O’impft is! Auf eine friedliche Pandemie!

Von Julian Marius Plutz.

Die Melange aus Bier und Schweiß, die ohne jeden Zweifel den Zauber des größten Volksfest der Welt ausmacht, war längst angerichtet, als der Dieter Reiter die Bühne betrat. Mit hochrotem Schädel, einem Grinsen, das debiler kaum sein könnte und einer einer übergroßen Spritze in der Hand betrachtete er die tobende Masse. Der Schottenhamel war voll besetzt und die Schunkelgesellschaft saß bei Brezen, Haxe und Spatenbräu beisammen und warteten ungeduldig auf die Männer der Stunde. Wie viel braucht der Oberbürgermeister diesmal? Wieder nur zwei? Und auch der Markus Söder steht bereit, daneben das Ehepaar Stefan und Gaby Astra – Zeneca. Viel geredet wurde, doch zum Oktoberfest werden alle Zweifel ausgeräumt. Mit Symbolkraft. Denn Deutschland krempelt die Arme hoch, ehe die sozial Verarmten Deutschland umkrempeln.

Bedächtig und staatstragend geht der Oberbürgermeister an das Impfass. „Oans – zwoa“ ruft er, doch die Menge ist lauter. Und drin ist er! Er zieht er die Spritze raus aus dem Astrazeneca-Fass während das Festzelt förmlich brennt. Und wer bekommt die erste Impfung, wie weiland die erste Maß? Richtig, der bayrische Ministerpräsident! Und ehe sich der Markus versah, rammt der Reiter mit diabolischen-SPD- Augen die Injektion in seinen Arm.

„O’impft is! – Auf eine friedliche Pandemie!“ bleckt Münchens Oberbürgermeister in die Menge. Und der Schottenhamel jubelt. Menschen liegen sich in den Armen. Völlig Fremde küssen sich innig. Jetzt ist die Rettung da. Und wenn’s der Söder verträgt, dann verkraften die geistig noch ungünstiger verfassten Leut‘ das auch noch. Während dem Spektakel nickt das Ehepaar Astra und Zeneca dem Ministerpräsidenten zu, während aus ihren Pupillen die Dollarzeichen blinken. Zwoa Sauhund sans scho!

Eine sinnlose Zahl überschreitet einen Willkürlichen Wert

Zugegeben – ich hatte bereits besser geschlafen. Aber ein jeder Albtraum beginnt mit einem realen Ereignis. Als ich durch das Münchner Qualitätsblatt „tz“ blätterte, las ich Schockierendes: „Oktoberfest 2021 mit Besuchern„? Ja, Sie haben richtig gelesen. Ein Volksfest mit Besuchern! Was für eine verrückte Vorstellung. Gut, Riesenrad, Zuckerwatte, Zwei Hax’n mit vier Maß, dazu drei Obstler und einen Apfelstrudel, dann ab ins Kettenkarusell – ist so ganz ohne Menschen ein eher kompliziertes Unterfangen. Wie ein Orchester schwerlich ohne Instrumente spielen kann und ein Fußballspiel nicht ohne den Fußball auskommt, gibt es kein Volksfest ohne Volk. Es gibt überhaupt gar keine Feste ohne Menschen. Denn dann handelt es sich um kein Fest, sondern um ein leeres Zelt mit Bierbänken.

In Zeiten, in denen sich die Weisheiten von Meister Eder bewahrheiten („Es muss a blede Leid gem, abe es wern oiwei mehra“) wundert es auch nicht mehr, dass selbst die Träume mit dem Zeitgeist gehen. Es ist schon abenteuerlich: Ein ganzes Land glotzt wie Bambi vorm finalen Schuss Tag für Tag auf einen nicht nur willkürlichen, sondern auch noch falsch interpretierten Wert. Denn vor Corona bedeutete „Inzidenz“ die Anzahl der auftretenden Erkrankungen zu einem bestimmten relativen Verhältnis in einem bestimmten Zeitraum. Wie viele Menschen erkranken beispielsweise auf 100.000 Menschen. Diese Zahl wäre sinnvoll, wären zwei Parameter gegeben, die jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand versteht.

