Solidarität mit Reitschuster

von Julian Marius Plutz.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht!“ Dieser Satz ist ein beliebter Ausdruck von Empörung in einschlägigen RTL II Sendungen, wenn die 13 Jährige völlig überrascht ihrer 26 Jährigen Mutter offenbart, sie sei schwanger. Ja. Manchmal, da geht es schnell, ab und an und eventuell sogar ganz schön schnell. Ob beim Liebesakt, oder bei einer der größten Tageszeitung, der SZ, dessen Probeabo ich sehr schnell wieder gekündigt habe.

Sie erinnern sich vielleicht an die knallharte Enthüllung der Süddeutschen, als sich 185 Schauspieler outeten – und zwar nicht als heterosexuell. Aufgrund dieser fesselnden Geschichte musste ich das SZ plus Abo bestellen. Das machen sie schon geschickt, diese Spitzbuben! Die wirklich heißen Neuigkeiten verbergen sich hinter der Bezahlschranke. Und so hatte ich Glück, dass mein Vertrag noch mehr als 20 Tage läuft, ich also den Beitrag der drei Herrschaften über den Journalisten Boris Reitschuster lesen durfte.

„Wunder, gibt es “nicht nur „immer wieder“, laut Katja Epstein, man wundert sich auch immer wieder. Ja. Immer zu aufs Neue. In „Störfunk“ , wie der SZ-Artikel vielsagend heißt, nehmen sich die Journalisten unliebsame Teilnehmer der Bundespressekonferenz, unter anderem Boris Reitschuster auseinander. Alleine die Tatsache, dass Journalisten immerhin die Seite 3 der Printausgabe dazu nutzen, einen Kollegen zu schreddern, halte ich für bemerkenswert. Denn das Hauptaugenmerk sollte bei allen Hauptadtjournalisten das gleiche sein: Kritik an der Regierung.

Kritische Fragen sind Populismus

Sollte. Ich brauche Ihnen nicht erzählen, dass von Süddeutsche, bis Öffentlicher Funk eine unheilige Allianz zwischen Journaille und Kanzleramt gepflegt wird. Freilich implizit. So braucht es keine große Verschwörung zwischen Verlagen und Merkel mit Barzahlungen und Repressionen, wenn doch eine viel stärkere Verbindung herrscht: Die selbe Ideologie und die gleiche Überzeugung zwischen Journallie und dem Regierungskurs. Exakt das kritisiert Reitschuster. Eine Ausnahme ist sicherlich Thilo Jung, der in diesem Fall jedoch eine unrühmliche Rolle spielt. Doch hierzu später mehr.

Der erste Vorwurf in dem Artikel an Reitschuster ist, dass er während der Pressekonferenz eine Maske trägt, auf der ein „X“ abgedruckt ist. Etwas später wird ihm vorgeworfen, dass er den Mund-Nase-Schutz bei einem Wortbeitrag abnimmt. Hm, okay. Da kann wohl einer nichts richtig machen. Würde er zwei Masken tragen, was bereits empfohlen wird, hieße es, der Reitschuster würde nur provozieren. Laut dem Blogger hätte im Übrigen der Vorsitz der BPK gestattet, die Maske bei Fragen abzunehmen, wenn der Mindestabstand gewahrt ist.

Doch es wird noch absurder. In verschiedenen Pressekonferenzen wollte Reitschuster wissen, wie hier von RKI Chef Wieler, warum das Robert-Koch-Institut, anders als die WHO, bei einem positiven PCR Test auf COVID ohne Symptome nicht einen zweiten Test empfiehlt. Kurzer Einschub: Praktisch hat diese Handhabung zur Folge, dass Menschen mit einem falsch positiven Testergebnis 10 bzw. 14 Tage sinnlos in Quarantäne sind – übrigens selbst, wenn sie innerhalb der Zeit einen positiven Test nachreichen. Das interessiert die Gesundheitsämter wenig, weil das RKI, gewissermaßen ein Teil eines Bundesgesundheitsministeriums, dies nicht anordnet.

