Die Larmoyanz der Berufsmigranten

von Julian Marius Plutz.

Darf ich Ihnen ein Geheimnis verraten? Ich bin Teil einer Randgruppe. Ja, da schauen Sie! Aber diese Geschichte ist wahr. Ich gehöre zu einem Teil der Gesellschaft, die ein anderer Teil, die Ewigguten aus der linken Ecke, retten wollen. Problem an der Sache: Ich bin weder auf Hilfe angewiesen, noch halte ich mich für schützenswerter, als andere. „Ich bin Icke“ würde Thomas Hässler sagen und „I am what I am“ sänge Gloria Gaynor. „I walk the line“ raunte Johnny Cash, „I‘m still standing“ trällerte Elton John und „I am the walrus“ die Beatles. Naja.

Sie fragen sich vielleicht, inwieweit es wichtig sei, dass ich mich als Minderheit zu erkennen geben sollte. Es wird relevant, wenn man daraus Kapital schlagen will. Und das machen Scharen an Berufsmigranten und Vollzeitbetroffene, die mit ihrer Identität Geld verdienen. Das ist auch völlig okay. Jeder soll das arbeiten, was er kann und was ihm gefällt. „I am what I am“ eben. Ein Abonnement auf „Ernst genommen werden“ gibt es jedoch noch lange nicht. Oder wie sagte es einmal ein Sporttrainer so passend: „Kein Applaus für Scheiße.“

„Wo kommst du denn her?“

Jüngstes Beispiel für dieses wunderschöne Zitat ist ein Artikel von Ferda Ataman, in dem sie sich für eine Migrantenquote in Behörden ausspricht. Ich dachte bisher, die Frauenquote sei die Speerspitze des linken Infantilismus und Quoten anderer Randgruppen lediglich geschriebene Übertreibungen kritischer Kommentatoren, um eben die Absurdität der ursprünglichen Forderung darzustellen. Doch weit gefehlt. Für Frau Ataman, siehe Wikipedia, ist die Frage: „Woher bist du?“ bereits unverzeihlicher Rassismus. Ja. Sie meint es todernst.

Eine solche Begegnung, #vonhier, wie Atamans Hashtag sich nennt, hatte ich vor einiger Zeit mit einem Taxifahrer. Als ein Bekannter und ich nach Hause fuhren und wir mit dem Chauffeur, der fließend deutsch mit hörbaren Akzent sprach, sowie südländisch aussah, er also offensichtlich seine Wurzeln nicht in Deutschland hat, passierte es. Wir redeten über dies und das, hauptsächlich ging es um internationales Essen, als der Bekannte die Frage stellte, die beinahe den 3. Weltkrieg auslöste: „Wo kommen Sie eigentlich her?“ Es folgten Tiraden von Wort- und Satzstanzen über Rassismus und Islamfeindlichkeit (von Religion war nie die Rede) des taxifahrenden Aktivisten. Dabei war mein Bekannter einfach nur interessiert. Und ich auch.

Emotionen als politisches Argument

Ein wesentlich bekannteres Beispiel ist das Buch von Noah Sow, laut der taz ein Standardwerk in Sachen Rassismus, das mir dankenswerterweise geschenkt wurde. Grüße an Simon an der Stelle. Es heißt „Deutschland schwarz weiß“, was durchaus eine korrekte Selbstbeschreibung darstellt, so holzschnittartig und stilistisch limitiert die Aktivistin sich von Wort zu Wort, Satz zu Satz und Seite zu Seite kämpft, ja mehr noch quält. Eine Diskriminierung, eine Gemeinheit und Unverfrorenenheit der Biodeutschen jagt die nächste. „Schwarzafrikaner“, zu sagen ist leider rassistisch. Hergè? Fascho! Selbst die drei ??? sollten sich in die drei Hackenkreuze umbenennen, so rassistisch Justus Jonas und Kollegen das weltoffene Kalifornien besudeln.

