wie „Wer machts Bier?“ (Wehrmachtsbier), den wir im rotzigen Streetpunk im Stile Anal Cunt den verdutzten Zuschauerohren kredenzten. Ein Titel, der heute in Zeiten der austherapierten Neurotiker der politischen Korrektheit undenkbar ist. Damals interessierte sich unser eher alternativer Bekanntenkreis gar nicht dafür. Ich erinnere mich an eine einzige Frage eines Bekannten, der nach einer Probe lächelnd bemerkte, ob er bei dem einen Lied das mit der Wehrmacht richtig verstanden hätte. Wir waren unpolitisch und gaben einen Scheiß auf das, was andere dachten.

Ich möchte keine „Früher war alles besser“-Debatte lostreten, war es sicher nicht, aber vor 15 Jahren gab es kaum Social Justice Warrior, die in Funk, Print, Web, Politik, Kultur und an der Uni das Ruder in der Hand hatten.

Nach dem Auftritt fuhr ich zu einer ganz anderen Feier. Stolz wie Bolle, von dem eben verdienten Geld ging es mit dem Taxi (Der Bühnenstar lässt fahren!) zu einer Art Klassentreffen von Mitschülern meiner ehemaligen Schule. Meine Vic Firth Drumsticks noch in der Hosentasche, kam ich gut gelaunt in der Kneipe an. Es war warm an dem Abend. Sommerwarm, fast traumschön. Es muss weit nach Mitternacht gewesen sein, als ich mit einem Bekannten aus der Bar raus bin, die Krokodil hieß. Uns entgegen kam ein Typ, den ich versehentlich anrempelte. Lachend und kumpelhaft entschuldigte ich mich bei ihm, indem ich seine Schulter klopfte und „Sorry“ sagte. War ja keine Absicht.

Der Rest ist beschissene Geschichte. Der Typ mit dem sympathischen Ostblockakzent riss meine Hand weg mit den Worten „Schwuchtel“. Ich lag dann am Boden, und vier oder fünf Personen traten auf mich ein. Einfach so. Ein Mädchen oder eine Frau war dabei, die mit ihren hohen Schuhen besonders eifrig am Werk war. „Schwuchtel“ gehörte auch zu ihrer präferierten Vokabel. Irgendein Typ zog mich aus der Menge, meine Brille war jedoch verschollen. Das Ende vom Lied war, dass ich erstaunlich wenig verletzt war. Bis auf eine Platzwunde am Auge und ein oder zwei geprellte Rippen erinnerten mich lediglich blaue Flecken in den nächsten Tagen an diesen zauberhaften Abend. Spaßfakt am Rande der Physik: So richtig überzeugt war ich damals nicht, schwul oder bisexuell zu sein. Und gelebt habe ich es eh noch lange nicht.

Aber das war den Herren und der Dame nicht wichtig.

Seit dem Tag, oder eher Tagen und Wochen danach schwor ich mir eines. „Nie wieder Opfer“ zu sein. Nie wieder der, der da unten liegt und hofft, dass es endlich vorbei ist. Die Erniedrigung, die Gewaltopfer erfahren, das Entsetzliche, lässt dich verändern. Denn ich war im Wortsinn entsetzt, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun. Einfach so. Ich konnte es nicht glauben. Ich kann sagen, dass ich seitdem nicht mehr Opfer war, anders auftrat, gerade was den Umgang anging mit Testosteronbolzen nach dem 3. Bier.

Am 25. Mai wurde Floyd George ermordet. Ich möchte das meine nicht mit dem Schicksal des Schwarzen vergleichen, um Gottes Willen. In meinem Leben gehörten Diskriminierungserfahrungen zur Ausname, und ich hatte – außer der Tat – nie wirklich Angst um mein Leben. Ich hatte auch vermutlich keine Nachteile im Beruf. All das oder Teile davon waren bei Floyd anders. Ich kenne seine Geschichte nicht und sie ist auch nicht relevant, weil er längst zum Symbol geworden ist. Ich habe kaum Einblick in die Verhältnisse in den USA, aber ich sehe dieses entsetzliche Video. Der Unterschied scheint mir zu sein, dass die schwarze Gesellschaft gar nicht so entsetzt war, wie ich vor 15 Jahren. Weil es dort vorkommt. Oft und immer wieder. Zu oft.

Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich mit dem friedlichen Protest zu solidarisieren. Regelmäßig unterschätze ich Symbole, doch sie sind manchmal das einzige, was man tun kann. Es ist oft das, was zählt, weil man ansonsten gar nix macht. Ich habe aus guten Gründen, wie ich finde, eine Abneigung gegenüber Demonstrationen. Aber vielleicht sollte ich mal wieder zu einer hin.

Ich schrieb eben von der Solidarität der friedlichen Proteste. Ja. Es ist natürlich nicht hinnehmbar, dass manch ein Protestler in den USA Gewalt anwendet. Gewalt als Mittel des Protestes ist falsch und schmälert das Anliegen der vielen Friedlichen enorm. Und es schafft neue Entsetzlichkeiten. Sie deligitimieren den Protest damit nicht, das behaupten Rechte oder wollen Rechte erreichen, aber das Geschmäckle bleibt. Bei allem Verdruss ist es tragisch, dass der enorm beteiligte Protest immer wieder durch Gewalttäter ein Stück weit demoralisiert wird. Aus dem Grund ist Martin Luther King so unfassbar integer und wertvoll und bedeutender als Malcolm X, der sich nie von Gewalt lossagte.

Am End‘ waren meine Vic Firth Sticks nicht mehr auffindbar. Meine Brille jedoch hatte ich am nächsten Tag am Ort des Geschehens wieder gefunden. Ob Schwarze, Juden, Homosexuelle oder wer auch immer Gewalt und Diskriminierung, in welcher Form auch immer, ertragen musste, teilt das eine Motto, da bin ich sicher: Nie wieder Opfer sein zu wollen.

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Zwischen Corona, Heuschnupfen und Gaga-Unterricht – Aus dem Coronaalltag eines Schülers

Nach der Krise ist vor der Krise – ein Sprichwort, das man in der Wirtschaft nur zu gut kennt: Als 2008 die Lehman-Bank Insolvenz ankündigte, trat die bis dato und nach 45 größten Wirtschaftskrisen los. Doch nachdem sich die Ökonomie erholt hatte, kam eine Dekade später wieder ein Abschwung – losgelöst durch eine Pandemie. „Nach der Krise ist vor der Krise“;  der Spruch passt besser denn je. Aber nicht nur der Wirtschaft droht eine Krise dank eines Virus, das mal eben die Weltherrschaft an sich reißen möchte, sondern auch Schüler wie ich einer bin. Lesen Sie nun von Home-Schooling, Lagerkollern und vom fatalsten Fehler in Zeiten von Corona – dem Heuschnupfen.

Vor zwei Wochen war mein erster Tag in der Schule. Ganze zwei Monate davor genossen wir „Corona-Ferien“. Es hatte ein bisschen was von Sommerferien gehabt, nur ohne Sommer und ohne Ferien. Nirgendwo hin fliegen und Urlaub machen, kein „Abhängen“ mit Kumpels, nicht mal ins Restaurant konnte man gehen. Dazu eine Brise Aprilwetter; mal sonnig und warm, und dann gleich wieder nass und kalt. Obwohl diese Corona-Ferien (nennen wir sie so mal) natürlich echten Ferien nicht gleich kommen, waren sie eigentlich schon ziemlich geil.

Kann sein, dass ich da einer der wenigen bin, aber ich habe es in vollen Zügen genossen. Jeden Tag ausschlafen, keine festen Zeiten, wann man wo wie zu sein hat. Wer weiß? Vielleicht war es die einzige Gelegenheit im gesamten Leben dem alltäglichen Stress einmal vollständig zu entkommen. Ich hatte endlich die Zeit für Sachen, die ich sonst nicht machen konnte und immer machen wollte. Beispielsweise besitze ich bei Steam eine Sammlung an Spielen, die ich in den Corona-Ferien nach langer Zeit wieder einmal abgestaubt habe. Endlich hatte ich wieder Zeit gehabt mal alte Klassiker zu zocken, für die ich normalerweise wenig Zeit finde.

