Über Linke, Ex-Linke und innere Hygiene

Von Julian Marius Plutz

Am Abend zuvor gingen wir steil. Die Folge war klar: Ein ausgewachsener Kater hatte meinen Körper fest im Griff. Und als ich gerade versuchte, im Badezimmer die vergangenen Biere aus dem Gesicht zu bekommen, empfing ich eine SMS: „Heute ist Demo! Wo bist du?“ Plötzlich fiel es mir wieder ein: „Ich bin ja links!“ Hatte ich mich noch vor den vergangenen Demonstrationen erfolgreich drücken können, gab es nun kein Pardon. Na gut, für die Partei, für die große Sache. Fürs Ganze. Avanti Popolo!

Ich war natürlich zu spät und die Demonstranten, so nannte man noch 2007 Demonstrierende, liefen mit Fahnen und Chören durch Würzburg. Ich wusste noch nicht mal, worum es bei der Veranstaltung ging. Doch das sollte sich ändern, als ich die Palästinenserfahnen sah. „Oh“, dachte ich, „für die Palästinenser also“. Warum auch nicht? Und so lief ich mit. Angewidert verzichtete ich auf das angebotene, obligatorische Handbier, was bei mir ein Konterbier gewesen wäre.

Gefährliche Naivität

Ich hätte skeptischer sein sollen. Denn nicht nur meine Linken Freunde wurden zunehmend aggressiver und lauter, auch Palästinenser, die der Demo beiwohnten krakeelten mit. Und dann hörte ich den Satz, nonchalant, als wäre es nichts, unter anderem von einer Bekannten schreien: „Seid ihr alle taub und stumm, denn Israel bringt Kinder um“. Immer wieder. Ich konnte nicht fassen. Der Jude, der Kindermörder. Eines der ältesten antisemitischen Stereotype und ich war mittendrin.

.Dieses Ereignis und einige Fakten mehr waren der Grund, mich von der Partei „Die Linke“, aber auch vom gesamten Konzept des Linkssein verabschiedet habe. Die Projektionsfläche „Israel“ bietet für den Linken die Möglichkeit antisemitisch zu argumentieren, ohne Antisemit zu sein. In der Quadratur des Kreises liegt die moralische Flexibilität derer, die zwischen „Israel“ und „Jude“ genau mit dem Skalpell segregieren, um dann mit dem Holzhammer auf das Land der Juden zuzuhauen.

Heute bin ich freilich nicht mehr so naiv. Und es gibt auch Linke, die keine Antisemiten sind und die sie BDS Bewegung ablehnen. Sie und für mich kann ein Kampf gegen Antisemitismus nur im Kern proisraelisch sein. Es ist eine Binse, die für viele schon als Provokation reicht, um einen in die Schmuddelecke zu stellen, die sich „rechts“ nennt. Ich war von der Demo so angewidert, dass ich sie verlassen musste. Baby Schimmerlos sprach in einer Folge der Serie „Kir Royal“ von der „inneren Hygiene“, die er einhalten will. Und es war auch mein Bedürfnis, meine innere Hygiene einzuhalten und mich von dieser antisemitischen Bande fern zu halten.

Frau Roth hätte die Demo verlassen können

Einhalten von Hygieneregeln hat in Zeiten der Pandemie völlig zurecht Hochkonjunktur. Leider wurde die äußere Hygiene am vergangenen Samstag bei der „Anti Corona“ Demo in Stuttgart nicht immer eingehalten. Wenn man sich das „Aktionsbündnis Querdenken711“ genauer ansieht, bei „Aktionsbündnis“ zuckt es bei mir schon zusammen, findet man erstaunliche Wortbeiträge. So sinniert ein gewisser Klemens Jakob bei einer Demo, er sei sich ziemlich sicher, dass er mir Covid-19 infiziert sei und werde nun alles tun, um so viele Menschen wie möglich anzustecken. Das hat er gesagt. Und die Menschen jubeln.

Meine innere Hygiene hätte hier rebelliert. Ja, es gibt gute Gründe gegen viele Maßnahmen der Regierung zu sein. Und einige Maßnahmen wurden bereits in Deutschland und einige mehr in Österreich als verfassungswidrig gekippt. Selbst wenn es schlechte Gründe gibt, oder gar keine Gründe für die Ablehnung:. Menschen können für den größten Unsinn auf die Straße gehen. Klemens Jakob fordert aber die Leute implizit dazu auf, andere anzustecken. Also auch Risikogruppen, die es im Zweifel dahinrafft. Spätestens jetzt hätte ich die Demonstration verlassen, wie ich die Demo 2007 verließ.

