„Es wurden rote Linien überschritten“ –Ein Vater über Gendern im Unterricht

Viele Journalisten tun es, einige Politiker auch und geneigte Akademiker sowieso. Sie gendern. Doch dass nun neuerdings auch diese Ideologie in den Schulen unterrichtet wird, erscheint neu. Neomarius Betreiber Julian Marius Plutz sprach mit Steffan Nethe über politisch motivierten Unterricht, die Einflussnahme von Lehrern und seine Erwartungen an die Schule selbst. Steffan Nethe ist Familienvater dreier Kinder. Er ist 39 Jahre alt, Angestellter bei einer Krankenversicherung und Direktkandidat (LKR) für die Bundestagswahl in Hamburg.

Julian Marius Plutz: Du hast vor einiger Zeit auf Facebook etwas geschrieben, was deinem Sohn widerfahren ist. Das hat dich wütend gemacht und mich hat das Vorkommen sehr verwundert. Grund genug, mich mit dir darüber zu unterhalten. Was war denn das, was dich so fuchsig gemacht hat?

Steffan Nethe: Mein Sohn befindet sich im Homeschooling, wie viele andere Kinder auch. Vor einigen Wochen habe ich mir die Zeit genommen und ihm beim Lösen seiner Deutschaufgaben über die Schulter geschaut. Als er sich dann in einer Aufgabe der geschlechtergerechten Sprache widmen sollte, war ich schon irritiert, oder besser gesagt, eigentlich eher schockiert. Denn der sprachliche Ausdruck leidet in Zeiten von Alder und Digga doch ohnehin schon. Warum also nochmal alles verkomplizieren?

Julian Marius Plutz: Worum ging es bei den Aufgaben genau?

Steffan Nethe: Es ging darum, dass die Schüler anhand eines Beispiels begründen sollten, woran die geschlechtergerechte Sprache festgemacht wird und welche Intention diese verfolgt. Ein Pro und Contra hätte ich verstanden. Doch die Aufgabe selbst war bereits so gestellt, dass die Antwort nur in eine Richtung gehen konnte, und zwar, wie toll es doch für alle ist, zu gendern. Eine kritische Auseinandersetzung damit fand überhaupt nicht statt. Das Ergebnis wurde dann im Online-Lösungsbogen vermerkt.

Julian Marius Plutz: Kurze Info zu deinem Sohn, dass wir das einordnen können. Wie alt ist er und in welche Art von Schule besucht er ?

Steffan Nethe: Mein Sohn ist 10. Er geht in die 6. Klasse eines Hamburger Gymnasiums. Und er hat sich – das muss ich fairerweise sagen, wobei ich das erst später mitbekommen habe – eine Aufgabe aus Klasse 9 gezogen.

Julian Marius Plutz: Warum das denn?

Stefan Nethe: Weil er mit seinen Aufgaben durch war und, das unterstelle ich einfach, wohl nicht in meinem Beisein, Handy und Tablet für nichtschulische Aktivitäten nutzen wollte.

Julian Marius Plutz: So ist das also.

Steffan Nethe: Ja, insbesondere außerhalb der Schule können Kinder hin und wieder recht clever sein.

„Lasst den Kindern bitte Deutsch lernen!“

Julian Marius Plutz: Im Bildungsplan ist für die Sekundarstufe 1 Gymnasium kein „Gendern“ vorgesehen. Das Wort gibt es dort gar nicht. Einzig beschrieben ist in einem Satz, dass beide Geschlechter gleichermaßen im Unterricht vorkommen sollten. Wie erklärst du dir, dass dennoch Aufgaben gestellt werden, die offenkundig eine ganz klare genderpolitische Agenda verfolgen?