Es folgen einige Halb- und Unwahrheiten, die Reitschuster selbst auf seinem YouTube Kanal widerlegte. Den sprichwörtlichen Vogel schoss jedoch Thilo Jung ab, dessen Arbeit in der BPK ich durchaus schätze: „Das Entscheidende ist, dass er (Reitschuster) keinen Journalismus macht, sondern Desinformation und Propaganda“ und weiter in der SZ: „Es sei auch ein großer Unterschied, ob jemand mit Journalismus Geld verdiene oder wie Reitschuster mit Desinformation Spenden auf seiner Webseite sammle.“

Doch diese berechtigte, überfällige Frage scheint für sie SZ Majestätsbeleidigung zu sein. „Die Methode ist klassisch populistisch. Weil sie ein kleines Wahrheitsmoment aufgreift, nämlich das offiziöse Sprechen, und daraus etwas Falsches macht“, sagt der Soziologe Ulf Bohmann, der hier den Experten mimt. Das ist schon erstaunlich: Eine einfache Frage ist hierbei bereits populistisch und damit ihrer Berechtigung entzogen? Wenn jemand zwei Wochen ohne Grund im Hause eingesperrt wird, bei der Familie noch Unsicherheit und Ängste produziert, was tausendfach der Fall war und ist, dann ist das eine Frage wert, die eine Antwort verdient. Doch das gilt offenbar nicht für die SZ.

Der gefällige Journalismus

Ok, langsam und Schritt für Schritt. Zunächst halte ich es für erstaunlich, dass der eine Journalist, ohne einschlägige Ausbildung in diesem Bereich, einem anderen mit einschlägiger Ausbildung in diesem Bereich, abspricht, er sei Journalist, sondern ein Propagandist. Ferner ist es gut so, dass Journalismus nicht eindeutig definiert und der Begriff nicht geschützt wird. Wie unvorstellbar hielte ich eine staatsnahe Kammer, die dem angehenden Journalisten einen Siegel zuteilt, der ihn womöglich für Veranstaltungen wie die Bundespressekonferenz erst legitimiert.

Der zweite Teil ist jedoch noch viel abenteuerlich: Boris Reitschuster nimmt Spenden. Wie kann er nur! Was haben wir für ein Glück, dass das Thilo Jung selbst nicht tut. Ferner halte ich Journalismus, der nicht alleine auf Werbeanzeigen angewiesen ist, wesentlich freier, als Medienmodelle aus dem vorigen Jahrtausend, das mit meterlangen,, staatlichen Werbekampagnen über dem Wasser gehalten werden. Von den Anstalten, die von Zwangsgebühren finanziert werden, brauche ich erst gar nicht reden.

Die SZ entblößt sich mit diesem Artikel als ein gefälliges Blatt. Für sie sind kritische Fragen an die Regierung allenfalls theoretisch eine Option. Journalismus bleibt eine Frage der Haltung. Hat man die richtige, ist man dabei. Hinterfragt man die der Bundesregierung, betreibt man Propaganda und Desinformation. Dies degeneriert die Süddeutsche zu einem Teil der PR Maschinerie der Herrschenden.

Ich habe nicht vergessen, das Probeabo der SZ zu kündigen. Den Biomüll wickle ich mit anderen Zeitungen ein. Wenn Journalisten unliebsame Kollegen bekämpfen, statt ihren Job zu machen, dann ist diese Gazette nicht zu gebrauchen. Wichtiger ist es für freie Menschen, Konsequenzen zu ziehen und diese Medien nicht mehr zu konsumieren. Und es ist wichtig, Seit‘ an Seit‘ mit denen zu stehen, die ihre Arbeit noch ernst nehmen und am Ende des Tages ihre bockbeinigen Fragen stellen. Daher: Solidarität mit Reitschuster.

15 Kommentare zu „Solidarität mit Reitschuster“

  1. Sehr geehrter Herr Plutz, dies ist mir aus dem Herzen gesprochen. Vor über 35 Jahren hatte ich ein SZ Abo. Das erste Mal das ich anfing zu zweifeln, war der Fall in Sachsen wo angeblich 50 – in Worten fünfzig – Neonazi im Schwimmbad einen 12/13 -jähriger irakischen Jungen umgebracht haben sollen. Die SZ Reportage darüber war einfach Science Fiction, nein ohne Wissenschaft einfach Fiktion, Phantasie. Damals beendete ich das Abo, eine Schülerzeitung muss ich nicht abonnieren. In der Zwischenzeit lese ich die SZ schon seit Jahren nicht mehr. Was ich allerdings sehr erschreckend finde. Egal welchen Beruf man ausübt, man hat einen Berufsethos ! Bei Journalisten ist er nicht mehr zu finden, oder nur noch in Ausnahmefällen. Ich frage mich immer wieder, können die noch in den Spiegel sehen! Ich spende heute noch für Reitschuster!!!!!

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  2. Ein völlig neue, aber relativ eindeutige Begründung der Bezeichnung „Lügenpresse“. Wer journalistisch kritischere Nachfrager moralisch „Mundtod“ machen will, d.h. nachhaltig ausgrenzt; um seine eigenen fortgesetzte Lobhudelei als redaktionell sachliche Berichterstattung aus der Bundespressekonferenz darstellt, der lügt vorsetzlich!

