Zwischen Corona, Heuschnupfen und Gaga-Unterricht – Aus dem Coronaalltag eines Schülers

Nach der Krise ist vor der Krise – ein Sprichwort, das man in der Wirtschaft nur zu gut kennt: Als 2008 die Lehman-Bank Insolvenz ankündigte, trat die bis dato und nach 45 größten Wirtschaftskrisen los. Doch nachdem sich die Ökonomie erholt hatte, kam eine Dekade später wieder ein Abschwung – losgelöst durch eine Pandemie. „Nach der Krise ist vor der Krise“;  der Spruch passt besser denn je. Aber nicht nur der Wirtschaft droht eine Krise dank eines Virus, das mal eben die Weltherrschaft an sich reißen möchte, sondern auch Schüler wie ich einer bin. Lesen Sie nun von Home-Schooling, Lagerkollern und vom fatalsten Fehler in Zeiten von Corona – dem Heuschnupfen.

Vor zwei Wochen war mein erster Tag in der Schule. Ganze zwei Monate davor genossen wir „Corona-Ferien“. Es hatte ein bisschen was von Sommerferien gehabt, nur ohne Sommer und ohne Ferien. Nirgendwo hin fliegen und Urlaub machen, kein „Abhängen“ mit Kumpels, nicht mal ins Restaurant konnte man gehen. Dazu eine Brise Aprilwetter; mal sonnig und warm, und dann gleich wieder nass und kalt. Obwohl diese Corona-Ferien (nennen wir sie so mal) natürlich echten Ferien nicht gleich kommen, waren sie eigentlich schon ziemlich geil.

Kann sein, dass ich da einer der wenigen bin, aber ich habe es in vollen Zügen genossen. Jeden Tag ausschlafen, keine festen Zeiten, wann man wo wie zu sein hat. Wer weiß? Vielleicht war es die einzige Gelegenheit im gesamten Leben dem alltäglichen Stress einmal vollständig zu entkommen. Ich hatte endlich die Zeit für Sachen, die ich sonst nicht machen konnte und immer machen wollte. Beispielsweise besitze ich bei Steam eine Sammlung an Spielen, die ich in den Corona-Ferien nach langer Zeit wieder einmal abgestaubt habe. Endlich hatte ich wieder Zeit gehabt mal alte Klassiker zu zocken, für die ich normalerweise wenig Zeit finde.

Wenn Mebis nicht kollabiert ist, dann das heimische W-LAN

Auch bei Netflix habe ich die ein oder andere Serie geschaut; Ich nutze schon gelegentlich den Streaminigdienst, nur komme ich (kann sein, dass ich hier ebenfalls zur Minderheit zähle) im Alltag nicht allzu häufig in den Genuss mich hier mal umzuschauen. Auch die Mediathek bei ZDF habe ich gemeinsam mit meiner Familie einmal rauf und runter geschaut (notgedrungen natürlich, denn die Filme, die ich mag, mag meine Familie nicht so sonderlich und umgedreht). Obwohl die Öffentlich-Rechtlichen in vielerlei Hinsicht völlig zurecht in der Kritik stehen, muss ich diese hier jetzt mal in Schutz nehmen: Auch wenn ich mit 17 Jahren nicht sonderlich am Programm vom ZDF interessiert bin (das Programm spricht eher ältere Menschen an, für Jugendliche ist hier wenig dabei), muss ich zugeben, dass wir einige wahre Perlen entdeckt haben, wie „Natürlich seid ihr eingeladen“ oder „Merz gegen Merz“ (mein persönlicher Geheimtipp).

In dieser Zeit hatten wir zwar keine Schule im Real life, aber Arbeitsaufträge, die dann von den Schülern selbstständig zu hause zu bearbeiten sind, gab es trotzdem. Es war leider häufig schwierig die Arbeitsaufträge zu bearbeiten. Die Lehrer stellen alle Arbeitsaufträge samt Lösungen und so weiter auf mebis, einer Plattform im Internet, das vom bayerischen Kultusministerium betrieben wird. Lehrer können hier schulische Sachen einstellen, die die Schüler dann von allen möglichen Endgeräten einsehen können. Das Problem war aber, dass ALLE Schüler in ganz Bayern nun zu hause bleiben mussten, und fast alle Schulen mebis nutzen. Und das führte zu andauernden Überlastungen und Systemabstürze. Und dazu kommt on top, dass ich in einem Haushalt mit fünf Personen lebe, die alle im Homeoffice sind, und ebenfalls wie ich das Internet nutzen, insbesondere in Corona-Zeiten. Da macht ein normales WLAN-Gerät schnell mal schlapp.

