Der Zeitgeist will schwarze Opfer – Schwule Tote stören nur

Es war 2:00 zur Nacht, als Omar Mateen seinen übrig geblieben Rest an Menschlichkeit ablegte. Mit Gewehr, Pistole und einer finsteren Religion ausgestattet, betrat er den Schwulenclub „Pulse“ in Orlando und tötete 49 Menschen. 53 weitere wurden teils schwer verletzt und leiden bis heute an den Folgen. Im Juni 2016 begann das große Schlachten in Florida, was nach 9/11 als der schlimmste islamische Anschlag in den USA gilt.

Für Homosexuelle ist dieser Tag Zäsur und Schmerz zugleich. Orlando ist bis heute Albtraum für die Szene und in seiner Brutalität und Bildhaftigkeit präzedenzlos. In der Nacht beim Feiern mit Freunden oder dem Partner beschließt ein Mensch, ihre Existenzen zu beenden. Einfach so. Weil sie so waren, wie er es nicht ertrug und sie so lebten, wie er es vielleicht nie konnte.

Deutsche Medien interessiert es nicht

Selbst für mich als emotional eher unmusikalischen Menschen berührt das One – Take  Video von Sia , die in einer unfassbar starken Performance den Anschlag vertont und im Bewegtbild verbildlicht. Und mich bewegt Orlando. Es stimmt, ein Angriff auf „die Seinen“ trifft mehr, emotionalisiert mehr, als ich es für möglich gehalten hatte. Und auch wenn ich nicht der krasseste aller krassen Szenegänger bin, so hätte ich dort sein können. Obwohl ich mich eine Zeit lang gewehrt habe, es nutzt nichts: Ich bin auf irgendeine schiefe Art Teil dieser Community, die heterogener ist, als sich das manche vorstellen können.

Am 20. Juni dieses Jahres schlachtete ein Libyer drei Engländer in Reading, eine Stadt in Großbritannien. Sie hörten auf die Namen James Furlong, Joe Ritchie-Bennett und David Wails. Namen, die außerhalb den britischen Medien kaum jemand gehört haben dürfte. Denn neben dem Szenenportal queer.de berichtete lediglich Tichys Einblick über die Tat. Sie wissen schon, das Medium, dessen Betreiber laut Claudia Roth ein „Stichwortgeber für rechte Hetze ist“, die man „benennen müsse“. Im Gegensatz zu Ihnen, Frau Roth, hat „TE“ James, Joe und David eine Stimme gegeben, wofür ich dem Herausgeber und dem Autor sehr dankbar bin.

Wir leben in einer Zeit, in der Solidarität für eine Randgruppe nur dann durchdringt, wenn sie dem Zeitgeist entspricht. Schwule waren 2017 die nützlichen Idioten, als man die „Ehe für alle“ in einem schmierigen Wahlkampfmanöver in den Vordergrund rückte, während am selben Tag das Netzwerkdurchsetzungsgesetz verabschiedet wurde, was bis heute der Homoehe einen bitteren Beigeschmack gibt.

Für SPD und Grüne gaben Schwule und Lesben den Steigbügel. Man ließ sich feiern,  heiratete und freute sich einen Ast ab, 15 Minuten goldene Randgruppe zu sein. Traumschön.

„Der momentane Zeitgeist ist gar nicht mal so geistreich“

2020 sind die goldene Randgruppe die Schwarzen. Da geht nix drüber. Die Angehörigen von James, Joe und David haben einfach Pech gehabt, nur ein paar englische Weißbrote als Freunde und Brüder gehabt zu haben und die Pigmentierung der Opfer nicht so weit fortgeschritten ist, dass man sie „People of Color“ nennen dürfte. Was hier statt findet ist eine Verhöhnung von Gewalt, die mich, emotional unmusikalischer Mensch, wütend macht und traurig. Sind die Jungs weniger wert, weil sie weiß sind? Zu dem Schluss muss man kommen. Und das, liebe Freunde vom Linksgrünverein, liebe Claudia Roth: Das ist Rassismus!

Alle Solidaritätsbesoffenen springen auf den Zug der Black Lives Matter Bewegung. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn alle einhellig für eine Sache sind, ist das für mich Grund genug, sich skeptisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und es tut mir leid, aber wenn ein Libyer drei Schwule absticht, weil sie homosexuell sind, dann erwarte ich etwas mehr Aufmerksamkeit für die Gefahren für homosexuelles Leben.

Doch der momentane Zeitgeist, so laut dem Rapper Fatoni, sei gar nicht mal so geistreich. Wie recht er doch hat. Denn es hat den Anschein, dass die Diskussion um Gewalt verhindert werden muss, weil es jetzt doch um Schwarze zu gehen hat. Frei nach dem Motto: „Wer diskriminiert wird und wer nicht, bestimme immer noch ich!“ Und in diesen Zeiten scheint „Die Nacht der langen Messer “ mehr zu sein, als ein historischer Begriff, viel mehr eine Alltagsbeschreibung im Plural. Doch dabei gibt es die Gewalterfahrungen. Nicht nur bei mir, von Übergriffen berichten viele, siehe hier, hier, oder hier.

