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Gesellschaft

AJC Broschüre: Antisemitische Verklärung der AfD

Von Julian Marius Plutz.

Fast zeitgleich und unabhängig voneinander bekam ich zwei Nachrichten, ich möge mich doch diesem Thema widmen. Es ging um die Broschüre des American Jewish Comittee, genauer ihrem deutschen Ableger, das AJC Berlin Ramer Institute, das sich dem Kampf gegen Antisemitismus verschrieben hat. In ihrem Pamphlet sprach der Autor, Lars Rensmann, recht technisch-akademisch von der „Mobilisierung des Ressentiments – Zur Analyse des Antisemitismus in der AfD“. Die eine Person, die mich anschrieb, war empört, wie oberflächlich und voreingenommen die Darstellung war. Der andere Leser sah das genau andersrum, vermute ich zumindest, so wie ich die politische Konstitution dieser Person einschätze.

Doch gleich im Vorwort wurde jede Hoffnung auf ein neutrales Papier zur Analyse von Antisemitismen jäh zerschlagen.

Die Agenda des Autors steht

„Acht Jahre nach ihrer Gründung kann kein Zweifel mehr daran bestehen,
dass die einst als Anti-Euro-Partei gegründete „Alternative für Deutschland“
(AfD) sich mittlerweile zu einer in weiten Teilen völkisch-rechtsextremistischen Partei entwickelt hat.“

Nun muss ich dazu sagen, dass ich zwar bis 2015 Mitglied der Partei war, jedoch keinerlei Sympathie zu dieser, oder einer anderen Parteien hege. Dennoch kenne den einen oder anderen Funktionär und Mitarbeiter dort, wie auch von der FDP. Ich muss sagen, bis auf vieler politischen Ausrichtungen im gemäßigten Spektrum unterscheiden sich die Personen in ihrem Weltbild kaum. Es stimmt, dass es einen völkischen Flügel in der AfD gibt – doch mit dem haben die Leute, die ich aus der Partei kenne, ebenso ein Problem, wie ich selbst.

Was sollte man also nach einem solchen Einstieg in ein vorgeblich neutrales Machwerk erwarten? Die Messe ist gelesen, der Drops geluscht, der Käs‘ gegessen: Die AfD ist rechtsextrem. Wer einmal erlebt hat, wie die AfD zum Beispiel im Landesverband Nordrhein-Westfalen mit Extremisten umgeht, der würde eine solche Einleitung nicht schreiben. Dennoch steht die Agenda des Autors felsenfest wie der Felsen von Gibraltar:

Kontaktschuld wegen Demo-Teilnahme

„Ferner spricht die Teilnahme von AfD-Politikerinnen und -Politikern an den
sogenannten Querdenken-Demonstrationen, auf denen der Holocaust relativiert und antisemitische Verschwörungserzählungen verbreitet werden,
eine deutlich andere Sprache“.

Auch hier bleibt unklar, woher der Autor seine Informationen hat. Die Querdenker-Bewegung ist ein loser Zusammenschluss vieler Menschen, die mit der Corona-Politik unzufrieden sind. Esotheriker, Linke, Grüne, und ja, sicherlich auch Rechte und Rechtsextreme. Eine Auslese von Telegram-Gruppen der Querdenker hat übrigens ergeben, dass die Mehrzahl der Teilnehmer die Partei „Die Grünen“ wählt. Ist die Partei nun aufgrund der gemeinen Kontaktschuld rechtsextrem?

Doch das Vorwort ist noch lange nicht vorbei.

„Zum anderen ist die vorgebliche Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft
und mit Israel rein taktischer Natur, fungiert der Anti-Antisemitismus, den
die Partei für sich reklamiert, doch allein als Vehikel für ihre rassistische und
migrationsfeindliche Propaganda. Antisemitismus wird in der AfD schließlich als rein muslimisches bzw. Problem des linken politischen Spektrums
benannt.“

Es fehlte noch, dass Herr Rensmann die „Juden in der AfD“ als Hausjuden bezeichnet hätte. Dafür ist der Professor jedoch zu akedemisiert-kultiviert. Doch ihm empfehle ich mit einem Davidstern durch eine beliebige Großstadt zu laufen, um die Angriffe zu zählen. Von wem kommen diese? Wenn er diese Zahl dann noch ins Verhältnis setzt des Ausländeranteils dieser Stadt mit dem Anteil der autochtonen Bevölkerung, wird er zu dem sensiationellen und erstaunlichen Ergebnis kommen: „Ja, mich haben vor allem Menschen mit islamischen Hintergrund angegriffen und beleidigt.“ Das ist auch kein Geheimis und weiß jeder Betroffener. Man muss nur mit ihnen reden.

