Über Mythen: „Kapital gegen Arbeit“ in Zeiten von Corona

Von Julian Marius Plutz.

Professor Ulrich Pallasch empfand sich völlig zurecht als Prototyp seines Berufsstandes. Der promovierte und folgerichtig auch habilitierte Jurist strahlte mit jedem Satz und jeder Geste die selbsterkannte Bedeutung jahrzehntelanger Forschung und Lehre, hauptsächlich Letzteres, aus. Und jedes Gespräch abseits des Hörsaals bedeutete eine kleine Vorlesung. Selbst, wenn es sich lediglich um ein paar Sätze handelte.

Bereits in der ersten Vorlesung machte der Professor seinen Studenten unmissverständlich klar, wohin die Reise in diesem Semester gehen sollte: Das Arbeitsrecht, so sinnierte er, sei der Kampf zwischen Kapital und Arbeit. Es folgten einige Zitate von Karl Marx. Man muss dazu sagen, dass es sich um einen wirtschaftswissenschaftlichen Studiengang handelte einer tendenziell praxisorientierten Hochschule. Doch der Bazillus des Marxismus, der in angewandter Form eine außergewöhnliche Geschichte des Scheiterns vorweisen kann, hatte sich auch dort eingeschlichen.

Der Irrtum von „der“ Wirtschaft

Das Erzählmuster vom Kampf Kapital gegen Arbeit hat nicht nur Marx, Engels, Liebknecht, Schuhmacher, Wagenkenecht, Lafontaine und Konsorten überlebt, sondern auch sich selbst. Der Gedanke wurde längst in der DNA von Politik, Feuilleton, aber auch der Kultur und den allermeisten Journalisten implementiert. Es handelt von dem Narrativ der steten Ausbeutung der Arbeiterklasse von den Kapitalisten um den Profit zu mehren, damit sich die Kapitalisten sich die Taschen mit Geld vollstopfen, das eigentlich der Arbeiterklasse gehörte. Deswegen fordern nicht wenige, in der Regel Fachwissenfremde, dass die Wirtschaft in dem Corona Wahnsinn doch endlich auch eingeschränkt werden sollte. Doch zu diesem Irrtum komme ich noch.

Wenn man lediglich im Schwarz-Weiß Modus zu denken vermag, dort die Unternehmer, da die im Zwang Arbeitenden, kommt man unweigerlich zu dem Ergebnis, wie böse dieses Wirtschaftssystem doch sei. In einem geschlossenen Freund/Feind Bild kann kaum Erkenntnis jenseits des entsättigten Denkens entstehen, da ja die Einteilung bereits feststeht. „Wenn das Feindbild geklärt ist, hat der Tag Struktur“ heißt es beim Volker Pispers. Ironie: Der Kabarettist, so talentiert, wie pointiert er auch sei, hat mehr als einmal stereotype Feindbilder in seinen Programmen bedient.

Leute, die von zwei Fronten, der Wirtschaft und offenkundig dem Rest, sprechen, haben ein verklärtes Bild auf die Realität. Sie sind der Meinung, die Wirtschaft sei ein monolithischer Block in einem Subsystem, das heimlich Fäden zieht, lobbyiert und intrigiert. Die Menschen mit dieser Annahme gehen erstaunlich selektiv vor: So ist die Wirtschaft nicht etwa der kleine Buchladen, wohl aber die große Buchladenkette. Zum imaginären Weltverband die Wirtschaft gehört auch nicht der Automechaniker um die Ecke, aber in jedem Fall der Automobilkonzern. Unabhängig, dass in den Konzernen sehr viele Menschen beschäftigt sind und durch den Profit Steuern abführen, die die sozialen Herzensprojekte der Linken finanzieren.

„Die“ Wirtschaft macht unser Leben möglich

Sicher: Interessensverbände betreiben Lobbyismus. Seien es große Industrieverbände, Gewerkschaften oder Umweltvereine. Die Lobbyisten der Personaldienstleister haben beispielsweise bis zu letzt das Vorhaben des Arbeitsministers versucht zu verhindern, ihre Branche maßgeblich zu schaden- ohne Erfolg. Lobbyismus ist also völlig normal und keine exklusive Handhabe der Wirtschaft. Doch offenkundig gibt es guten und schlechten Lobbyismus, was erstaunt. Denn eigentlich haben alle gemeinsam ein Ziel: Eine funktionierende Gesellschaft mit Aufstiegschancen unabhängig der gemeinschaftlichen Herkunft. Eine Idee, die sich auch lange Zeit die Sozialdemokratie in ihrer Arbeiterselbsthilfe verschrieb. Doch das scheint Hubertus Heil, der noch nie jenseits seiner Partei gearbeitet hat, vergessen zu haben.

