Skandal in der SZ: Schauspieler outen sich als schwul!

Von Julian Marius Plutz.

Ab und an mache ich etwas Verrücktes. Ja. Unlängst bestellte ich beim Vietnamesen nicht wie üblich die Nummer 85 in sakrisch scharf, sondern die Nummer 81 in sakrisch scharf. Ergebnis? War nicht lecker. Aber immerhin sakrisch scharf.

Als ich nach dem verkorksten Mahl ein wenig missmutig so durch den digitalen Blätterwald blätterte, sah ich hinter der SZ-Bezahlschranke einen Artikel, der mich als Schwester im Geiste interessierte. Und da machte ich wieder etwas Verrücktes: Ich klickte das Süddeutsche Zeitung Probeabo, wohlwissend, dass sich das E-Paper nicht für das Einwickeln von Biomüll eignet. Aber sei es drum, der Prantls Heribert macht zur Zeit doch eine recht vernünftige Figur. Und außerhalb der Schachtel, out of the box, soll man ja denken, sagen die Leut’. Na dann los!

„Komm schon SZ, du hast mehr zu bieten!“

Der Text, der mich anfixte, begann so: „185 lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans* Schauspieler*innen outen sich“. Bei dem Satzmonster voll krummer Worthülsen und Stolpersternchen, die das weibliche Geschlecht, das es eigentlich gar nicht gibt, einbinden sollen, musste ich erst einmal durchatmen. Ok, Julian, worum gehts? Ah, Schauspieler outen sich als Homos. Ähm, ja. Und jetzt?

Der Satz „Schauspieler outen sich“ ist ungefähr so skandalös, wie „Auf Münchens Straßen fahren viele BMWs“, oder „Das neue ACDC Album klingt wie jedes andere ACDC Album,“ Wo ist da die Story? Das Ding mit den Klischees ist, dass sie häufiger stimmen, als die Social Justice Warrior es wahr haben wollen. Friseure sind nun mal häufiger schwul, als Industriemechaniker. Und? Wo ist das Problem? In kreativen und künstlerischen Berufen tummeln sich vermehrt Schwule und Lesben. Das ist kein Geheimnis und weiß auch jeder, der noch alle Latten beisammen hat. Der Zukunftsforscher Matthias Horx schrieb in einem Aufsatz einmal, dass eine lebendige Schwulenszene für eine Metropole und deren kreatives Schaffen elementar ist. Also noch mal: Wo ist die Überraschung?

Ich selbst habe einige Zeit Theater gespielt und muss sagen, dass der heterosexuelle Mann eher in der Minderheit war, was Schauspieler und Regisseure anging. Was mir im übrigen recht entgegen kam. Gut, nun sind meine Erfahrungen auf ein paar Off-Bühnen sicher nicht maßgeblich, aber ich bleibe dabei: In der Szene der Schauspielerei gibt es eine höhere Akzeptanz für das Andersseins, als in den allermeisten anderen Bereichen. Würden sich 15 Fußballprofis outen, oder fünf Clanchefs, 50 Imame oder 500 katholische Pfarrer, dann wäre dies eine Story wert. Aber „Schauspieler sind homosexuell.“ als Breaking News zu verkaufen? Kommt schon, liebe Redakteure der Süddeutschen. ihr habt doch mehr zu bieten!

Der „Westerwelle-Effekt“

Was erschwerend hinzukommt: Die Mehrheit der Schauspieler, die an #Actout teilnehmen, kennt keine Sau! Ja, es tut mir leid, aber ich habe noch nie etwas von Mehmet Atesci gehört. Und auch die Kunst von Tucké – nein, wir machen jetzt keinen billigen Schwulenwitz – Royale ist an mir vorbeigegangen. Jonathan Berlin klingt auch nur vom Namen her nach Fame. Oska Melina Borcherding? Bestimmt begabt, aber auch ebenso unbekannt. Wie soll denn die Botschaft an junge, umgeoutete Homosexuelle lauten? „Schau mal, da outete sich jemand, den keiner kennt?“

Immerhin sind auch bekannte Gesichter abgedruckt. Doch sowohl bei Ulrich Mattes, als auch bei Jackie Schwarz kommt der so genannte Westerwelle-Effekt zum tragen. Den habe ich erfunden und der geht so: Menschen outen sich als homosexuell, bei denen es jeder schon wusste oder es zumindest stark ahnte, so dass das Bekenntnis am Ende niemanden überrascht. So erging es vielen bei Guido Westerwelle und so ergeht es mir bei Jacky Schwarz. Und selbst wenn nicht: Es gibt, neben seinen Talkshowauftritten nichts uninteressanteres, als die Sexualität von Ulrich Mattes.

Verstehen Sie mich richtig: Ich halte es für wichtig, dass das Schwulsein, nicht die Sexualität, im Alltag vorkommt und sichtbar ist. Nicht „auf Teufel komm raus!“ und ganz sicher nicht als Christopher Street Day- Gedöns, das so abschreckend ist, wie Fasnacht in Franken. Sichtbarkeit ist wichtig, jedoch dann auch bitte in den Milieus, in denen es Homos wirklich noch schwer haben. In der muslimischen Community, aber auch im Fußball. Aber doch nicht „Der männliche Abba- Fanclub outet sich“ oder „Schauspieler sind homosexuell“. Um sich kostenlos die Moralin-Lorbeeren zu sichern, bedarf es weder Mut, noch Verstand.

So schaffe ich es in die Wikipedia

Die PR, das muss man den 185 Todesmutigen lassen, ist gut geplant. Bei jedem, den ich gegoogelt habe, ist der Wikipedia-Artikel mit dem ähnlich handlichen Satz, wie in der Einleitung des Artikels, bereits hinzugefügt: „Im Februar 2021 war der Schauspielende Teil der Initiative „Actout“ im SZ-Magazin, zusammen mit 184 anderen lesbischen, schwulen, bisexuellen, queeren, intergeschlechtlichen und transgender Schauspielenden“. Oska Melina Borcherding hält sich übrigens für nichtbinär. Sie fühle sich mehr Mann als Frau, aber beides. Auch diese Information ist weder geistreich, noch wichtig, noch hilft sie irgendjemanden, außer vielleicht der Karriere von Oska Melina Borcherding weiter.

Ich glaube, ich mache demnächst mal wieder etwas Verrücktes. Ich bestelle die Nummer 85 beim Vietnamesen, aber gar nicht scharf! Oder ich oute mich, wohnhaft im Freistaat, als FC Bayern Fan. Das wäre ähnlich skandalös wie Künstler, die sich als homosexuell outen. Nur fürs SZ-Magazin dürfte es nicht reichen. Vielleicht aber als nicht-binärer, halb Tischbein, halb Mann, aber eher Mann – FC Bayern Fan? Damit schaffe ich es zumindest in die Wikipedia.

4 Kommentare zu „Skandal in der SZ: Schauspieler outen sich als schwul!“

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