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Gesellschaft

Die Unlust an der anderen Meinung

Von Julian Marius Plutz.

Es gibt einen einzigen menschengemachten Klimawandel, an dem der Mensch de facto zu 100 % Anteil daran hat. Und das ist der menschengemachte Meinungsklimawandel. Rückblickend ist es schwer nachvollziehbar, was sich in zehn Jahren so verändert hat, dass Menschen aufgrund andere Ansichten ausgegrenzt und ausgeschlossen werden.

Vor zehn Jahren wohnte ich in Würzburg. Ich spielte dort, neben dem Studium, Theater. Viele, wahrscheinlich die allermeisten, die sich damals in dieser Szene bewegten, waren politisch interessiert in Teilen sogar politisch engagiert und selbstverständlich links. Ich für meinen Teil hatte mich schon länger von der linken Szene verabschiedet und mich dem Konservatismus aber vor allen Dingen dem Liberalismus zugewandt, was sich bis heute größtenteils nicht geändert hat.

Diskurse werden unmöglich

Viele wussten und es war gar auch Problem, dass ich auf viele politische Fragen relativ andere Antworten habe. Natürlich gab es Meinungsunterschiede. Dennoch war der Respekt vor der anderen Person – vor unterschiedlichen Meinungen – fast immer gegeben.

Ich erinnere mich noch gut an ein Theaterstück um die feministische Aktivistin Valerie Solanas. Im Zuge dessen hatte ich mich das erste Mal wirklich mit radikalen Feminismus auseinandergesetzt. Ich war damals sicherlich nicht in allen Themen einer Meinung; dennoch lernte ich diese Sichtweise kennen und schätzen. Und vielleicht war es umgedreht ja genauso.

Heute, mehr als zehn Jahre später, ist dies kaum mehr möglich. Es herrscht eine zunehmende Unlust andere Meinungen zu hören. Mehr noch: Andere Sichtweisen werden als Zumutung empfunden und sind unerwünscht.

Die ewige Geschichte von „Gut und Böse“

Dabei spielt es weniger eine Rolle, aus welcher Richtung diese Unlust, sich dem Wettbewerb des besten Argumentes zu stellen. Es sind Glaubenskämpfe in Grabenkämpfen; sogar von Atheisten geführt. Meinungen werden zu Dogmen. Dogmen zu Glaubenssätze, die selbstredend den Weg in den gemeißelten Stein finden.

Das erleben wir auf der linken Seite. Kraft ihrer Überzeugung, moralisch überlegen sein, hat der Diskussionspartner bereits verloren. Diese neoklerikale Sicht – hier die Guten, da die Bösen- entwickelt sich zu einem billigen Taschenspielertrick: „Wenn du nicht meiner Meinung bist, dann bist du Böse. Dann bist du ein schlechter Mensch. Und mit schlechten Menschen ist es wie mit den Schmuddelkindern: Mit denen spielt man nicht. Die grenzt man aus.“

Absoluter Wahrheitsanspruch

Doch auch viele der Rechten, je extremer, desto mehr, sind nicht besser. Hierbei geht es weniger um „Gut oder Böse“, sondern eher um einen absoluten Wahrheitsanspruch. Für viele aus dieser Richtung ist die Zumutung eine scheinbare fehlende oder schlechte Informationslage. Und natürlich hat alles mit allem zu tun. Aufgrund der Unlust, die Welt so zu sehen, wie sie ist, nämlich hyperkomplex, suchen sie simple Antworten.

Dass es sich dabei in aller Regel um Verschwörungstheorien handelt, merken die Protagonisten nicht. Auch hier ist eine Debatte sinnlos. Das logische Eingeständnis, auf die eine, oder andere Frage keine Antwort zu haben, wird als Schwäche empfunden. Denn sie haben ja auf alles bereits eine Antwort, die nur richtig sein kann. Wer es zweifelt hat im Zweifel keine Ahnung. Windige Quellen werden zum Wort Gottes stilisiert.

Argumentationsketten aufbrechen

Nach meiner subjektiven Sicht ist es dennoch so, ich mag mich irren, dass auf der rechten Seite in vielen Fällen, bei Konservativ und Liberalen sowieso, eine grundsätzliche Lust an anderen Meinungen herrscht. So habe ich es – natürlich nicht immer – miterlebt.

Doch auch das gibt es bei den Linken, wo wir wieder bei den Radikalfeministen sind. Es ist überhaupt kein Problem, nicht in allen Themen einer Meinung zu sein. Das sind sie untereinander auch nicht. Doch der Respekt vor der anderen Meinung, den ich vor 10 Jahren erlebt hatte, herrscht dort auch im Jahr 2022.

Demokratie heißt auch Streit

Nun werden viele sagen, das „Rechts-Links“ Schema ist überholt. Jein. Einerseits ist es tatsächlich holzschnittartig. So gibt es zum Beispiel beim Autorenblog Achgut nicht nur linke Leser, sondern auch linke Autoren. Andererseits kann man auch untereinander unterschiedliche Meinung haben. So kenne ich viele Linke bei den Grünen, die, meist hinter vorgehaltener Hand, für Atomkraft sind. In anderen Ländern ist diese Forderung längst Teil der Ökopartei. In Deutschland ist gilt dies als Majestätsbeleidigung an den Vorkämpfern Trittin, Roth und Konsorten.

Anderseits gibt es, gerade bei den herkömmlichen Linken oder bei den Queer-Feministen entsetzliche Dogmen, die offene Debatten unmöglich machen. Biologische Tatsachen sind nun mal nicht mit alternativen Fakten zu ersetzen. Dystopische Argumente von gestern sind heute zu Klischees geworden.

Es hat sich in 10 Jahren einiges geändert. Doch zum Glück nicht alles. Es wäre wünschenswert, wenn andere Meinungen nicht gleich als „faschistisch“, oder „rassistisch“ gebrandmarkt werden. Demokratie ist mühsam. Demokratie bedeutet nicht nur, alle vier, oder fünf Jahre ein Kreuz zu machen. Es heißt auch leidenschaftlich um das beste Argument zu streiten. Man muss sich nicht immer einigen, doch man sollte eine Einigung nicht kategorisch ausschließen. So kann ein konservativer Sack radikalfeministische Thesen gut finden und ein Fridays for Future Aktivist für Atomkraft sein. Das geht. Aber dazu braucht es eine Gesellschaft, die andere Meinungen nicht als Zumutung erachtet.

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