„Trost“ von Thea Dorn ist ein kleines Wunder

Von Julian Marius Plutz.

Anfang Februar, nach mehr als einem Jahr, als sich alles änderte, erschien „Trost“ von Thea Dorn. Und von Beginn an erstaunten mich die vielen schlechten Kritiken. „Okay“, dachte ich mir, „vielleicht ist das Buch tatsächlich ein Misslungenes“. Doch als dann eine gewisse Twitter-Blase unter #Theadorn das Buch, respektive die Autorin selbst anging, wurde ich neugierig. Wo immer sich virtuelle Aktivisten einschalten, um Literaturkritik zu üben, freilich ohne das Buch gelesen zu haben, verspricht das Werk, spannend zu sein. Das war es bei „Unterwerfung“ von Houellebecq so, so ist es bei beinahe jedem Buch von Hamed Abdel-Samad der Fall.

Ich muss der Ehrlichkeit halber vorausschicken, dass ich Thea Dorn sehr, sehr mag. Sie schreibt, wie sie spricht und daher schreibt sie ganz wunderbar. Sie war die erste, die noch sehr früh, im April 2020, vor Vereinsamung aufgrund der Lockdown Politik warnte. „Es gibt noch etwas schlimmeres als den Tod. Den elenden Tod.“ Und genau davon handelt das Buch. Von Elend, aber auch von Freundschaft. Von Hoffnung und von Verzweiflung. Es geht um Trost.

Wut auf das Virus, auf die Politik und auf sich selbst

Johanna mag mittleren Alters sein und steht vor ihrer schwersten Lebenskrise. Ihre Mutter ist gestorben, nachdem sie mit 84 Lenzen („Vierundachzig“, wie die Autorin das Alter betonend ausschreibt) und am Höhepunkt der Corona-Pandemie nach Italien reiste, sich mit dem Virus infizierte und – da ohnehin schon lungenkrank, daran verendete. Das schreibt sie – und so ist das Buch auch konzipiert- ihrem alten Freund Max. In Briefform. Wütend ist Johanna auf ihre Mutter, warum sie gerade jetzt nach Italien fahren musste. Wütend ist sie aber auch auf das Virus und auf den Tod, den die Protagonistin als schwere Beleidigung und Kränkung empfindet. Zunächst. Und sie tobt vor Wut, als es zur Beerdigung kam.

„KEIN STAAT DIESER WELT HAT DAS RECHT, EINEN MENSCHEN ZUM EINSAMEN TOD ZU VERDAMMEN. KEIN MENSCHENLEBENRETTENWOLLEN RECHTFERTIGt ES, EINER TOCHTER ZU VERBIETEN; BEI IHRER STERBENDEN MUTTER ZU SEIN“ wütet Johanna.

Netta, die Mutter, sie starb allein. Und Johanna, die Tochter, verbot man, in den letzten Stunden bei Netta zu sein. Das ist der elende Tod, den Thea Dorn im April letzten Jahres meinte. Und ja, Johanna schreibt einseitig. Sie ist wütend. Sie ist verletzend, weil sie bis ins Mark verletzt wurde. In einer himmelschreienden Ungerechtigkeit und einer staatlich angeordneten Grausamkeit fühlt sie sich alleine gelassen. Es sind vermutlich die ersten Kapitel, die vielen Kritikern störten. Jedoch kann jeder, der einmal einen schmerzlichen Verlust erlitten hatte, die Gefühlslage in der zweiten Phase der Trauer nachvollziehen. Schade, dass es viele nicht vermochten, zwischen literarischer Figur und Autorin zu unterscheiden.

Und ihr alter Freund Max? Er antwortet allen ernstes mit Postkarten und dazu geschriebene Einzeiler. Nach Johannes wütenden Zeilen kam lediglich ein schmaler Satz: „Liebe Johanna! Bist du bei Trost? – Dein alter Freund“. Das Motiv zeigt Maria mit Kind, zur linken den heiligen Sebastian und zur rechten Johannes, den Täufer. Das ist das Muster des Buches: Johanna schreibt und schreibt und wütet und feiert Orgien und ist betrunken und sitzt beim Arzt. Und ihr Freund? Antwortet mit einer Postkarte und einem Satz. Man bekommt eine Ahnung von der Art der Freundschaft zwischen beiden, je weiter man das Buch liest. Man lernt verstehen, in dem Johanna versteht, wie die Postkarten mit ihren Briefen harmonieren.

