Es geht uns noch zu gut

Von Julian Marius Plutz.

„Den Leuten geht es noch zu gut.“ Hört man ja oft. Um eines vorweg zu nehmen: Dieser Satz stimmt.

Ich sag‘ Ihnen wie es ist: Ich bin stinksauer. Ja. Ich habe mich mal in einer Abwandlung eines Wortes von Habermas „emotional unmusikalisch“ bezeichnet. Ich bin zu wenig offen, mache fast alles mit mir alleine aus. Ich verdränge, ich überspiele und manchmal grinse ich sogar, wenn jemand mir eine schlimme Nachricht mitteilt. Kein Witz! Ich kann da nichts dafür, es kommt einfach aus mir heraus. „Mein Vater hat sich das Kreuz verhoben!“. Ein Lächeln überkommt mich und ja, ich weiß genau, wie daneben das ist und wie debil es wirkt. Emotional unmusikalisch eben. Mein Instrument ist meilenweit verstimmt, so dass man nur noch Katzenmusik hört.

Und so regt sich selten echte Wut oder wahre Liebe in mir. Es ist irgendetwas dazwischen und von allem ein wenig und von gar nichts ein bisschen. Doch heute ist das anders. Heute bin wütend. Und wie. Warum? Weil es den Leuten noch zu gut geht. Ja! Die leidig oft zitierte Komfortzone ist noch viel zu prominent und stark. Anscheinend lassen sich die Menschen alles gefallen. Während in Frankreich die Straßen aufgrund einer Erhöhung des Benzins um ein paar Cent voll sind von Protest, regt sich beim larmoyanten Deutschen nichts, wenn die Regierung 30% auf den Sprit aufschlägt. Was ist los mit Ihnen? Der Druck steigt, die Wut muss raus. Also gehe ich zum Ipad und tue das, was eine Kollegin mal als meine Inselbegabung bezeichnete: Ich schreibe.

Das große Schweigen droht zu brechen

Eine kleine Geschichte: Im Infektionsschutzgesetz steht geschrieben, dass bei eine Inzidenz von unter 100 auf drei darauffolgenden Tagen die Kitas wieder öffnen dürfen. Doch im Gesetz liest man eben auch, dass Landkreise diese Regelung verschärfen aber- oh Wunder – jedoch nicht lockern können. Genau diese Verschärfung veranlassen einige Landkreise bereits. Eine Kollegin hat ein vierjähriges Kind. Da die Kindertagesstätte geschlossen hat, ist sie seit Wochen, wie auch letztes Jahr, im Homeoffice. Nun lag die Inzidenz in diesen Landkreis die letzten drei Tage unter 100. Eigentlich würde sie am Montag wieder im Büro sein. Aber nichts da. Der Kreis entschied per Verordnung, dass die Inzidenz fünf Tage unter 100 liegen muss, damit die Kitas wieder Kinder betreuen dürfen. Und da die Faxgeräte in Gesundheitsämtern am Wochenende geschont werden, zählen Samstage und Sonntage nicht mit. Sie bleibt also zu Hause. Stay at home. Wow.

Ich kann mir kaum ausmalen, wie kompliziert die Betreuung eines Kleinkindes über Wochen aussehen muss, wenn man nebenbei arbeiten muss. Die Kollegin hält sich wirklich wacker. Und bevor jemand einwendet, man müsse ja zu Hause bleiben und von dort aus arbeiten, dem sei gesagt: Nein. Ganz davon abgesehen, dass sie vor Ort gebraucht wird und ganz davon abgesehen, dass es für ein Team ungesund ist, wenn es so aufgeteilt wird: Arbeit ist auch ein sozialer Faktor. Wir alle haben uns auf sie gefreut, sie hatte sich auf uns gefreut. Endlich mal wieder unter Leute kommen, das wollte sie. Eine erneuter Hausarrest war das, was sie bekam. Und wie das für ein vierjähriges Kind sein muss, auf Dauer von der gestressten Mutter im Home Office erzogen zu werden, kann man sich vorstellen. Über dieses Thema schrieb ich an anderer Stelle bereits hier.

Aber kaum jemand, außer wir direkt Betroffenen, regen sich auf. Es geht den Leuten noch zu gut. Vor einigen Wochen schrieb mir ein Leser, dass er sich frage, wo die Berufsverbände geblieben sind. Wo ist die IHK, bei der wir Mitglied sein müssen? Kaum ein Aufschrei, keine Lobby, nichts. Ich frag‘ mich immer, was von der ewig beschworene Wirtschaftslobby übrig geblieben ist. Gar nichts. In den Gremien sitzen Politiker, die nichts anderes tun, als den Regierungskurs mitzutragen. Anscheinend ist der Schmerz noch nicht groß genug. Offensichtlich ist das Schweigegeld, Kurzarbeit und Soforthilfen, als Mittel noch ausreichend, die Leute ruhig zu stellen. Doch bei jedem Medikament entwickelt man irgendwann eine Toleranz. Ich hoffe, dass die Menschen irgendwann eine Intoleranz gegenüber der Maßnahmen entwickeln. Ich sehe zwar Licht am Ende des Tunnels, aber noch geht es den Menschen zu gut. Oder zu wenigen geht es schlecht.