Steffan Nethe: Das ist tatsächlich das Spannende dabei. Gendern gehört nicht zum Unterrichtsstoff. Und doch scheint, wer nicht mitmacht, hat ein Problem. Belege gibt es derzeit leider zu Hauf. Diese Entwicklung ist ganz und gar nicht gut. Gendern wird gerade zu einer gewissen Sprachpolitik. Warum das so ist, kann ich jedoch nicht sagen. Meine Vermutung ist ja, dass man der LGBTQ- und BLM-Community nicht auf die Füße treten möchte.

Julian Marius Plutz: Sei dir sicher, ich bin „LGTBQ“ oder was auch immer und ich fühle mich nicht auf die Füße getreten. Eher noch, wenn bewusst unleserlich und unverständlich geschrieben wird. Wie soll man denn Jugendlichen den Wert von Sprache oder Büchern nahelegen, wenn sie ständig über irgendwelche Sternchen und glottalen Verschlüssen stolpern. Wie hat dein Sohn das denn aufgefasst?

Steffan Nethe: Auch das ist das Verrückte dabei, ich habe im Bekanntenkreis einige Homosexuelle, die das Sternchen-, Doppelpunkt- und Unterstrichsetzen nur müde belächeln. Geschlechtergerechte Sprache bringt uns keine Gleichberechtigung. Das muss an anderer Stelle stattfinden. Tja, und wie mein Sohn reagiert hat? Für ihn ist das beinahe schon normal. Denn die erste Mail des Tages beginnt immer mit „Liebe Schüler*innen“. Ob die Lehrer ihre Mails bei den Schülervertretungen allerdings auch mit „Liebe Schüler*innenvertreter*innen beginnen“ entzieht sich meiner Kenntnis.

Julian Marius Plutz: Du liebe Zeit. Ich will ja bei Lehrer*Innen stets „Lehrer*Außen“ ergänzen, aber das nur am Rande. Du erwähntest eben, dass es zu Problemen käme, wenn man  nicht gendert. An welche denkst du da?

Steffan Nethe: Hierzu vielleicht zwei Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit. Studenten werden, wenn sie nicht gendern, an einigen Universitäten schlechter benotet als Studenten, die ihre Arbeiten gendergerecht abgeben. Das ist leider kein Witz, auch kein schlechter. Und dann, du kennst sie vermutlich, der Fall Julia Ruhs. Die Moderatorin meinte vor wenigen Wochen im ARD-Mittagsmagazin, Gendern sei vollkommen künstlich und krampfhaft. Ich gebe ihr Recht. Andere jedoch nicht. Ihre Aussage brachte ihr insbesondere bei Twitter viel Gegenwind.. Es würde mich nicht wundern, wenn es das nun mit einer großen Karriere beim ÖRR gewesen wäre.

Julian Marius Plutz: Interessant ist, dass das Gendern zwar nicht im Bildungsplan vorgesehen ist. Dennoch beschloss das Landesinstitut für Lehrerbildung Hamburg bereits 2016 die „Leitlinien zur Sicherung der Chancengleichheit durch gendersensible schulische Bildung“, in dem unter anderem die Forderung nach gendergerechter Sprache enthalten ist. Also zum Beispiel „mit Lücke“ zu sprechen, also den Genderstern mit einem glottalen Stopp zu betonen. Sind das Themen, mit denen Kindern behelligt werden sollten?

Steffan Nethe: Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen. Unser, oder besser, der sprachliche Ausdruck unserer Kinder leidet in Zeiten von Alder, Digga und einer Fülle von aus dem Englisch übernommenen Begriffen doch ohnehin schon. Und apropos „in Zeiten von“. Auch wenn wir es irgendwie gar nicht merken, wir befinden uns im Zeitalter der Digitalisierung. Und die Künstliche Intelligenz (KI) arbeitet nun mal mit Genauigkeit und Präzision. Unser Anspruch sollte daher auch sein, erstmal unsere eigene Sprache so gut zu beherrschen und bei der PISA-Studie so gut abzuschneiden, dass wir die KI mit den richtigen Worten füttern können. Das Gendern wird uns mit seinen wirren Wortkombinationen dabei bestimmt nicht helfen.