Alte Zitate aus neuen Schläuchen

Es folgen Zahlen, AfD-Wähler seien antisemitischer, als andere. Das Datenmaterial stammt vom Zentralrat der Juden (ZdJ), der wiederum direkt von der Bundesregierung finanziert wird. Über die Methodik der Umfrage ist nichts erkennbar, ebenso wenig über die Anzahl der Probanden. Aber selbst wenn die AfD von mehr Antisemiten gewählt wird, als zum Beispiel bei den Grünen, was ich aufgrund der Liebe zur BDS-Bewegung und den sogenannten Israelkritikern anzweifeln würde, ist doch eines viel wichtiger: Ist das Programm der AfD antisemitisch? Doch mit dem oben genannten Kniff kommt der Autor dem entgegen. Denn selbst wenn die AfD proisraelische Positionen vertritt, oder lebende Juden in Deutschland schützen will, so ist das ja nur ein Trick, um ihre eigene, judenfeindliche Agenda zu kaschieren. Da die AfD mit Teilen der FDP die einzige Partei ist, die glaubhaft für die Rechte Israels einsteht, interessiert Herrn Rensmann nicht.

Etwas weiter im Text zitiert der Autor Marc Jongen, Bundestagsabgeordner der AfD: So will der Philosoph und Schüler von Peter Sloterdijk entsprechend das »Abstammungsprinzip« wieder einführen, während Sachsens AfD-Vorsitzender Jörg Urban insistiert, ein Volk könne »nur die Einigkeit und Freiheit bewahren, wenn es weitgehend homogen bleibt.« Nun kann man mit Recht das „Abstammungsprinzip“ kritisieren, das in vielen europäischen Ländern wie selbstverständlich gilt. Und was Jörg Urban sagt, das könnte, mit Verlaub, auch ein Ausspruch von Altkanzler Helmut Schmidt sein. Ist dieser nun auch ein Antisemit?

Als krönendes Argument schließt der Autor seinen Gedanken mit dem Zitat von Gauland, Frau Özoguz sollte in Anatolien „entsorgt“ werden. Ein in meinen Augen falscher, schändlicher Satz, ebenso wie seine Aussage zum Nationalsozialismus, der nur ein „Vogelschiss unserer 1000-Jährigen Geschichte“ sei. Ich teile keines der Aussagen. Was diese jedoch mit Antisemitismus zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht. Ebenso wird Andreas Kalbitz zitiert, der längst nicht mehr Mitglied der Partei ist.

Frau Kahane als Opfer

Höhepunkt des Aufsatzes ist jedoch das Kapitel, in dem es um Anette Kahane geht. Diese wird als „politisch gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus engagierte bekennende Jüdin“ anmoderiert, die in einer Karikatur judenfeindlich geschmäht worden sei. Und in der Tat: Die Karikatur ist geschmacklos. Was jedoch Herr Rensmann daraus macht, hat mit objektiver Betrachtung eines Sachverhaltes nichts zu tun: „Sie wird
hierdurch vor der klassischen antisemitisch-antifeministischen ideologiehistorischen Deutungsfolie als kommunistisches »Flintenweib« überzeichnet.“ Was er genau mit „antisemitisch-antifeministisch“ meint, wird leider nicht erklärt und erschließt sich mir auch nicht. Weiterhin heißt es:
„Das Zerrbild von Kahane wird zudem mit den typischen antisemitischen
Kennzeichen versehen, die einst auf jeder Seite des »Stürmers« zu finden waren: schwulstige Lippen, heruntergezogene Mundwinkel eines extrem breiten Mundes, gehässiger Blick, eine riesige krumme Nase, ein spitzes Kinn.“

Nun kann Frau Kahane nichts für ihr Gesicht und ich werde mich hüten, die ehemalige Stasi Mitarbeiterin aufgrund ihres Aussehens zu verurteilen. Karikaturen haben nun mal die Eigenschaft, zu überspitzen, unfair zu sein und im Zweifel können sie auch beleidigen. Das gehört zum Geschäft und ist, wie erwähnt, eine Geschmacksfrage – nicht jedoch ein Indiz für Antisemitismus.

Fazit

Ich beschäftige mich seit mehr als zwanzig Jahren mit Judenhass. Antisemitismus ist, wie Michael Wolffsohn einmal sagte, „ein Bazillus“, das jede Schicht und jede politische Gruppe befällt. Da sind AfD Wähler mit eingeschlossen. Was der Autor jedoch tut ist, mit einzelnen Beispielen auf die Gesamtheit schließen zu wollen. Man wartet vergeblich auf programmatische Punkte der Partei, die tatsächlich antisemitischer Natur seien. Hier hatte, das zeigt die Einleitung, Herr Rensmann eine eindeutige Agenda. Er mag die AfD nicht. Das ist sein gutes Recht. Aber politische Präferenzen haben in einem Aufsatz, der neutral sein sollte, nichts verloren. Das „American Jewish Committee“, das ich in den Jahren durchaus schätzen gelernt habe, muss sich fragen, inwieweit sie einen Aktivisten im professoralen Gewand noch dulden mag.


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