Und als wäre das schon nicht schlimm genug, kommt dann auch noch diese enorme Variation an Programmen dazu. Jeder Lehrer macht das ein wenig anders, die meisten stellen ihre Arbeitsaufträge bei mebis rein, die anderen schicken es aufgrund der immer wiederkehrenden Probleme und Systemabstürze per E-Mail, der andere stellt die Aufgaben auf der Schulhomepage ein etc. Für Online-Unterricht/Online-Konferenzen wird Microsoft Teams genutzt, einige wenige nutzen aber auch Zoom oder andere Dienste. Wer behält denn da noch den Durchblick?! Man musste sich also immer den Kram auf zig verschieden Webseiten und Programmen zusammensuchen, Word-, Excel- und PDF-Dateien herunterladen – bis zum geht nicht mehr.  Home-Schooling war also alles andere als angenehm.

Und plötzlich war wieder Schule

Vor den Osterferien, als sich alle noch an die neue Situation gewöhnen mussten, gab es praktisch gar keine Arbeitsaufträge. Da war das alles also noch überschaubar. Nach den Ferien aber gings dann so richtig los, insbesondere für meinen Jahrgang, da ich in der Oberstufe bin und wir im Unterricht uns aufs Abitur vorbereiten. Klar, es ist wichtig, dass die Lehrer jetzt aufs Gaspedal drücken, mit Blick aufs Abi, denn den Stoff, den wir jetzt verpasst hatten, mussten wir schleunigst wieder nachholen. Blöd war nur, dass es alles zu viel war und man bei all den Arbeitsaufträgen, Programmen, Terminen für Video-Konferenzen etc. komplett durcheinander gekommen ist. Es war kaum möglich, alle Anforderungen in dieser Zeit adäquat gerecht zu werden.

Dann meldete sich nach achtwöchiger Funkstille die Schule mal wieder, und kündigte den Schulbeginn an. Die Nachricht schmiss mich erstmal vom Hocker, denn ich hatte mich eigentlich in dieses Stay@home eingelebt. Allerdings habe ich mich schon auch ein klein wenig gefreut wieder in die Schule gehen zu dürfen, da ich nun endlich meine Freunde wiedersehen konnte, einer der wenigen Dinge, die ich den Corona-Ferien wirklich schmerzlich vermisst hatte. Die Freude hielt an, bis zu dem Punkt, an dem die Sicherheitsmaßnahmen bekannt wurden: Ich meine, klar, ist ja nur gut gemeint, und einen Sinn haben die bestimmt auch, nur sind sie sehr aufwendig und dauernd vergesse ich so Sachen wie vor Betreten des Schulgebäudes die Maske aufzusetzen oder dass nur eine Person auf die Toilette gleichzeitig gehen darf. Und außerdem: Erklären Sie mal einem Grundschüler oder einem pubertierenden Teenager, dass er zu jeder Zeit einen Sicherheitsabstand von 1,5 Metern zu allen Personen um sich herum einhalten muss.