So war es nur eine Frage der Zeit, bis das marxsche Narrativ „Kapital versus Arbeit“ auch auf die Corona-Krise angewandt wurde. Eigentlich überrascht es, dass es erst so spät geschehen ist. Die Initiative #zerocovid fordert beispielsweise ein komplettes Herunterfahren der Wirtschaft, bis die Infektionszahlen bei null sind. Bezahlen sollten das die Reichen, also wohl mit einer Vermögenssteuer.

Hier ist ein kleiner Exkurs erforderlich: Eine Vermögenssteuer ist eine Substanzsteuer. Das heißt, um überhaupt Steuern daraus zu generieren, muss eine Substanz vorhanden sein. Diese kann jedoch nur gebildet werden, wenn Kapitalgeber Kapital geben können und Rendite erwirtschaften und dadurch hohe Löhne gezahlt werden können, die so viel Substanz erschaffen, dass sie gemäß der Vermögenssteuer steuerpflichtig sind. Doch genau dies wird mit einem #zerocovid verhindert. Denn wenn die gesamte Wirtschaft nicht mehr wirtschaften kann, gibt es auch keine hohe Rendite und keine hochpreisigen Mitarbeiter. Also auch keine Substanz, die die Vermögenssteuer tragen könnte.

Davon abgesehen hat die Wirtschaft bereits enorme Einschränkungen ertragen müssen. Vor dem Krisenjahr 2019 waren mehr als 140.000 Friseure beschäftigt in rund 80.000 Salons, die stillstehen. In der Hotel- und Gastronomiebranche arbeiten 428.000 Menschen, noch zumindest, in 71.800 Restaurants, 3400 Imbissbuden, 4.300 Bars und Clubs sowie in etwa 11.700 Cafés. 2019 erwirtschafteten diese Betriebe mehr als 82 Milliarden Euro, das zu erheblichen steuerlichen Einkünften für den Fiskus geführt haben dürfte. Nicht erwähnt sei der non-Food Einzelhandel, aber auch Nagelstudios, Tattoostudios – alle Dienstleister, die jenseits der Medizin am Menschen arbeiten.

Am Ende geht es um Freiheit oder Knechtschaft

Und wenn ich dann noch lese, wie grandios die angekündigte Bazooka von Olaf Scholz wirkt – Motel One bekommt für seine 75 Hotels, die so gut wie leer stehen, ganze 50.000 Euro – so könnte ich lachen, wenn es nicht so ernst wäre. Vor allem aber zeigt es die Bigotterie der Vulgärsozialisten. Ist des denn erstrebenswert, dass noch mehr Unternehmen sich einschränken müssen? Ist geteiltes Leid, halbes Leid? Oder einfach nur noch mehr Leid, dass am Ende die wahrlich vulnerablen Gruppen, die Angestellten der Unternehmen betrifft?

Die Firmen, die jetzt noch wie üblich funktionieren, finanzieren die politischen Entscheidungen in einem Ausmaß, das den Vulgärsozialisten gar nicht klar zu sein scheint. Es ist undenkbar, ein Jahr wie 2019 zu wiederholen. Mit einer Staatsverschuldung von 2,1 Billionen Euro schreibt Deutschland traurige Geschichte. In Rekordzeit schnellte die Verschuldung an die Spitze der Statistik und in die Bücher der Historiker. Das gab es noch nie. Was für viele als Petitesse abgetan wird, wird sich als mehr als das erweisen. Die Kinder von heute müssen mit diesem Defizit leben. Politiker von übermorgen stehen vor der Wahl, wie sie das bewältigen sollen. Mit Wirtschaftswachstum oder mit Steuererhöhungen. Jedoch hängt beides zusammen.

Der ewige Kampf von Marx und seinen Gesinnungsbrüdern, der Kampf von Kapital gegen Arbeit, muss aufgebrochen werden. Er ist im Kern unlogisch. Wenn man ehrlich ist, geht es immer um die Frage von Freiheit oder Knechtschaft. Oder wie hat es der eben zurückgetretene Ministerpräsident der Niederlande, der im März wieder zur Wahl steht, Mark Rutte, formuliert:

Der Staat muss klein und kräftig sein, keine Glücksmaschine, die den Menschen das gesamte Leben aus den Händen nimmt. Menschen müssen mit Verve leben können, Raum bekommen, um aus ihrem Leben etwas Außergewöhnliches zu machen“

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