Und auch hier ergeben sich statistische Schwierigkeiten. Zum einen liegt die Dunkelziffer schwulen feindlicher Angriffe höher, als die Statistik. Wenn ich darüber nachdenke, habe auch ich einen kleineren Fall nicht angezeigt. Eine offensichtlich unter Drogen stehende Frau sprang mich im Bahnhof mit spitzen Schuhen an, nachdem sie uns, Hand in Hand gehend, verfolgt und mit „Schwuchtel“ beschimpft hat. Es war zwar nur eine kleine Platzwunde am Oberschenkel, aber eigentlich hätte ich dies, allein um die Statistik richtiger zu machen, anzeigen müssen. Etwas, das ich in Zukunft tun werde.

Eine andere Schwierigkeit besteht in einem alt bekannten Problem. Nämlich dass die Herkunft des Täters in vielen Bundesländern nicht in den Statistiken auftaucht. Doch das wäre für Prävention und Strafverfolgung wichtig. Hier geht es nicht um Schuldzuweisungen. Doch ist es für die Polizei wichtig, worauf sie achten muss. Ferner sollte es für die Politik Anlass für Rückschlüsse geben, falls sie auf den naheliegenden Gedanken kommt, Zuwanderung zu steuern.

Den Opfern fehlte das Timing

Ein weiterer Grund, warum die Ermordung dieser drei Männer in Deutschland keine Rede wert ist, scheint mir auch darin zu liegen, dass es sich hier nicht nur um die falschen Opfer, sondern auch um den falschen Täter handelt. Der ist das Problem, weil er nicht ins Narrativ zu passen scheint. Bei #Blacklivesmatter sind Schwarze Opfer. In Reading war jedoch ein Schwarzer Täter. Auch das passt nicht in den Zeitgeist. Die Geschichte des ewigen schwarzen Opfer darf ja keine Risse bekommen, denn sie sind die Bessermenschen, die unter Generalschutz stehen. Eine so brutale Straftat stört da nur.

Ich gehörte 2015 zu den Kritikern der Flüchtlingspolitik. Während Angela Merkel ein fragwürdiges Experiment mit humanitären Gründen erklärte, die meines Erachtens vorgeschoben waren, erklärte ich meine Haltung dazu eben auch mit humanitären Erwägungen. Wollen wir wirklich so viele Menschen unkontrolliert ins Land lassen, die aus Ländern kommen, in denen Homosexualität aufgrund der Religion als Sünde gesehen wird? Haben wir nicht mit dem ansässigen Schwulenhass genug zu tun? So argumentierten viele Randgruppen, meist unter vorgehaltener Hand, die ihr Dasein als 15 minütige goldene Randgruppe hinter sich hatten, oder nie in das zweifelhafte Vergnügen kamen.

Orlando bleibt für viele Homosexuelle ein emotional schmerzhaftes Erlebnis. Die drei Opfer aus Reading haben das womöglich auch so gesehen. Nun sind sie tot und kaum ein Medium in Deutschland berichtet. Um Namen zu vergessen muss man die Namen kennen. George Floyd war für die Solidaritätsbesoffenen das richtige Opfer zur richtigen Zeit.

James, Joe und Davids Schlachtung fehlte es am Timing. Der Zeitgeist will schwarze Opfer, für Homos reicht die Empörung nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4 Kommentare zu „Der Zeitgeist will schwarze Opfer – Schwule Tote stören nur

  1. Ich finde es zwar immer schwierig, Dinge miteinander zu vergleichen oder gar gegenzurechnen, aber es stimmt schon, dass es viele Doppelstandards gibt, die unerträglich sind.
    Und Anschläge gegen Schwule, LGBT sind in Deutschland stark angestiegen. Ebenso ging gerade durch die Presse, dass die Genitalverstümmelungen (Beschneidungen) an Frauen und Mädchen im Vergleich zur vorherigen Erhebung um 44 Prozent in Deutschland gestiegen sind – ein grauenhaftes Ritual aus u.a. Afrika – kaschiert als „Tradition“ – dabei ist es nichts anderes als ein menschenverachtendes Verbrechen.

    Der Täter des Anschlages in Orlando, Florida damals soll große und erhebliche Probleme mit seiner eigenen Homosexualität gehabt haben. Eben auch auf Grund seiner Sozialisation in den Vorstellungen des Islams – und der wendet sich neuzeitlich gegen Schwule, Lesben, LGBT. Es gab im 13. Jahrhundert mal eine etwas tolerantere Haltung. Aber seit vielen Jahren ist Schwulsein dort eine Sünde und wird mit der Todesstrafe bestraft.