Bei der Lektüre müsste der größte Menschenfreund und Antirassist früher oder später zum Wilkenson Nassrassier greifen, denn enttarnt Frau Sow ihn als unwertes, weil rassistisches Leben. Ab ins politisch korrekte Gulag! Die Autorin schreibt eigene und ihr vermutlich zugetragenen Erfahrung in einer atemberaubenden Larmoyanz, dass man irgendwann tatsächlich Mitleid bekommt. Ist das etwa das Ziel?

Um eine Zwischenfrage vorweg zu nehmen: Nein, weder Frau Sow oder Frau Ataman oder der Taxifahrer sind wichtig in dem Sinne, dass sie etwas geistreiches für die Debatte beitragen würden. Doch sie sind relevant, denn sie bestimmen die Debatten. Sie stellen „ihren Migrationshintergrund in den Vordergrund“ wie Hamed Abdel-Samad diese Haltung in seinem tollen Debütroman „Mein Abschied vom Himmel“ einst beschrieb. Identitätspolitik vor Sachargumente, Gefühle vor Ratio, Befindlichkeiten vor Argumente. Gegen Emotionen hilft kein sachliches Wort. Jede Zahl wird irrelevant. Wenn vier unabhängige Experten befinden, es sei unbedenklich die Autobahn am Rande des Wohngebiets zu bauen, ein Anwohner jedoch sagt, „ich habe aber Angst“, dann hat er die Debatte bereits für sich entschieden. Wenn Gefühle alleine den Verstand beherrschen, dann verabschiedet sich selbiger.

Der Eintritt in das moralisch reine Land

Den Diskurs zu bestimmen heißt, Politik machen zu können. „Zu gestalten“, wie es Politikergestalten gerne euphemistisch und mit glasigen Augen betonen. Daher kann die Aktivistin Frau Ataman Quoten für Migranten fordern. Das Establishment der Linksbürgerlichen dankt es ihnen mit Anerkennung, vor allem aber mit politischer Würdigung. So arbeitet die Berliner Linkspartei, wer sonst, bereits an der Quote, wie sie in dem selben Artikel ersehen können. 2021 soll diese „besondere“ Quote, wie Frau Ataman richtigerweise schreibt und zwar „zur Einstellung und Förderung von von Rassismus Betroffenen und Menschen mit Migrationsgeschichte, die zu einer Repräsentanz entsprechend ihrem Berliner Bevölkerungsanteil auf allen Ebenen der Verwaltung führt“.

Ein Pech, dass weder Opfer von Antisemitismus, noch Schwulenfeindlichkeit berücksichtigt werden. Denn so ist es durchaus möglich, dass der gemeine Homo oder Jude eben keine Migrationsgeschichte zu bieten hat, was offenkundig ein besonderes Gütesiegel darstellt. Oder Frauen, Atheisten, oder Mormonen, oder libertäre Liberale. So ist das nunmal, wenn man die Büchse der Pandora, hier die Büchse der anspruchsdenkenden Berufsdiskriminierten öffnet. Der Eintritt in das moralisch blütenreine Land kostet den Verstand.

Ich bin Teil einer Randgruppe. Und jetzt? Bin ich moralisch im Recht, weil ich Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht habe, dass im Ausgleich nun andere diskriminiert werden? Macht das eine das andere ungeschehen? Denn genau darin liegt die Forderung. Eben weil derjenige aufgrund seiner Migrationsgeschichte vermeintlich oder tatsächlich schlecht behandelt worden ist, sollte er eher einen Job in der Verwaltung bekommen, als der gemeine Biodeutsche. Rassismus, ja, schon. Aber dieses Mal von der richtigen Seite. Wenn jeder ein bisschen diskriminiert wird, ist am Ende keiner diskriminiert worden. Doch so funktioniert kein Zusammenleben. Nicht mal bei der Linkspartei, oder bei den Damen Sow und Ataman.

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