Neulich beim Bäcker

Von Julian Marius Plutz.

Es geht doch nichts über einen maskierten Plausch mit der Verkäuferin beim Bäcker. Ja. Wenn man denn dazu in der Lage ist. Denn viele ältere Personen sowie Hörgeschädigte oder Ausländer verstehen erst gar nichts und lassen ein Gespräch ganz bleiben. Die Mimik ist ein wesentlicher Kommunikationskanal und gerade, wenn der Andere es mit einer Barriere zu tun hat, ist dieser unentbehrlich. Auch diesen Fakt muss man ins Verhältnis setzen, wenn die Regierung eine Maskenpflicht anordnet, die wenigstens im Freien laut Aerosolexperten nahezu sinnlos ist. Es ist erstaunlich, dass ein Land, das ansonsten alle Arten von gefühlter und tatsächlicher Ausgrenzung bekämpfen mag, diese himmelschreiende Ungerechtigkeit hinnimmt. Auf dem Altar der Pandemiebekämpfung muss es eben auch Opfer geben.

Aber zurück zum Plausch. Der gehört für mich dazu, wenn ich durch die Stadt flaniere. So rätselte ich vor Corona mit einer älteren Dame vor einem vietnamesischen Restaurant, wie dieses zu seinen Kampfpreisen (Teuerstes Gericht 7,50€ und das war die Ente) kommt. Zu einem befriedigten Ergebnis kamen wir nicht, aber das macht ja nichts. Wir machten uns die kurze Zeit schön. Viele Leute sehnen sich nach Kommunikation, nach dem Alltäglichen, ja, nach dem Banalen. Doch das Übliche ist schon lange im übergroßen Seuchenalarm, im Dauerausnahmezustand, der die neue Normalität darstellen soll, untergegangen. Die Menschen sind, wie es dieses sehr treffende, neue Kofferverb beschreibt. „mütend.“Müde und wütend.

Und so war ich unlängst auch ganz schön mütend. Müde, weil sich in dieser Nacht der Schlaf recht rar machte. Und wütend, da ich tatsächlich nach meinem Wecker noch mal entschlief. Wütend auch, weil ich keine verflixte Maske fand, außer die, in der sich seit einigen Tagen ein Rosenkranz verheddert hatte. „Eigentlich darf man sowas nicht verkaufen“, entgegnete mir damals die rumänische Verkäuferin auf einem Flohmarkt in Berlin-Kreuzberg. Hätte sie die Kette mal behalten und sich selber umgehängt. Stattdessen hängt sie nun an der einzigen Maske, die ich in all er Hektik auftreiben konnte. Sie ahnen nicht, wie beschränkt es aussieht, wenn am rechte Ohr wie schulterlanges Haar ein Rosenkranz hängt.

Ein Bamberger ist ein Bamberger

Wie auch immer, ich hatte es eilig. Ich rief noch meine Kolleginnen an, ob sie etwas vom Bäcker bräuchten – ein längst durchschautes Manöver, zu kaschieren, dass ich ein paar Minuten später komme. Und als ich dann den Bäcker mit Gebetskettenmaske betrat, geschah das, was eh schon hätte geschehen müssen. Ich muss da etwas ausholen:

In Nürnberg heißt das gemeine Butterhörnchen „Bamberger“. Für mich als Unterfranken völlig unverständlich, denn sind doch Bamberger Leute, die in der wunderschönen wiederum oberfränkischen Stadt wohnen. In Unterfranken handelt es sich um ein „Hörnle“, wahlweise „Hörnla“. Mit latenter Mütendigkeit betrat ich also den Bäckersladen.

„Ein Hörnchen, bitte“, entgegnete ich dem Personal in gebührender Freundlichkeit, während ich nicht ganz unenelegant meinen Rosenkranz hinter die Schulter strich.

„Sie meinen ein Bamberger?“ antwortete mir die Verkäuferin selbstsicher. Mein Puls stieg beträchtlich.

„Nein, Gnädigste, ein Hörnchen.“ sagte ich betont freundlich und zeigte wie ein schwer retardiertes Kind auf die Backware. „Daaaas daaaa!“

Doch die Dame, die längst zu meiner Kontrahentin im Streit um das passende Wort geworden ist, ließ sich nicht lumpen und griff nach ihrer Gebäckanfasszange: „ Also eeeeein Baaaamberger für den netten Herren. Darf es sonst noch etwas sein?“ Ich bin mir ganz sicher, dass Kriege bereits aufgrund weniger ausgebrochen sind. Ich war willens, einen solchen auszurufen. Hier und jetzt. Ich bin bereit!

