Wie die SPD den Thierse schredderte

Von Julian Marius Plutz.

Was die SPD für die Parteienpolitik ist, scheint der 1. FC Nürnberg für die Fußballfans zu sein. Beide sind stets stolz auf die Geschichte, vorausgesetzt, sie liegt, ebenso wie ihre Erfolge, Jahrzehnte zurück. Gerne verweist man auf ihre Tradition, die sich zwar schön liest, ihnen aber in der aktuellen Situation rein gar nichts bringt. Und beide haben eine unfassbare Lust am Untergang und am eigenen Leid, das nach außen getragen wie eine immaterielle Monstranz, um den Leuten zu zeigen: „Schaut mal, wie schlecht es uns geht“.

Wie beim „Glubb“ sind viele Probleme der SPD hausgemacht. Alleine die Tatsache, dass die Partei einen Kanzlerkandidaten stellt, übrigens viel zu früh, der die Strahlwirkung eines Getränkemarktes an den Tag legt, spricht Bände. Gut, werden Sie sagen, Außenwirkung ist nicht alles. Das stimmt. Aber ohne Außenwirkung ist in der Politik alles nichts. Da brauchen Sie gar nicht erst anfangen. Möglicherweise hat Olaf Scholz seine Verdienste, im Wirecard Skandal liegen sie schon mal nicht, aber in Sachen Rhetorik und sprachliche Finesse gewinnt die Partei mit dem Hanseaten keinen Blumentopf. Und schon gar nicht die Bundestagswahl.

Das alles wäre gar nicht so schlimm, wenn die Lautsprecher der Partei nicht so sind, wie sie sind und fest dabei sind, ihre Partei vollends zu zerstören. Zum Hintergrund. Wolfgang Thierse schrieb in der FAZ einen Artikel, der ungeahnte Wellen schlug. Leider ist dieser hinter der Bezahlschranke, aber ich kann Ihnen sagen, dass sich zumindest ein Probeabo der FAZ+ für diesen Beitrag lohnt.

Identitätspolitik ist „elitäre Dummheit“

So kritisiert der ehemalige Bundestagspräsident die Haltung innerhalb der SPD zum Thema „Identitätspolitik“. Da von diesem Begriff viel gesprochen wird, halte ich es für hilfreich, ihn zu definieren. Auch wenn man die Wikipedia mit Vorsicht genießen sollte, hat die Enzyklopädie hier einen recht guten Beitrag produziert. „Identitätspolitik ist eine Zuschreibung für politisches Handeln, bei dem Bedürfnisse einer spezifischen Gruppe von Menschen im Mittelpunkt stehen. Angestrebt werden höhere Anerkennung der Gruppe, die Verbesserung ihrer gesellschaftlichen Position und die Stärkung ihres Einflusses.“

Genau dieses Handeln stört Thierse an seiner Partei. Zur Umbenennung der Mohrenstraße in Berlin schreibt er „Weil mich der Name beleidigt und verletzt, muss er weg, das ist die fatale Handlungsmaxime“. Die Kritik an der Ideologie der weißen Überlegenheit dürfe nicht „zum Mythos der Erbschuld des weißen Mannes werden“. Ebenfalls plädiert Thierse für eine positive Besetzung von Begriffen wie „Heimat, Patriotismus, Nationalkultur“. Diese dürfe man nicht den Rechten überlassen. Das Bedürfnis nach einer Nation als kultureller Beheimatung zu leugnen, zeuge von „elitärer, arroganter Dummheit.“

Das saß. Und rief die Identitären in der SPD auf den Plan. Doch statt mit Thierse in ein Gespräch zu treten, am besten öffentlich, gingen Saska Esken und Kevin Kühnert voll auf Angriff. Und das in einem schwer erträglichen larmoyanten und vorwurfsvollen Ton: Aussagen einzelner Vertreter der SPD zur sogenannten Identitätspolitik“ würden „ein rückwärtsgewandtes Bild der SPD“ zeichnen, das „euch verstöre“, heißt es in eine Mail an die Mitglieder. Klar war, wer gemeint war und klar war, was gemeint war. Thierse ist der Störenfried und Saskia und Kevin sagen der Basis, ab wann sie verstört sein dürfen und was sie für rückwärtsgewandt zu halten haben. Damit ist die Diskussion bereits vor der Diskussion beendet. Traumschön. Diese betreute Mitgliedschaft wird Ihnen präsentiert vom SPD Vorstand.

