Warum die AfD keine Alternative ist

Von Julian Marius Plutz.

Zu den wahrhaft besten deutschen Serien gehört „Kir Royal“. Ja.

In dem Sechsteiler dreht sich alles um den Klatschreporter Baby Schimmerlos. Der, der für die fiktive Münchner Allgemeine Tageszeitung die vermeintlichen Skandale der Schickeria aufdeckt. „Wer reinkommt ist drin“, heißt die erste Episode und ist auch das Motto des Journalisten. Denn er bestimmt, wer zu den Stars und den Sternchen gehört und wer nicht; wer eben draußen bleibt. Die Serie gehört zu den Besten im deutschsprachigen Raum. Bis heute kam Gesellschaftskritik nie so leicht daher, ganz ohne Zeigefinger und Moralingeplänkel. Ob es um die degenerierte Zuneigung hin zu einem Diktator geht, der dem Schar gar nicht unähnlich ist. Oder wenn eine Episode von der Einsamkeit der Mutter handelt, die von ihrem Sohn vergessen wird. Kir Royal trifft mit Humor und Verstand in vielerlei Hinsicht den Nerv – jenseits von Zeitgeist und fragwürdigen Haltungstrends. Das, neben vielen exzellenten Schauspielern, macht die Serie so besonders.

In einer der Folgen sagt Baby Schimmerlos einen Satz, den ich bis heute verwende; der sich seit dem in mein Gedächtnis gebrannt hat. Auf ein zwielichtiges Angebot antwortete der sonst moralisch flexible Reporter: „Des mach i‘ net, des is‘ gegen meine innere Hygiene.“ Was für ein starker, pointierter Satz! Die Tragweite dessen wird klar, wenn man ins Detail geht. So ist „Hygiena“ ist die griechische Götting der Gesundheit und „Hygiene“ die Lehre der Gesundhaltung des Einzelnen und der Allgemeinheit. Doch der Begriff geht weiter, als das bloße Ziel der Abwesenheit von Krankheit. „Hygiene“ Heißt auch Wohlbefinden. Wenn etwas gegen die innere Hygiene geht, dann handelt es sich um eine starke Ablehnung. Das Angebot, das Schimmerlos offeriert wurde, stand so im Widerspruch seiner inneren Gesundheit, es bedrohte so stark sein mentales und emotionales Wohl, dass er es ablehnten musste. So etwas gibt es immer wieder im Leben.

Hoffnung von 2013 enttäuscht

Die AfD gehört für mich dazu. Sie ist nicht mit meiner inneren Hygiene vereinbar. Ich gehörte 2013 zu den vielen, die euphorisch der AfD beitraten. Ihre Hoffnung stand im Namen: „Alternative“. In einer Zeit, als die FDP mit ihrem verfehlten Personal beschäftigt war, statt mit dem Versuch einen angewandten Liberalismus zu etablieren. In einer Zeit, als die Merkel-CDU längst sozialdemokratische Politik machte, sehnten sich freiheitliche Menschen nach einer Partei, die sich vom Einheitswahnsinn im Parlament unterschied. In eben dieser Zeit versprach die AfD den Unterschied zu machen. Eine Zeit lang sah es auch so aus, als würden sie diesen Job erfüllen. Bis sich die Partei verlor und sie weite Teile der vernünftigen Mitglieder verlor.

Als der bemühte und ungeschickte erste Repräsentant der Partei, Bernd Lucke, das Handtuch schmiss, war abzusehen, wohin die Reise der Partei hingehen sollte. Von einer freiheitlichen und konservativen Partei hin zu einer Rechtskollektivistischen. Ich sage „rechts“ ohne Schaum vor dem Mund, halte ich ein Spektrum rechts einer Mitte so normal, wie eben links davon. Es ist dann jedoch nicht mehr die politische Heimat, die ich als die meine definieren würde. Ich kann Ihnen nicht den einen Auslöser für meine Entscheidung, sich abzuwenden, nennen. Wahrscheinlich gab es den auch nicht. Es war die Fülle an kleinen und großen Unverschämtheiten und die Masse an völlig indiskutablen, extremen Mitgliedern, die mich erst aus der Partei und dann aus dem Unterstützerkreis trieben. Irgendwann ging es gegen meine innere Hygiene.

Doch vielleicht hatte ich zu viel erhofft. Eine fundierte Kritik an Merkels Kollektivismus von 2015 von einer neuen Partei zu erwarten, die gleichzeitig selbst ohne Kollektivismus auskommt, hat sich als naiv herausgestellt. Das sollte ich erklären: Das Kollektiv der CDU war in der Flüchtlingskrise „die Flüchtlinge“ zu schützen und nach Europa, vornehmlich nach Deutschland zu holen. Dabei war es nachrangig, ob die Personen tatsächlich von Flucht oder Vertreibung bedroht waren. Mehr noch: Durch die Grenzöffnung, konkreter das Unterlassen individueller Prüfung nach Fluchtgrund an den Schlagbäumen, wurde das Kollektiv „Flüchtlinge“ so aufgebläht, dass ein jeder, der an der Grenze das Wort „Asyl“ aussprechen konnte, in diese Kategorie fiel. Es handelt sich hierbei um den kardinalen Fehler Merkels Politik, der gleichzeitig wie ein Defibrillator für die damals de facto bedeutungslose AfD wirkte. Davon konnte sich die CDU bis heute nicht erholen und davon profitiert die Alternative für Deutschland bis heute.

