Auf der Suche nach der verlorenen Leichtigkeit

Von Julian Marius Plutz

Irgendwo habe ich die Überschrift „Kann man über Corona lachen?“ gelesen. „Ja, wenn es lustig ist“, hätte ich in alter Hagen-Rether-Manier geantwortet. Hätte. Doch lustig ist gerade gar nicht sehr viel. Trübsal verteilt sich über die Menschen. Ganz ohne Massenaufläufe, denn die sind ja untersagt. Und so scheint es, als würde sich die Traurigkeit in den Aerosolen verstecken und sich im Wortsinn pandemisch verbreiten. Blätter werden zu Laub und Gewissheiten zu wohltemperierten Grausamkeiten.

Die Leichtigkeit des Lebens sagte schon vor Monaten „Adieu!“. Und auch die Launigkeit meines Schreibens findet kaum mehr seinen Raum. Ja. So verfasste ich noch in der Unwirklichkeit des Lockdown im Frühjahr mein Corona Tagebuch mit mehreren Episoden, das vor allem eines sein sollte: Fröhlich. Während weiland der Deutschlandfunk in Gestalt eines Dauergrabredners im 30 Minutentakt Leichen- und Infektionszahlen vortrug, wollte ich eben diese Leichtigkeit des Seins wiederhaben. Und eine Zeit lang gelang mir das sogar. Doch nun ist sie weg, wie das Bernsteinzimmer. Unauffindbar. Und ich bin mit dem Virus der Bedenken und der Unsicherheit infiziert.

Um mich richtig zu verstehen: Eine Corona-Infektion kann eine schwere, tödliche Krankheit auslösen. Doch das ist nicht die Angst, die ich meine. Ich bin 33, wahrscheinlich etwas zu fett. Doch ich würde eine Erkrankung überleben, wenn ich eine Ansteckung überhaupt bemerkte. Menschen jedoch, die der inzwischen recht geklärten Risikogruppe angehören, leben in diesen Zeiten gefährlich. Sie sollte man und sie sollten sich besonders schützen. Vielleicht sogar noch mehr, als es gerade der Fall ist. Wenn es von der Person gewünscht ist. Freilich nur dann. Vielleicht nimmt der alte Mann mit vielen Vorerkrankungen in Kauf, mit COVID-19 infiziert zu werden, um seinen Enkel, oder Sohn in den Arm zu nehmen. Und vielleicht nicht, aber das sollte zur freien Entscheidung des Individuums gehören. Wer sind wir, diese höchst intimen Angelegenheiten verurteilen zu wollen? „Wie, Opa geht zu seiner Tochter?! Wie kann er es wagen!“

Ich habe Bedenken. Und wahrscheinlich auch Angst. Angst, dass der Staat mein Leben mehr und weiter dirigiert. Denn der Staat ist ein grauenhafter Musiker. Er kennt nicht sein Orchester und er weiß auch nichts über Symphonien. Das einzige, was er hervorragend beherrscht, ist der Taktstock des Zwanges. Maßnahmen in entsprechenden Maßnahmenkatalogen anzuordnen und mit Hilfe der Polizei zu vollstrecken. Doch es handelt sich hierbei nicht um die bunten Kataloge von Otto oder Quelle, die die Freiwilligkeit von Konsumentscheidungen angepriesen hatten. Die Kataloge der Coronamaßnahmen des Staates sind nicht illustriert. Sie sind entsättigt wie die Gelben Seiten. Kein Mensch würde sich daraus ein Produkt auswählen, es sei denn, der Staat zwingt ihn dazu.

Ich gehöre zu den Leuten, die weitaus mehr Bedenken haben vor den Auswirkungen der Corona Maßnahmen, als vor dem Virus selbst. Ja. Es wird einfach nicht mehr nachgedacht. Bücken vor der Autorität ersetzt den Verstand, dessen Kerosin doch immer der Zweifel war. Ohne stetes Hinterfragen entartet eine jede Gesellschaft in eine Zusammenkunft von Lemmingen. Und Gründe, die Maßnahmen zu hinterfragen, finden sich mehr, als in diese Zeilen passen könnten.

Hier in Nürnberg gibt es in der Innenstadt, egal wie viel oder wenig belebt diese sei, eine Maskenpflicht. Wenn eine erfundene Ampel auf eine unliebsame Farbe schaltet, wird der Gesslerhut zum verpflichteten Accessoires. Von nun an gibt es in Bayern eine vierte Stufe. Dunkelrot. Kommt danach „blutrot“ oder doch gleich schwarz? Landstriche abzuschotten gilt nicht mehr als eine spinnerte Idee von wenigen Autoritaristen. Sie wird diskutiert, die Gefahr der Umsetzung ist real. Im Land der ehemaligen zwei Deutschlands geht das Gespenst der Reisebeschränkungen um. Diese Geschichte ist wahr, die habe ich mir nicht ausgedacht.

Aus Angst, dass die Zugbrücken nach oben geklappt werden, agieren die Leute panisch. Jetzt noch schnell die Lieben, die etwas weiter entfernt sind, zu besuchen. Ich nehm‘ mich da nicht aus. Ich werde bald nach Köln fahren, um meinen besten Freund sehen zu können. Keine Ahnung, wann die Ampel umspringt. Hoffentlich nicht, wenn ich gerade in der Rheinmetropole weile. Der Druck, er steigt. Politiker, die endlich Ihre Allmachtsfantasien ausleben können, werden zu potentiellen Kanzlern. Klischees von heut‘ waren früher Utopien.Und der Zweifel? Nur eine Lächerlichkeit von Coviditioten, die man in alle dreckigen Ecken, am liebsten die „rechte Ecke“ stellen kann. Mit der Anklageschrift folgt das Urteil. Sag „Adieu“ zur Gesellschaft und zu dem einen oder anderen guten Freund. Und sag „Grüß Gott“ zur zu Tode hygienisierten Umma der Maßnahmengläubigen.

Man kann nicht wirklich über Corona und deren vielen schlimmen Maßnahmen, lachen. Ich habe keinen flotten, nicht mal einen deplatzierten Spruch auf Lager, was für mich ungewöhnlich ist. Aber ein bisschen Ausblick der Hoffnung auf Altes und Neues bietet meine Reise nach Köln. Vielleicht ist das auch etwas für Andere, um die verloren gegangene Leichtigkeit des Seins wieder zu finden. Ich hoffe es. Denn wie der Abschied ist auch Hoffnung ein scharfes Schwert.

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