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  3. Boris Reitschuster ist einer der wenigen Journalist dieser Zeit, die realistische Tatsachen aufdecken, diese analysieren und verbal dokumentieren. Alles andere sind Schreiberlinge des betreuten Denkens, die nur noch ihre finanzielle Vorteile durch absoluter Hörigkeit der Staatsmeinung erhoffen. Ihre journalistischen Leistungen sind unterdurchschnittlich, austauschbar und längst durchschaut – langweilig. Wir brauchen noch viel mehr von den Boris Reitschusters.
    An dieser Stelle einmal besten Dank, Boris. Wir stehen hinter Dir!!!

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  4. Ich finde diese privatbürgerliche Auseinandersetzung ehrlich authentusch und deshalb sehr gut. Empfehle hierfürdas Buch Der Untertan und das Buch Ich und Du. Buber beschreibt das gesellschaftliche Prokustesbett der Eswelt, die polit- ökonomisch in der wirtschaflichen Nutzwelt und der politischen Machtwelt die Verhältnisse der Moderne so eng strukturiert. Dass darin nur noch wenig Luft zum natürlich lebendigen menschlichen Atmen verbleibt. Wir selbst werden dadurch so vielfach uniformiert und auf die krawattentragende Kragenbreite formatiert, dass uns die Luft weg bleibt. Und dazu kommt noch der unausgesprochene Sieg Heil Maske Ruf, der uns zu Masken trägern verdonnert, damit niemand mehr sein identisch wahres Gesicht zeigen kann.
    Und die neue Maskengesellschaft von derart entpersönlichten Bürgern soll dann die neue Normalität werden. Der Bürger wird so auf die Nummet einet Zahl reduziert, die nur nach als gesundheitluche Statistikzahl des Überlebens odet Sterbens interessant ist. Wie einst in der NS-Wochenschau die Rekordtotenzahlen der Feinde im Kriegsfeldzug verkündet wurden, so werden heute tägllich in einer massenmedialen Einheitsschau Rekorde an Coronatotenzahlen verkündet. Als ob nicht Corona der Feind ist, sondern die Menschenopfer, die selbst schuld sind, dass sie sich nicht selbst vor der Infektion hinreichend geschützt haben.

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  5. All das Geschilderte ist doch nicht neu, meine ich, der seinen Karl Kraus gelesen hat.
    Jede Generation bemerkt’s allerdings immer wieder neu (oder auch nicht), wie Presse & Funk funktionieren.

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  6. Für jemanden der selbst 4 Mal bei der Staatssicherheit im Zuchhaus gesessen hat, und aus dessen Familie er selbst und 4 andere Mitglieder vom Westen (wie über 300 0000 andere politische Gefangene) freigekauft wurde; und dessen Vater schon 1934 im Wider- stand gegen die Nazis, (als Mitglied der Bekennenden Kirche Dietrich Bonhoeffers) war. Dessen Schwester zu drei Jahren und zehn
    Monaten veruteilt im Zuchthaus sass und dort beinahen den Verstand verloren hat -sind die Zustände in unserem wiedervereinigten Vaterland unglaublich und zu tiefst beschämend.
    Zu gleichen Zeit, hat eine andere (auch Pfarrerstochter, wie meine Schwester) Angela Merkel opportunistisch in dem selben Staat der unserer Familie schweres Lied in den 40 Jahren seiner Existenz zufügte – der DDR- eine steile Karriere gemacht. Nicht nur das, sie
    versucht auch was noch schlimmer ist dem eigenen Volk die Nationalität abzuerziehen als wäre Deutschsein eine Krankheit. Daß und warum ich in den USA lebe ist eine andere fast unglaubliche Geschichte. Ich habe Boris Reitschuster persönlich in Berlin bei einem seiner Vorträge kennen gelernt. Bin selber bis 1980 Berliner gewesen. Solche Journalisten mit Intellekt Mut und Charakter sind die
    einzige Hoffnung dafür, daß unsere Demokratie nicht durch Gleichschaltung, Dummheit und Selbstbetrug zu Grunde geht. Christian Martin Lappe (lappe@uokg.de)

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  7. LÜGENFRESSE ! LÜGENFRESSE !
    Ist man nicht auf eurer Seite, darf munter freie Meinungsäusserung gelöscht werden! Eure Art der nationalistischen Gesinnung hätte mann früher ins Zuchthaus weggesperrt.

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    1. Herr Mecker, nie Voltaire gelesen? Ich bin zwar nicht Ihrer Meinung aber ich bin froh das Sie die sagen dürfen! Manche Aussagen offenbaren halt Bildungslücken ! Gut das sie es ausgesprochen haben. !

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