Wie ich achgut.com schätzen lernte und dabei plötzlich nicht mehr links war

Von Julian Marius Plutz

Vermutlich gehöre ich zu den Lesern der ersten Stunde von Achgut.com. Doch nicht etwa als Fan, nein nein. 2004 gründete sich der Autorenblog und 2004 war ich 17 Jahre alt. Jung, dynamisch und – selbstredend – links. In dem Jahr trat ich in die PDS ein und rief solid, die sozialistische Jugend in Würzburg ins Leben. Ich war sicherlich nicht so links wie Erich Fried, auch wenn ich mich – hoffnungslos überschätzend – als Dichter sah, indem ich wie er Zeilen schrieb, die sich nicht immer reimten und sich nur sich durch Zeilenbrüchen von einem Fließtext unterschieden. Ein wenig wie Günter Grass, der mir den ersten, unverhofften Beitrag auf der Achse bescherte. Doch dazu später mehr. Ich hätte mir 2004 nie träumen lassen und ich hätte es auch nicht gewollt, einer der Autoren auf achgut.com zu sein.

In der Zeit war ich Moderator des damals größten HipHop Forums in Deutschland. Dort gab es einen Nutzer, der sich rickjames nannte und regelmäßig die Achse in Diskussionen verlinkte, was mich wiederum regelmäßig in den Wahnsinn trieb. Gerade die Texte von Henryk Broder erzielten ihren Zweck, denn man konnte die Uhr danach stellen, dass ich mich ob der schallenden Polemik empörte. Doch etwas blieb hängen. Und das war die Leichtigkeit des Spottes. Ja. Immer wieder erwischte ich mich beim Schmunzeln, als Broder ein mir liebes Thema als lächerliche Posse dechiffrierte. Und ab und zu hatte er auch recht. Je älter ich wurde, desto öfter war dies der Fall. Wahrscheinlich war es der Humor, der mir den Zugang zur anderen Meinung erleichterte.

Opfer des Zeitgeists?

Und so war ich bis 2008 Mitglied der inzwischen mehrfach umbenannten SED, DIE LINKE. Dass ich vier Jahre lang Teil der Partei war, die Maueropfer und multiple Unterdrückung zu verantworten hat, muss ich mit mir ausmachen. Ich kann heute sagen, dass ich es besser weiß. Der stalinistische Geist dieser Vereinigung wurde mir spätestens dann klar, als ich eine harmlose Anfrage an die Bundespartei stellte. Ich las damals auf achgut, dass Milliarden an altes SED Vermögen verschollen sei. In meiner jugendlichen Naivität schrieb ich an DIE LINKE in Berlin, ob sie mir sagen könne, wo denn das Geld sei.

Statt einer Antwort erhielt ich wenige Tage später einen Anruf des Kreisvorsitzenden. Es könne nicht sein, dass ich solche Fragen einfach der Bundespartei stellte. Ich sollte das doch in Zukunft lassen. Schon komisch: Offensichtlich delegierte der Berliner Apparatschik die Schelte zum Würzburger Apparatschik, der dem Befehl von oben auch formvollendet nachkam. Traumschöner Autoritarismus. Somit etwa hatte man wohl auch den Laden jenseits der Mauer zusammengehalten.

2008 hatte die spuckgewordene Mitgliedschaft in dieser Partei ein Ende. Was blieb, was die Achse des Guten und eine gehörte Portion Zweifel. Wenn ich ehrlich bin, war ich nie Kritiker des Kapitalismus. Und eigentlich empfand ich die Hartz Reformen als gerechtfertigte Maßnahme für ein System, das bislang steuerfinanzierte Bequemlichkeit evozierte. War ich vielleicht nie links, sondern lediglich ein Opfer des Zeitgeists? Naja.

Die Leichtigkeit des Unideologischen

2004 war auch die Zeit, als ich in der 11. Klasse war. Dort gab es den Markus. Markus war so konservativ, wie eine Tanne immergrün ist. Mit 18 Jahren bereits ausgestattet mit einem fertigen, wenig charmanten, aber um so geklärten Weltbild. Mitglied der Jungen Union und der CSU. Und ich Mitglied der PDS und solid. Wir haben uns gestritten und dabei angefreundet. Der Zeitgeist war nicht links, er war auch nicht rechts. Der Zeitgeist schmeckte nach Dosenbier, hörte Punkmusik und liebte das Verliebtsein. Die Leichtigkeit des Unidologischen gab uns ein Gefühl der Freiheit.