Ich entschied mich dann jedoch für eine etwas kostengünstigere Variante. Ich antworte ihr einfach mit einer kleinen Klugscheißerei: „Kennen Sie, Gnädigste“, die Dame war rund rund 20 Jahre älter als ich, „die Geschichte „ein Tisch ist ein Tisch“ von Peter Bichsel?“. Sie schüttelte den Kopf. Ich fuhr fort, während ich bedeutungsschwer mein Nasenfahrrad abnahm, um den Moment noch mehr Tiefe zu verleihen.

„Da geht es um einen älteren, etwas verwirrten und vor allem einsamen Mann, der in seiner Langeweile sich ein Vokabelheft kauft und die Wörter umtauft. Ein Bett ist ein Bild, läuten heißt stellen. Teppich heißt Schrank, ein Wecker ist nun ein Fotoalbum und ein Stuhl ist ein Tisch. Ja. Und so ergeht es mir hier. Ein Hörnchen ist ein Bamberger. Aber das ist falsch. Ein Hörnchen ist ein Hörnchen. Ist ein Hörnchen, ist ein Hörnchen. So. Und so einen Apfelkrapfen, Gnädigste, hätte ich gerne auch noch. Das passt mir auch vom Namen her.“

Gottes Rache

Die Bäckereiverkäuferin schaute mich unter ihrer OP-Schwestermaske an wie ein Lastenfahrrad. Ich triumphierte innerlich, jedoch zu früh, wie sich herausstellte. Denn die Dame hatte sich schnell wieder im Griff.

„Na, da hab ich ja Glück gehabt. Übrigens heißen Krapfen auch nur hier Krapfen. Woanders sind das Berliner und wie heißen Krapfen in Berlin? Na?“ Etwas eingeschüchtert zuckte ich mit den Achseln.

„Pfannkuchen. Genau. Aber das steht nicht bei Ihrem Peter Pichel!“

„Äh, Bichsel“ unterbrach ich sie.

„Wie auch immer. 2,90 Euro, der Herr. Eine Frage noch. Weshalb klemmt an ihrem Ohr ein Rosenkranz? Hat man die nicht um die Hand, oder um den Hals? Fragen Sie doch mal Ihren Pichler. Ach und noch etwas: Ein Hörnchen ist vor allem ein Nagetier.“

Sie knallte die Backwaren auf die Theke und ich ging dahin.

Man muss sich nun wirklich nicht um jeden Preis unterhalten. Netter Plausch hin und her, aber manchmal ist Schweigen doch Gold. Vielleicht war es auch die göttliche Rache, den Rosenkranz gekauft zu haben.

Im Büro angekommen schnitt ich die Maske vom Rosenkranz ab und warf das eine weg und hing die Kette um meinen Hals. Im Papierkorb schmieg sich die FFP2 Maske an die zerknüllt Bäckertüte und sonstige Schnipsel, die in einem Büro so anfallen und nicht mehr gebraucht werden.

3 Kommentare zu „Neulich beim Bäcker“

  1. Das war doch ein netter Disput, zwischen Ihnen und der Bäckerin. Mir passieren solche netten Gespräche eher selten. Meistens bekomme ich in dieser Zeit zu hören, wenn ich einen Laden betrete, wie heute bei Burger King „Sie müssen sich erst die Hände desinfizieren. Da, rechts, steht der Spender“.

    Da ich bis jetzt immer noch Handschuhe trage, war ich innerlich schon in sekundenschnelle auf 180 und antwortete „Ich trage doch Handschuhe“.

    Antwort: „Das macht nichts, Sie müssen sich trotzdem die Hände desinfizieren. Das ist Vorschrift“.

    Ich habe es nicht gemacht und beim Hinausgehen noch etwas lauter bemerkt: „Von Ihnen lass ich mir gar nichts befehlen, verstanden“.

    Und der mit dem kindischen Bürger King Boot auf der Hutablage schrie: „Sie brauchen gar nicht mehr wiederzukommen. Sie haben hier Hausverbot“.

    Und ich: „Leck mich“.

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      1. Ja, geht mir bis jetzt auch immer noch nicht aus dem Kopf. Irgendwie war die Situation völlig daneben. Ich kann das einfach nicht haben, wenn mich einer herumkommandieren will und dann noch mit unsinnigem Zeug. Na ja, trotzdem, hätte einfach sang- und klanglos gehen sollen.

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