Wenn Mebis nicht kollabiert ist, dann das heimische W-LAN

Auch bei Netflix habe ich die ein oder andere Serie geschaut; Ich nutze schon gelegentlich den Streaminigdienst, nur komme ich (kann sein, dass ich hier ebenfalls zur Minderheit zähle) im Alltag nicht allzu häufig in den Genuss mich hier mal umzuschauen. Auch die Mediathek bei ZDF habe ich gemeinsam mit meiner Familie einmal rauf und runter geschaut (notgedrungen natürlich, denn die Filme, die ich mag, mag meine Familie nicht so sonderlich und umgedreht). Obwohl die Öffentlich-Rechtlichen in vielerlei Hinsicht völlig zurecht in der Kritik stehen, muss ich diese hier jetzt mal in Schutz nehmen: Auch wenn ich mit 17 Jahren nicht sonderlich am Programm vom ZDF interessiert bin (das Programm spricht eher ältere Menschen an, für Jugendliche ist hier wenig dabei), muss ich zugeben, dass wir einige wahre Perlen entdeckt haben, wie „Natürlich seid ihr eingeladen“ oder „Merz gegen Merz“ (mein persönlicher Geheimtipp).

In dieser Zeit hatten wir zwar keine Schule im Real life, aber Arbeitsaufträge, die dann von den Schülern selbstständig zu hause zu bearbeiten sind, gab es trotzdem. Es war leider häufig schwierig die Arbeitsaufträge zu bearbeiten. Die Lehrer stellen alle Arbeitsaufträge samt Lösungen und so weiter auf mebis, einer Plattform im Internet, das vom bayerischen Kultusministerium betrieben wird. Lehrer können hier schulische Sachen einstellen, die die Schüler dann von allen möglichen Endgeräten einsehen können. Das Problem war aber, dass ALLE Schüler in ganz Bayern nun zu hause bleiben mussten, und fast alle Schulen mebis nutzen. Und das führte zu andauernden Überlastungen und Systemabstürze. Und dazu kommt on top, dass ich in einem Haushalt mit fünf Personen lebe, die alle im Homeoffice sind, und ebenfalls wie ich das Internet nutzen, insbesondere in Corona-Zeiten. Da macht ein normales WLAN-Gerät schnell mal schlapp.

Und als wäre das schon nicht schlimm genug, kommt dann auch noch diese enorme Variation an Programmen dazu. Jeder Lehrer macht das ein wenig anders, die meisten stellen ihre Arbeitsaufträge bei mebis rein, die anderen schicken es aufgrund der immer wiederkehrenden Probleme und Systemabstürze per E-Mail, der andere stellt die Aufgaben auf der Schulhomepage ein etc. Für Online-Unterricht/Online-Konferenzen wird Microsoft Teams genutzt, einige wenige nutzen aber auch Zoom oder andere Dienste. Wer behält denn da noch den Durchblick?! Man musste sich also immer den Kram auf zig verschieden Webseiten und Programmen zusammensuchen, Word-, Excel- und PDF-Dateien herunterladen – bis zum geht nicht mehr.  Home-Schooling war also alles andere als angenehm.

Und plötzlich war wieder Schule

Vor den Osterferien, als sich alle noch an die neue Situation gewöhnen mussten, gab es praktisch gar keine Arbeitsaufträge. Da war das alles also noch überschaubar. Nach den Ferien aber gings dann so richtig los, insbesondere für meinen Jahrgang, da ich in der Oberstufe bin und wir im Unterricht uns aufs Abitur vorbereiten. Klar, es ist wichtig, dass die Lehrer jetzt aufs Gaspedal drücken, mit Blick aufs Abi, denn den Stoff, den wir jetzt verpasst hatten, mussten wir schleunigst wieder nachholen. Blöd war nur, dass es alles zu viel war und man bei all den Arbeitsaufträgen, Programmen, Terminen für Video-Konferenzen etc. komplett durcheinander gekommen ist. Es war kaum möglich, alle Anforderungen in dieser Zeit adäquat gerecht zu werden.

