Nichts gelernt: Antisemitismus im Berliner Olympiastadion

Von Julian Marius Plutz.

Als am 13. Mai 1931 das Olympische Komitee entschieden hatte, die Spiele von 1936 sollten in Berlin ausgetragen werden, war klar: Es musste ein neues Stadion her. Das „Deutsche Stadion“ erschien zu klein, ja zu popelig für diesen Weltereignis auf Deutschen Boden. Also beauftragte man Werner March, den Sohn des Architekten, der auch die Vorgänger-Arena errichtete. 100.000 Menschen sollte der Prachtbau umfassen und in der Tat, zur Eröffnung stand Deutschlands bis dato größte Sportstätte. Mögen die Spiele beginnen!

Doch in den fünf Jahren veränderte sich die Geschichte im Land. Die Nazis kamen an die Macht und machten den Antisemitismus nicht nur salonfähig – das dürfte bereits 1931 der Fall gewesen sein, sondern auch zur Pflicht eines jeden Deutschen Bürgers. Was sich auch im Berliner Olympiastadion bemerkbar machte. Deutsche Juden hatte faktisch keine Chance, am Turnier teilzunehmen. Zum Beispiel Gretel Bergmann. Die Dame, die 2017 mit stolzen 97 Lenzen ihre letzte Ruhe fand, galt zu der Zeit als Deutschlands beste Hochspringerin. Problem: Sie war Jüdin.

Von der „ganz großen Bedeutung“ zum Desaster

Das war den Nazis ein Dorn im Auge. Doch dies wurde später bereinigt, als sie 1935 keine Starterlaubnis für die Deutsche Meisterschaft erhielt. Mit der atemberaubenden Begründung, ihr Verein „ Der Schild des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten“ gehöre den Deutschen Leichtathletikverband nicht an. Zynismus pur. Die Schlächter der SA sangen bereits: „Wenn die Olympiade vorbei, schlagen wir die Juden zu Brei!“ Ein Reim, der sich in den Jahren später in seiner ganzen schändlichen Präzedenzlosigkeit bewahrheiten sollte.

75 Jahre später, am Donnerstag, den 30. September 2021, spielte Maccabi Haifa gegen Union Berlin. Auf dem gleichen Platz wie damals war auch an diesem Tag der Austragungsort der gleiche: Das Olympiastadion der deutschen Hauptstadt. Von „ganz besonderer Bedeutung“ für die jüdische Gemeinschaft in Berlin sei das Spiel, sagte Union-Präsident Dirk Zingler noch vor der Partie. Und richtig, der Club aus Haifa war der erste israelische Fußballverein, der jemals im Olympiastadion spielte – das Stadion mit der dunklen, antisemitischen Vergangenheit. Das Stadion, in dem Gretel Bergmann und viele jüdische Athleten sich nicht gegen andere messen lassen durfte. Dieses Spiel hatte die Chance, der schlimmen Geschichte einen neuen, positiven Anstrich zu geben. Doch daraus wurde nichts.

Aus der „besonderen Bedeutung“, vor allem für Politiker, wurde ein großes Desaster. Mitglieder des Jugend Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft berichteten von Beschimpfungen und Gewalttaten gegen Maccabi-Anhänger. „Im gemischten Block wurden wir von Union-Fans bedroht, mit Bier beworfen und als ‚scheiß Juden‘ beleidigt“, hieß es auf Twitter. Es wurde auch versucht, Israelfahnen anzuzünden. Immer wieder kam es zu Rangeleien, Gewaltandrohungen gegenüber Maccabi Anhänger. Zum Glück und immerhin gab es auch Union Berlin Fans, die die Gewalttäter vor schlimmeres bewahrte. Dennoch verließen die Anhänger von Haifa den Fanblock. Das Spiel endete 3:1, was wohl die wenigsten noch interessierte.

Antisemitismus mit der Muttermilch

Das Land, das so stolz auf seine Erinnerung an das 3. Reich ist, dass sie es mit -„kultur“ am Ende versehen, hat den Antisemitismus im Jahre 2021 nicht im Griff. Das sind keine bahnbrechenden Neuigkeiten, aber lässt tief genug in das Deutsche Sein blicken. Noch im Kopf, man habe in 100 Jahren zwei Diktaturen möglich gemacht, möchte man es in der Neuzeit besser machen. Daher tragen Sportler die Regenbogenfahne, außer man tritt beim Goßen Preis von Katar an. Deshalb sagen millionenschwere Fußballjungs in aufwendigen Spots „no to racism“. Und auch gegen Antisemitismen versucht sich der deutsche Michl auszusprechen. Richtig gelingen mag ihn das nicht. Wenn Teile der Bevölkerung mit der BDS-Bewegung kein Problem zu haben scheint, hat mindestens dieser Teil nichts verstanden.

Der israelisch-amerikanische Theatermacher und Autor Tuvia Tenebom schrieb einmal, dass der Deutsche den Antisemitismus mit der Muttermilch aufnehme. Sicherlich ist diese Einschätzung recht allgemein gehalten. Ganz falsch ist sie aber nicht. Während der Fokus Jahrzehnte auf dem rechten Antisemitismus lag, Bomberjacke, Hakenkreuz und der Dinge mehr, vergaß man die anderen Formen des Judenhasses.

Die dunkle Geschichte kehrt zurück

Der Antisemitismus, der sich „Antizionismus“ nennt und der, der sich als „Israelkritik“ tarnt. Der Antisemitismus bei netten Leuten aus der Mitte, die sympathisch lächelnd von den Rothschilds und Rockefellers sinnieren, von der Mont Pelerin Society und der Bilderberger Konferenz und aus den Protokollen der Weisen von Zion zitieren. Und der Antisemitismus, der sich aus den Koran speist und so viele Muslime infiziert hat.

Das Virus Judenhass hat viele Mutanten, vor denen auch, vielleicht sogar gerade ein linker Verein nicht gefeit ist. Denn sind es gerade Anhänger der Linken, die das Selbstverständnis einer Kritik an Israel verlassen und den Judenstaat dämonisieren, delegitimieren und doppelte Standards anwendet, was bekanntermaßen die Definition von israelbezogenen Antisemitismus ist.

Vor 75 Jahren sang die Mörderbande SA: „Wenn die Olympiade vorbei, schlagen wir die Juden zu Brei!“ Und am Donnerstag, den 30. September waren es einige Union Fans, die diesen Gedanken dachten. Offenkundig ist es belanglos, dass sich der Berliner Verein als dezidiert linker Club sich gegen Rassismus ausspricht. Viel gelernt scheinen die Protagonisten nicht zu haben, was bedauerlich ist. Wahrscheinlich ist es tatsächlich so, dass die Lehre der Geschichte ist, dass niemand etwas lernt. Das Berliner Olympiastadion ist zu ihrer dunkeln Tradition zurückgekehrt, falls es jemals darüber hinweg war.

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