Home-Office Zwang ist übergriffig

Von Julian Marius Plutz.

Ich möchte mit Ihnen über Home-Office sprechen. Ja, ja, keine Sorge. Nicht wie die Zeugen Jehovas, die bei Ihnen zu Haus‘ klingeln und „mit Ihnen über Gott“ sprechen wollen. Das ist zur Zeit eh kaum en vouge, da der direkte Kontakt mit Menschen nicht erwünscht ist. Doch genau darum geht es mir: Um den Kontakt mit Menschen. Im beruflichen Alltag, live und direkt vor Ort. Ich möchte Ihnen erklären, warum dieser in meiner Branche, aber sicherlich auch in vielen Anderen, unerlässlich ist. Und ich will Ihnen nahe legen, dass eine Abschottung der Präsenzarbeit menschliches Leben verändert. Und in wesentlichen Teilen zum Schlechteren.

So pathetisch es klingen mag: In meinem Berufsalltag dreht sich alles um den Menschen. Ich arbeite für einen Personaldienstleister. Meine Aufgabe ist, Menschen in Arbeit zu bringen. Damit verdiene ich mein Geld. Sei es über Arbeitnehmerüberlassung oder über Direktvermittlung. Ersteres hat bei uns Priorität, denn sie ebnet unsere geschäftliche Grundlage. Jedoch wächst das zweite Standbein, der direkte Verkauf einer Arbeitskraft, Headhunting im weitesten Sinne. Gerade in Zeiten dieser Krise, was nur auf den ersten Blick paradox klingt. Wirtschaftlich schwierige Zeiten haben für Personaldienstleister den Vorteil, dass Fachkräfte eher freigesetzt werden und uns zur Verfügung stehen.

In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass wir Dienstleister sind. Das heißt, wir stellen einen Service zur Verfügung, von dem andere profitieren und dafür Geld ausgeben. Diesen Service nutzen einerseits Unternehmen, die uns beauftragen. Aber andererseits profitieren auch die Bewerber, die dann hoffentlich zu Mitarbeiter werden. Auch sie erwarten von uns eine Dienstleistung. Sei es die Vermittlung in ein Unternehmen, oder sei es die Betreuung während des Einsatzes. Sei es das Zahlen von Vorschüssen, Hilfe bei Terminen, was Ämter angeht und vieles mehr. Und bei all diesen Themen steht uns das Vorhaben einer Home-Office Pflicht, das Politiker fordern, entgegen.

Der Weg in den Polizeistaat

Es ist undenkbar, unseren Beruf von zu Hause aus zu üben. Im Helferbereich verfügen die Mitarbeiter oft über wenig bis gar keine Deutschkenntnisse. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, wie unmöglich ein Telefoninterview oder ein Videochat sich gestaltet. Es geht nicht. Ferner muss ich die potentiellen Mitarbeiter als Person kennenlernen. Sind sie körperlich geeignet für den Beruf? Haben Sie eine Vorstellung, was es heißt, in einer Produktionsstätte zu arbeiten? Sind sie in der überhaupt in der Lage, einen Vorstellungstermin einzuhalten, heißt, pünktlich und verlässlich zu sein? Passen sie in das Team und in das Unternehmen? All das erschwert Home-Office enorm. Ich kann mir als Dienstleister nicht erlauben, einen kaum gekannten Kandidaten, weil ich ihn lediglich über eine Kamera kennengelernt habe, einen Arbeitsvertrag unterschreiben zu lassen und in den Kundeneinsatz zu schicken.

Wesentliche administrative Tätigkeiten, wie die Lohnbuchhaltung, sind aktuell im Home-Office ausgelagert. Das ist nicht ideal, aber machbar. Jedoch Disposition und Recruiting, aber auch Teile des Vertriebs, können unmöglich alleine in Heimarbeit getätigt werden. Ich kann natürlich meine Bewerber zu mir nach Hause einladen. Aber damit ist keinem geholfen. Und ich verrate Ihnen noch etwas: Hochpreisige Bewerber bewerben sich bei uns, weil sie einen Service erwarten, dass wir für sie das ideale Unternehmen finden. Sie erwarten mit Recht, dass wir uns vor Ort, und nicht vor einer Webcam, ihren Belangen widmen. Letzteres kann in einzelnen Fällen ergänzend eine Option sein. In Gänze wird es das persönliche Gespräch nicht ersetzen können.

