Corona und die wachsende Einsamkeit

Von Julian Marius Plutz.

Nun also auch ich. Quarantäne. Kontakt mit einer womöglich infizierten Person. Dazu noch ein wenig Halsschmerz und Husten. Da ging ich auf Nummer sicher und ließ mich testen. Bis dahin bleibt der Julian Marius unter Verschluss. Bei Brahms und Burger King verfasse ich dies Werk und hoffe, anders als Johann Mühlegg, dass bereits die a-Probe ausreicht, um mich zu entlasten.

Das Szenario des Testens war ein solch absurdes Stück, dass ich überlegt habe, es überhaupt aufzuschreiben. Glaubt mir doch keiner! Doch auch hier möchte ich erneut Jonathan Frakes zitieren: „Diese Geschichte ist wahr! Da haben wir Sie nicht auf den Arm genommen“. Ja.

Von der Kosmonautin getestet

Alles begann mit dem Anruf beim Hausarzt. „Ja, kommen Sie am Donnerstag um 10:40 und klingeln Sie drei mal. Dann kommt jemand.“Oha! Sofort erinnerte ich mich an eine verruchte und überaus hässlichen Schwulenkneipe in Neukölln, in der ich vor Ewigkeiten mit dem Franz war und er auch drei- oder viermal klingeln musste – als Erkennungszeichen. Ob dann, wie in Berlin, auch bei der Praxis der Sehschlitz an der Tür aufgeht und ich auf Corona beäugt werde?

Kurze Antwort: Nein. Als ich drei mal klingelte, kam nach einer Zeit eine Arzthelferin hinunter in die Kälte. Sie nahm meine Versicherungskarte mit und lief wacker die drei Stockwerke nach oben. Wenige Minuten passiere es: Ein Kosmonaut stiefelte nach unten und sagte mit einer mir bekannter Stimme: „Hier hams ihre Kartn“. Sofort erkannte ich an dem leichten, aber hörbaren oberbayerischen Akzent meine Ärztin, die nun zur Austronautin umgeschult hatte. Mit Visier und Mundschutz, weißen Ganzkörperraumanzug und Stiefeln, sicher mit bleiernden Sohlen wie bei Tim und Struppis „Schritte auf dem Mond“, gab sie mir meine Krankenversicherungskarte, die eigentlich Gesundheitskarte heißt. „Gengernse bitte mit?“ Aber natürlich, Mrs. Ride.

Wir gingen um das Haus, das ein vier stöckiger Altbau ist. Ich nahm an, die Praxis hat im Parterre eine Coronateststube eingerichtet. Doch weit gefehlt, als mich die Cosmonautin bat, mich zwischen zwei Autos zu stellen, war mir klar. DAS ist die Testumgebung. Nun gut. Mund auf, Stäbchen rein – kurz aufgestoßen. Noch ehe ich mich in meiner Ehre verletzt fühlte, kam die Assistentin der Kosmonautin, allerdings gar nicht im Raumanzug, um die Ecke und gab der Frau Ride Zettel und Stift.

„So, I schreib sie etzat erst mal krank bis Freitag“, sagte sie, nachdem sie meine Nase mit dem Teststäbchen gefühlt zerstörte. Wie, was, krank, warum? Ach so, Quarantäne. Sehr arbeitnehmerfreundlich, muss ich sagen. Na gut, noch mit der Krankschreibung in der Hand, rief ich meinen Chef an, der gar nicht amüsiert war. Aber was will er machen. Auch wenn der Zeitgeist alles andere als geistreich ist, müssen wir uns der Herrschaft beugen.

Die Maßnahmen schaffen Einsamkeiten

Wir leben in einer Zeit, in der ich mehr Angst vor den Maßnahmen, als vor dem Virus selbst habe. Eine mutmaßliche Infektion an mir und eine Verbreiterung im Kollegenkreis hätte maßive Auswirkungen: Wir können den Laden für wenigstens 14 Tage dicht machen. Was das für Konsequenzen haben würde, in Zeiten klammer Umsätze – eben wegen Corona Maßnahmen – muss ich nicht betonen. Also Quarantäne, „in aller Freundschaft“, klassische Musik und Junk Food. Fett und doof werden gegen Corona. Jawoll! Aber immer mit dem wichtigen Hinweis: „Bleiben Sie gesund“. Immerhin passiert das ganze bei schöner Musik.