Dann meldete sich nach achtwöchiger Funkstille die Schule mal wieder, und kündigte den Schulbeginn an. Die Nachricht schmiss mich erstmal vom Hocker, denn ich hatte mich eigentlich in dieses Stay@home eingelebt. Allerdings habe ich mich schon auch ein klein wenig gefreut wieder in die Schule gehen zu dürfen, da ich nun endlich meine Freunde wiedersehen konnte, einer der wenigen Dinge, die ich den Corona-Ferien wirklich schmerzlich vermisst hatte. Die Freude hielt an, bis zu dem Punkt, an dem die Sicherheitsmaßnahmen bekannt wurden: Ich meine, klar, ist ja nur gut gemeint, und einen Sinn haben die bestimmt auch, nur sind sie sehr aufwendig und dauernd vergesse ich so Sachen wie vor Betreten des Schulgebäudes die Maske aufzusetzen oder dass nur eine Person auf die Toilette gleichzeitig gehen darf. Und außerdem: Erklären Sie mal einem Grundschüler oder einem pubertierenden Teenager, dass er zu jeder Zeit einen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern zu allen Personen um sich herum einhalten muss.

„Sorry, dass ich niesen muss!“

Der neue Unterrichtsplan, den die Schule mir schickte, sah wie folgt aus: Während die eine Hälfte der Schüler eines Kurses zu hause blieb, war die andere in der Schule, in der nächsten Woche war es dann genau anders herum. Und so geht das jetzt immer im Wechsel bis zu den Sommerferien. Am „ersten“ Schultag nach langer Zeit wieder zur Schule. Während des Unterrichts hatten wir relativ häufig aufgrund des warmen Wetters die Fenster offen. Da ich allergisch auf Gräser-Pollen reagiere und zum Zeitpunkt des Schulstarts jede Menge von denen ‚rumflogen, musste ich natürlich nießen – in Zeiten von Corona ein fataler Fehler. Schnell stellte man mir die Frage, ob ich auch wirklich gesund sei. Ich behauptete zwar, dass ich „nur“ Heuschnupfen habe, trotzdem haben einige anschließend einen großen Bogen um mich gemacht. Jeder saß an seinem eigenen Tisch, nach jeder Stunde sich die Hände waschen und Desinfektionsmittel nehmen ohne Ende; dass meine Hand noch dran ist und nicht schon weggeätzt ist, grenzt schon irgendwie an ein Wunder.

Die Kantine hat zu, kein Sportunterricht, keine Nebenfächer, kein Aufenthalt an der Schule während der Pausen, nichts. Die Bibliothek bleibt ebenso geschlossen, wie der Aufenthaltsraum für die Oberstufe. Vorspielen oder Singen in Musik findet zwar weiterhin statt, ABER: Man darf nicht in die Richtung des Publikums singen, Instrumente müssen akribisch gereinigt werden und ein Sicherheitsabstand von 5 Metern zum Publikum muss ebenso gewährleistet werden, wie das Reinigen der Hände nach dem Vorspielen. Zum Glück sind die Lehrer relativ entspannt. Einige wenige Lehrer, die an ihrem Fach sehr interessiert sind, versuchten einen „Semi-Online-Unterricht“ einzurichten.

Während die eine Hälfte der Klasse analog im Klassenzimmer saß, nahm die andere Hälfte, die zuhause waren, einfach via Microsoft Team am echten Unterricht teil. Auf diese Weise kam es sogar dazu, dass wir im Religionsunterricht Referate gehalten haben, die teils online, teils im echten Leben stattgefunden haben, und von allen Schülern mitverfolgt werden konnte, unabhängig ob sie in der Schule oder zuhause waren. Leider waren es wie gesagt nur sehr wenige Lehrer, die meisten haben einfach weiter Arbeitsaufträge aufgegeben, die dann selbstständig zu erledigen sind. Wir Schüler aus der elften Klasse aber haben wenigstens alle zwei Wochen noch Unterricht und damit einen Tagesablauf, der einigermaßen geregelt ist. Meine Schwester (siebte Klasse) hat bis zu den Sommerferien nur noch einmal Unterricht (!), nämlich am letzten Schultag bei der Zeugnisvergabe

