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Ökonomik

Von Julian Marius Plutz.

Auch für den Monat März geht wieder der Vorhang für das überaus erfolgreiche Theaterstück auf, welches auf den Namen „Arbeitslosenzahlen“ hört. Vom Genre her handelt es sich um eine Mischung aus Science-Fiction, Grimms Märchen und Drama.

So bejubelt der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA) den Rückgang der Zahlen auf 2.827.000: „Im März gab es am Arbeitsmarkt eine spürbare Frühjahrsbelebung – und das, obwohl die Infektionen steigen und die Einschränkungen für einige Wirtschaftsbereiche nach wie vor bestehen. Insgesamt zeigt der Arbeitsmarkt aber weiter sehr deutliche Spuren der nun seit einem Jahr andauernden Krise.“

Monat für Monat Fake News

Dass diese Zahl nichts weiter als Fiktion ist, weiß der BA-Chef. Und auch der alerte Journalist, von „Tagesschau“ bis „Zeit“, „Welt“, „Spiegel“ und der Medien mehr, die diese Zahlen übernehmen, sollten es besser wissen.

Doch eigentlich liegt die Zahl schätzungsweise zwischen 5,5 und 6 Millionen, da viele Größen gar nicht berücksichtigt werden. Allen voran die viel besprochenen „Maßnahmen“, in der viele Arbeitslose stecken und im Übrigen eine Vielzahl an sogenannten privaten Unternehmen am Leben halten. Diese tauchen zwar in dem Monatsbericht bei „Unterbeschäftigung“ auf, finden aber in der monatlichen Legendenzahl, die dann Tagesschau, Spiegel und Co verbreiten, keinen Raum. Auch ALG-I-Bezieher und Beschäftigte über 58 Jahre werden nicht berücksichtigt.

Monat für Monat versuche ich die Leser dahingehend aufzuklären, dass sie von der BA und den meisten Medien schlicht für dumm verkauft werden. Doch auch jenseits der Arbeitslosenzahl schaue ich mir den Arbeitsmarkt an. Hierbei muss man auch die kommenden Belastungen ankommender ukrainischer Flüchtlinge betrachten.

2022 ist nicht das neue 2015

Zunächst möchte ich Vergleiche mit 2015 entschieden zurückweisen. Das hat viele Gründe.

  • Ukrainische Flüchtlinge sind kulturell den Deutschen näher, was eine mögliche Integration in den Arbeitsmarkt erheblich erleichtern dürfte. Gepflogenheiten wie Pünktlichkeit und Leistungsbereitschaft gehören auch in ihrem Land zum Standard. Ferner stören religiöse Riten den Arbeitsablauf nicht. Ein Beispiel ist der Ramadan, der gerade in produzierenden Gewerben regelmäßig für Probleme sorgt.
     
  • Im Gegensatz zu vielen, die 2015 nach Deutschland kamen, genießen Ukrainer einen hohen Bildungsstand. Das Schulsystem ist, ähnlich wie das russische, sehr an Leistung orientiert. Naturwissenschaftliche Fächer sowie Mathematik werden traditionell als sehr wichtig empfunden – etwas, das dem deutschen Arbeitsmarkt nur gut tun kann.
     
  • Die fast einhellige Meinung der Flüchtlinge ist, dass sie, sobald Frieden herrscht, wieder in die Ukraine zurückkehren wollen. Das ist vielleicht der fundamentale Unterschied zu 2015. Die damaligen Migranten sind gekommen, um dauerhaft zu bleiben. Immer noch sind zwischen 40 und 50 Prozent derjenigen, die auf Geheiß von Angela Merkel nach Deutschland hineingelassen wurden, arbeitslos.
     
  • Die rund 4 Millionen Ukrainer sind tatsächlich Flüchtlinge im Sinne des Rechts. Dies konnte man 2015 in dieser Pauschalität nicht sagen. Denn weder in Bosnien noch im Irak oder damals in Äthiopien herrschte Krieg. Diese Migranten hatten subjektiv verständliche wirtschaftliche Interessen, die jedoch objektiv einen Status als Asylant nicht rechtfertigt.