Von einem Kollektivismus in den nächsten

Doch auch die AfD entwickelte sich zu einer kollektivistischen Partei. Das zu schützende Kollektiv hört auf den Namen „die Deutschen“. Nun waren es ausgerechnet die, die „hier schon länger Leben“, die auf die AfD zählen mussten, damit ihre Rechte gewahrt werden. Es ist doch wie immer: Erst wird ein Opfer definiert, dann bejammert und beweint und dann wie ein schützenswertes Wesen behandelt. Ich als Angehöriger einer Randgruppe muss Ihnen sagen, dass ich diese Art von Klientelpolitik nicht nur ablehne, ich sie auch als abstoßend empfinde. Ich brauche keinen Sonderbeauftragten für meine Belange. Ich empfinde mich nicht als Mitglied eines Kollektives. Und ich bin mir sicher, dass die meisten Deutschen auch keine Partei benötigen, damit sie zur Geltung kommen, nur weil sie in Braunschweig, oder Bamberg, oder Kiel geboren sind und ihre Vorfahren „schon länger hier leben“.

Wer die Verantwortung für sein Glück an das Bestehen eines Kollektivs knüpft, hat spätestens dann ein Problem, wenn der falsche Führer das Kollektiv leitet. Oder wie Gunnar Kaiser sagen würde: „Was soll schon groß schief gehen?“ Eine Menge. In der freiwilligen Selbstaufgabe des Individualismus kann Selbstverwirklichung im Korsett eines Kollektivs kaum stattfinden. Im ewigen Plan des großen Ganzen sind einzelne Befindlichkeiten unerwünscht. Wenn fast 30% der AfD Wähler sich einen „starken Führer“ wünschen, können Sie sich ausmalen, wohin die Reise gehen wird.

Es ist undenkbar, dass eine kollektivistische Ideologie eine andere Ideologie des Kollektivismus ablöst und am Ende echte Freiheit für den Menschen zulässt. Die AfD kann unmöglich seinem „A“ im Kürzel gerecht werden. Daran ändert sich auch nichts, wenn Jörg Meuthen wackere Reden auf Parteitagen hält. Am Ende ist die Partei eine von vielen etatistischen und paternalistischen Bewegungen. Es geht seit langem nicht mehr um „rechts oder links“; so manch ein Hufeisen wird zum glatten Ring. Die Konfliktlinie definiert auf der einen Seite die Freiheit des Individuums. Auf der anderen Seite stehen die herrschenden Herrschaften, die in Kollektiven denken, weil sie am Ende des Tages der Eigenverantwortung nicht trauen. Sie sind der Meinung, dass sie selbst die finale Intelligenz sei, die für andere die richtigen Entscheidungen zu treffen vermögen.

Die Alternative für Deutschland ist mehr Establishment, als sie sich jemals erträumen vermag. Eine Rentenreform, die sich auf ein nachweislich verrecktes System stützt, der Umlagefinanzierung, ist so Mainstream, wie eine Nachrichtensendung mit Klaus Kleber. Die AfD hat fertig, noch ehe sie in Regierungsverantwortung gewesen war. Sie kontaminiert meine innere Hygiene. Sie betreibt illiberale Politik, die mich abschreckt.

Baby Schimmerlos lag völlig richtig. Er war sicher nicht der Beste aller besten Menschen. Er hat betrogen und gelogen. Doch am Ende war er Eins mit sich und seinem übrig gebliebenen moralischen Kompass. Er hatte seine innere Hygene bewahrt.

Das ist alles, was ich mir vom Anderen wünschte.

9 Kommentare zu „Warum die AfD keine Alternative ist“

  1. Ein Gemeinwesen kann nur funktionieren entweder auf Basis von Zwang, oder auf Basis von Freiwilligkeit. Ein Gemeinwesen auf Basis von Freiwilligkeit setzt Vertrauen und überwiegend gleichartige Werte voraus, sonst bricht es auseinander. Das Vertrauen und die Wertegemeinschaft entstehen über lange Zeiträume, das kann man nicht ein- und ausschalten (jedenfalls nicht ohne Zwang). Ein freies Gemeinwesen setzt also eine gewisse Gleichartigkeit seiner Mitglieder voraus. So sind die existierenden freien Gesellschaften auch entstanden, als Nationalstaaten (oder, in kleinerem Maßstab, als Parteien und Vereine). Freiheit ist aber das genaue Gegenteil von Kollektivismus. Wer auf die Nation als zentralen Baustein einer freien Gesellschaft setzt, der kann eine Alternative anbieten gegenüber den auf kollektivistischen Zwang zusteuernden Altparteien. Klar gibt es auch bei der AfD Spinner und Deppen. Aber bei weitem weniger als bei den sonstigen Parteien.