    Vor kurzem sprach sich auch eine Moderatorin (Hala Samir) von Egyptian TV – stationiert in der Türkei – wieder für entsprechende Strafen bei Schwulen, Lesben aus.

    Menschen, die in solchen Vorstellungswelten und Geboten sozialisiert werden – kein Wunder, dass die enorme Probleme haben, was natürlich keine Morde und Gewalt rechtfertigen kann. Das sind für mich auch keine psychischen Störungen, so wie es HIER immer heißt. um das zu relativieren – das sind rückständige Vorstellungswelten, die zu solchen (Selbst-) HASSTATEN führen.

    Link zum Video der Hass-predigenden Moderatorin:

    https://www.memri.org/reports/tv-host-hala-samir-turkeys-muslim-brotherhood-tv-homosexuals-should-be-killed-%E2%80%93-burned-alive

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  2. Lieber Marius, da du mich einfach duzt, obwohl wir uns nicht kennen – und damit auch dem allgegenwärtigen Zeitgeist frönst, was mir aber übrigens ganz und gar nicht gefällt – duze ich dich dieses eine Mal einfach zurück. Oder richtet sich deine Anrede oben nur an unter Vierzehnjährige? Jetzt aber zu meinem eigentlichen Anliegen: Inhaltlich liege ich mit dir auf einer Welle. Ich finde auch, dass dein obiger Artikel im großen und ganzen gut und bewegend geschrieben ist. Dass du so engagiert in der Sache bist, findet meine volle Unterstützung. Dafür dickes Lob! Ich habe ein anderes – sicherlich nicht so schwerwiegendes – Problem, was deine Rechtschreibung und den sprachlichen Ausdruck betrifft. Sag nicht, dass das nicht so wichtig sei! Ein Artikel wird auch daran gemessen, wie sprachlich korrekt er abgefasst wurde und er entwertet sich durch falsche Grammatik und Rechtschreibfehler. Da ich dich als jemanden einschätze, der für nett gemeinte Kritik offen ist und lernwillig (!), möchte ich einen Satz aus deiner Darlegung herausgreifen, der – umgangssprachlich ausgedrückt – „ziemlich in die Hose gegangen ist.“ Zitat: „Ein weiterer Grund ist, warum das der Mord der Dreien in Deutschland keine Rede wert ist, scheint mir nicht nur die falschen Opfer zu sein, sondern auch der falsche Täter ist das Problem, der nicht ins Narrativ zu passen scheint.“ Wahrscheinlich ist dir selbst beim nochmaligen Lesen deines Artikels schon aufgefallen, dass du dich in diesem Satzungetüm verstolpert hast. Wahrscheinlich wusstest du nicht, wie du es besser ausdrücken konntest. Also das Wichtigste zuerst: „…der Mord der Dreien“, schreibst du. Haben die drei einen Mord begangen??? Das wolltest du doch nicht sagen! Sie sind ermordet worden! Das ist ein Unterschied! Das kleine Wort „das“, was vorangeht, müsste in diesem Fall auch mit doppeltem „s“ geschrieben werden, ist aber sowieso mehr als überflüssig. Ich versuche, den Satz einmal in besseres Deutsch umzuformulieren. Dann würde er so heißen: „Ein weiterer Grund, warum die Ermordung dieser drei Männer in Deutschland keine Rede wert ist, scheint mir auch darin zu liegen, dass es sich hier nicht nur um die falschen Opfer, sondern auch um den falschen Täter handelt. Der ist das Problem, weil er nicht ins Narrativ zu passen scheint.“ Nimm mir bitte diese Verbesserung nicht übel! Du willst dich doch entwickeln, auch sprachlich. Wenn mich jemand verbessert, bin ich immer dankbar, dass ich was lernen durfte. Niemand ist perfekt. Da die Kenntnis von Rechtschreibung, Grammatik und Kommasetzung in unserem Land in erschreckender Weise zurückgeht, ist es mir ein persönliches Anliegen, dem entgegenzuwirken. Es ist ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Aber unsere Sprache hat es verdient, dass man sich für sie einsetzt. Ich würde dir raten, deine Artikel vor ihrer Veröffentlichung gegenlesen zu lassen von jemandem, der sich mit Sprache auskennt. Dieser Kommentar ist als persönlicher Brief an dich gemeint und muss nicht veröffentlicht werden. Wenn du das aber möchtest, ist es auch in Ordnung. Freundliche Grüße und viel Erfolg mit dem Blog!

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    1. Vielen Dank für die konstruktive Kritik. Der Satz ist geändert. Leider siegt oft meine Ungeduld gegenüber dem Rat vom Wolf Schneider, seinen Text zu quälen.

      Nur auf eines komme ich nicht. Wo habe ich Sie geduzt?

      Grüße
      J

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