Ich bin mal gespannt, wie das nun weitergeht. Wir müssen noch einiges nachholen, was den Schulstoff angeht. Da wir nun auch keine Klausuren mehr dieses Halbjahr schreiben dürfen, bleibt Schülern wie mir, die im ersten Halbjahr nicht allzu gut abgeschnitten haben, ein Halbjahr weniger, das sie zur Verbesserung ihres Abitur-Schnitts nutzen können. Auch wenn ich die Corona-Ferien eigentlich sehr genossen habe, so hoffe ich sehr, dass sich so etwas nicht mit Blick aufs Abitur nicht wiederholt. Ich hatte zwar nur zwei Monate „frei“, aber das hat ausgereicht, dass viele Wissenslücken entstanden sind. Und daa bin ich nicht der einzige. Deshalb muss der fehlende Stoff dringend nachgeholt werden, denn sonst kann das einem später im Abitur auf die Füße fallen. Nicht, dass es kurz vorm Abi heißt: Nach der Krise ist vor der Krise.

Maxi Sondermann ist 17 Jahre alt und wohnt in München. Dort geht dort auf ein Gymnasium in die elfte Klasse. Er interessiert sich für viele verschiedene Themen, darunter Politik, Flugzeuge und Reisen.

 

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Sandra Navidi und Trumps Völkermord – Ein kleiner Briefwechsel

Ich finde es immer wieder faszinierend, was in Deutschland so alles unkommentiert geht, wenn es nur der richtige sagt. So ist es lange keine Empörung mehr, wenn reihenweise Politiker und hochrangige Richter behaupten, die DDR sei kein Unrechtsstaat. Und gegen „die Putins, Trumps und Erdogans“ dieser Welt ist auch kein Hitlervergleich zu schade, obwohl zumindest eines der drei Länder, allen Behauptungen linker Intellektuelle zum Trotz, zwar als defizitär gilt, was die Demokratie angeht, aber immerhin eine sind. Im Gegensatz zu Russland und der Türkei.

Gegen die USA und gegen Trump ist kein Bild zu schief und kein Mittel zu scharf. So sieht das auch Sandra Navidi. Die kennt zwar keine Sau, außer man schaut ntv (also keine Sau), dafür bekommt sie reichlich Sendezeit bei Markus Lanz. Warum, weiß ich nicht, vielleicht hat sie etwas gegen den Südtiroler in der Hand, wie auch immer, hat sie doch einiges zu sagen. Zum Beispiel das:

Es mehren sich die Stimmen, die Donald Trump des Völkermords beschuldigen, schon alleine im Hinblick auf die Coronakrise

Das fand‘ ich dann nicht so lustig und schrieb der Dame eine Mail, die sie auch prompt beantwortete. Doch lesen Sie selbst:

Guten Morgen Frau Frau Navidi,


ich hoffe, Sie sind wohl auf.


Ich hab da einige Fragen zu Ihrer Aussage bei Markus Lanz, die da lautete: „Es mehren sich die Stimmen, die Donald Trump des Völkermords beschuldigen, schon alleine im Hinblick auf die Coronakrise“


1. Um welche Stimmen handelt es sich, die Trump des Völkermords bezichtigen? Wenn diese sich „mehren“ würden, müsste es zumindest vier oder fünf Statements diesbezüglich geben. Ich habe keines gefunden, vielleicht können Sie mir weiterhelfen.


2. Sie sagen bei Lanz: (…)schon alleine im Hinblick auf die Coronakrise würde Trump von mehreren Stimmen des Völkermordes bezichtigt. „Schon alleine“ heißt, die mehreren Stimmen, die Sie mir in Punkt 1 genannt haben werden, haben ihn wohl auch wegen anderen Dingen des Völkermords“, als wegen Corona bezichtigt. Welche Vergehen sind das?


3. Sie als Juristin wissen sicherlich um die Definition des völkerrechtlichen Begriff des Völkermordes. Trotzdem meinen Frage: Wie definieren Sie „Völkermord“ und inwieweit passt das auf Trumps Politik?


4. Wenn also es mehrere Stimmen gibt, die Trump nicht nur, aber auch des Völkermords bezeichnen, also das systematische Ausrotten einer ethnischen oder religiösen Gruppe, inwieweit trifft das auf Corona zu? Welche Gruppe rottet Trump aus? Oder vereinfacht gesagt: Inwieweit ist Trump am Corona Virus schuld?