Bei all der Ernsthaftigkeit kommt immer mehr, je weiter der Tod ihrer Mutter zurückliegt, Humor zum Vorschein. Ja. So habe Johanna versucht, ihren „Kopf dumm zu bekommen (vulgo: „Yoga“). Oder nachdem sie, nach einer wilden Nacht mit verschiedenen Sexpartnern zur gleichen Zeit (vulgo: „Orgie“) beim Arzt zum „Seuchenabstrich“ Platz nimmt. Doch den Höhepunkt der literarischen Klasse, aber auch der philosophischen Tiefe des Stückes entfaltet „Trost“ ab dem Kapitel „3. Juli“ (Die Kapitel sind nach Tagen benannt).

Die Würde des Menschen

„Wem es gelungen ist, dem Tod einen Sinn abzuringen, dem mag es auch möglich sein, dessen unsichtbare Gegenwart in jedem Augenblick zu ertragen.

Wem es nicht gelingen will, dem Tod einen Sinn abzuringen, dem sollte es wenigstens gelingen, seine Augen vor der unsichtbaren Allgegenwart des Todes zu verschließen.

Wer den Tod für einen sinnlosen Skandal hält, und sich Tag und Nacht dennoch mit nichts anderem befassen kann, ist ein tragischer Idiot.

Ich bin ein tragischer Idiot.“

Diese unfassbar starken Zeilen macht die Stärke des Buches aus. Thea Dorn versteht es, sich in die Protagonistin und ihre Zweifel hinein zuversetzen. Johanna weiß, dass ihr Denken über den Tod als eine absolute Kränkung ausweglos ist. Ihr ist bewusst, dass das Skandalisieren des Ablebens sie in die Sackgasse führt. Doch, in dem Moment zumindest, kann sie nicht anders. Die Parallele ist offenkundig: Das gestörte Verhältnis in unserer Gesellschaft mit dem Tod macht die Pandemie deutlich. Mit dem ständigen Aufhäufen von Sterbezahlen, die völlig überraschend immer höher werden, da man sie von Tag 1 an aufrechnet, wird eine ebenso stetig steigende Gefahr suggeriert. Diese Herangehensweise definiert eine Wertigkeit, die des Wesens des Menschen, im Wortsinn unwürdig ist. Den das Aufrechnen von Kadaver sagt: Der Mensch hat einen Wert. Und je höher die Zahl ist, desto höher ist der Wert des Verlustes. Aber alles, so Kant, was einen Wert hat, hat auch einen Preis. Doch der Mensch kann keinen Preis haben – er hat keinen Wert. Der Mensch hat Würde.

Diese Würde sieht auch Johanna verletzt, je reifer das Buch wird. „Je größer die Angst vor dem Tod, desto größer die Bereitschaft, alles was unseren Individualismus ausmacht, auf dem Altar der Lebenserhaltung zu opfern.“ Man spürt förmlich, wie sich Johanna sammelt und ihr durch den Tod klar wird, welche „Lumpentragödie“ momentan aufgeführt wird.

Lebenskrise während einer Weltkrise

An manchen Stellen wirkt das Buch wie eine feiner, aber zielsichere Kritik am Zeitgeist. Als sie mit Schauspielern eine Art Protest organisieren will, stößt sie schnell an die Grenzen der Kulturszene. „Nichts ist verkehrt daran, eine „Haltung“ zu haben. Aber alles ist verkehrt an einem immer platteren (…)“Haltungs-Zeigen“, das nichts riskiert, außer von Gleichgesinnten beklatscht zu werden.“ Und das ist auch der Zeitpunkt, an dem ich applaudiere. Eine Wohltat für den Liebhaber der deutschen Sprache ist Johannas Schredder an der Gendersprache. Famos!

Und so wird das Buch immer launiger, fröhlicher, ja, Johanna emanzipiert sich von ihrer Wut. Und sie findet am Ende das, was der Buchtitel prophezeit: „Trost“. Das Ende ist schön, wunderschön sogar und viel zu schade, um es zu verraten.

Das neueste Werk von Thea Dorn ist nichts weiter, als ein kleines Wunder in 176 Seiten. Jedes Wort scheint zu passen, kein Adjektiv, wenn überhaupt eines nötig, ist zu viel. Johanna erlebt eine Lebenskrise in der Zeit einer Weltkrise. Ihre Wut ist die Wut derer, die ähnliches erleben. Und der Trost, den sie findet, ist der Trost, den die Menschen vielleicht eines Tages erfahren werden.

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