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Geschichten an der Ampel (unpolitisch)

Von Julian Marius Plutz.

Die schönsten Geschichten schreibt das Leben. Oder der Paulanergarten. Oder David Sedaris. Wie auch immer, das Leben ist ein formidabler Autor, was merkwürdige, denkwürdige und skurrile Geschichten angeht. Eine Edelfeder vor dem Herren, dieses Leben, jedoch ohne Anspruch auf Tantieme. Die tragen die kostenlosen Darsteller, wir alle bereits selbst; sprichwörtlich und wahrhaftig mit ihren, mit unseren Existenzen.

Und so hat sich die Edelfeder heute ein kleines Kammerstück ausgedacht. In den Rollen: Ein Kind auf dem Fahrrad, mit Helm, also gewissermaßen behelmt. Ein Vater auf dem Fahrrad, ebenso behelmt. Eine Mutter auf dem Fahrrad, behelmt. Und ich, ganz ohne Drahtesel und ohne Salatschüssel auf dem Kopf, dafür mit dem fachgerechten Wegbier in der Hand, den Samstag Abend entgegen gehend. Das Bühnenbild sei eine Straße mit einer Fußgängerampel. Ich auf der einen Seite, Familie Fahrradhelm auf der anderen Seite.

„Da ist ein Kind!“ – Ach Herr je!

Es ist Rot. Nun ist es so, dass ich diese Ampel kenne. Also nicht persönlich, aber ihr Verhalten ist mir geläufig, wie ich Samantha Jones von Sex and the City nicht persönlich kenne, aber schon wohl ihre Verhaltensweisen. Ich kann auch den Verkehr um 19 Uhr einschätzen. Und ich habe so etwas wie Augen und einen Verstand. Also gehe ich bei Rot über die Ampel, wissend, dass da kein Auto kommt.

„Da ist ein Kind!“ schreit mich Papa, oder Elternteil 2 an, als ich fast zwei Meter den Übergangs geschafft hatte. Ja, jetzt sehe ich es auch. Da sitzt ein Kind auf einem Fahrrad und es, also das Kind, hat einen Helm auf. Ach Herr je, was habe ich da wieder ausgelöst. 

„Das hast Du Dir schön zurechtgelegt!“

Als ich, Achtung Insider, am anderen Ufer angekommen bin, schaue ich in die wütenden Gesichtszüge des Vaters mit Helm. Die Augen mutieren zu Laser-Augen. Seine Hände entpuppen sich als Krähenklauen und noch bevor mich in Abrahams Schoß zurückwünschen kann, antworte ich auf das Szenario:

„Ja, dann sieht Ihr Kind schon mal, wie man sich nicht an der Ampel verhält.“

Schweigen unweit der Schweiggerstraße. Doch Mutter Helm beendet den kurzen Moment der Stille: „Ja,“ brüllt sie mir entgegen. „So hast Du Dir das schön zurechtgelegt!“

„Kennen wir uns?“

Ich muss fairerweise sagen, genauso so habe ich mir das gedacht, aber gut. Ich bin zwar kein großartiger Allergiker, aber eine Anaphylaxie löst bei mir sofortige Reaktionen aus. Keine Hautausschläge, keine Atemnot, nein: Reinste Aggression. Und zwar, wenn mich unbekannte Personen ungefragt duzen. Das geht gar nicht. 

„Kennen wir uns?“, frage ich höflich nach. „Oder warum duzen Sie mich? Uschi, bist du es?“ Der Blick von Mutter Helm versteinert sich. Die ehemals noch als Gefahr beschriebenen Laseraugen erlöschen sodann. Das behelmte Kind sieht mich neugierig an. Die erneute Stille bricht jedoch das Elternteil 2, also der Vater. Und er sagt das, was man im Nachhinein als „pädagogisch wertvoll“ bezeichnen konnte, nur ein Wort, die meine Seele, oder seine, oder die des Kindes oder die der Mutter gesunden sollte. Das Wort geht so:

Geschichten, die nur das Leben schreibt

„Arschloch!“

Ich laufe lächelnd weiter und Familie Helm fährt wutentbrannt in die andere Richtung. Traumschön.

Ich stelle dem Leser die simple Frage und das ist auch, was sich die Edelfeder „Leben“ gedacht haben muss: Wer hat sich schlechter Verhalten? Ich, der über die rote Ampel lief, oder die Eltern, die jegliche Contenance verloren, unhöflich waren und am Ende sogar beleidigend? Ist eine fremde Person für ein Kind nicht weniger prägend, eine Person, die sie 60 Sekunden kennenlernte und danach nie wieder sehen wird, als die eigenen Eltern? 

Ob diese Geschichte reif für den Paulanergarten ist, weiß ich nicht. Ich weiß jedoch, dass David Sedaris viele seiner Geschichten aus dem Leben klaut. Das Leben, ohne dem wir nichts wären. Die Edelfeder, die mehr Preise verdiente, als wir alle Schreiberlinge zusammen. 

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