„Sorry, dass ich niesen muss!“

Der neue Unterrichtsplan, den die Schule mir schickte, sah wie folgt aus: Während die eine Hälfte der Schüler eines Kurses zu hause blieb, war die andere in der Schule, in der nächsten Woche war es dann genau anders herum. Und so geht das jetzt immer im Wechsel bis zu den Sommerferien. Am „ersten“ Schultag nach langer Zeit wieder zur Schule. Während des Unterrichts hatten wir relativ häufig aufgrund des warmen Wetters die Fenster offen. Da ich allergisch auf Gräser-Pollen reagiere und zum Zeitpunkt des Schulstarts jede Menge von denen ‚rumflogen, musste ich natürlich nießen – in Zeiten von Corona ein fataler Fehler. Schnell stellte man mir die Frage, ob ich auch wirklich gesund sei. Ich behauptete zwar, dass ich „nur“ Heuschnupfen habe, trotzdem haben einige anschließend einen großen Bogen um mich gemacht. Jeder saß an seinem eigenen Tisch, nach jeder Stunde sich die Hände waschen und Desinfektionsmittel nehmen ohne Ende; dass meine Hand noch dran ist und nicht schon weggeätzt ist, grenzt schon irgendwie an ein Wunder.

Die Kantine hat zu, kein Sportunterricht, keine Nebenfächer, kein Aufenthalt an der Schule während der Pausen, nichts. Die Bibliothek bleibt ebenso geschlossen, wie der Aufenthaltsraum für die Oberstufe. Vorspielen oder Singen in Musik findet zwar weiterhin statt, ABER: Man darf nicht in die Richtung des Publikums singen, Instrumente müssen akribisch gereinigt werden und ein Sicherheitsabstand von 5 Metern zum Publikum muss ebenso gewährleistet werden, wie das Reinigen der Hände nach dem Vorspielen. Zum Glück sind die Lehrer relativ entspannt. Einige wenige Lehrer, die an ihrem Fach sehr interessiert sind, versuchten einen „Semi-Online-Unterricht“ einzurichten.

Während die eine Hälfte der Klasse analog im Klassenzimmer saß, nahm die andere Hälfte, die zuhause waren, einfach via Microsoft Team am echten Unterricht teil. Auf diese Weise kam es sogar dazu, dass wir im Religionsunterricht Referate gehalten haben, die teils online, teils im echten Leben stattgefunden haben, und von allen Schülern mitverfolgt werden konnte, unabhängig ob sie in der Schule oder zuhause waren. Leider waren es wie gesagt nur sehr wenige Lehrer, die meisten haben einfach weiter Arbeitsaufträge aufgegeben, die dann selbstständig zu erledigen sind. Wir Schüler aus der elften Klasse aber haben wenigstens alle zwei Wochen noch Unterricht und damit einen Tagesablauf, der einigermaßen geregelt ist. Meine Schwester (siebte Klasse) hat bis zu den Sommerferien nur noch einmal Unterricht (!), nämlich am letzten Schultag bei der Zeugnisvergabe

Ich bin mal gespannt, wie das nun weitergeht. Wir müssen noch einiges nachholen, was den Schulstoff angeht. Da wir nun auch keine Klausuren mehr dieses Halbjahr schreiben dürfen, bleibt Schülern wie mir, die im ersten Halbjahr nicht allzu gut abgeschnitten haben, ein Halbjahr weniger, das sie zur Verbesserung ihres Abitur-Schnitts nutzen können. Auch wenn ich die Corona-Ferien eigentlich sehr genossen habe, so hoffe ich sehr, dass sich so etwas nicht mit Blick aufs Abitur nicht wiederholt. Ich hatte zwar nur zwei Monate „frei“, aber das hat ausgereicht, dass viele Wissenslücken entstanden sind. Und daa bin ich nicht der einzige. Deshalb muss der fehlende Stoff dringend nachgeholt werden, denn sonst kann das einem später im Abitur auf die Füße fallen. Nicht, dass es kurz vorm Abi heißt: Nach der Krise ist vor der Krise.

Maxi Sondermann ist 17 Jahre alt und wohnt in München. Dort geht dort auf ein Gymnasium in die elfte Klasse. Er interessiert sich für viele verschiedene Themen, darunter Politik, Flugzeuge und Reisen.

 

Ein Kommentar zu „Zwischen Corona, Heuschnupfen und Gaga-Unterricht – Aus dem Coronaalltag eines Schülers

  1. Lieber Maxi! Dein Bericht war sehr interessant für mich zu lesen. Er geht einmal über die allgegenwärtige Lehrerschelte vor allem von Eltern hinaus und zeigt meiner Meinung nach die Situation von vielen Schülern und Familien.

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