Schmidt würde die SPD nicht wiedererkennen

Wolfgang Thierse erkannte die Anspielung. Und er reagierte. In der FAS erwägt er nun, aus der SPD auszutreten. Doch was noch viel wichtiger ist: Wolfgang Thierse war einer der prominentesten Unterzeichner des Appells für freie Debattenräume. Dessen Geist wiederholte er noch einmal eindrücklich:“„Menschen, die andere, abweichende Ansichten haben und die eine andere als die verordnete Sprache benutzen, aus dem offenen Diskurs in den Medien oder aus der Universität auszuschließen, das kann ich weder für links noch für demokratische politische Kultur halten.“  Eine politisch korrekte Säuberung der Sprache ist eines der Hauptinstrumente, wie Identitätspolitiker operieren. Thierse kann da nur noch den Kopf schütteln. Und nicht nur er.

Man muss sich das Szenario noch einmal auf der Zunge zergehen lassen: Der SPD Vorstand versucht gerade, Wolfgang Thierse zu schreddern. Wolfgang Thierse. Ja. Für mich der Innenbegriff von Integrität, Seriosität und Verlässlichkeit. Ihm würde ich die PIN meiner EC Karte anvertrauen und das Manuskript meiner verborgenen Meisterwerke. Auch wenn es Herr Kühnert nicht wahrhaben will: Er bildet auch einen Teil der SPD ab. Sicherlich ist Thierse links in seiner Grundausrichtung, aber durchaus konservativ, was der Bezug zu einzelnen Werte angeht. Das funktionierte Jahrzehnte in der SPD hervorragend. Heute wird man zum Problem-Mitglied. Gerd Schröder wäre heute in der Partei eine persona non grata. Otto Schily? Längst weg. Helmut Schmidt? Ausgetreten, wenn nicht ein Parteiausschlussverfahren gerade läuft oder zu Ungunsten des Ex-Kanzlers abgeschlossen wurde.

Schmidt Schnauze würde seine Partei nicht mehr wiedererkennen. Eine Partei, die einst den Arbeiter, neben dem Lehrer, neben dem Rentner, neben dem Studenten, den Arbeitslosen und dem Professor beheimatete. Heute ist der verrentete Lehrer übrig geblieben. Ein wesentlicher Fehler der Parteiausrichung ist sicherlich der Versuch, sich zwischen Grünen und der Linkspartei zu positionieren. Ein Grund ist die vermaledeite Identitätspolitik. Und Kopien möchte keiner wählen. Wer es grün kuschelig und Habeck-ahnungslos haben möchte, der wählt eben Habeck und Konsorten. Und wem es noch nicht zu scharf ist, der geht zur Ex-SED. Kein Mensch braucht diese SPD mit dieser Ausrichtung. Ich kenne so viele Menschen, die die SPD wählen würden, wenn sie sich auf das besinnen, was sie einmal waren: Eine Volkspartei, die mehr Meinungen und mehr Debatten zulässt, als den ewigen Tunnel der sogenannten Linksliberalen.

Aufstand der Basis?

Wolfgang Thierse hat in der DDR erlebt, was Cancel Culture bedeutet. er weiß, was es heißt, wenn Debatten vom Staat gewaltsam unterbunden werden. Er war der zweite Vorsitzende der SPD der DDR. Mit dem Neuen Forum ging er in den Widerstand. Er muss niemanden etwas beweisen. Vielleicht erkennen 30-Jährige SPD Stellvertreter, die jenseits von Parteiarbeit kaum Erfahrungen in Arbeit und Alltag sammeln konnten, die Lebensleistung eines ihrer treusten und wichtigsten Mitglieder an. Und vielleicht ist die Debatte um Wolfgang Thierse Anlass, um die einseitige Ausrichtung der SPD zu diskutieren. Denn diese Politik erschafft vor allem eines: Sozialdemokraten ohne Parteibuch.

Und so dümpelt auch der 1. FC Nürnberg in der zweiten Liga umher und muss aufpassen, drittklassig zu werden. Die Führung des Clubs ist ebenso willfährig, den Verein in die totale Belanglosigkeit zu bugsieren, wie die SPD Vorstände es offenkundig möchten. Es hängt, wie immer, an den vielen einfachen Mitgliedern, sich diesen Wahnsinn nicht länger gefallen zu lassen. Warum nicht mal ein Aufstand der Basis? Die Zeit dafür wäre da.

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