Um eine rasche Antwort bin ich Ihnen sehr verbunden. Ich bin zwar nicht die BILD, die twitternde Virologen lediglich eine Stunde geben, aber bis heute um 17 Uhr wäre eine Antwort dennoch fabelhaft.


Beste Grüße aus dem schönen Nürnberg
Julian Marius Plutz – Neomarius.blog

Lieber Herr Plutz,

Danke für Ihre Anfrage. Leider haben Sie sich nicht vorgestellt. Auch der Hintergrund Ihres Anliegen, der Grund für eine zweistündige Frist und der Bezug auf die BILD bleiben unklar. Sicherlich werden Sie verstehen, dass ich allein aus zeitlichen Gründen nicht alle Anfragen beantworten kann. Daher nur kurz:

Wenn Sie googeln, stoßen Sie auf zahlreiche Artikel, u.a.

https://www.nationalreview.com/news/im-being-serious-here-yale-prof-denounces-trumps-handling-of-coronavirus-as-awfully-close-to-genocide/

https://www.huffpost.com/entry/epidemiologist-coronavirus-genocide-by-default_n_5eb2a5ebc5b63e6bd96f5d81

https://www.independent.co.uk/voices/trump-coronavirus-response-international-human-rights-law-us-cases-a9459731.html

http://opiniojuris.org/2020/05/15/trumps-coronavirus-response-genocide-by-default/

https://www.ft.com/content/97dc7de6-940b-11ea-abcd-371e24b679ed

https://www.galvnews.com/opinion/letters_to_editor/article_8f42f4e9-c360-53d5-815f-0179a7fc2545.html

https://www.rawstory.com/2018/06/precursor-genocide-language-expert-explores-dark-history-trumps-dehumanizing-immigration-rants/#.Wylv7PIPqpU.twitter

Im Hinblick auf Bevölkerungsgruppen trifft COVID19 Minderheiten und ärmere Bevölkerungsschichten deutlich häufiger als andere. Aufgrund ihrer schlechteren Gesundheitsversorgung versterben diese Menschen auch häufiger.

Im Hinblick auf Ihre anderen Fragen, verweise ich auch meine Interviews aus der jüngeren Vergangenheit.

Mit freundlichen Grüßen,

Sandra Navidi

Hallo Frau Navidi,


bitte verzeihen Sie meine Unhöflichkeit. Julian Marius Plutz ist mein Name und ich bin Blogger und schreibe für mich – Neomarius.blog so wie,- wenn sie mich lassen, gelegentlich für andere. Die Frist, immerhin fast acht Stunden hat vor allem praktische Gründe. Man will ja fertig werden mit der Geschichte. Daher herzlichen Dank für die Antwort.


Sie schreiben, dass COVID-19 in den USA vor allem ärmere Menschen treffen. Das mag stimmen. Dennoch die Brücke zu Völkermord, bsp den Holocaust zu ziehen, ist, sagen wir es freundlich intellektuell sportlich und moralisch ziemlich heikel – um nicht zu sagen fragwürdig – um nicht zu sagen völlig plemplem. Vor allem aber insinuieren Sie mit dem Satz der ärmeren Menschen, das sei die zu vernichtenden Gruppe, die Trump wissentlich ausrotten mag. Dann müsste Trump das Virus ja wissentlich unter die Leute gebracht haben. Das halte ich doch für arg verschwörungstheoretisch. Und den Unterschied zwischen implizit und explizit, zwischen Vorsatz und Fahrlässigkeit muss ich Ihnen, liebe Frau Navidi, Sie als Volljuristin nicht erklären.


Würden Sie im Umkehrschluss auch Herrn Macron so wie Herrn Renzi Völkermordabsichten unterstellen, denn die Mortalitätsrate was Covid-19 oft Länder ist höher als in den USA? Oder geht es in Wahrheit eher um die Antipathie gegenüber Trump, für die es fürwahr mannigfaltige Gründe gibt?


Ich finde es äußerst geschmacklos, dass echte Völkermorde, also das systematische Ausrotten ethnischer Gruppen ständig missbraucht werden, damit sich irgendwelche geltungssüchtigen Randfichten im Fernsehen profilieren können. Wie erklären Sie Opfer von Völkermorden dies?


Beste Grüße, Julian Marius Plutz