Krankenhaus frisst Seele auf

Von Julian Marius Plutz.

Ein Mann, Mitte 70, liegt im Krankenhaus. Schon wieder, musste er doch schon vor einem Monat notoperiert werden. Nun also wieder und gottlob: Die vierstündige Operation ist gut verlaufen. Er weiß nicht mehr genau, um den wievielten Krankenhaustag es sich in seinem Leben handelt, ist die Liste der Erkrankungen lang und würde auch problemlos in die Vita von drei Personen passen.

Nun ist es so, dass in bayrischen Krankenhäusern besonders strickte Regeln herrschen. Besuchszeiten, eigentlich ein Wort aus den 80ziger Jahren, gelten von 15 Uhr bis 19 Uhr und auch nur für eine Stunde Besuchszeit. Weil das aber nicht ausreicht, darf auch nur eine Person pro Tag den Angehörigen besuchen. Dass der Mann drei Söhne hat, die 100 bzw 200 Kilometer entfernt wohnen, ist den Regeln und deren Erfüllungsgehilfen egal.

Man arrangiert sich mit der Willkür

Dennoch dürfen Ärzte durchaus Ausnahmegenehmigungen erteilen. Natürlich schriftlich mit dem passenden Antragsformular. So kommen also die Brüder aus verschiedenen Himmelsrichtungen in Deutschland zusammen, um sich zu sehen – oft tut man das ja nicht – vor allem aber um den Vater zu besuchen. Doch das ist in diesen Zeiten, Sie ahnen es, nicht so einfach.

Um dem Corona Regime gerecht zu werden und man hat dem Corona Regime gerecht zu werden, könnte ein Sohn pro Tag ins Krankenhaus kommen. Freitag beginnend, wäre die Familie geschwisterlicherseits am Sonntag durch. Ein Glück ist kein viertes Kind vorhanden, denn dieses müsste sich den Montag freinehmen. Von den Enkeln ist ebenso wenig die Rede, wie von der Ehefrau, die ihn am Wochenende gar nicht besuchen könnte – die immerhin als erste Bezugsperson in körperlichen, aber auch mentalen und psychischen Extremsituationen elementar wichtig ist.

Aber immerhin: Der diensthabende Arzt konnte sich zu einer Ausnahmegenehmigung durchringen, dass am Freitag zwei Leute ihn besuchen können und, da Sohn 1 und 2 aus wiederum familiären Gründen wieder nach Hause fahren mussten, am Samstag sogar drei (!). Also noch mal, denn es wird kompliziert: Am Freitag gehen Sohn Nummer 1 und Ehefrau ins Krankenhaus. Am Samstag Ehefrau, Sohn Nunmer 2 und 3. So weit, so irre. Aber so weit, so irgendwie machbar.

Die Politik hat ihr Herz verloren

Offenbar hatte der Arzt das Geschehen wohl falsch verstanden. Denn als Sohn Nummer 2 und 3 vor der Tür standen und die Pförtnerin ihnen entgegenkam, sie den Namen des Patienten erfuhr, stutzte sie. „Ja, Ihre Mutter ist doch schon drin“. Nach einem kurzen Gespräch mit dem ominösen behandelnden Arzt gab es die Verlautung:“ Da müsst ihr euch einigen. Es kann nur einer zum Vater“. Man einigte sich und Sohn Nummer 3 ließ die Nummer 2 passieren, da Nummer 2 ja bald wieder nach Hause fahren muss. Spaßfakt: Sohn Nummer 3 durfte sich am Vormittag für 15 Euro auf COVID-19 testen lassen. Umsonst war es also nicht, weil Kosten. Aber immerhin vergebens.

Die Pointe? Keine. Außer, dass es sich um meinen Vater handelt und ich Sohn Nummer 3 bin. Diese Situation war auf so vielen Ebene absurd. Aber nicht absurd, wie eine Folge von Little Britain, sondern eher absurd und toxisch wie Kaiser Nero. Man ist nicht einmal mehr wütend. Nicht einmal mehr traurig. Man laugt aus, wird nur noch müde und antriebslos. Dieses Corona-Regime hat längst seine Menschlichkeit abgelegt und ihr Herz verloren.

Angewandter Rechtspositivismus

Die Krankenhaus-Vorsteherin, die mich schlussendlich nach Hause schickte, berief sich auf den Befehl vom diensthabenden Arzt, der sich wiederum auf die geltenden Regelm bezog. Diese Argumentation erinnert mich an die Aussagen in den Nürnberger Prozessen. Und bevor nun die Geschichtsneurotiker daher kommen: Vergleichen bedeutet nicht gleichsetzen. Natürlich ist das dritte Reich nicht mit der Corona Politik gleichzusetzen. Dennoch kann man bestimmte Mechanismen, wie der blinde Gehorsam, vergleichen. Das einzige schlüssige Argument, das ich vernommen habe, war „das sind die Regeln. Ich kann es ja auch nicht ändern“.

Nach dieser rechtspositivistischen Logik wurden allerhand Diktaturen gerechtfertigt. Bloß nicht selber nachdenken und schon gar nicht selbst entscheiden. Die übergeordnete Intelligenz, der Staat, weiß es ohnehin besser. Und so lange ich mich als Volksbürger daran halte, kann mir auch nichts passieren.

Es trifft die Schwächsten

Übrigens und jenseits von COVID ist es so, dass der psychische Zustand des Patienten maßgeblich an der Genesung beteiligt ist. Der Besuch von nahen Angehörigen kann hierbei maßgeblich helfen. Doch das scheint dem Gesetzgeber egal zu sein.

Als ich vor Monaten „Trost“ von Thea Dorn gelesen hatte, konnte ich die Situation von Angehörigen und wie sie in Zeiten von Corona mit Einschränkungen zu Leben haben, nachvollziehen. Doch durch das, was mir widerfahren ist, kann ich es nun auch emotional verstehen. Selbst Menschen, die für diese Politik Verständnis haben, schütteln mit dem Kopf. Doch das alleine hilft nicht weiter.

Was andere Länder, wie England, oder Dänemark schaffen, scheint in Deutschland nach 19 Monaten Pandemie undenkbar zu sein. Jeden Tag leiden Patienten daran. Neben den Kinder sind sie die Schwächsten in der Gesellschaft, die auf Schutz und Zuneigung angewiesen sind. Sie tritt der Staat mit Füßen. Und ein ganzes Volk sieht dabei zu.

4 Kommentare zu „Krankenhaus frisst Seele auf“

  1. Lieber Julian Marius, ich kann dich gut verstehen. Diese ganze Gesellschaft ist einfach nur krank, an Geist und Seele. Ich verliere langsam die Hoffnung, dass sich da nochmal etwas dran ändert. Keine Ahnung, wie das weitergehen soll. Sorry, meine Worte sind nicht gerade aufmunternd. Aber du bist nicht alleine! Viele Grüße und mach weiter!

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