Warum der Fall El-Hassan keine Cancel Culture ist

Von Julian Marius Plutz.

Nun also doch: Nemi El-Hassan wird die Wissensendung „Quarks“ nicht moderieren. „Antisemitische Positionen können und dürfen im WDR keinen Platz haben“, so der Intendant des WDR, Tom Buhrow. Der Sender, der weiland die Dokumentation „Auserwählt und Ausgegrenzt“ erst gar nicht zeigen wollte, weil sie dem gängigen Erzählmuster der rechten Antisemitismen nicht folgt und sich stattdessen u.a. dem islamischen Judenhass befasste. Offenbar hat der Sender ein wenig dazugelernt. Womöglich hat es sich bei den Herrschaften herumgesprochen, dass auch Antisemitsmus jenseits von Springerstiefel existiert.

Zum Hintergrund: Frau El-Hassan nahm 2014 am Al-Kuds Tag teil. 1979 nach der erfolgreichen islamischen Revolution im Iran rief Ajatollah Chomeini diesen Feiertag aus. Seit jeher wird jedes Jahr dieser Marsch organisiert, sowohl im Iran, als auch in London, Paris und eben in Berlin, bei dem El-Hassan teilgenommen hatte.

Jeder macht Fehler, aber…

Der Protest richtet sich nicht nur gegen die israelische Besatzung von Ostjerusalem, sondern gegen die die Existenz des Judenstaates als solcher. Gemäßigt wirkende Moslems skandieren mit Hisbollah Terroristen. „Juden ins Gas“ sowie Hitler-Grüße sind bei dem Marsch Selbstverständlichkeiten und erscheinen in der Polizeistatistik stets als „rechter Antisemitismus“, was diese Zahlen zunehmend unbrauchbar machen.

Frau El-Hassan war 2014 bei einem dieser Märsche dabei. Und sie bereue dies auch. „Ich habe nicht wegen einer antisemitischen Grundhaltung teilgenommen. Ich war einfach komplett unreflektiert und uninformiert.“ Ich finde, wenn dies glaubwürdig wäre, hätte sie eine zweite Chance verdient. Jeder macht Fehler und jeder Mensch kann sich ändern. Doch kann von Glaubwürdigkeit hier keine Rede sein.

Leider passt ihr Verhalten so gar nicht zu ihrer Entschuldigung. Denn aus dem Sommer 2021 fanden Rechercheure der Bild Zeitung in Medien „likes“, die sie erst löschte, als bekannt wurde, sie hätte bei einem antisemitischen Marsch teilgenommen. Es ging um einen Beitrag, in dem ein Ausbruch palästinensischer Häftlinge aus einem israelischen Gefängnis gefeiert wurde, und um einen Beitrag, in dem der Boykott israelischer Produkte gefordert wurde. Gäbe es ein Umdenken bei Frau El-Hassan, hätte sie noch vor wenigen Wochen nicht solche Aussagen zugestimmt. Somit ist die Distanzierung, was ihre Antisemitismen angeht, hinfällig.

Sie hat ihre extreme Meinung nicht im Griff

Nun ereilte dem WDR ein offener Brief von Kulturschaffenden, die sich mit El-Hassan solidarisieren. Von Carolin Emcke bis Igor Levit warfen dem Sender rund 400 Journalisten und Künstler dem Sender vor, sie würden mit der Nichteinsetzung ein „fatales Zeichen“ setzen. Ohne das Kind beim Namen zu nennen, ging es den Unterzeichnern vor allem um eines: Cancle Culture, also das systematische Aussperren von Leuten mit unliebsamen Meinungen. Doch das hat damit nichts zu tun.

Wenn ein rechter Journalist von einem Podium geworfen, wird, weil er für die Junge Freiheit schreibt, oder ein Professor, der eine Partei gründete, in der längst kein Mitglied mehr ist seine Vorlesung nicht halten kann, weil er niedergebrüllt wird, dann ist das etwas anderes. Ebenso unvergleichlichbar ist der Fall eines habilitierten Arztes, der sich kritisch zu Abtreibung äußert und linke Studentenvertretungen ihn vom Campus jagen wollten. All diese Gegebenheiten unterscheiden sich vom Fall El-Hassan erheblich.

Zum einen war der Druck rein medialer Art. Frau El-Hassan wurde weder aktiv von der Arbeit abgehalten, noch wurde sie systematisch niedergebrüllt. Es ist auch denkloglisch recht sinnlos. Selbst wenn man Bernd Lucke als rechtsextrem einstuft, was recht absurd ist: Es gibt überhaupt keinen Grund zu denken, in eine Vorlesung zu Makroökonomik könne man extremes Gedankengut verpacken. Gleiches gilt für Prof. Cullen. Selbst wenn man seine Standpunkte zur Abtreibung als extrem bewertet, so hat das nichts mit seiner Profession zu tun, die sich um das Thema „Diabetes“ dreht. Bei Frau El-Hassan, die gerne mal das Wort Djschhad positiv besetzen will, sieht das anders aus. Denn es ist nicht gesagt, dass es in „Quarks“ nicht auch mal um Israel, oder das Judentum geht. Inwieweit hat sie ihre private Meinung dann noch im Griff?

Am Ende ist immer der Jude schuld

Zum anderen hat sich der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk mit aller Macht von Antisemitismus zu distanzieren. Judenhass ist keine streitbare Meinung, wie die, sich kritisch zur Abtreibung zu äussern. Es ist auch kein diskutables Thema, ob die AfD eine extreme Partei geworden ist, oder nicht. Antisemitismus ist ein Virus mit vielen Mutanten. Von links, wie von rechts, von der Mitte oder aus dem Islam. Am Ende steht immer die gleiche Aussage: Der Jude ist schuld.

So gesehen hat der WDR das einzig Richtige gemacht. Dass Buhrow meinte, er könne sich vorstellen, Frau El-Hassan könne „hinter der Kamera“ eine Rolle spielen, passt jedoch nicht ins Bild. Zählt der Kampf gegen Judenhass nur dann, wenn die Person in einer Sendung zu sehen ist? Sicher nicht. Antisemitismus muss erst benannt, dann verfolgt und schließlich geächtet werden.

Der Vergleich zu den vielen Fällen von Cancel Culture passt nicht. Cancel Culture ist immer eine Machtausübung von Bewegungen, die glauben, herrschaftliche Ansprüche anmelden zu wollen. Jedoch herrscht Antisemitismus bereits in vielen Gruppen. Mal heißt er Antizionismus, mal BDS und mal Israelkritik. Die Farbe des Ballkleides mag sich ändern. Doch der Schnitt ist der Gleiche.

Wenn wir alle schon einen Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk zahlen müssen, der freiheitliche und konservative Meinungen weitestgehend aussperrt, dann können die Beitragszahler wenigstens erwarten, dass keine Antisemiten dort angestellt sind und von der Zwangsgebühr alimentiert werden. Daher verdient Nemi El-Hassan keine Chance im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk.

2 Kommentare zu „Warum der Fall El-Hassan keine Cancel Culture ist“

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