Die Zombifizierung geht weiter

Gestatten Sie mir eine subjektive Anmerkung jenseits des Themas Arbeitsmarkt, auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: Natürlich muss auch Deutschland den ukrainischen Menschen helfen. Eine Politik ohne Moral ist letzten Endes eine Politik ohne Sittlichkeit und Anstand. Ukrainer und Deutsche haben kulturelle Ähnlichkeiten, und wenn es so etwas wie einen europäischen Zusammenhalt gibt, dann sollte er jetzt zum Tragen kommen, was auch in einer beeindruckenden Weise gerade geschieht.

Auch das ist fundamental anders als 2015: Während damals die arabischen und afrikanischen Anrainerstaaten keinen der Migranten aufnehmen wollten, erleben wir heute von Polen, Moldawien, Tschechien und der anderen europäischen Nachbarländer mehr eine enorme Aufnahmebereitschaft. Aber auch hier gilt: Ist der Krieg vorbei, so müssen die Flüchtlinge – außer sie haben sehr gute Argumente, womit wir wieder beim Arbeitsmarkt sind – wieder zurück in ihre Heimat.

Jenseits der Ukraine geht die Zombifizierung von Unternehmen weiter. So wird das Kurzarbeitergeld (KUG) bis zum 30. Juni 2022 verlängert.

Anspruch auf KUG besteht, wenn mindestens 10 Prozent der Beschäftigten einer Unternehmung einen Arbeitsentgeltausfall von mehr als 10 Prozent haben. Das Kurzarbeitergeld wird für Beschäftigte in Kurzarbeit, die einen Lohnausfall von mindestens 50 Prozent haben, bis Ende Juni weiterhin aufgestockt. Ab dem vierten Bezugsmonat – gerechnet ab März 2020 – auf 70 Prozent (77 Prozent für Personen mit Kindern) und ab dem siebten Monat auf 80 Prozent (87 Prozent für Personen mit Kindern) des entfallenen Nettoentgelts. 

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie simpel Unternehmen sich bedürftig rechnen können, um so durch KUG Sozialversicherungsbeiträge zu sparen. Auch bei kleineren Unternehmen kommen da Subventionen (nichts anderes ist diese Leistung) in fünfstelliger Höhe zustande. Daher das Wort „Zombifizierung“, denn es lähmt Betriebe, hält sie davon ab, innovativ zu sein und sich nach der Decke zu strecken.

Faselei vom nicht vorhandenen Jobwunder

Zum Schluss möchte ich auf einen Beitrag der SZ eingehen, der in Sachen Schlichtheit kaum zu unterbieten ist. So ist in dem Beitrag „Arbeitsmarkt: Jobwunder in der Doppelkrise„, der hinter einer Bezahlschranke steht, vom „großen Jobwunder“ im März trotz „Flüchtlingen und Corona“ die Rede. Das ist Unsinn. Diese Annahme ist aus mindestens drei Gründen falsch.

1. Die ukrainischen Flüchtlinge sind zwar für die Behörden eine Belastung, aber noch nicht für den Arbeitsmarkt. Da werden noch Monate ins Land gehen. Effekte welcher Art auch immer können – Stand heute – unmöglich gemessen werden.

2. Corona hat massive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Seien es ganz explizite, wie das erwähnte Kurzarbeitergeld, das den Markt völlig verzerrt, oder seien es Selbstständige, die durch die Maßnahmen in die Pleite getrieben und mit Subventionen zum Schweigen gebracht werden. Es gibt aber auch implizite Auswirkungen, die nicht weniger schlimm sind. Ich kenne Leute, gerade in kommunikativen Berufen, die seit zwei Jahren im Home Office sind. Teamleiter, die von der fernen Couch ein Team leiten sollen. Das nagt nicht nur an einem, das verändert die Arbeitswelt nachhaltig.

3. Die von der SZ propagierte Arbeitslosenzahl ist falsch und geschönt.

Also nichts neues an der Arbeitsmarkt-Front: Die echten Arbeitslosenzahlen dürften irgendwo zwischen 5 und 6 Millionen liegen. Ukrainische Flüchtlinge könnten zu einer Belastung werden, jedoch erst in einigen Monaten. Ein Vergleich – rein aus Sicht des Arbeitsmarktes – mit 2015 ist auf vielen Ebenen falsch. Jedoch sollte eine langfristige Integration in den Arbeitsmarkt nur für Mangelberufe gelten.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Achgut.com: Link

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