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Gesellschaft

Humorlosigkeit frisst Seele auf

Von Julian Marius Plutz.

Ich muss sagen, die Welt war auch schon mal in einem besseren Zustand. Während der pandemische Wahnsinn zumindest in Deutschland, aber auch in Österreich, wie ich in einer Diskussion feststellen durfte, dazu später mehr, weiter anhält, herrscht Krieg. Ja. Mit allem, was dazugehört. Lügen, zivile Opfer, Flucht. Aber auch mit echten Helden.

Kennen Sie die Geschichte des Rabbi Yechuda Teichtal, der mehr als 100 Waisenkinder aus Odessa nach Berlin rettete, nachdem ihre Heimstätte evakuiert werden musste? Ein Telefonat, ein „ja“, fünf Busse, 50 Stunden Fahrt. Durch Grenzkontrollen und vier Länder bis in die Bundeshauptstadt. Es sind die kleinen Geschichten der großen Taten, die vielen, mindestens jedoch mir, Mut machen. Dass innerhalb weniger Wochen bereits Adoptionswünsche angemeldet wurden, freilich viel zu früh, spricht für den Humanismus dieser Gesellschaft, in der auch der Humor nicht zu kurz kommen darf.

„Am Sonntag enden alle Maßnahmen“

Humor, so wichtig. Auch bei Nachrichtensendern. Ich mag ja gerne BR24. Wie in einer katholischen Liturgie werden die Nachrichten vorgetragen, sodass der aufmerksame Zuhörer nach gut einer Stunde alle Meldungen auswendig kann. Nach zwei Stunden dann überlegt er sich, welche Melodie denn zu welchem Bericht passt. Nach drei Stunden sucht der Konsument die Abweichungen in den Meldungen, um nach vier Stunden festzustellen, dass es keine gibt, außer, wenn der Sprecher sich verspricht.

So geschehen vor einigen Tagen. Statt „Kohle und Öl“, sagt die Dame: „Köl und Ohle“. Was wie eine vergessene Geschichte von Astrid Lindgren klingt, ist der Beweis, dass bei BR24 keine Band abgespielt wird – sondern echte Menschen, die echte, liebenswerte Fehler machen. Ich mag das.

Einen ganz besonders guten Witz, der eigentlich gar keiner ist, machte eine Journalistin, direkt im Anschluss an Ohle und Köl. Einen echten Schenkelklopfer, wenn Sie mich fragen. Und das als Einzeiler! Der geht so: „Am Sonntag enden alle Coronamaßahmen.“ Rasend komisch, nicht? Humor haben sie schon, in München. (Wenn es Sie interessiert: Den Witz gibt es auch zu hören: Link)

Merkwürdige Panikdiskussionen

Von München ist es nicht mehr weit nach Salzburg, heißt es. Und da war ich. Zumindest digital und per gesprochenem Wort. Nicht, dass ich mich alleine unter Österreicher unwohl fühle, aber die Situation war schon skurril. Es wurde in einem Twitter-Space über Corona diskutiert. Spannende Themenwahl, wie ich finde. Während Putin gerade versucht, das mit Mariupol zu machen, was er mit Aleppo gemacht hat, werden die Psychosen von Neurotikern besprochen. Oder die Neurosen der Psychotiker? Wie auch immer. Corona, naja, immerhin.

Alle waren arg aufgebracht ob der mannigfaltigen Gefahr, das vom Virus ausgeht. Und als ich dann auch sprechen durfte und sehr charmant anmoderiert wurde, dann tat ich das auch. Ich meinte, dass es doch nicht so schlimm sei und man die Maßnahmen doch in Verhältnis setzen sollte. Und ob die ganzen anderen Länder, die um uns herum, die Pandemie als beendet erklärt haben, alle einen an der Klatsche hätten. Was man halt so sagt, wenn man kein Hysteriker ist.

Nachdem ich fertig war und ich sehr oft hörte „oiso des kooni net so stehn loosssn“ und auch sehr oft hörte, „woos der für an Schwoochsinn verzooopft“, durfte ich noch mal sprechen. Immerhin und nicht mehr ganz so charmant wurde ich auf wienerisch anmoderiert. Dieser Dialekt hat die Einzigartigkeit, ich glaube weltweit, gleichzeitig höflich, charmant, ignorant und arrogant zu sein. I mogs. Nach zwei Sätzen meinerseits endete doch auch der letzte Rest an Charme und ich wurde aus der Diskussion gekickt. Man wollte wohl unter sich sein und weiter die große Angst großartig verteilen.