  1. Redete man von Erkrankungen, so hätte man recht. Ein extrem sensitiver und nicht standatisierter Test, der unter Umständen sogar Kontaminationen mit einem Corona Virus, die Wochen her sind, anzeigt, macht keinen Sinn. Hier wurde genug gesprochen und geschrieben. Zwischen positiv getestet und tatsächlich erkrankt liegen Welten, wie es einen himmelweiten Unterschied zwischen HIV positiv und AIDS gibt.
  2. Redete man von der immer gleichen Basis der Getesteten, könnte man zumindest die positiven Tests im gleichen Maße vergleichen. Doch die aktuelle Handhabe der 7-Tages-Inzidenz ist aussagelos. Wenn noch nicht mal in Würzburg und in Regensburg gleich intensiv getestet wird, wie soll man denn Niedersachsen und Hessen vergleichen? In Nürnberg beispielsweise ist es seit Monaten kein Problem, sich in den Impfzentren testen zu lassen. Sogar Schnelltests sind seit Ende Januar möglich. In Baden-Württenberg gibt es heute noch nicht flächendeckend und schon gar nicht kostenlos, wie in Bayern, Antigentests. Im Ausland wird seit Monaten bereits mit Schnelltests getestet. Bei einer unterschiedlichen Basis ist der Vergleich von Inzidenzen sinnlos. Schweden oder Frankreich oder Israel sind die Neuinfektionen weit höher, als in Deutschland. Trotzdem wird dort aktuell weniger gestorben, wenn man die Letalitätsrate als Maßstab sieht. Wie Pumuckls Freund richtig sagte: „Es muss a blede Leid gem, abe es werden oiwei mehra“.

So mussten also einige Schüler in bayrischen Großstädten, die sich auf den Präsenzunterricht gefreut und es teilweise auch wirklich nötig hatten, spontan zu bleiben, weil ein sinnloser Wert eine willkürliche Grenze übersprungen hat. Wow.

Wahnsinnige Pandemie oder pandemischer Wahnsinn

Streng genommen und auch nicht so streng genommen ist dieser Irrsinn ohne Festbier gar nicht auszuhalten. Also geh‘ ich mir gleich einen Sechserträger kaufen, den ich mir dann wiederum folgerichtig ins Gesicht stellen werde. Warum auch nicht? Als Franke und herzhafter Atheist bin ich dem fränkischen und herzhaften Oskar Panizza verpflichtet. Natürlich. In seinem wunderschönem Stück: „Das Liebeskonzil“ schreibt er den viel zitierten Satz „Wenn der Wahnsinn epidemisch wird, heißt er Vernunft“. Und zu Zeiten des Satirikers, damals hatte dieser Titel noch einen Wert, gab es wahrlich tödliche Pandemien. So raffte die dritte Pestwelle 1898-1912, ausgehend übrigens aus China, 12 Millionen Menschen dahin. Dagegen ist die sogenannte dritte Welle von Corona ein Sturm im (stillen) Wasserglas. Gott sei Dank übrigens. „Wenn der Wahnsinn in der Epidemie epidemisch wird, werden nicht nur die Menschen wahnsinnig, man nennt ihn auch Vernunft.“ Oder so. Und die Mutter der Dummen ist immer schwanger.

In den letzten Tagen habe ich im Radio gehört, wahrscheinlich im Bayrischen, „die Absage“ des Oktoberfest „könnte verschoben werden.“ Ja. Darauf kann man eigentlich nix mehr sagen. Höchstens noch hoffen, falls man die Wies’n gern hat, dass bis zum September alle schön durch geimpft sind und man sich wieder bei Brezen, Haxe, und Spatenbräu das Spektakel anschauen kann, wenn die Welt vor Spannung kaum Atmen kann, wie viele Schläge der Oberbürgermeister in diesem Jahr braucht, bis es endlich Ozapft is. Bis dahin bleibt nur das Festbier vom Getränkemarkt empor heben und voll Inbrunst schreien: „Auf eine friedliche Pandemie!“

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