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Gesellschaft

Schweinfurter wehren sich gegen todesgefährliche Spaziergänger

Von Julian Marius Plutz.

Während die neue Virusvariante weniger gefährlich zu sein scheint, was eigentlich eine gute Nachricht wäre, drehen in Unterfranken die Menschen hohl. Sie haben Angst. Angst vor Menschen, die spazieren gehen. Ob diese „Spazierophobie“ einmal als Krankheit akzeptiert wird, ist nicht bekannt. Dennoch habe ich den Erstunterzeichnern geschrieben:

Sehr geehrte Erstunterzeichner,

mit großer Neugier las ich die „Schweinfurter Erklärung“. Ihnen sind die beinahe ausschließlich friedlichen Spaziergänge in der unterfränkischen Stadt ein Dorn im Auge und sie wollen dagegen mit diesem Appell gewissermaßen auch protestieren. Das ist ihr gutes Recht. Jedoch habe hier hierzu einige Anmerkungen:

Im ersten Absatz schreiben Sie: „Seit einigen Wochen finden in Schweinfurt sogenannte „Spaziergänge“ gegen die Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie statt. Gleichzeitig arbeiten in den Krankenhäusern der Region Mediziner und Pflegepersonal am Limit.“

Inwieweit sehen Sie eine Kausalität zwischen Spaziergängen im Freien, bei denen Ansteckungen mit Covid19 in der Form kaum möglich ist und den Pflegekräften, die laut ihrer Aussage am Limit arbeiten? Laut Divi Intensivitätsregister vom 31.12.2021 liegt der Anteil der Covid19 Patienten bei rund 20% während knapp 16% an Betten frei ist. Das ist für Wintermonate nicht unüblich. Weshalb verschweigen sie das und verbreiten lediglich das Narrativ der überfüllten Krankenhäusern?

Weiter schreiben Sie von der „körperlichen Unversehrtheit“, die verfassungsechtlich verbrieft ist. Das ist korrekt. Inwieweit gilt diese auch für eine womöglich kommende Impfpflicht?

Unkonkret und ohne Beispiel bleibt auch dieser Satz: „Es kann nicht akzeptiert werden, dass die gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen zur Eindämmung des Coronavirus und die Entbehrungen durch das verantwortungslose Handeln einer Minderheit schlecht geredet werden“. Meinen Sie mit „verantwortungsloses Handeln einer Minderheit“ die Spaziergänge, an denen sich mit an Grenzen sicherer Wahrscheinlichkeit niemand ansteckt? Und was meinen Sie mit „gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen“? Das erscheint mir schwammig, unklar und verzerrend dargestellt zu sein.

Weiter formulieren Sie, dass „wir das große Glück“ haben, „in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft“ leben, was über „Jahrhunderte erkämpft“ werden musste. Das ist korrekt und dennoch bleibt zu sagen, dass Freiheit und Demokratie sich immer in vermeintlichen Krisenzeiten beweisen mussten. Herrschende nutzten seit jeher immer wieder Horrorszenarieren, um die Freiheit einzuschränken, so wie die Macht auszubauen. Im Falle der Spaziergänge ist die Antwort klar: Wer diese nicht zulässt und sie politisch, aber auch agitativ verurteilt und verbietet, vergeht sich an der Freiheit. Weder handelt es sich bei Covid19 um ein Killervirus, noch seien Demonstrationen in irgendeiner Form gefährlich.

Zudem vertrauen Sie „der Wissenschaft.“ Welche Wissenschaft meinen Sie? Die von Drosten, oder von Streeck? Von Ioannidis oder die von Beda Stadler? Wissenschaftliches Handeln und Denken sind stets von Widerspruch und pluraler Antworten geprägt. Inwieweit glauben Sie, dass es nur eine einzige wissenschaftliche Meinung gibt?

Weiter schreiben Sie, „die überregionalen Initiatoren der Corona-Proteste nutzen die Pandemie als Vorwand, um Unruhe zu stiften.“ Welche Quellen hierzu haben Sie? Mit welchen „überregionalen Initiatoren haben Sie gesprochen? Zudem sprechen Sie von einem „Bruch“ in Familien und einen „Schulterschluss mit der rechtsextremen Szene“.

Inwieweit ist die Kritik an den Maßnahmen „rechts“ oder gar „rechtsextrem“? Ist Jakob Augstein, Juli Zeh oder Heribert Prantl nun rechts, weil sie das Vorgehen des Staates kritisieren? Corona hat gezeigt, dass eine Einteilung in „rechts“ und „links“ ,zumindest bei diesem Thema nicht passt. Unter den Kritikern finden sich AfD Wähler, Grüne, Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, aber auch bisher unpolitische Menschen. Manche Argumente teile ich, andere kann ich nachvollziehen und wieder andere sind nicht mein Fall. Und einige sind auch extremistisch. Diese sind jedoch weder die Mehrheit, noch besonders relevant, da man die Forderung, zum Beispiel gegen eine Impfpflicht zu sein, kritisieren kann: Extremistisch ist sie jedoch nicht. Daher noch einmal die Frage: Inwiefern haben Sie sich mit Menschen anderer Meinung auseinander gesetzt ?

Zum Ende raten Sie allen Bürgern, man solle diesen „Demonstrationen“ (…) fernbleiben. Wenn die Menschen nicht protestieren dürfen, wie sollten sie sonst Ihre Meinung kundtun? Bestimmen nur sie die Art des Protestes und wie sollte dieser Aussehen? Am Fenster zu Silvester „Ode an die Freude“ singen? Auf Deo verzichten? Hungern?

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen. Gerne können wir auch einen Live-Austausch veranstalten, zum Beispiel via Twitter-Spaces.

Beste Grüße

Julian Marius Plutz

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