Und dann kam Dieter

Nicht, dass ich aufgrund dieses Bekannten Vorgangs besonders traurig wäre. Deutsche Panik-Corona-Spaces werden mir kaum mehr angezeigt, weil sich die Protagonisten ihre Welt zurechtblockiert haben. Aber immerhin war ich dann doch mal in einer dieser Diskussion, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Irgendein Bodo war dann mit irgendeiner Anne in einer Diskussion, die gut besucht war. Auch sie hatten Angst. Angst vor schlechten Politikern und schlimmen Experten. Über Martin Hagen von der FDP, zum Beispiel wurde hergezogen, als sei er der gottverdammte Teufel, „Abartig, wie er damals mit Silvesterraketen da stand. Dieser Egoismus, typisch für diese Freidemokraten.“ Und als der Bodo dann so richtig in Fahrt war, war dann auch der Hagen da. Im Ernst! Der Politiker war plötzlich Zuhörer und hätte auch nichts dagegen gehabt, mitzudiskutieren.

Aber auch hier gilt das Prinzip: Man redet lieber über jemanden, es könnte ja die eigene Angstlust stören. Gleiches passierte mit Jonas Schmidt-Chanasit, immerhin Professor für Virologie. Laut Bodo auch ein Egoist und ahnungslos dazu. Und plötzlich war auch der Herr Professor als Zuhörer zugegen. Aber auch der durfte nicht sprechen. Frei nach dem Motto:“ Teile seiner Aussage könnten mich verunsichern.“

Doch dann kam Dieter. Also, nicht mein Onkel, sondern Dieter Janecek, seines Zeichens Abgeordneter des Bundestags für die Grünen. Wie von Zauberhand, ich hätt es nie geahnt, wurde er sofort Sprecher und wurde sodann euphorisch, fast so charmant wie der Österreicher, anmoderiert. Doch der Dieter ist nicht der Janosch Dahmen, der, warum weiß keiner, gesundheitspolitischer Sprecher der Ökos ist und, ebenso wie der Lauterbach kräftig ins Panikhorn bläst.

Es geht um Menschenleben

Der Dieter ist da anders. Bespricht die Probleme des Lockdowns, die vor allem ärmere Familien trifft. Beklagt die Schulschließungen und fordert weitereichende Lockerungen. Das gefiel weder dem Bodo noch den sechs bis acht anderen Angstsprechern. „Ich kann gar nicht glauben, dass Sie bei den Grünen sind!“, sagt die eine. Die andere empfiehlt sogar den Austritt aus der Partei. Doch der Dieter blieb ganz ruhig. Ich schrieb ihm, bevor ich entschlief, dass ich seinen Auftritt ziemlich gut finde. „Ach das war doch ganz nett“, antwortete er Stunden später, was ich am nächsten morgen las.

Warum erzähle ich von solchen Diskussionen? Viele Menschen können nicht mehr mit anderen Meinungen umgehen. Je mehr sie sich in einer indoktrinierten Blase aufhalten, desto größer ist der Wunsch nach einer hermetischen Abriegelung selbiger. Und von Humor brauche ich gar nicht reden. Als ich einmal beklagte, dass vielen Corona-Panikmachern schlicht der Humor fehlte, antwortete doch tatsächlich einer: „Es geht um Menschenleben. Natürlich habe ich da nichts zu lachen.“

Ohne Humor sind wir alle nichts

Am Ende geht es immer um Menschenleben. Also verbieten wir Filme wie „Das Leben ist schön“, weil man in ernsten Situationen nicht lachen darf? Aufgrund eines starken Schneetreibens und eines falsch ausgewählten Schuhwerkes bin ich auf dem Friedhof einer Beerdigung beinahe ins Grab des Verstorbenen geschlittert. Nur noch die Frau des Toten konnte mich vor der Peinlichkeit bewahren. Und wissen Sie was? Es war der einzige Moment, an den ich mich erinnern kann, dass sie an diesem Tag lachte.

Humorlosigkeit frisst Seele auf. Das ist klar. Und auch wenn die Welt schon besser drauf war, als heute, so sind es die kleinen und gar nicht so kleinen Taten, die Menschen aufheitern. Ob es Rabbi Teichtal ist, Dieter Janecek oder ein leicht Bekloppter, der mit Anzugschuhen im schneebedeckten Friedhof beinahe ins Grab zum Verstorbenen fällt.

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