Jan Fleischhauer erinnerte mich dankenswerterweise an Claudia Roth, die vor Jahren bei einer linksextremistischen Demo mitgelaufen ist. Soweit, so ungewöhnlich für eine Politikerin mit extremistischer Vergangenheit. Und auch wenn sie laut Ihrer Aussage das meterlange Banner, „Deutschland, du mieses Stück Scheiße“ nicht bemerkt hatte – reife Leistung – , die Chöre, „Deutschland, verrecke“ und „nie wieder Deutschland“ konnte sie kaum überhören, beweist sie doch als Bundestagavizepräsidentin ein durchaus feines Gehör. Dies wäre mein Zeitpunkt gewesen, die Demo zu verlassen. Das hätte auch Frau Roth machen können, wenn sie es denn gewollt hätte. Doch sie blieb.

Das Ende meines Linksseins

Ich mache mir die Sache leicht, gehe ich erst gar nicht zu Demonstrationen. Ich fühle mich unter Parolen und Fahnen grundsätzlich unwohl. Aber natürlich erkenne ich den elementaren Sinn von Demos, um den theoretischen Pluralismus in angewandte, freie Meinungsäußerung zu verwandeln, an. Und ich sehe auch ein gewisses Dilemma, wenn man auf einer Demo ist für ein wichtiges Anliegen geht und plötzlich sieht man, sagen wir es zurückhaltend, unliebsame Mitstreiter. So lange das Anliegen an sich nicht anrüchig ist, habe ich da kein Problem mit.

Aber nichts für ungut: Wenn die Antifa an fordernder Front bei einer Demonstration die Polizei mit Steinen bewirft und Läden in Brand setzt, kann die friedliche Mehrheit dahinter nicht einfach sagen: „Was können wir dafür, wenn die paar Spinner durchdrehen?“. Sie werden unweigerlich Teil der Gewalt, denn sie legitimieren mit ihrer Anwesenheit und dem Lamento die Ausschreitungen. Es steht den Vernünftigen frei, die Demonstration zu verlassen. Die steinewerfenden Antifanten hätten keine Chance, wenn sich die Mehrheit der Demonstranten gegen sie stemmen würde. Aber das ist nicht gewollt. Gewalt ist immer schlecht, außer sie kommt von der richtigen Seite, sagen sie sich. Dass diese Denkweise ausgerechnet von Pazifisten kommt, geschenkt.

Die Demonstration gegen Israel vor 13 Jahren läutete das Ende meines Linksseins ein. Meine Vita und meine Haltung machen es mir unmöglich, Teil einer Horde von Israelhassern zu sein. Natürlich hätten Leute wie dieser geschockte Klemens Jakob keine Chance, bei einer Demo aufzutreten, wenn er nicht von der Mehrheit toleriert und gutgeheißen würde. Jeder Teilnehmer trägt Verantwortung, wen er, und sei es mit der bloßen Anwesenheit, unterstützt. Wer das nicht möchte, hält sich fern. Ansonsten nimmt man in Kauf, dass eine vermeintlich gute Sache diskreditiert wird.

An der Anti-Israel Demo, an „Seid ihr alle taub und stumm, denn Israel bringt Kinder um“ war allerdings nichts Gutes. Ich habe zu keinen der damaligen Aktivisten mehr Kontakt. Spätestens als sie merkten, dass ich nicht mehr zum gleichen Verein gehörte, ging für sie der Ofen aus, was schade ist, wenn man politisches und menschliches nicht trennen kann.

Ein Kommentar zu „Über Linke, Ex-Linke und innere Hygiene

  1. Sie sind offensichtlich der Typ Bürger, der vor dem Mitmarschieren nicht nachdenkt bzw nachgedacht hat. Das sollte zumindest ab der Volljährigkeit eigentlich Bestandteil der Reife sein.

    Damit zu kokettieren, SED-links gewesen zu sein, halte ich angesichts der bekannten Untaten der SED als DDR-Staatspartei für kein Zeichen für Intelligenz. Positiv zu bewerten natürlich, dass dann doch die Augen aufgingen.

    Ob die neue Anbindung an die FDP der Weisheit letzter Schluss ist? Deren Kotau vor Merkel anl. Erfurt lässt zweifeln, ob diese klassische Umfallerpartei aus der Vergangenheit gelernt hat.

    PS
    Den Artikel zu Corona finde ich gut.

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