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Außenpolitik

Die vergessenen Flüchtlinge von Venezuela

Von Julian Marius Plutz.

Politik und Wissenschaftler versuchen seit jeher zu erörtern, weshalb es Länder gibt, die reich an Rohstoffen sind und dennoch immer weiter verarmen. Dieser offensichtliche Zusammenhang ist auch für außenpolitische Überlegungen interessant. Denn Armut ist ein wesentlicher Push-Faktor dafür, warum Menschen ihr Land verlassen, um in einem anderen Staat ihr Glück zu versuchen. Ein prominentes Beispiel, bei denen alle diese Faktoren zusammenpassen, ist Venezuela. 

Kein anderes Land sitzt auf mehr Ölreserven wie Venezuela. 300 Milliarden Barrel, das entspricht der Menge von Irak und dem Iran zusammen. Und dennoch wirkt sich diese enorme Geldquelle nicht auf den Wohlstand im Land aus, im Gegenteil. Zwar hat sich die Inflation inzwischen kurzzeitig etwas erholt, dennoch sind die Basiseffekte, also die Hyperinflation in den vergangenen Jahren längst nicht kompensiert. Es bleibt dabei: Der venezolanische Bolivar ist aufgrund der anhaltenden Wertlosigkeit kaum als Zahlungsmittel im Land geeignet. 

Die Malaise begann mit dem Sozialisten Chavez

Auch die Hungersnot ist im Land, das auch reich an Diamanten ist, allgegenwärtig. Und Corona verschärft die Situation zunächst. Gerade die Unterschicht ist auf die Hilfe von wohlhabenden Diaspora-Venezolaner angewiesen. Laut Wissenschaftler sind diese Zahlungen seit der Pandemie um mehr als 50% zurückgegangen. Die Statistiken sind erschreckend. Laut der chilenischen Universität Andrés Bello leben 92% aller Haushalte in extremer Armut. Die Situation der unterernährten Kinder entspricht der Situation in Nigeria oder Kongo, also Entwicklungsländer. 

Historiker sind sich heute weitgehend einig, dass die Probleme mit der Politik des Sozialisten Hugo Chavez begannen. Der Präsident, der das Land 15 Jahre anführte, machte einen entscheidenen Fehler, der bis heute große Auswirkungen hat. Er setzte alles Wohl von Venezuela auf eine Karte: Öl. Als hunderttausende Menschen gegen seine Regentschaft demonstrierten, handelte Chavez mit aller Härte. Er schlug den Aufstand nieder und feuerte 20.000 Arbeiter. Um weitere Aufstände zu verhindern, zwackte er Geldmittel aus den Ölexporten ab, um Lebensmittel zu finanzieren – aber auch um seine politischen Freunde zu belohnen. Seine Strategie war offensichtlich: Ist das Volk satt, so wird es sich nicht mehr gegen ihn aufbegehren.

Der Preis dafür war hoch und hält bis heute an. Das Schicksal des Volkes war von nun an am Ölpreis geknüpft. Gesundheitssystem, Bildung und vor allem die Nahrungsversorgung funktionierte nur dank der Petrodollar. Es dauerte nicht lange, dass mehr als 50% der Wirtschaftsleistung aus den Einnahmen des Öls bestand. 

Und dennoch war Comandante Chavez beliebt wie er und je. Als 2014, ein Jahr nach seinem tod, der Ölpreis in den Keller fiel, stürzte das Land in eine tiefe Krise, aus der sie sich bis heute nicht erholte. Seit 2020 sind nach Angaben der UNHCR mehr als 5,4 Millionen Venezolaner geflohen. Bis heute überqueren tausende Menschen die Grenzen zu Brasilien, Kolumbien. Aber auch andere südamerikanische Länder, wie Ecuador und Peru melden einen Anstieg der Asylanträge von Menschen aus Venezuela.

Deutsche Medien üben sich in Schweigen

In den Deutschen Medien herrscht weitestgehend beklagenswertes Schweigen. Weshalb beispielsweise syrische, oder aktuell afghanische Migranten mehr im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, als die Probleme der Venezolaner, bleibt unklar. Mehr noch: Es scheint geradezu unverständlich, ist doch eine Aufnahme von Flüchtlingen mit einem ähnlichen religiösen Hintergrund, Venezuela ist im wesentlichen katholisch, mit weniger Hürden verbunden, als Migranten aus völlig kulturfremden Gebieten.

Afghanen scheinen wichtiger zu sein als Venezolaner

So ist es beispielsweise zu erwarten, dass es weniger Probleme was Stellung der Frau in der Gesellschaft gibt. Und im Gegensatz zu vielen muslimischen Ländern besteht auch in den hiesigen Gesetzen kein Paragraph, in der Homosexualität unter Strafe steht. Um so weniger ist die geringe Anteilnahme in Europa und konkret in Deutschland verständlich. 

Sicher: Deutschland kann und wird keine fünf Millionen südamerikanischen Flüchtlinge aufnehmen. Und klar ist auch, dass, genauso wie in Afghanistan oder Syrien, die Anrainerstaaten in der Pflicht stehen, ihren Nachbarn zu helfen. Das ist moralisch so wie monetär nur folgerichtig. Dennoch könnte Deutschland einen Beitrag leisten – und sei es durch mehr Hilfe vor Ort. Und auch wenn der Fokus gerade auf ukrainische Flüchtlinge sind, die einer akuten Gefahr ausgesetzt sind, sollte man andere, immerhin kulturnahen Flüchtlinge nicht vergessen

Es scheint jedoch der Fall zu sein, dass Europa die Flüchtlinge aus Venezuela nicht beachten möchte.

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