„Nicht mehr mein Land“

Lichtblicke gibt es. Ob es die Schauspieler waren, die mit „Wir machen alles dicht“ ein dickes Zeichen gesetzt haben, oder Bürger, die bei Ich mach da nicht mehr mit ihre Stimme erhoben. Oder die vielen Twitter Spaces, eine neue Funktion, in der man Räume schaffen kann, um sich in Live Gespräch auszutauschen. Es tut sich etwas, doch noch zu wenig. Der Druck ist bei vielen noch nicht hoch genug. Der Schmerz ist mit Mitteln betäubt, die uns bald schon auf die Füße fallen werden. Noch noch wirkt das Narkotikum.

Emotional unmusikalisch hin, oder her. Ich bin wütend. Doch ich glaube, es müssen noch viel mehr wütend werden. Der Druck, er steigt zwar, ja. Aber die Panik wird noch erfolgreich von geneigten Medien, wobei viele umdenken, geschürt. Gazetten sind seuchengeil. Jedoch verspüre ich, sogar in Mainstream-Medien ein Umdenken. Doch es sind noch viel zu wenig. Wie immer geht es nicht um links oder rechts, sondern um Freiheit oder Knechtschaft. Ich möchte gerne frei sein. Wenn das in diesem Deutschland zu viel verlangt ist, dann ist das, um Angela Merkel zu zitieren, tatsächlich „nicht mehr mein Land.“

4 Kommentare zu „Es geht uns noch zu gut“

  1. EZB- Studie 2016:

    Die Deutschen liegen auf dem vorletzten Platz beim Nettovermögen in der EU. Danach kommt nur noch Polen.

    Luxemburg: 437.000 €/Jahr
    Belgien: 217.000
    Malta: 210.000
    Spanien: 159.000
    Frankreich: 113.000
    Deutschland: 56.000

    Ich habe nicht alle Länder aufgezählt, war mir zu mühsam, und die Statistik bekomme ich nicht in die Kommentarspalte. Das reiche Deutschland gibt es nur im Koalitionsvertrag, in der Wirklichkeit sind 13 Millionen Menschen bitterböse arm, und das in Deutschland. Eine Schande für die Politiker, aber bei soviel Schanden fällt das auch nicht mehr auf. Deutschland ist ein einziger Schrotthaufen. Noch stehen die Potemkinschen Dörfer, aber auch die werden fallen.

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  2. Ich wollte meine Antwort noch ergänzen. Ein Einkommen von 56.000 € mag in der mittleren Mittelschicht gang und gäbe sein, aber

    2.107.400 Millionen Bürger verdienen nur bis zu 850 € im Monat und 475.004 verdienen bis zu 1000 €. Die Tabelle kann man in focus online weiterlesen.

    (https://www.focus.de/finanzen/karriere/grosse-gehaltstabelle-machen-sie-den-check-wie-viele-deutsche-verdienen-mehr-als-sie_id_8273398.html)

    Was bedeutet das alles? Die meisten Zahlen und Statistiken, die uns von staatlicher Seite angeboten werden, sei es die Arbeitslosenzahlen, die Einwanderungszahlen oder auch die Zahlen zu den Sparguthaben der Deutschen, sind alles andere als Aussagekräftig. Das einzige, was sie aussagen ist, dass alles schöner dargestellt wird, als es ist.

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  3. „…die Wut muss raus. Also gehe ich zum Ipad und tue das, was eine Kollegin mal als meine Inselbegabung bezeichnete: Ich schreibe…“
    Tja! Jammern und dann aber nur SCHREIBEN nützt nix. Papier ist geduldig. Was bringt es, wenn SIE sich alles von der Seele schreiben? Die anderen tun dann nichts anderes als sich alles von der Seele lesen. Würden Sie alle, die Achguts, die Tichys, und wie SIE alle heißen, sich wie die Querdenker zu organisieren und wie in Frankreich zu demonstrieren, hätten Sie eine derartige Macht! Aber es geht IHNEN nämlich auch noch viel zu gut, so gut, dass man einfach seinen Frust nur zu Papier, statt auf die Straße, trägt. Selber schuld mit Eurem andauernden jammernden Geschreibsel, das niemand mehr täglich lesen, geschweige denn verarbeiten kann.

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    1. Ich kann Sie gut verstehen. Stellenweise geht es mir auch so, dass ich mir wünschen würde, die Praxis, das alltägliche Leben und Handeln, würde sich ändern und aus schreiben und Lesen würden Taten folgen. Aber ist es nicht so, dass Schreiben und lesen die Voraussetzung ist, das Handeln zu ändern?

      Der Hinweis auf die vielen Tichys und Achguts, ist auch absolut verständlich. Ich vermisse bei den meisten Schreibern auch die eigenen Ideen. Ich lese Tichy nicht, auch nicht Achgut, ich lese so gut wie gar nichts von denen und auf meiner Seite schreibe ich in fast jedem Beitrag meine eigenen Gedanken. Klar, zitiere ich ab und zu, aber das meiste ist auf meinem Mist gewachsen.

      Ihre Forderung an Demos teilzunehmen ist natürlich sehr wichtig. Klar. Neulich habe ich eine Sendung gesehen bzw bin dort reingezappt, in der Demonstrationen von vor 20 und 30 Jahren, dort stand auf den Plakaten und Transparenten mehr oder weniger dasselbe wie heute. Bringen Demos eigentlich was? Manchmal schon, aber im großen Ganzen, werden auch Demonstrationen nichts ändern. Ich habe immer das Gefühl, Demos sind schon eingepreist.

      Unsere „Waffen“ Schreiben, Lesen, Demonstrieren, sind stumpf geworden, selbst Wahlen bringen nichts. Die Dinge werden ihren Lauf nehmen, ob wir wollen oder nicht.

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