Da fällt mir noch ein. Letztens hab ich auf der Seite der Tagesschau die Headline „Pilot:innen werden zu Lokführenden umgeschult“ gelesen. Es gibt doch kaum ein besseres Beispiel dafür, wie unsere Sprache jegliche Bedeutung verliert. Übrigens haben wir in unserer Familie derzeit einen ägyptischen Gastschüler. Er kann mit diesem Satz tatsächlich noch weniger anfangen als ich. So eine Entstellung der Wörter gibt es eben nur im Deutschen. Aber zurück zu deiner Frage. Ich meine, lasst unsere Kinder erstmal die deutsche Sprache lernen und verstehen. Rechtschreibung und Grammatik im Deutschen sind auch ohne Gendern wirklich schon schwierig genug.

„Jedes Kind soll sich seine eigene Meinung bilden“

Julian Marius Plutz: Absolut. Ich kriege schon Anfälle, wenn Kinder das „haben“ weglassen, zb bei „Kann ich mal die Butter?“ Doch zurück zum Thema. Gendern hat ja in erster Linie einen ideologischen Auftrag, der aus der 3. Welle des Feminismus stammt. Ich möchte hier noch mal auf das Lehrinstitut zurückkommen, dass Gendern im Unterricht empfiehlt. Es handelt sich hierbei eine Behörde, die Lehrer ausbildet. Lehrer sind zur Neutralität verpflichtet. Ist hier nicht eine rote Linie überschritten?

Steffan Nethe: Selbstverständlich wird hier eine Linie überschritten, die weder eine Schulbehörde noch eine Lehrkraft überschreiten darf. Jedoch ist das mit der Neutralität der Lehrkräfte so eine Sache. Drei kurze Beispiele hierzu aus dem Unterricht meiner 14-jährigen Tochter. An zwei Freitagen musste sie – übrigens noch vor Corona – zu einer Fridays for Future-Demo. Das war verpflichtend. Ein anderes Mal berichtete eine ihrer Lehrerinnen im Unterricht ausgiebig von ihrem Konzert am Vorabend bei Feine Sahne Fischfilet. Und im letzten Jahr mussten sie und ihre Mitschüler sich in einem Projekt mit der BLM-Bewegung auseinandersetzen. Das Material hierzu haben die Schüler teilweise per Mail erhalten. Und ich kann dir sagen, ein Artikel von Achgut oder anderer kritischer Medien war nicht dabei. Neutralität sieht jedenfalls irgendwie anders aus.

Julian Marius Plutz: Ich höre solche Einflussnahmen von Lehrern immer wieder und bin jedes Mal erstaunt, was sich in 16 Jahren alles verändert hat, wo ich Abitur gemacht habe. Ich hätte mir so etwas nicht vorstellen können. Die vorläufige Gipfel des Vorgehens der Hamburger Lehranstalt ist übrigens, dass sie für Lehrer www.gender-mediathek.de empfehlen, sich für den Unterricht zu bedienen. Das Ganze ist ein Projekt von „Genderleicht“l das wiederum von der Heinrich Böll Stiftung finanziert wird, die politische Stiftung der Grünen Partei in Deutschland. So schließt sich ein Kreis.

Steffan Nethe: Schon interessant, mit welchen Parteien einige Stiftungen so verbandelt sind und in diesem Fall sicher auch ein Grund – wenn auch nicht der entscheidende – warum die Grünen gerade in den Umfragen so gut dastehen. Diese eigentlich unsichtbaren Bänder zwischen den verschiedenen Sparten stelle ich aber auch an anderer Stelle immer wieder fest. Ich denke da sofort an den ÖRR und an den Journalisten und Zeitungsverlegern. Es ist schon verrückt, wer z. B. in den Aufsichtsräten der großen Verlage sitzt. Aber das ist ein anderes Thema.