Davon abgesehen ist eine Pflicht zur Heimarbeit, neben der rechtlichen Hürden, nicht kontrollierbar. Und wenn doch? Das konsequente Umsetzen dieser Forderung führte die Gesellschaft in eine Situation, in der die Polizei flächendeckend zehntausende Unternehmen überprüft. Eine andere, fach fremde Instanz, oder womöglich sogar der Beamte vor Ort, hat dann aus völlig subjektiven Maßstäben heraus zu entscheiden, ob diese Arbeit vor Ort erledigt werden darf, oder ob die Mitarbeiter nach Hause müssen. Zu Ende gedacht führt dieses Gesetz zu einem willkürlichen Polizeistaat. In einer freie Gesellschaft gilt frei eben nicht nur, wenn aktuell überhaupt noch, für das Individuum. Frei sind auch Unternehmen in ihren Entscheidungen, weil Unternehmen meist am Besten wissen, wie sie zu ökonomischen Erfolgen kommen und damit Menschen einstellen und gute Löhne zahlen. Und, nebenbei erwähnt, auch die Steuern abführen, die Politiker dann verteilen.

Kommunikation verödet

Für einen wichtigen Punkt halte ich die Auswirkung von Home-Office auf das Arbeitsleben selbst. Ja. Mit digitalen Mitteln entmenschlicht sie die Kommunikationsprozesse. Durch Programm und Kamera einsteht eine Distanz, bei der menschliches Leben verloren geht. Das Arbeitsleben verändert sich. Die Ferne von Kollege zu Kollege erschafft ein großes Problem: Die Interaktion wird grob. Nuancen der Kommunikation, wie weite Teile von Mimik und Gestik, oder die Aura, wenn jemand einen Raum betritt, geht verloren. Hat die Kollegin die Tür ihres Büros geschlossen, obwohl sie meist offen steht? Und warum hat der Praktikant wieder den Kaffee vergessen, zu kaufen?! Im Ernst: Je mehr der Job ein Teamgame ist, desto mehr wird Teamplay gebraucht. Für den Erfolg einer bürolichen Mannschaft ist ein gewissen Grad an Intimität unabdingbar. Und das kann die Heimarbeit niemals in der Form leisten. Ich werde nie erfahren, weshalb die Bürotür der Kollegin geschlossen ist.

Eine Pflicht auf Home-Office verändert das Arbeitsleben aber noch auf eine andere Art. Sie nimmt den Arbeitnehmern, aber auch vielen Arbeitgebern, einen wesentlichen gesellschaftlichen Anker. Ich erzähle immer wieder die Geschichte eines Freundes, der hunderte Kilometer von seiner Heimat arbeitet, nicht zuletzt, weil seine Geschichte für viele Karrieren prototypsch ist. Er wohnt in einem kleinen, aber schmucken Appartement in einer deutschen Großstadt. Er verdient gut und der Spitzensteuersatz dankt es ihm. Ich fasse zusammen, mit welchen Einschränkungen, was die Corona-Maßnahmen angehen, er zu kämpfen hat: Keine Gastronomie, vor allem keine Kneipen. Keine Clubs, ab und an will man doch mal feiern. Um 21 Uhr darf er nicht mehr nach draußen, was bei einem Arbeitstag, der oft bis 19 Uhr und länger geht, besonders schwer wirkt. Kontakte sind auf eine Person beschränkt, was eigentlich auch schon egal ist; ist der Tag doch um 21 Uhr vorbei. Und nun möchte ihn die Politik in die Heimarbeit verbannen, weg vom Büro, der für ihn vielleicht letzten geselligen Ort? Wirklich?

Eine Home-Office Pflicht bietet noch weiteren Sprengstoff. Er belastet Unternehmen, die ohnehin aufgrund der Maßnahmen Mühe haben, ihre Anzahl an Mitarbeitern zu halten. Heimarbeit ist in vielen Bereichen ineffektiv; für manche Branchen völlig ungeeignet und weltfremd. Kündigung wegen eines Zwangs zu Home-Office? Durchaus möglich. Zu guter Letzt würde diese Anordnung, wird sie denn konsequent umgesetzt, Deutschland in einen willkürlichen Polizeistaat verwandeln. Politiker und Unterstützer dieser Forderung sollten über ihren Tellerrand blicken und überlegen, ob sie flächendeckende Kontrollen am Arbeitsplatz wirklich möchten.

Der Wähler hat die Entscheidung in der Hand. Welche Partei macht sich stark für die nächste Stufe in Richtung einer noch unfreieren Gesellschaft? Und welche Partei biete andere Konzepte. Sie haben die Wahl.

2 Kommentare zu „Home-Office Zwang ist übergriffig“

  1. Dieser Artikel und viele andere ihrer Texte im blog beweisen schmerzlich, dass blogger eben nicht per se Journalisten oder Autoren sind.
    Sie sind Personaldienstleister.

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