Die Chance besteht natürlich, dass der eine oder andere in der Quarantäne dahinrafft. Dass sind dann wohl einer dieser Kollateralschäden. Und es hat auch etwas praktisches, denn tot ist man nicht mehr infektiös. So verhungert der Infizierte oder tötet sich selbst ob der Einsamkeit. Für die Menschen und für die Volksgesundheit. Das sind die wahren Märtyrer, ihnen gebührt ein Mahnmal.

Jetzt mal wirklich ehrlich, Hans Erich: Einsamkeit ist ein großes Thema. Und da meine ich weniger mich, auch wenn es schöneres gibt, auf einen hoffentlich korrekten Test in einer 1 Zimmer Wohnung zu warten. Ich rede von den wirklich Einsamen, die auch vor Corona prekär unterwegs waren, was soziale Kontakte anging. Ich rede von den hart arbeitenden Menschen, die wegen dem Job 400 km und mehr umgezogen sind und in einer nicht mehr ganz fremden, aber lange noch nicht heimischen Großstadt leben. Diese, im übrigen absolute Leistungsträger dieser Gesellschaft, sind durch die Lockdown Maßnahmen besonders hart getroffen.

Ich höre immer wieder Leuten zu, die den Maßnahmen positiv entgegen stehen. Maßnahmen, wie Reisebeschränkungen, Ausgangssperren und Ausschankverbote. Nicht selten sind das Menschen, die im wohl verdienten Haus mit Nachwuchs und Mann, oder Frau leben. In 100 qm, mit Garten und mit familiärer Gesellschaft lässt sich über einen Lockdown freilich kommoder reden, als mit sich alleine auf 30qm. Und wenn Sie zehn oder zwölf Stunden arbeiten und es in Bayern nicht mal mehr zum Einkaufen schaffen, weil 20 Uhr Öffnungszeiten „ja wohl ausreicht“ (wer entscheidet das?) haben Sie in Nordrhein-Westfalen diesbezüglich noch Glück. Und auch gleich wieder Pech, denn auf ein Kölsch mit Siggi oder Ursula wird es nicht ausgehen, sind doch die Bars zu. Eben noch wie doof Geld für Hygienestandards bezahlt, dürfen sie wieder schließen. Temporäres Berufsverbot von Staates Willen. Und für manche, die eben in der Stadt noch nicht so viele Menschen kennen, ist das Kölsch zum Abend ein wichtiger, ja nötiger sozialer Kontakt, der wegfällt. Staatliche Maßnahmen schaffen soziale Brutalitäten und wenige machen sich darüber Gedanken.

Unnötig zu betonen, wie grauenhaft die Berufsverbote nicht nur für die Gastronomie, sondern auch für Kulturschaffende sein muss. So wollte ich endlich bei meinem nächsten Köln Besuch bei Gerd Buurmann vorbeischauen, der die Kunst und Kultur in diesem Beitrag fabelhaft vertrat. Das muss ich wohl verschieben in der Hoffnung, dass es gerade die Kleinkunst über den erneuten Lockdown schafft.

Ich hoffe, dass spätestens am Montag mein Ergebnis vorliegt. Auch wenn ich gern für mich bin, einkaufen gehen würde ich schon gerne selbst und entscheiden, wann ich alleine sein mag. Keine Dates, denn das sind ja unnötige Begegnungen mit Menschen. Liebe, wie Buurmann schreibt, wird zum Risiko des Lebens stilisiert. Man könne sich ja infizieren. Nicht nur das Virus ist in seiner Erkrankung brutal, sondern auch die Maßnahmen, die Einsamkeit manifestiert.

5 Kommentare zu „Corona und die wachsende Einsamkeit

  1. Nette Worte, die Angst zu umschreiben, die uns seit Monaten eingeimpft wird. Doch es gibt tatsächlich noch Menschen, die resistent sind und sich von der allgemeinen Panik nicht anstecken lassen – das lässt hoffen!

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  2. Statt „Ich höre immer wieder Leuten zu, die den Maßnahmen positiv entgegen stehen.“ sollte es hoffentlich „… gegenüberstehen“ heißen.

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  3. Toll geschrieben und wirklich nachvollziehbar was der Lockdown mit Menschen anrichten kann.
    Alles Gute wünsche ich dir und überstehe die Quarantäne gut, lieber Marius.

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