Julian Marius Plutz: Du hast geschrieben, dass die Konversation zwischen Lehrer und Schüler, zumindest auf der Seite des Pädagogen häufig gendergerecht abläuft. Wie sieht es beim Sprechen aus? Hast du den Eindruck, dass Lehrer auch häufiges Gendern? Und wenn das dann Schüler übernehmen, sind wir mitten in Orwells „Neusprech“.

Steffan Nethe: Die verbalen Berührungspunkte mit den Lehrern beschränken sich derzeit auf Zoom bzw. iServ. Hier ist es mir noch nicht aufgefallen. Und ich bin mir sicher, würden sie die Sternchen mitsprechen, hätte ich es wahrgenommen. Allerdings kann ich mir vorstellen, ist es nur noch eine Frage der Zeit. Radio-Moderatoren und Tagesschau-Sprecher gendern schließlich auch schon fleißig.

Julian Marius Plutz: Auffallend viele junge männliche Journalisten, wie ich finde, die offenkundig es ganz besonders korrekt machen wollen. Kommen wir zur letzten Frage: Was ist deine Erwartungshaltung als Elternteil 2 – kleiner Scherz, als Vater, an den Deutschunterricht oder überhaupt an den Unterricht und an die Lehrer, was das Gendern und im weitesten Sinne auch, was die politische Einflussnahme betrifft?

Steffan Nethe: Witzig, Elternteil 2. Nun ja, noch können wir darüber lachen. Meine Erwartungen sind eigentlich ganz banal. Ich möchte, dass meinen Kindern nicht dieser sprachliche Wirrwarr aufgezwungen wird. Die deutsche Sprache ist schwer genug, das sagte ich ja bereits. Ich möchte, dass meine Kinder sich im Deutschunterricht mit einem Schiller und einem Goethe beschäftigen. Diese beiden Denker, die ich jetzt mal beispielhaft aufzähle, gehören zur deutschen Kultur und zur deutschen Sprache dazu. Frage ich meine Kinder nach solchen Größen ernte ich nur Schulterzucken. Deutsche Literatur, Lyrik, Gedichte, das alles gehört in den Deutschunterricht – und zwar nicht erst während der Abiturzeit. Und natürlich möchte ich nicht, dass die Lehrkräfte unsere Kinder politisch beeinflussen. Unterricht muss sachlich und neutral sein. Wertungen gegenüber politischer Richtungen – zumindest, wenn es sich um keine extremistische Richtung handelt – sind zu unterlassen. Jedes Kind soll sich seine eigene Meinung bilden und politisch unbelastet in die Welt entlassen werden.

4 Kommentare zu „„Es wurden rote Linien überschritten“ –Ein Vater über Gendern im Unterricht

  1. Hier unterhalten sich zwei Linke, auch wenn „neomarius“ behauptet, er sei kein Linker mehr, kommt seine linke Einstellung immer wieder durch.

    Zum Thema, ich gender nicht, und ich finde meine Geschlechtsgenossinnen tun sich selber und unserer Gesellschaft keinen Gefallen damit. Ich begründe das auch nicht weiter, weil es einfach zu blöd ist, sich über so einen Quark auch noch lange zu unterhalten.

    Dass unsere beiden Gesprächspartner sich nicht darüber aufregen, dass unsere Kinder mit linken Ideologien aufwachsen müssen, ist weitaus gravierender. Das akzeptieren die Beiden da oben. Dass es nur eine Weltsicht gibt, nämlich die Linke, und unser Bildungssystem keinen Wert mehr auf Bildung legt, sondern nur noch auf linke Indoktrination, stört die Beiden da oben nicht, oder?

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  2. danke für das gespräch. ich habe selbst 2 kinder im schulaltag und muss sagen, dass diese ideolgiesierung vor allem von deutschunterricht, geographie oder politikunterricht ist kaum auszuhalten

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