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    1. Sehr gute Argumentation und vielleicht sollte der Blogbetreiber darüber mal bei einem guten Glas Rotwein in aller Ruhe nachdenken. Ebenso über die Frage, was denn seine Lösung wäre?
      Ich bin ein sehr freiheitlich denkender Mensch, zudem (oder vielleicht auch deswegen) ein Anhänger der (sozialen) Marktwirtschaft. Daher habe auch so meine Probleme mit den „sozial-patriotischen“ Kräften bei den Blauen, die – wirtschaftlich gesehen – mehr mit der Linkspartei gemein haben, als sie selbst glauben.
      Trotzdem priorisiere ich: die drängendsten Probleme in DE sind die ungezügelte Migration aus islamischen und afrikanischen Ländern mit allen damit zusammenhängenden Folgeerscheinungen. Ebenso das Abgleiten in eine sozialistische DDR 2.0 – sprich Diktatur – auch hier mit allen ihren Begleiterscheinungen.
      Wer vertritt also aus dem gegebenen Spektrum nun am ehesten meine Interessen und Anschauungen?
      Ist es denn so schwer? Es geht um nichts weniger, als die Zukunft dieses Landes als Staat der Deutschen – und zwar der Deutschen aller Schattierungen. Um nicht missverstanden zu werden: ich war lange beruflich in anderen Ländern unterwegs und habe eine ausländische Ehefrau. Nie in all den Jahren und nirgendwo in all den Ländern wäre diese Eigenliebe für die eigene Nation, die eigenen Leute (weil gemeinsame Werte, Geschichte, Traditionen) auch nur im Ansatz ein Streitthema. Nennt sich übrigens Patriotismus und lässt sich vom Nationalismus sehr gut abgrenzen.

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  2. Was solche „Studien“ aussagen können sie hier nachlesen:

    https://luegenpresse2.wordpress.com/studie-enthemmte-mitte-eher-eine-enthemmte-luege/

    Woher kommt der Antisemitismus der Ostdeutschen?
    Die Studie macht aber vor allem die Ostdeutschen für den schwelenden Antisemitismus verantwortlich:

    Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland verharren auf einem hohen Niveau. (…) Der Antisemitismus ist bei rund jedem elften Deutschen manifest und findet sich zum ersten Mal bei Ostdeutschen häufiger als bei Westdeutschen. (Zusammenfassung der Studie S. 1)

    Aber kommt der Antisemitismus in Ostdeutschland aus dem rechten Spektrum? Offenbar nicht:
    0 % – in Worten NULL PROZENT der „Rechten“ Ostdeutschen sind antisemitisch eingestellt.
    Die höchste Gefahr für Juden geht in Ostdeutschland von den Grünen aus: 18,8 Prozent der Grünwähler sind antisemitisch! Gefolgt von den Sozen: 13,6 Prozent der SPD-Wähler sind antisemitisch! Daran schließt sich die Linkspartei mit 12,1 Prozent Judenhassern an!
    Man kann also ganz klar sagen: Der Antisemitismus hat in Ostdeutschland seine Wurzeln im LINKEN SPEKTRUM. Was einen nicht wundert, wenn man an die Klüngelei zwischen SPD und israel-feindlichen Terror-Organisationen denkt. Oder an den „Kauft-nicht-bei-Juden-Aufruf“ der Duisburger SED-Linkspartei. Oder an grüne pro-palästinensische RAF-Sympathisanten wie Joschka Fischer.
    Wie nicht anders zu erwarten, verhält es sich genauso mit der Verharmlosung des National-Sozialismus. Es liegt in der Natur der Sache, dass die links-grüne Sozialisten-Fraktion dort nicht ihren Feind sieht. Denn es heißt National-SOZIALISMUS und nicht etwa National-Konservatismus.
    0 % – in Worten NULL PROZENT der „Rechten“ in Ostdeutschland verharmlosen den Nationalsozialismus.
    Allerdings muss man erwähnen, dass die Stichprobe der „Rechten“ gerade mal 4 (!) Personen umfasst:
    Studie Nazis Ost 2012

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  3. In den Anfängen der AfD, ist es mir genau so ergangen wie Ihnen. Ich war begeistert und habe sie auch gewählt, allerdings das erste und letzte Mal. Ich gehe nämlich gar nicht mehr wählen, aus Gründen.

    Die AfD wird nur eine Chance haben etwas Grundsätzliches zu verändern, wenn sie ein Wahlergebnis von über 50 % erreichen. Dennoch, es ist gut, dass es die AfD gibt und Widerstand leistet.

    Was den AfD- Flügel anbetrifft wehrter Autor, bin ich anderer Meinung. Der Flügel ist der Kern der AfD, und Meuthens haben wir schon genug in den Merkel-Parteien. Von der Sorte Politiker haben wir schon viel zu viele.

    Die nachfolgenden Zahlen (im Link), sollten sich alle Interessierten noch einmal vor Augenführen.

    https://lindalevante.wordpress.com/2018/11/11/verschwiegene-fakten-zur-einwanderung/

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