Ich erinnere mich an lebhafte Diskussionen voller Respekt und auf Augenhöhe. Der Schiedsrichter war nicht selten unser Sozialkundelehrer, der uns streiten ließ und nicht ein einziges Mal seine politische Meinung zum besten gab. Weil sie dort auch nichts verloren gehabt hätte.

Ich habe den Eindruck und die Erzählungen von heutigen Schülern bestätigen das, dass diese Neutralität nicht immer bei den Lehrern angekommen ist. In den Fächern wie Geschichte, Sozialkunde, aber auch Geographie besteht die Gefahr eines ideologisierten Unterrichts. Wir hatten damals „Rede: Gegenrede“ und einen unparteiischen Lehrer. Und nach der Diskussion ging es zum Bolzen, Abends in die Eisdiele und am Wochenende zum Feiern in die nächste Stadt.

Achgut war immer ein Teil meines privaten Lesezirkels. Als 2012 Günther Grass mit letzter Tinte sagen musste, was er an sich gar nicht sagte, sondern für die Süddeutsche aufschrieb, fühlte ich mich als verkannter Dichter im Stolz gekränkt und antwortete mit was keiner sagen muss.Jetzt stand ich auf der Achse und wusste gar nicht so recht, warum. Es sollte dann noch acht Jahre dauern, bis der erste ernst zunehmende Beitrag dort erschien.

Anker im Gleichstrom des Mainstreams

Achgut ist heute mehr denn je ein ernst zunehmendes Medium, das jenseits des politischen Stroms agiert. Der Blog ist die Definition von „bockbeinig“. Und er ist völlig frei von redaktionellen Zwängen und Marschrichtungen, die in den Chefetagen vorgegeben werden. Ein große Vorteil der Achse sind die Autoren, die nicht unbedingt aus den Riegen der Journaille stammen. So schreibt ein jeder über das, wovon er am meisten Ahnung hat: Von seinem Fachgebiet. Sei es der Atomphyiker, der Immunologe , der Jurist oder der geschasste Gagschreiber von Jan Böhmermann. Wenn es für die „Schwarmintelligenz“ eine Herberge gibt, dann ist das auf den Seiten der Achse.

Das scheint nicht jedem zu gefallen. Als ich vor gut zwei Jahren einen außerordentlich formidablen Burger in einem linken Etablissement zu mir nahm, wurde ich doch tatsächlich von einer Person beobachtet, wie ich auf meinem IPad auf achgut einen Beitrag las. Die Person ließ es sich nicht nehmen, mich darauf anzusprechen, wie „rechts“ doch die Seite sei. Traumschön.

Die Fremdbezeichnung „rechts“ wundert insofern, als dass die Achse eben nicht als autoritär definiert. Viel mehr gestaltet sich das Selbstverständnis anarchistisch und freiheitlich; vielleicht trifft der Begriff neokonservativ im US-amerikanischen Sinn am ehesten. Denn wie bei der Bewegung in den Staaten, sind nicht wenige Autoren ehemalige Linke, die sich irgendwann vom Korsett der Ideologie lossagten und mehr Fragen stellten, als sie Antworten parat hatten.

So in etwa sehe ich mich auch. Für die unangepassten und unbequemen Meinungen bietet der Autorenblog Raum. Der Erfolg ist da, die Anerkennung, auch jenseits des eigenen Milieus, gibt den Machern und Mitmachern recht. Möge das noch lange so bleiben. Achgut war nicht Endpunkt meiner politischen Emanzipation, sondern ist eher Anker im Gleichstrom des Mainstreams. Und während sich die einen im Fahrwasser der ideologischen Gewissheit bewegen, geht die Achse den unangenehmen Weg des Zweifelns. Denn der muss nicht einsam machen , im Gegenteil. Der Zweifel kann auch immer verbinden.

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